Freiheit und Eigentum (Teil 2)

8.8.2016 – Der folgende Beitrag Freiheit und Eigentum von Ludwig von Mises wird hier in drei Teilen veröffentlicht. Ludwig von Mises hielt diese Rede während einer Konferenz der Mont Pelerin Society im Oktober 1958 an der Princeton University – hier finden Sie den englisch-sprachigen Originalbeitrag. Freiheit und Eigentum (Teil 1) wurde am 1. August veröffentlicht, Sie finden ihn hier. Freiheit und Eigentum (Teil 3) wird am 15.8.2016 veröffentlicht. (Aus dem Englischen übersetzt von Florian Senne).

—————————————————————————————————————————————————————————

III.

Ludwig von Mises (1881 – 1973)

Die sozialistische Kritik am Kapitalismus fällt komplett in sich zusammen, indem die Sozialisten die Konsumentensouveränität in der Marktwirtschaft nicht verstehen. Sie sehen nur die hierarchischen Strukturen der diversen Firmen und Pläne und übersehen vollständig, dass das Gewinn- und Verlustsystem die Unternehmen dazu zwingt, den Konsumenten zu dienen. In ihren Verhandlungen mit den Arbeitgebern benehmen sich die Gewerkschaften, als seien nur Boshaftigkeit und Gier der Gegenseite dafür verantwortlich, dass keine höheren Löhne gezahlt werden.In ihrer Kurzsichtigkeit sehen sie nichts von dem, was jenseits der Fabriktore liegt.

Sie und ihre Spießgesellen reden von der Konzentration wirtschaftlicher Macht, und sind dabei nicht in der Lage, zu erkennen, dass die wirtschaftliche Macht letztendlich in den Händen der konsumierenden Öffentlichkeit liegt, die sich zum größten Teil aus den Arbeitern selbst zusammensetzt. Ihre Unfähigkeit, die Realität zu begreifen, äußert sich dann in der Verwendung von Begriffen wie „Industriekönige“ oder „Industriereiche“. Sie sind zu dumm, um den Unterschied zwischen einem souveränen König oder Fürsten, der nur von einem noch mächtigeren Eroberer abgesetzt werden kann, und einem „Schokoladenkönig“ zu erkennen, der sein „Reich“ verliert, sobald die Kunden einen anderen Anbieter bevorzugen.

Diese verzerrte Darstellung liegt allen sozialistischen Plänen zugrunde. Wenn irgendeiner der sozialistischen Funktionäre einmal versucht hätte, seinen Lebensunterhalt mit dem Verkauf von Hotdogs zu verdienen, hätte er schon bald die Konsumentensouveränität zu spüren bekommen. Aber sie waren professionelle Revolutionäre und verbrachten ihre Zeit einzig damit, Bürgerkriege anzufachen. Lenins Idealvorstellung bestand darin, die Produktion eines ganzen Landes nach dem Modell der Post zu organisieren – einer Körperschaft, die sich um Kundenbedürfnisse nicht zu kümmern braucht, da ihre Verluste durch zwangsweise eingetriebene Steuern ausgeglichen werden. „Die gesamte Gesellschaft soll zu einem einzigen Büro und einer einzigen Fabrik werden“[1], so Lenin.

Er erkannte nicht, dass das ganze Wesen des Büros und der Fabrik sich komplett ändert, wenn es keine weiteren Büros und Fabriken auf der Welt gibt und die Menschen nicht mehr länger die Möglichkeit haben, zwischen den Erzeugnissen und Diensten diverser Anbieter auszuwählen. Seine Blindheit sorgte dafür, dass er die Rolle des Marktes und der Konsumenten im Kapitalismus komplett ignorierte. Er sah nicht den Unterschied zwischen Freiheit und Sklaverei. Weil in seinen Augen die Arbeiter nur Arbeiter waren und nicht auch Konsumenten, glaubte er, die Arbeiter wären im Kapitalismus schon Sklaven, und ihr Status würde sich nicht ändern, wenn alle Firmen und Betriebe verstaatlicht würden. Sozialismus ersetzt die Souveränität der Konsumenten durch die Souveränität eines Diktators oder eines Komitees von Diktatoren.

Mit der wirtschaftlichen Souveränität der Bürger verschwindet auch ihre politische Souveränität. Dem von oben verordneten Zentralplan, der alle individuellen Pläne der Konsumenten zunichtemacht, entspricht in der politischen Sphäre das Einparteienprinzip, dass den Bürger jeglicher Möglichkeit beraubt, Einfluss auf die Politik zu nehmen. Freiheit ist unteilbar. Derjenige, der keine Möglichkeit hat, zwischen diversen Marken an Seife oder Dosennahrung zu wählen, hat auch keine Möglichkeit, zwischen verschiedenen politischen Parteien zu wählen und über Amtsinhaber abzustimmen. Er ist nicht mehr länger ein Mann; er wird zum Bauer auf dem Schachbrett des herrschenden Sozialingenieurs. Selbst seine Freiheit, für Nachkommen zu sorgen, wird ihm durch Eugeniker genommen.

Natürlich teilen uns die sozialistischen Führer von Zeit zu Zeit mit, dass die diktatorische Tyrannei nur während der Zeit des Übergangs vom Kapitalismus und der repräsentativen Demokratie hin zum sozialistischen Himmelreich auf Erden andauern wird, in dem die Bedürfnisse und Wünsche jedes Einzelnen voll und ganz erfüllt werden[2]. Sobald das sozialistische Regime „fest genug im Sattel sitzt, um Kritik zuzulassen“, so verrät uns Joan Robinson, prominenteste Vertreterin der Neo-Cambridge School, wird es sogar so gnädig sein, „unabhängige philharmonische Gesellschaften“ zuzulassen[3]. So soll die Liquidierung aller Abweichler zu dem Zustand führen, den die Kommunisten uns als „Freiheit“ verkaufen wollen. Von diesem Standpunkt aus betrachtet können wir vielleicht auch verstehen, was ein weiterer angesehener Engländer, J.G. Crowther, meinte, als er die Inquisitionsmethoden als „förderlich für die Wissenschaft, wenn sie eine aufsteigende Klasse schützt“ bezeichnete[4]. Die Bedeutung von all dem ist klar. Wenn sich alle Menschen ergeben einem Diktator beugen, werden keine Dissidenten mehr übrig sein, die man liquidieren muss. Caligula, Torquemada und Robespierre wären mit dieser Lösung einverstanden gewesen.

Die Sozialisten haben eine semantische Revolution zustande gebracht, in dem sie die Bedeutung von Wörtern in ihr genaues Gegenteil verkehrt haben. Im Vokabular ihres „Neusprech“, wie George Orwell es genannt hat, gibt es das Wort „Einparteienprinzip“. Etymologisch stammt das Wort Partei vom Wort Part, also Teil, ab. Der „Teil“ ohne Gegenstück unterscheidet sich nicht länger von seinem Gegenteil, dem Ganzen; er ist mit ihm identisch. Eine Partei ohne Gegenpartei ist also keine Partei, und das Einparteienprinzip ist in der Tat ein Keinparteienprinzip. Es bedeutet die Unterdrückung jeglicher Form von Opposition. Freiheit bedeutet die Wahlmöglichkeit zwischen Zustimmung und Opposition. Im Neusprech hingegen bedeutet Freiheit die Pflicht, bedingungslos zuzustimmen und das strenge Verbot jeglicher Opposition.

Diese völlige Umkehr der traditionellen Bedeutung aller Worte aus dem Bereich der Politik ist keine Eigenart der russischen Kommunisten und ihrer faschistischen und nationalsozialistischen Schüler. Die gesellschaftliche Ordnung, die durch Abschaffung des Privateigentums dem Konsumenten jegliche Autonomie verweigert und so alle Menschen den willkürlichen Entscheidungen des zentralen Plankomitees unterwirft, hätte niemals die Zustimmung der Massen erlangen können, wenn sie nicht ihren wahren Charakter getarnt hätte. Die Sozialisten hätten die Wähler nie so betrügen können, wenn sie ihnen offen erzählt hätten, dass ihr Fernziel darin besteht, sie zu versklaven. Sie mussten so tun, als würden sie den traditionellen Freiheitsbegriff ebenfalls schätzen.

IV.

Bei den geheimen Diskussionen der inneren Zirkel der großen Verschwörung war es dagegen völlig anders. Dort verbargen die Eingeweihten ihre wahre Einstellung zur Freiheit nicht. Ihrer Meinung nach war Freiheit in der Vergangenheit sicherlich ein gutes Merkmal der bourgeoisen Gesellschaft, da sie ihnen die Möglichkeit bot, ihre Ziele zu verfolgen. Nach dem Triumph des Sozialismus wären freie Gedanken und autonome Handlungen einzelner Menschen dann überflüssig. Jede weitere Veränderung wäre nur eine Abweichung vom perfekten Zustand, den die Menschheit im sozialistischen Himmelreich auf Erden erreicht hätte. Unter solchen Bedingungen wäre es geradezu verrückt, Abweichungen zu tolerieren.

Laut dem Bolschewisten ist Freiheit ein bourgeoiser Makel. Der Durchschnittsbürger hat keinerlei eigene Vorstellungen, er schreibt keine Bücher, brütet keine Häresien aus und erfindet keine neuen Produktionsmethoden. Er will nur das Leben genießen. Er hat keine Verwendung für die Mittel der Intellektuellenklasse, die als professionelle Abweichler und Erfinder ihren Lebensunterhalt verdienen.

Dies ist mit Sicherheit die arroganteste Geringschätzung durchschnittlicher Leute, die jemals geäußert wurde. Es lohnt nicht, diesen Punkt überhaupt zu behandeln, denn die Frage lautet nicht, ob der Durchschnittsbürger von der Freiheit, selbst zu denken, zu reden und Bücher zu schreiben, Gebrauch machen kann. Die Frage lautet, ob der träge Routinier davon profitiert, wenn denjenigen, die ihm an Intelligenz und Willensstärke überlegen sind, Freiheiten zugestanden werden.

Der Durchschnittsbürger mag Gleichgültigkeit oder sogar Abneigung gegenüber den Aktivitäten überlegener Menschen empfinden aber er freut sich über die Verbesserungen seines Alltags, die ihm die Aktivitäten der Erfinder bescheren. Er hat kein Verständnis für das, was ihm als sinnloses Theoretisieren erscheint, aber sobald die Theorien von geschäftstüchtigen Unternehmern dazu verwendet werden, seine ungeahnten Wünsche zu erfüllen, kann er gar nicht schnell genug die neuen Produkte kaufen. Der Durchschnittsbürger ist mit Sicherheit der größte Nutznießer aller Errungenschaften der modernen Wissenschaft und Technik.

In der Tat sind die Chancen, dass ein Durchschnittsmensch die Führungsposition in einem Konzern erreicht, sehr gering. Aber die Souveränität, die ihm der Markt in Wirtschaftsangelegenheiten verleiht, motiviert Techniker und Marketingleute dazu, alle Errungenschaften der wissenschaftlichen Forschung in Dinge zu verwandeln, die ihm nutzen. Nur diejenigen, deren intellektueller Horizont am Fabriktor endet und die nicht verstehen, was Geschäftsleute motiviert, vermögen dies nicht zu erkennen.

Die Verfechter des Sowjetsystems erklären uns immer wieder, dass Freiheit nicht das höchste Gut sei. Freiheit sei „nichts wert“, wenn sie Armut bedeute. Die Freiheit zu opfern, um Wohlstand für die Massen zu erreichen, ist in ihren Augen voll und ganz gerechtfertigt. Abgesehen von einigen widerspenstigen Individualisten, die sich den Gewohnheiten der einfachen Menschen nicht anpassen können, sind angeblich alle Menschen in Russland vollkommen glücklich. Wir lassen andere darüber urteilen, ob dieses vollkommene Glück von den Millionen verhungerter ukrainischer Bauern, den Insassen der Arbeitslager und den zum Tode verurteilten marxistischen Anführern ebenfalls geteilt wurde. Aber wir können nicht außer Acht lassen, dass der Lebensstandard in den freien westlichen Ländern unermesslich höher ist als im kommunistischen Osten. Die Russen haben einen extrem schlechten Handel abgeschlossen, in dem sie ihre Freiheit für das Erlangen von Wohlstand aufgegeben haben. Jetzt haben sie weder Freiheit noch Wohlstand.

„Freiheit und Eigentum (Teil 3)“ wird am 15.8.2016 veröffentlicht.

[1] V.I. Lenin, State and Revolution (New York: International Publishers, s.d.) Seite 84.
[2] Karl Marx, Sur Kritik des Sozialdemokratischen Programms von Gotha, ed. Kreibich (Reichenberg, 1920), Seite 23.
[3] Joan Robinson, Private Enterprise and Public Control (published for the Association for Education in Citizenshipby the Englisch Universities Press, Ltd., s.d.), Seiten 13-14.
[4] J.G. Crowther, Social Relations of Science (Londeon, 1941), Seite 333.

*****

Diese Beiträge könnten Sie auch interessieren … von Hans-Hermann Hoppe: Mises kontra Keynes (Teil 1)Mises kontra Keynes (Teil 2) und Mises kontra Keynes (Teil 3)

—————————————————————————————————————————————————————————

Ludwig von Mises, geb. 1881 in Lemberg, war der wohl bedeutendste Ökonom und Sozialphilosoph des 20. Jahrhunderts. Wie kein anderer hat er die (wissenschafts)theoretische Begründung für das System der freien Märkte, die auf unbedingter Achtung des Privateigentums aufgebaut sind, und gegen jede Form staatlicher Einmischung in das Wirtschafts- und Gesellschaftsleben geliefert. Seine Werke sind Meilensteine der Politischen Ökonomie. Das 1922 erschienene “Die Gemeinwirtschaft” gilt als erster wissenschaftlicher und umfassender Beweis für die “Unmöglichkeit des Sozialismus”. Sein Werk “Human Action” (1949) hat bei amerikanischen Libertarians den Rang einer akademischen “Bibel”. Mises war Hochschullehrer an der Wiener Universität und Direktor der Österreichischen Handelskammer. Ab 1934 lehrte er am Institut des Hautes Etudes in Genf. 1940 Übersiedlung nach New York, wo er nach weiteren Jahrzehnten der Lehr- und Gelehrtentätigkeit 1973 im Alter von 92 Jahren starb.

Kontaktieren Sie uns

We're not around right now. But you can send us an email and we'll get back to you, asap.

Not readable? Change text. captcha txt

Start typing and press Enter to search