Mises kontra Keynes (Teil 3)

26.1.2015 – Der folgende Beitrag Mises kontra Keynes von Hans-Hermann Hoppe ist dem Buch Dissent on Keynes, A Critical Appraisal of Economics  (Mark Skousen, Hg. (1992), New York, S. 199-223) entnommen und wird hier in drei Teilen veröffentlicht. Im heutigen Teil 3 der Serie wird Abschnitt II. veröffentlicht; Teil 1 finden Sie hier und Teil 2 hierÜbersetzung: Dr. Bernhard Pieper.

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Mises kontra Keynes

I.    Klassische Wirtschaftstheorie
I.1 Beschäftigung
I.2 Geld
I.3 Zins
I.4 Kapitalbildung und wirtschaftliche Entwicklung

II.    Keynesianische Ökonomie
I.1 Beschäftigung
I.2 Geld
I.3 Zins
I.4 Kapitalbildung und wirtschaftliche Entwicklung

 

II. Keynesianische Ökonomie

Hans-Hermann Hoppe

Nach dieser Rekonstruktion der klassischen und insbesondere der Österreichischen Theorie der Beschäftigung, des Geldes, des Zinses und der wirtschaftlichen Entwicklung möchte ich mich nun Keynes und seiner „neuen“ Theorie zuwenden. Vor dem Hintergrund meiner Darstellung der alten Theorie wird leicht verständlich, dass Keynes „neue“ Allgemeine Theorie der Beschäftigung, des Zinses und des Geldes durch und durch missraten ist und die keynesianische Revolution einen der größten intellektuellen Skandale des Jahrhunderts darstellt.

II.1 Beschäftigung

Keynes beginnt mit einer fehlerhaften Theorie der Beschäftigung. Im Gegensatz zur klassischen Sicht behauptet er, es gäbe auf freien Märkten so etwas wie unfreiwillige Arbeitslosigkeit und mehr noch, es könne sich auf dem Markt gar ein stabiles Gleichgewicht mit dauerhaft unfreiwilliger Arbeitslosigkeit einstellen. Zusammen mit dieser Behauptung eines möglichen Marktversagens erklärt er schließlich, eine ultimative Begründung für Markteingriffe durch marktferne Kräfte gefunden zu haben. Da sich der freie Markt definiert durch die Konzepte des erschlossenen oder produzierten Privateigentums sowie der Freiwilligkeit aller Transaktionen zwischen den Eigentümern des Privateigentums, wird unmittelbar ersichtlich, dass Keynes Anspruch einer Quadratur des Zirkels gleichkommt.

Keynes beginnt mit der falschen Behauptung, dass die klassische Theorie annahm, „that there is no such thing as involuntary unemployment in the strict sense“ (Keynes 1936: 21, 6, 15). In der Tat besteht keine derartige Annahme. Die klassische Theorie geht davon aus, dass unfreiwillige Arbeitslosigkeit logisch/praxeologisch unmöglich ist, solange sich die Märkte frei und ungehindert entfalten können. Dass unfreiwillige Arbeitslosigkeit, und dies in jedem beliebigen Ausmaß, bei Anwesenheit marktferner Institutionen wie Mindestlohngesetzen bestehen kann, wurde nie ernsthaft bestritten.

Anschließend an diese Falschbehauptung gibt Keynes seine eigene Definition unfreiwilliger Arbeitslosigkeit: „Men are involuntarily unemployed if, in the event of a small rise in the price of wage-goods [i.e., consumer goods] relative to the money wage, both the aggregate supply of labor willing to work for the current money-wage and the aggregate demand for it at that wage would be greater than the existing volume of employment“ (a.a.O.: 15).[1] Im Klartext möchte Keynes hier sagen, dass Menschen unfreiwillig arbeitslos sind, wenn ein Anstieg der Preise relativ zu den Löhnen zu mehr Beschäftigung führt (s. Hazlitt [1959] 1973: 30).

Allerdings ist so eine Veränderung der relativen Preise gleichbedeutend mit einem Sinken des Reallohnes. Und ein derartiger Rückgang des Reallohnes kann auf ungestörten Märkten durch die Arbeitnehmer jederzeit herbeigeführt werden, indem sie einfach niedrigere Nominallöhne akzeptieren bei unveränderten Güterpreisen. Wenn die Arbeitnehmer sich dagegen entscheiden, lässt sich ein Verbleib in der Arbeitslosigkeit nicht als unfreiwillig bezeichnen. Bei dem von ihnen gewünschten Reservationsangebot an Arbeitsplätzen wählen sie das tatsächlich gegebene Angebot an Arbeit. Die Klassifizierung dieser Situation als freiwillig änderte sich auch dann kein bisschen, wenn zu einem anderem Zeitpunkt niedrigere Löhne die Beschäftigung erhöhen könnten. Rein logisch kann sich ein derartiges Ergebnis nur einstellen, wenn in der Zwischenzeit die relative Bewertung des Lohnes gegenüber der Reservationsnachfrage nach Arbeit durch die Arbeitnehmer gestiegen ist (andernfalls, also ohne diese relative Änderung, würde die Beschäftigung zurückgehen anstatt zu steigen).

Die Tatsache einer möglichen Meinungsänderung im Zeitverlauf bedeutet allerdings nicht, dass die frühere Entscheidung unfreiwillig war, wie Keynes es gerne hätte. Selbstverständlich kann man die Dinge so definieren, wie man möchte, und in wahrer orwell’scher Manier gar freiwillig „unfreiwillig“ und unfreiwillig „freiwillig“ benennen. Nur lässt sich mit dieser Methode alles unter der Sonne „beweisen“, wobei letztlich nichts wirklich gezeigt wird. Der von Keynes behauptete Beweis rüttelt nicht an der Tatsache, dass so etwas wie unfreiwillige Arbeitslosigkeit in der üblichen Bedeutung bei freien Märkten niemals vorliegen kann.

Und als wenn das nicht genug wäre, setzt Keynes dem Ganzen noch die Krone auf mit der Behauptung, dass unfreiwillige Arbeitslosigkeit gar im Gleichgewicht vorstellbar sei. Tatsächlich kritisiert er sogar seine frühere Publikation Treatise on Money mit den Worten: „I had not then understood that, in certain conditions, the system could be in equilibrium with less than full employment“ (Keynes 1936: 242–43, 28).

Allerdings definiert sich Gleichgewicht als eine Situation, in der keine Änderungen hinsichtlich Werten, Technologien und Ressourcen mehr erfolgen, in der sich alle Handlungen vollständig an eine endgültige Konstellation angepasst haben und alle Produktionsfaktoren einschließlich Arbeit, im größtmöglichen Maße (bei gegebenen, unveränderten Rahmendaten) eingesetzt werden, in einem sich ständig und endlos wiederholenden, gleichbleibenden Produktionsprozess. Von daher läuft, wie H. Hazlitt treffend festgestellt hat, die Entdeckung eines Unterbeschäftigungsgleichgewichts durch Keynes in seiner General Theory auf die Entdeckung eines dreieckigen Kreises hinaus, eines Selbstwiderspruchs (Hazlitt [1959] 1973: 52).

II.2 Geld

Nach seinem Scheitern bei der Behandlung von Beschäftigung und Arbeitslosigkeit lässt Keynes in der Diskussion des Geldes jegliche wirtschaftswissenschaftliche Argumentationsweise hinter sich, mit der Behauptung, dass Geld und Geldmengenänderungen einen systematischen und sogar positiven Einfluss auf die Beschäftigung, Einkommen und Zins haben könnten. Angesichts der Tatsache, dass „Geld“ im Titel seiner „Allgemeinen Theorie“ erscheint, ist seine positive Theorie des Geldes erstaunlich kurz geraten.

Kürze kann natürlich eine Tugend darstellen. Im Falle von Keynes eröffnet sie die Möglichkeit, seine grundlegenden Fehler recht einfach herauszuarbeiten. In Keynes Sicht „the importance of money essentially flows from its being a link between the present and the future“ (Keynes 1936: 293). „Money in its significant attributes is, above all, a subtle device for linking the present and the future“ (a.a.O.: 294).

Dass dies falsch ist, folgt bereits daraus, dass im Gleichgewicht keine Geldnutzung erfolgen würde[2], aber auch im Gleichgewicht gäbe es Gegenwart und Zukunft, die in Verbindung stünden. Statt als Verbindungsglied zur Zukunft dient Geld als Tauschmittel, eine Funktion, die aus der Unsicherheit der Zukunft entspringt.[3]

Die wirkliche Verbindung zur Zukunft besteht im menschlichen Handeln, das in der Gegenwart einsetzt und auf ein künftiges Ziel in größerer oder kleinerer zeitlicher Entfernung zustrebt. Und die Zeitpräferenz als universelle Handlungskategorie gibt dieser Verbindung ihre spezifische Form. Im Gegensatz zum Zins verbindet Geld kein bisschen mehr zwischen Gegenwart und Zukunft als irgendwelche anderen ökonomischen Phänomene wie z.B. nichtmonetäre Güter. Auch deren Gegenwartswert spiegelt die Vorwegnahme der Zukunft nicht mehr und nicht weniger wider als der des Geldes.

Aus diesem Fehlverständnis des Wesens des Geldes entspringen ganz automatische alle übrigen Irrtümer. Mit der Vorstellung von Geld als subtilem Verbindungsglied zwischen Gegenwart und Zukunft versteht Keynes – ganz im Einklang mit seiner generellen Neigung, logisch/praxeologische Kategorien als psychologischen misszuverstehen – die Geldnachfrage (bei gegebenem Geldangebot) als eine Liquiditätspräferenz bzw. eine Neigung zum Horten (a.a.O.: 174), die in funktionaler Beziehung zum Zinssatz steht (und umgekehrt).[4]

„Interest,“ so Keynes, „is the reward of not-hoarding“ (ebd.), „the reward for parting with liquidity“ (a.a.O.: 167), weshalb sich die Liquiditätspräferenz folglich als Weigerung versteht, in zinstragende Vermögenstitel zu investieren. Dass dies falsch ist, wird offensichtlich, sobald man sich die Frage stellt, wie dann Preise zu verstehen sind. Offensichtlich stellt die Menge Bier, die sich für einen bestimmten Geldbetrag kaufen lässt, ganz analog zum Zins eine Belohnung für das Aufgeben von Liquidität dar, weshalb die Geldnachfrage entsprechend ebenso eine Weigerung zum Bierkauf darstellt, wie eine zur Kreditvergabe bzw. zu Investieren (vgl. Hazlitt [1959] 1973: 188ff).

Oder allgemein formuliert, lässt sich Geldnachfrage verstehen als die fehlende Bereitschaft zum Kauf oder zur Miete von Nicht-Geld-Gütern einschließlich zinstragender Vermögenstitel (d.h. Land, Arbeit, und/oder Kapitalgüter oder Zukunftsgüter) sowie nicht-zinstragender Güter (d.h. Konsumgüter oder Gegenwartsgüter). Das bedeutet, dass die Geldnachfrage weder mit Investitionen oder Konsum etwas zu tun hat, noch mit der Relation von Investitions- zu Konsumausgaben noch mit der Spanne zwischen Input- und Outputpreisen d.h. dem Abschlag auf Güter höherer Ordnung bzw. Zukunftsgütern versus denen niedrigerer Ordnung bzw. Gegenwartsgütern.

Zu- oder Abnahmen der Geldnachfrage senken oder erhöhen ceteris paribus das allgemeine Preisniveau, aber reale Konsum und Investitionen sowie die Relation realen Konsums zu realen Investitionen bleiben davon unberührt und folglich bleiben auch Beschäftigung und gesellschaftliches Einkommen unverändert. Die Geldnachfrage bestimmt vielmehr die Relation von Ausgaben zur Bargeldhaltung. Entgegen Keynes ist das Investitions-Konsum-Verhältnis eine völlig andere Angelegenheit, die in keiner Beziehung zur Geldnachfrage steht. Es wird ausschließlich durch die Zeitpräferenz festgelegt (vgl. Rothbard 1983a: 40–41; Mises [1949] 1966: 256).

Zum gleichen Ergebnis kommt man bei Betrachtung von Änderungen des Geldangebots (mit gegebener Liquiditätspräferenz). Keynes behauptet, dass eine Ausweitung des Geldangebots ceteris paribus positive Beschäftigungseffekte entfalten kann. Er schreibt: „So long as there is unemployment, employment will change in the same proportion as the quantity of money“ (Keynes 1936: 296). Hierbei handelt es sich allerdings um eine äußerst merkwürdige Behauptung, denn er unterstellt die Existenz unterbeschäftigter Ressourcen anstatt zu erklären, wie so etwas überhaupt eintreten kann. Schließlich kann eine Ressource ganz offensichtlich nur dann ungenutzt bleiben, wenn sie entweder nicht als knapp erachtet und ihr folglich kein Wert zugeschrieben wird oder wenn ihr Eigentümer sie freiwillig aus dem Markt preist, weshalb ihre Unterbeschäftigung dann kein Problem darstellt, das einer Lösung harrt (vgl. Hutt [1939] 1977).

Selbst wenn man diesen Einwand wegwischte, bliebe diese Behauptung falsch. Denn wenn alle anderen Faktoren tatsächlich unverändert blieben, führte die höhere Geldmenge schlicht zu einem höheren allgemeinen Preisniveau und gleichzeitig zu proportional gestiegenen Löhnen. Sonst änderte sich nichts. Wenn hingegen die Beschäftigung zunähme, könnte dies nur eintreten, wenn die Löhne nicht zusammen mit und im Ausmaß der übrigen Preise anzögen. Dann gälte aber die Ceteris-paribus-Annahme nicht mehr, weil der Reallohn nun niedriger läge und die Beschäftigung bei niedrigerem Reallohn nur unter der Annahme zunehmen kann, dass die relative Wertschätzung von Arbeit versus Selbstbeschäftigung (d.h. Freizeit bzw. Arbeitslosigkeit) sich geändert hat. Sofern diese Änderung aber annahmegemäß erfolgte, wäre keine Geldmengenausweitung nötig. Dasselbe Ergebnis einer erhöhten Beschäftigung hätte ebenso durch die Einwilligung in niedrigere Nominallöhne durch die Beschäftigten erreicht werden können.

II.3 Zins

Bei seiner Darstellung des Zinsphänomens verlässt Keynes endgültig den Boden der Vernunft und des gesunden Menschenverstandes. Da nach Keynes Geld einen systematischen Einfluss auf Beschäftigung, Geld und Zins besitzt, hat man sich den Zins – insofern ganz konsequent – als rein monetäres Phänomen vorzustellen (Keynes 1936: 173)[5]. Der grundlegende Fehler dieser Ansicht bedarf hier keiner weiteren Erklärung. An dieser Stelle genügt zu wiederholen, dass Geld im Gegensatz zum Zins in einer Gleichgewichtssituation keine Verwendung mehr fände, was nahelegt, dass es sich beim Zins um ein reales und nicht monetäres Phänomen handelt.

Darüber hinaus verstrickt sich Keynes bei der Darstellung seiner Zinstheorie hinsichtlich „funktionaler Relationen“ und „interdependenter Beziehungen“ von Variablen in unauflösbare Widersprüche (vgl. Rothbard [1962] 1970: 687–89). Wie oben bereits erklärt, denkt sich Keynes auf der einen Seite die Liquiditätspräferenz (und das Geldangebot) als Bestimmungsfaktor des Zinssatzes, so dass z.B. eine gestiegene Geldnachfrage den Zins erhöht (und ein vermehrtes Angebot ihn senkt) und dies dann die Investitionen vermindert, „whilst a decline in the rate of interest may be expected, ceteris paribus, to increase the volume of investment“ (Keynes 1936: 173).

Auf der anderen Seite räumt er ein, dass der Zins die Geldnachfrage bestimmt, wenn er ihn als „Belohnung für das Aufgeben von Liquidität“ charakterisiert. Sinkende Zinsen z.B. steigern die Nachfrage nach Kassenbeständen (und auch die Konsumneigung, wie man hinzufügen sollte) und bewirken folglich weniger Investitionen. Offensichtlich vermag ein niedrigerer Zins nicht beides zu verursachen, gleichzeitig sowohl mehr Investitionen als auch weniger. Irgend etwas kann hier nicht stimmen.

Da der Zins nach Keynes ein rein monetäres Phänomen darstellt, ist es nur natürlich auch anzunehmen, dass er sich nach Gutdünken durch Geldpolitik manipulieren lässt (vorausgesetzt es bestehen dabei keine Beschränkungen etwa durch 100% Reservepflichten mit Warengeld wie beim Goldstandard). „There is,“ so Keynes, „no special virtue in the pre-existing rate of interest“ (a.a.O.: 328).

Es stimmt, dass sich der Zins auf Null herabdrücken lässt, wenn das Geldangebot nur hinreichend ausgeweitet wird. Keynes anerkennt, dass damit eine Überfülle an Kapitalgütern einher ginge, und man sollte denken, dass diese Einsicht ihn zu einem Überdenken seiner Position hätte veranlassen sollen. Aber nein! Im Gegenteil erklärt er uns allen Ernstes „that a properly run community equipped with modern technical resources, of which the population is not increasing rapidly, ought to be able to bring down the marginal efficiency of capital in equilibrium approximately to zero within a single generation“ (a.a.O.: 220).

Es sei „comparatively easy to make capital goods so abundant that the marginal efficiency of capital is zero (and) this may be the most sensible way of gradually getting rid of many of the objectional features of capitalism“ (a.a.O.: 221). „There are no intrinsic reasons for the scarcity of capital“ (a.a.O.: 376). Vielmehr ist es „possible for communal saving through the agency of the State to be maintained at a level where it ceases to be scarce“ (ebd.).

Ganz zu schweigen davon, dass dies Abwesenheit eines Bedarfs an Instandhaltung oder Ersatz von Kapital bedeutete (denn wäre dies der Fall, blieben Kapitalgüter knapp und hätten ihren Preis) und Kapitalgüter freie Güter wie etwa Luft sein müssten. Es sollte einen auch nicht stören, dass wenn Kapitalgüter nicht mehr knapp sind, auch Konsumgüter es nicht mehr wären (denn wären sie es, müssten auch die Mittel zu ihrer Herstellung knapp sein). Und es sollte auch nicht kümmern, dass dieser von Keynes innerhalb einer Generation versprochene Garten von Eden auch keinen Bedarf an Geld mehr hätte. Denn wie er uns erklärt „I am myself impressed by the great social advantages of increasing the stock of capital until it ceases to be scarce“ (a.a.O.: 325). Wer wagte dem zu widersprechen?[6]

Aber es kommt noch schlimmer, weil in Keynes Augen noch einige Probleme auf dem Weg zum Paradies auszuräumen sind. Zuallererst steht der Goldstandard im Wege, weil er eine Kreditexpansion verunmöglicht (oder zumindest erschwert, sofern eine Kreditexpansion zu Goldabflüssen mit folgender Wirtschaftsflaute führte). Daraus erklären sich Keynes wiederholte Polemiken gegen diese Institution.[7]

Darüber hinaus besteht das das oben bereits dargestellte selbst geschaffene Problem: Ein niedrigerer Zinssatz führt angeblich gleichzeitig zu mehr und zu weniger Investitionen. Um aus diesem logischen Wirrwarr herauszukommen, entwickelt Keynes eine Verschwörungstheorie, denn der Zinssatz ist auf null zu drücken zur Überwindung der Knappheit, wie wir bereits erfahren haben, gleichzeitig reduziert sich damit aber auch die Belohnung für die Aufgabe von Liquidität. Je niedriger also der Zins ist, desto niedriger der Anreiz zum Investieren wegen entsprechend niedrigerer Gewinne für Kapitalisten. Letztere werden also versuchen, mit konspirativen Mitteln den Versuch der Wiederherstellung des Garten von Eden zu verhindern.

Getrieben von „animal spirits“ (a.a.O.: 161) und „gambling instincts“ (a.a.O.: 157) und „addicted to the money-making passion“ (a.a.O.: 374) verschwören sie sich, um sicherzustellen „that capital has to be kept scarce enough“ (a.a.O.: 217). „The acuteness and peculiarity of our contemporary problem arises, therefore,“ so Keynes, „out of the possibility that the average rate of interest which will allow a reasonable average level of employment [and of social income] is one so unacceptable to wealth owners that it cannot be readily established merely by manipulating the quantity of money“ (a.a.O.: 308–9). Keynes behauptet: „The most stable, and least easily shifted, element in our contemporary economy has been hitherto, and may prove to be in the future, the minimum rate of interest acceptable to the generality of wealth owners“ (a.a.O.: 309).[8]

Zum Glück erfahren wir aber auch einen Ausweg aus dieser Notlage. Durch „the euthanasia of the rentier, and, consequently, the euthanasia of the cumulative oppressive power of the capitalist to exploit the scarcity-value of capital“ (a.a.O.: 376, 221). Dies Schicksal haben sie sicher verdient. Denn in „the business world“ herrscht eine „uncontrollable and disobedient psychology“ (a.a.O.: 317) und die Märkte für private Investitionen stehen „under the influence of purchasers largely ignorant of what they are buying and of speculators who are more concerned with forecasting the next shift of market sentiment than with a reasonable estimate of the future yield of capital assets“ (a.a.O.: 316). Schließlich wissen wir doch alle, dass „there is no clear evidence from experience that the investment policy which is socially advantageous coincides with that which is most profitable“ (a.a.O.: 157); hängen die Entscheidungen privater Investoren tatsächlich im Wesentlichen ab von „the nerves and hysteria and even the digestions and reactions to the weather“ (a.a.O.: 162) oder vielleicht doch eher von rationaler Kalkulation?

Entsprechend folgert Keynes: „The duty of ordering the current volume of investment cannot safely be left in private hands“ (a.a.O.: 320). Um stattdessen das aktuelle Elend in das Land zu wandeln, in dem Milch und Honig fließen „a somewhat comprehensive socialization of investment will prove the only means“ (a.a.O.: 378). „The State, which is in a position to calculate the marginal efficiency of capital-goods on long views and on the basis of the general social advantage [must take] an ever greater responsibility for directly organizing investment“ (a.a.O.: 164).

Dies bedarf ohne Frage keines weiteren Kommentars. Es ist zu offensichtlich, dass es sich hier um Ergüsse einer Person handelt, die alles genannt zu werden verdient, nur nicht Ökonom.

II.4 Kapitalbildung und wirtschaftliche Entwicklung

Ein solches Urteil findet gar noch mehr Bestätigung bei der Analyse der keynesianischen Theorie der Kapitalbildung und der wirtschaftlichen Entwicklung. Die o.g. Zitate lassen keinen Zweifel daran, dass Keynes kein Freund der Kapitalisten war. Indem er eine Vergesellschaftung der Investitionsaktivitäten befürwortet, verrät er sich ganz offen als Sozialist.[9] Kapitalismus bedeutete für Keynes Krise.

Dafür nannte er im Wesentlichen zwei Gründe. Der erste, den Keynes für die zyklische Natur der Wirtschaftsentwicklung verantwortlich macht, wurde bereits angesprochen. Solange der Lauf der Wirtschaft wesentlich durch Kapitalisten bestimmt wird, die – wie uns versichert wurde – „kaum Ahnung haben von dem, was sie kaufen“, und die sich verschwören, um „Güter knapp zu halten“, kann das Geschehen natürlich nicht in ruhigen Bahnen verlaufen. Der kapitalistische Wirtschaftsprozess muss erratischen Schwankungen unterliegen, da er von Leuten abhängt, die ihre Entscheidungen abhängig machen von ihrer „Verdauung und dem Wetter“. Getrieben vom Wachsen und Schwinden des unternehmerischen Optimismus und Pessimismus, die ihrerseits durch „unkontrollierbare und ungehorsame Psychologie der Geschäftswelt“ determiniert werden, sind Booms und Busts unausweichlich.

Bei Konjunkturzyklen handelt es sich – so die zentrale Botschaft des 22sten Kapitels der Allgemeinen Theorie, „Anmerkungen zum Konjunkturzyklus“ – um psychologisch determinierte Phänomene. Aber dies ist mit Sicherheit falsch. Eine psychologische Erklärung des Zyklus ist im strengen Sinne unmöglich, und eine solche für eine Erklärung zu halten, bedeutet, einen kategorialen Fehler zu begehen. Bei Konjunkturzyklen handelt es sich offensichtlich um reale, von Individuen erfahrene Ereignisse und zwar als solche außerhalb ihrer selbst, d.h. in der Welt realer Güter und realen Vermögens. Dem gegenüber sind als psychologische Phänomene Dinge zu erachten wie Meinungen, Gefühle, Erwartungen, Optimismus und Pessimismus.

Ein psychologisches Phänomen mag ein anderes hervorrufen oder es beeinflussen. Aber es ist völlig unvorstellbar, dass ein psychologisches Phänomen oder ein Gefühlszustand einen direkten Einfluss auf Ergebnisse der externen Welt realer Güter und Dinge haben könnte. Nur durch Handlungen lässt sich der Verlauf realer Ereignisse beeinflussen. Und folglich muss jede Erklärung des Konjunkturzyklus praxeologischer Natur (im Gegensatz zu psychologischer) sein. Die psychologische Theorie des Konjunkturzyklus von Keynes vermag nicht zu erklären, warum überhaupt etwas in der (externen) Wirklichkeit passiert.

In der realen Welt müssen Menschen handeln, werden ständig knappe Ressourcen angestrebten Zielen zugeordnet und neu arrangiert. Man kann allerdings nicht rein willkürlich handeln, wie Keynes meint, weil jede Handlung unvermeidlich unter der Restriktion real bestehender Knappheiten steht, die durch Psychologie nicht auszuräumen sind. Auch erklärt die Theorie von Keynes nicht, warum die Stimmungen der Unternehmer in einem bestimmten Muster der Geschäftsaktivitäten schwanken – wie dem des Konjunkturzyklus, den er erklären möchte – anstatt in irgend einer anderen Art von Fluktuationen.

Nach Keynes besteht der zweite Grund für die Instabilität des Kapitalismus, der entsprechend den Sozialismus so erstrebenswert macht, in den dem Kapitalismus inhärenten Tendenzen zur Stagnation. Seine Theorie der Stagnation, die er von Hobson und Mummery entlehnte, basiert auf der Vorstellung, „that in the normal state of modern industrial Communities, consumption limits production and not production consumption“ (Keynes 1936: 368).[10] Ausgehend von einem derartigen Axiom kann nur Unsinn erwachsen.

Der Mangel an Konsum verursacht Stagnation. „Up to the point where full employment prevails,“ so Keynes, „the growth of capital depends not at all on a low propensity to consume but is, on the contrary, held back by it“ (a.a.O.: 372–73). Verbunden mit dieser These des Mangels an Konsumneigung besteht ein „fundamental psychological law, upon which we are entitled to depend with great confidence both a priori from our knowledge of human nature and from the detailed facts of experience, is that men are disposed, as a rule and on the average, to increase their consumption as their income rises, but not by as much as the increase in their income“ (a.a.O.: 96). „As a rule, … a greater proportion of income [will be] saved as real income increases“ (a.a.O.: 97, 27ff).

Für sich genommen scheint dies zweite Gesetz, das man zunächst einmal als plausibel gelten lassen kann (ergänzt durch den Hinweis, dass der Konsum niemals auf Null sinken kann), nicht als problemverursachend. Wenn die Ersparnisse mit steigendem Einkommen überproportional zunehmen, ist das um so besser für das Sozialprodukt.[11] Aber Keynes, und das ist typisch für ihn, verbindet dies Gesetz mit der These einer durch den Konsum limitierten Produktion, wodurch er dann problemlos beweisen kann, was immer er mag.

Aus der Tatsache, dass der Konsum die Produktion beschränkt und der Nichtkonsum mit zunehmendem Einkommen steigt, scheint tatsächlich zu folgen, dass zunehmendes Einkommen durch wachsenden Nichtkonsum sich selbst unterminiert, sofern dies die Produktion in der Folge limitiert und so weiter. Wenn dies zutrifft, scheint darüber hinaus zu folgen, dass wohlhabendere Gesellschaften mit mehr Nichtkonsum ganz besonders von Stagnation geplagt sein müssten und entsprechend Reiche innerhalb einer gegebenen Gesellschaft mit ihrem hohen Nichtkonsum die wesentlichen Verursacher der Stagnation darstellen. (Abgesehen von dem unwesentlichen Problem, dass diese Theorie nicht zu erklären vermag, warum einige Individuen oder Gesellschaften reicher sind als andere.)

Keynes jedenfalls akzeptiert diese Folgerungen als wahr.[12] Entsprechend präsentiert er in der Folge Empfehlungen, wie aus der Stagnation herauszufinden ist. Ergänzend zu einer umfassenden Verstaatlichung der Investitionsaktivitäten plädiert Keynes für Maßnahmen zur Anregung des Konsums durch Umverteilung des Einkommens von den Reichen (Leute mit niedriger Konsumneigung) zu den Armen (Leute mit hoher Konsumneigung):

„Whilst aiming at a socially controlled rate of investment with the view to a progressive decline in the marginal efficiency of capital, I should support at the same time all sorts of policies for increasing the propensity to consume. For it is unlikely that full employment can be maintained, whatever we may do about investment, with the existing propensity to consume. There is room, therefore, for both policies to operate together: to promote investment and, at the same time, to promote consumption, not merely to the level which with the existing propensity to consume would correspond to the increased investment, but to a higher level still.“ (a.a.O.: 325)[13]

Aber wie lassen sich gleichzeitig Investitionen und Konsum anregen, um das Einkommen möglichst stark zu erhöhen?

Nach Keynes lauten die Definitionen der betroffenen Größen wie folgt:

„Einkommen = Konsum + Investitionen; Ersparnis = Einkommen – Konsum; folglich gilt Ersparnis = Investitionen“ (vgl. a.a.O.: 63).[14] Bei diesen Definitionen ist eine gleichzeitige Erhöhung von Konsum und Investitionen aus einem gegebenen Einkommen unmöglich.

Aber diese Details stören Keynes nicht ernstlich. Um zum gewünschten Ergebnis zu gelangen, ändert er einfach unter der Hand die Bedeutung der Begriffe. Er lässt die oben zitierten formalen Definitionen fallen, da diese mit seinen Zielen unvereinbar sind, und führt eine völlig neue Definition von „Ersparnis“ ein. Anstatt für nicht konsumiertes Einkommen zu stehen, wird „Ersparnis“ stillschweigend zu „Horten“ umdefiniert, also einer Verweigerung des Geldausgebens, weder für Konsum noch für Investitionen (vgl. Hazlitt [1959] 1973: 120–33). Damit lässt sich die gewünschte Absicht leicht erreichen. Denn nun besteht keine Gleichheit mehr von Ersparnis und Investitionen und Ersparnis, definiert als Ausgabenverweigerung, erhält automatisch eine negative Konnotation, wohingegen Investitionen und Konsum eine positive erhalten.

Darüber hinaus muss man nun befürchten, dass die Ersparnisse die Investitionen übersteigen, denn so etwas würde scheinbar implizieren, dass etwas aus der Wirtschaft herausdiffundiert und das Einkommen (definiert als Investitionen + Konsum) irgendwie sinkt. Keynes jedenfalls sorgt sich über diese Möglichkeit. Er nennt sie: „a chronic tendency throughout human history for the propensity to save to be stronger than the inducement to invest“ (Keynes 1936: 367). Und diese chronische Neigung erweist sich bei hohem Einkommensniveau als besonders ausgeprägt, denn dann erreichen die Ersparnisse, wie uns bereits erklärt wurde, einen besonders hohen Anteil am Einkommen.

Aber es besteht kein Grund zur Verzweiflung. Wo durch ein Leck etwas verschwindet, kann auch etwas hineinkommen. Wenn Ersparnisse erst einmal als nicht ausgegebenes Geld verstanden werden, dann lassen sich Ersparnisse auch ins Leben rufen, einfach indem der Staat Geld kreiert zur Kompensation der mit steigendem Einkommen zunehmenden Leckverluste. Dabei besteht natürlich die Gefahr, dass diese kompensatorischen „Gemeinschaftsersparnisse“ gleich wieder in die private Geldhortung diffundieren (denn nach Keynes würden die neuen Ersparnisse den Zins senken, was die Liquiditätspräferenz der Kapitalisten erhöhte, um dieser Tendenz entgegenzuwirken und so „Kapital künstlich knapp zu halten“). Aber dem kann, wie wir bereits wissen, Sorge getragen werden durch „Verstaatlichung der Investitionsaktivitäten“ sowie durch Schwundgeld nach der Art von S. Gesell: „The idea behind stamped money is sound“ (a.a.O.: 357).

Wenn Ersparnisbildung und Investitionen erst einmal staatliche Angelegenheiten sind – unter staatlicher Regie erfolgen, wie Keynes es ausdrücken würde – und alles Geld ausgegeben wird, da keine Motive zum Knapphalten mehr im Wege stehen, dann lassen sich tatsächlich Konsum und Investitionen gleichzeitig steigern. Werden Ersparnisse einfach als nicht ausgegebenes Geld verstanden und neu geschaffenes Geld sowie Kredite als eben so „werthaltig“ wie anderes, weil es niemandem „aufgezwungen“ wird, dann lassen sich Ersparnisse durch einen Federstrich schaffen.[15] Und da der Staat – im Gegensatz zu den die Knappheiten für sich ausnutzenden Kapitalisten – die Ausgabe dieser zusätzlichen „werthaltigen“ Ersparnisse sicherstellen kann (und so deren Hortung verhindert), lassen sich mit einer Vermehrung von Geld und Kredit durch staatliche Geldfälschung sowohl Konsum wie auch Investitionen gleichzeitig steigern und so das Einkommen gleich doppelt erhöhen.

Keynes Wunderheilmittel lautet dauerhafte Inflation. Sie hilft zunächst aus der Stagnation heraus und befähigt, was noch wichtiger ist, die hochentwickelten Länder zur Überwindung ihrer Stagnationskrisen. Ist die Stagnation erst einmal besiegt, wird weitere Inflation alle Knappheiten innerhalb einer Generation überwinden.[16]

Doch damit sind nicht der Wunder genug. Worin bestehen genau diese Sickerverluste, dieser Überschuss von Ersparnis über Investitionen? Etwas muss ja von hier nach dort versickern, und es hat sich sowohl hier wie dort auszuwirken. Keynes versucht derartige Gedanken durch die Aufforderung, Logik in der Ökonomie zu meiden, abzuwehren. Er schreibt: „Contemporary thought is still deeply steeped in the notion that if people do not spend their money in one way they will spend it in another“ (a.a.O.: 20). Man kann sich schwer vorstellen, was an diesem zeitgenössischen Gedanken unrichtig sein soll, aber Keynes hält ihn für falsch. Seiner Ansicht nach besteht eine dritte Alternative. Etwas, d.h. ein ökonomisches Gut, hört einfach plötzlich auf zu existieren, und das bringt Ärger.

Wenn also ein Individuum spart, geht damit die Entscheidung einher (nach Keynes), heute beispielsweise nicht zum Essen auszugehen. Es beinhaltet aber keineswegs die Absicht, stattdessen eine Woche oder ein Jahr später auszugehen bzw. ein Paar Schuhe zu kaufen oder irgend ein anderes Gut zu einem späteren Zeitpunkt zu konsumieren. Entsprechend leidet das aktuelle Restaurantgewerbe, ohne gleichzeitig irgend ein anderes für künftigen Konsum zu stimulieren. Es handelt sich also nicht um die Substitution gegenwärtiger Nachfrage durch künftige, vielmehr wird die Nachfrage überhaupt reduziert, ein Teil verschwindet einfach (a.a.O.: 210).

Noch sind allerdings die Beschränkungen einer zweiseitigen Logik noch nicht zum Einsturz gebracht. Wie kann sich etwas in Luft auflösen? Was nicht für Konsum- oder Kapitalgüter ausgegeben wird, muss immer noch für irgend etwas andres verwendet werden – nämlich für Kassenhaltung. Damit sind alle Möglichkeiten ausgeschöpft. Einkommen und Vermögen können nur in Konsum oder Investitionen oder in Kassenhaltung fließen.

Das von Keynes konstatierte Leck, der Überschuss von Ersparnis über Investitionen, besteht also in Einkommen, das zum Aufstocken der Geldhaltung (Geldhortung) verwendet wird. Aber eine derartige Zunahme der Geldnachfrage bleibt, wie bereits gezeigt wurde, ohne Einfluss auf Einkommen, Konsum oder Investitionen. Bei gegebenem Geldbestand bewirkt eine erhöhte Geldnachfrage nur einen Preisdruck auf Nicht-Geld-Güter. Wo ist also das Problem?[17]

Das nominale Einkommen, also das in Geldeinheiten gemessene, wird dann fallen; aber das Realeinkommen sowie die Relation von Konsum zu Investitionen bleiben unverändert. Und auf diesem Wege erhalten die Menschen, was sie wünschten, nämlich eine Erhöhung des Realwertes ihrer Geldbestände bzw. eine höhere Kaufkraft des Geldes.

Von Stagnation kann hierbei keine Rede sein, ebenso wenig wie von Austrocknen oder Leckverlusten. Und entsprechend hat Keynes auch keine Theorie der Stagnation vorgelegt (und damit auch keine darüber, wie man aus einer solchen wieder herauskommt). Letztlich hat er bloß einem völlig normalen Phänomen wie fallenden Preisen (verursacht durch gestiegene Geldnachfrage oder eine expandierende produktive Wirtschaft) einen schlechten Namen angehängt, indem er es als „Stagnation“ oder „Depression“ oder als Ergebnis mangelnder effektiver Nachfrage titulierte, um so einen weiteren Vorwand für seine Inflationspolitik zu finden.[18]

So steht es also um Keynes, den berühmtesten „Ökonom“ des 20sten Jahrhunderts. Auf der Grundlage irriger Theorien über Beschäftigung, Geld und Zins braut er eine fabulös falsche Theorie über den Kapitalismus und ein sozialistisches Paradies auf der Basis von Papiergeld.

 

[1] An dieser Stelle verspricht Keynes eine alternative Definition auf Seite 26; bezeichnenderweise findet sich dort keine ebenso wenig wie an andere Stelle im gesamten Buch!

[2] Mises stellt dazu fest: „Let us assume that there is only gold money and only one central bank. With the successive progress toward the state of an evenly rotating economy all individuals and firms restrict step by step their holding of cash and the quantities of gold thus released flow into nonmonetary — industrial — employment. When the equilibrium of the evenly rotating economy is finally reached, there are no more cash holdings; no more gold is used for monetary purposes. The individuals and firms own claims against the central bank, the maturity of each part of which precisely corresponds to the amount they will need on the respective dates for the settlement of their obligations. The central bank does not need any reserves as the total sum of the daily payments of its customers exactly equals the total sum of withdrawals. All transactions can in fact be effected through transfer in the bank’s books without any recourse to cash. Thus the ‚money‘ of this system is not a medium of exchange; it is not money at all; it is merely a numeraire, an ethereal and undetermined unit of accounting of that vague and indefinable character which the fancy of some economists and the errors of many laymen mistakenly have attributed to money“ (Mises [1949] 1966: 249).

[3] Keynes ist sich bewusst, dass Geld auch etwas mit Unsicherheit zu tun hat. Der hier dargestellte grundlegende Fehler seiner Geldtheorie kommt erneut zum Vorschein, wenn er Geld nicht in Beziehung zu Unsicherheit an sich setzt, sondern zur Unsicherheit bezüglich des Zinssatzes. Er schreibt: „The necessary condition [for the existence of money], is the existence of uncertainty as to the future rate of interest“ (Keynes 1936: 168–69). Siehe auch die folgende Diskussion.

[4] Zu den absurden Konsequenzen funktionaler statt kausaler Beziehungen siehe auch die Diskussion unten in Abschnitt II.3.

[5] Siehe dazu auch die lobenden Kommentare von Keynes zu merkantilistischen Wirtschaftskonzepten sowie ganz besonders zu S. Gesell als Vorläufer seiner Ansichten (Keynes 1936: 341, 355).

[6] Vgl. Hazlitt ([1959] 1973: 231–35). Auf den scheinbar offensichtlichen Einwand, dass die Ausweitung des Geldkredits, mittels derer Keynes den Zinssatz auf Null drücken möchte, letztlich nichts als eine bloße Vermehrung von Papier darstellt. Das Problem der Knappheit hingegen eine Angelegenheit „realer“ Güter bedeutet, die sich nur durch „wirkliche Ersparnisse“ überwinden lässt. Dies erwidert Keynes mit folgender komischer Antwort: „The notion that the creation of credit by the banking system allows investment to take place to which ’no genuine saving‘ corresponds“ (Keynes 1936: 82), das heisst, „the idea that saving and investment … can differ from one another, is to be explained, I think, by an optical illusion“ (a.a.O.: 81). „The savings which result from this decision are just as genuine as any other savings. No one can be compelled to own the additional money corresponding to the new bank-credit unless he deliberately prefers to hold more money rather than some other form of wealth“ (a.a.O.: 83). „The new money is not ‚forced‘ on anyone“ (a.a.O.: 328). Dazu stellt Henry Hazlitt fest: „On the same reasoning we can create any amount of new ’savings‘ we wish overnight, simply by printing that amount of new paper money, because somebody will necessarily hold that new paper money“ (Hazlitt [1959] 1973: 227).

[7] Vgl. Keynes (1936: 129ff., 336ff., 348ff.). Zu Keynes Rolle bei der tatsächlichen Abschaffung des Goldstandards siehe Hazlitt (1984).

[8] In einer Fußnote ergänzt er: „The 19th-century saying, quoted by Bagehot, that ‚John Bull‘ can stand many things, but he cannot stand 2 per cent.“ Zur Verschwörungstheorie von Keynes siehe auch Hazlitt ([1959] 1973: 316–18).

[9] Bei dem Sozialismus von Keynes handelt es sich allerdings nicht um die gleichmacherisch-proletarische Version der Bolschewisten. Dafür hatte Keynes nur Verachtung übrig. Sein Sozialismus war eher faschistischer oder nazistischer Art. Im Vorwort zur deutschen Ausgabe seiner Allgemeinen Theorie (die 1936 erschien) schreibt er: „Nevertheless the theory of output as a whole, which is what the following book purports to provide, is much more easily adapted to the conditions of a totalitarian state, than is the theory of production and distribution of a given output produced under conditions of free competition and a large measure of laissez-faire.“

[10] Zur keynesianischen Theorie der Stagnation vgl. Hansen (1941); zur Kritik daran vgl. G. Terborgh (1945) und Rothbard (1987).

[11] Keynes selbst bestätigt uns, dass „savings is by definition identical to investment“ (Keynes 1936: 63), „that the excess of income over consumption, which we call saving, cannot differ from the addition to capital equipment which we call investment“ (a.a.O.: 64). Dann muss aber ein gesunkener Anteil an Konsumausgaben definitionsgemäß mit mehr Investitionen einhergehen und diese bewirken ein größeren Einkommen in der Zukunft mit noch mehr Konsum absolut gesehen und noch mehr Ersparnisse und Investitionen sowohl absolut als auch relativ. – Wo, um Himmels Willen, liegt das Problem?

[12] Keynes schreibt, „If in a potentially wealthy community the inducement to invest is weak, then, in spite of its potential wealth, the working of the principle of effective demand will compel it to reduce its actual output, until, in spite of its potential wealth, it has become so poor that its surplus over its consumption is sufficiently diminished to correspond to the weakness of the inducement to invest“ (Keynes 1936: 31). Oder: „The greater, moreover, the consumption for which we have provided in advance, the more difficult it is to find something further to provide for in advance, and the greater, unfortunately, is the margin between our incomes and our consumption. So, failing some novel expedient, there is, as we shall see, no answer to the riddle, except that there must be sufficient unemployment to keep us so poor that our consumption falls short of our income by no more than the equivalent of the physical provision for future consumption which it pays to produce to-day“ (a.a.O.: 105).

[13] Oder, „the remedy would lie in various measures designed to increase the propensity to consume by the redistribution of incomes or otherwise“ (Keynes 1936: 324).

[14] Es ist bezeichnend für die keynesianische Philosophie des Überflusses, dass er auch hier die Dinge auf den Kopf stellt. Richtig lauteten die Definitionen:
Geleistete Produktion = Einkommen; Einkommen – Konsum = Ersparnis; Ersparnis = Investitionen.
Wo kommt bei Keynes das Einkommen her?

[15] Siehe dazu FN 6

[16] Zu Keynes Programm der dauerhaften Inflation siehe auch seinen Kommentar zum Konjunkturzyklus: „The right remedy for the trade cycle is not to be found in abolishing booms and keeping us permanently in a semi-slump; but in abolishing slumps and thus keeping us permanently in a quasi-boom“ (Keynes 1936: 322). Die Antwort auf Kreditexpansion lautet also noch mehr Kredite.

[17] Im Gegensatz zu den eingebildeten Befürchtungen von Keynes kann die Geldnachfrage niemals unendlich groß werden, weil ganz offensichtlich jeder irgendwann konsumieren muss (seinen Konsum nicht weiter in die Zukunft verschieben kann), und an diesem Punkt findet die Liquiditätspräferenz ihre Grenze.

[18] Ein zweites Element der Stagnationstheorie von Keynes ist ebenso falsch. Es mag ja möglich sein, dass Ersparnisse wie die gleichgroßen Investitionen mit steigenden Einkommen überproportional zunehmen – wobei sie aber niemals 100% betragen können. Aber eine derartige Situation sollte hinsichtlich des produzierten gesellschaftlichen Einkommens keine Sorgen bereiten. Es stimmt allerdings nicht, dass die Ersparnisbildung im Sinne von Horten mit zunehmendem Einkommen steigt, und entsprechend die größten Sickerverluste bei Reichen und in wohlhabenden Gesellschaften eintreten. Das Gegenteil ist wahr. Wenn das Realeinkommen steigt, weil die Wirtschaft, getragen durch zusätzliche Ersparnisse, expandiert, nimmt die Kaufkraft des Geldes zu (bei gegebenem Geldbestand). Bei höherer Kaufkraft des Geldes geht aber die Nachfrage nach Kassenbeständen zurück (bei gegebener Geldnachfragefunktion). Folglich sollte das Leck/Stagnations-Problem bei steigendem Wohlstand eher ab- als zunehmen.

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Professor Dr. Hans-Hermann Hoppe, Jahrgang 1949, ist einer der einflussreichsten Vertreter und konsequentesten Vordenker der libertären Lehre (Libertarians) der Österreichischen Schule in der Tradition von Ludwig von Mises (1881 – 1973) und Murray N. Rothbard (1926 – 1995). Er war von 1986 bis 2008 Professor für Volkswirtschaftslehre an der University of Nevada in Las Vegas. Hoppe ist Distinguished Fellow des Ludwig von Mises Institute, Auburn, US Alabama. Im Mai 2006 gründete er die Property and Freedom Society(http://propertyandfreedom.org/). Zu seinen Werken gehören unter anderem: A Theory of Socialism and Capitalism(Ludwig von Mises Institute, 1989), Demokratie. Der Gott, der keiner ist (Verlag Manuscriptum, 2003), Der Wettbewerb der Gauner: Über das Unwesen der Demokratie und den Ausweg in die Privatrechtsgesellschaft(Holzinger-Verlag, 2012). Zuletzt erschienen: The Great Fiction: Property, Economy, Society, and the Politics of Decline (Laissez Faire Books, 2012).

Professor Dr. Hans-Hermann Hoppe ist Mitglied im wissenschaftlichen Beirat des “Ludwig von Mises Institut Deutschland”.

Weitere Informationen zu und von Professor Dr. Hans-Hermann Hoppe auch auf “HansHoppe.com

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