Mises kontra Keynes (Teil 2)

12.1.2015 – Der folgende Beitrag Mises kontra Keynes von Hans-Hermann Hoppe ist dem Buch Dissent on Keynes, A Critical Appraisal of Economics  (Mark Skousen, Hg. (1992), New York, S. 199-223) entnommen und wird hier in drei Teilen veröffentlicht. Im heutigen Teil 2 der Serie werden die Abschnitte  I.3 bis I.4 veröffentlicht; Teil 1 finden Sie hier. Die Fortsetzung folgt am 26.1.2015. Übersetzung: Dr. Bernhard Pieper.

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Mises kontra Keynes

I.    Klassische Wirtschaftstheorie
I.1 Beschäftigung
I.2 Geld
I.3 Zins
I.4 Kapitalbildung und wirtschaftliche Entwicklung

II.    Keynesianische Ökonomie
I.1 Beschäftigung
I.2 Geld
I.3 Zins
I.4 Kapitalbildung und wirtschaftliche Entwicklung

 

I.3 Zins

Hans-Hermann Hoppe

Geldhaltung erfolgt wegen der prinzipiellen Unsicherheit, unter der menschliches Handeln steht. Der Zins hingegen gründet in der Zeitpräferenz, die ebenso wesenhaft mit menschlichem Handeln einhergeht wie Unsicherheit. Jeder Handelnde möchte nicht nur seine aktuelle Situation durch eine bessere ersetzen, wobei er eine Präferenz für ein Mehr an Gütern gegenüber einem Weniger offenbart, er kommt ferner dabei nicht umhin zu berücksichtigen, wann seine Ziele künftig erreicht sind (d.h. wie viel Zeit dafür benötigt wird) und wie lange der Nutzen aus den Gütern anhält. Folglich geht mit jeder Handlung eine universelle Präferenz für eine möglichst früh verfügbare sowie für eine möglichst lang anhaltende Güternutzung einher. Jede Handlung beansprucht für die Zielerreichung Zeit. Da nun der Mensch nicht gänzlich ohne Konsum auskommt, sondern irgendwann irgendetwas konsumieren muss, ist Zeit immer knapp. Gegenwartsgüter oder solche mit früher Verfügbarkeit werden daher ceteris paribus unweigerlich gegenüber solchen mit späterer Verfügbarkeit vorgezogen.[1]

Bestünde keine Zeitpräferenz und als einzige Handlungsbeschränkung nur die Präferenz für das Mehr gegenüber dem Weniger, würde sich der Mensch zwangsläufig für die Produktionsverfahren mit der maximalen Ausbringung je eingesetzter Einheit unabhängig von der erforderlichen Herstellungsdauer entscheiden. So würde z.B. Crusoe sofort mit dem Bau eines Fischtrawlers beginnen, als dem ökonomisch effizientesten Fischfangverfahren, anstatt zunächst mit einem Netz zu beginnen. Dass niemand, auch nicht Crusoe, derart verfährt, belegt, dass der Mensch nicht anders kann als „value fractions of time of the same length in a different way according as they are nearer or remoter from the instant of the actor’s decision“ (Mises [1949] 1966: 483).

Aufgrund dieser Beschränkung durch Zeitpräferenz ist der Mensch nur bereit, Gegenwartsgüter gegen künftige zu tauschen, wenn er dabei die verfügbare Menge künftiger Güter zu steigern vermag. Die Rate der Zeitpräferenz, die von Person zu Person und von Zeitpunkt zu Zeitpunkt verschieden sein mag, wobei sie bei jedem immer positiv ist, bestimmt gleichzeitig die Höhe der Prämie von Gegenwartsgütern gegenüber künftigen wie auch die Höhe der Ersparnisse und der Investitionen. Im Marktzins drücken sich all die individuellen Zeitpräferenzraten im Aggregat aus. Er spiegelt gleichsam die gesellschaftliche Zeitpräferenzrate wider, die die gesamtwirtschaftliche Ersparnis (d.h. Angebot an Gegenwartsgütern im Tausch gegen künftige) mit Investitionen (d.h. Nachfrage nach Gegenwartsgütern, die künftige Erträge bringen können) ins Gleichgewicht bringt.

Ohne Ersparnisbildung, also ohne Verzicht auf möglichen Konsum von Gegenwartsgütern (Überschuss an Produktion über laufenden Konsum), gäbe es keine Mittel für Kreditvergaben. Und Kreditnachfrage setzt voraus, dass es jemanden gibt, der Möglichkeiten sieht, diese Mittel so einzusetzen, dass der künftige Output den aktuellen Input übersteigt. Wenn also alle Gegenwartsgüter konsumiert würden und keine Investitionen in zeitraubende Produktionsverfahren erfolgten, dann gäbe es keine Zeitpräferenzrate. Oder besser gesagt, der Zins wäre unendlich hoch, was – außerhalb des Garten von Eden – gleichbedeutend wäre mit einer bloß animalischen Existenz des Von-der-Hand-in-den-Mund-Lebens, einer unmittelbaren Bedürfnisbefriedigung durch barer Hände Arbeit.

Angebot und Nachfrage nach Kreditmitteln entstehen nur  – so ist nun einmal die conditio humana – sofern erkannt wird, dass indirekte, umwegartige und länger andauernde Produktionsverfahren mehr Ertrag je Inputeinheit bringen können als kurze[2] und dass Ersparnisbildung es ermöglicht, für die verlängerte Wartezeit ausreichend Güter vorzuhalten zur Befriedigung der Bedürfnisse, die als zu dringend erachtet werden, um ihren Einsatz für eine weitere ertragssteigernde Produktionsverlängerung zu rechtfertigen (Mises [1949] 1966: 490ff).

Sobald diese Voraussetzungen erfüllt sind, setzt ein andauernder Kapitalbildungsprozess ein. Anstatt zur unmittelbaren Bedürfnisbefriedigung eingesetzt zu werden, erhalten die originären Produktionsfaktoren Land und Arbeit nun Unterstützung durch einen Produktionsüberschuss über den Konsum und werden auch zur Herstellung von Kapitalgütern eingesetzt, d.h. produzierter Produktionsfaktoren. Diese Güter besitzen keinen Wert außer dem, als mittelbare Güter für die spätere Herstellung von Endprodukten für die Konsumenten nutzbar zu sein. Die Herstellung von Konsumgütern mittels dieser (Kapital-)Güter ist „produktiv“ oder, was auf das Gleiche hinausläuft, wer diese Güter besitzt und mit ihnen produziert, ist der Verwirklichung seiner Ziele näher als der ohne sie.

Der Wertüberschuss (bzw. Preisüberschuss) eines Kapitalgutes über die zu seiner Herstellung anfallenden Ausgaben für komplementäre originäre Produktionsfaktoren ist auf diese Zeitdifferenz und das universelle Faktum der Zeitpräferenz zurückzuführen. Dieser Überschuss versteht sich als Preis für gekaufte Zeit, für die Möglichkeit, die letzten Ziele (Endprodukte) früher verwirklichen zu können, anstatt selbst ganz von vorne beginnen zu müssen. Die Zeitpräferenz stellt auch den Grund dafür dar, dass der Wert der Endprodukte immer über der Summe der Faktorentlohnung für ihre Herstellung liegen muss, d.h. über dem Preis für die Kapitalgüter und aller komplementären Arbeitsleistungen.

Je niedriger die Rate der Zeitpräferenz, desto früher setzt der Prozess der Kapitalbildung ein und desto schneller verlängert sich die Umwegstruktur der Produktion. Jeder Zuwachs am Kapitalstock und an Produktionsumwegen steigert die Grenzproduktivität der Arbeit. Dies führt zu mehr Beschäftigung und/oder höheren Löhnen, in jedem Fall aber (selbst wenn die Angebotskurve der Arbeit ab einer bestimmten Lohnhöhe eine negative Steigung annehmen sollte) zu einer höheren Lohnsumme (vgl. Rothbard [1962] 1970: 663ff). Ausgerüstet mit mehr Kapitalgütern, produzieren besser bezahlte Arbeitskräfte ein künftig höheres Sozialprodukt und vermehren somit nach dem Einkommen für die Beschäftigten zuletzt auch das aus Kapital- und Landbesitz.

Während der Zins (Zeitpräferenz) also in einer direkten praxeologischen Beziehung zu Beschäftigung und Einkommen steht, hat er nicht das geringste mit Geld zu tun. Zugegeben besteht in einer Geldwirtschaft ein monetärer Ausdruck für die soziale Zeitpräferenzrate. Aber das ändert nichts an der Tatsache, dass Zins und Geld systematisch unabhängig voneinander sind, nicht in Beziehung stehen und dass es sich beim Zins wesenhaft um eine reales und kein monetäres Phänomen handelt.

Im Gegensatz zum Geld würden Zeitpräferenz und Zins auch im Stadium eines allgemeinen, endgültigen Gleichgewichts nicht verschwinden. Denn auch im Gleichgewicht muss der bestehende Kapitalstock im Zeitverlauf erhalten bleiben (damit im Verlauf endloser Produktion keine Aufzehrung erfolgt). Dieser Kapitalerhalt ist aber nur möglich bei anhaltenden Spar- und Investitionsleistungen, die ihrerseits nur bei positivem Zins erfolgen. Bei einem Zinssatz von null erfolgte ein Kapitalverbrauch und man verließe die Gleichgewichtslage (vgl. Mises [1949] 1966: 530–32; Rothbard [1962] 1970: 385–86).

Bei Unsicherheit, wenn also Geldhaltung erfolgt, wird die Sache zwar komplexer, aber die praxeologische Unabhängigkeit von Geld und Zins bleibt erhalten. Unter dieser Bedingung bestehen drei anstatt zwei prinzipielle Möglichkeiten der Verwendung des laufenden Einkommens. Man muss sich nicht nur entscheiden zwischen dem Kauf von Gegenwartsgütern und solchen der Zukunft (d.h. zwischen Konsum und Investitionen), sondern obendrein noch hinsichtlich der Bargeldhaltung. Weitere Möglichkeiten bestehen nicht.

Während der Mensch seine Handlungen ständig entsprechend dieser drei Marginalbedingungen adjustiert, hängt das Ergebnis ausschließlich von zwei verschiedenen und praxeologisch unabhängigen Faktoren ab. Das Verhältnis von Investitionen zum Konsum bestimmt sich durch die Zeitpräferenz. Die Nachfrage nach Geldhaltung hingegen speist sich aus dem Nutzen, der im Geld gesehen wird (d.h. seine Nützlichkeit aus der Befähigung, zu einem noch unbekannten späteren Zeitpunkt jederzeit Güterdienste erwerben zu können). Beide Faktoren können sich unabhängig voneinander ändern.

Ebenso wenig wie auf andere Aspekte der Realwirtschaft hat das Niveau des Geldbestandes auch nicht den geringsten Einfluss auf den Zins, der durch die Zeitpräferenz bestimmt wird. Allerdings können Änderungen des Geldbestandes nicht nur die relativen Preise und Einkommen beeinflussen, sondern auch die realen Einkommen insgesamt senken, indem sie Booms und Rezessionen verursachen oder den Prozess der Wirtschaftlichkeitsrechnung verzerren.

Da Änderungen des Geldbestandes notwendig die Einkommensverteilung beeinflussen, variiert in der Folge auch die soziale Zeitpräferenzrate entsprechend der individuellen Zeitpräferenzraten der Frühbezieher des neuen Geldes relativ zu denen der Spätbezieher. Da aber unmöglich vorherzusehen ist, ob die gesellschaftliche Zeitpräferenzrate durch eine gegebene Geldmengenänderung steigt oder fällt, haben diese Änderungen keinen systematischen Einfluss auf die Zeitpräferenz bzw. den Zins.

Dasselbe gilt für die Geldnachfrage und ihre Wirkung auf die Zeitpräferenz. Wenn der keynesianische Albtraum vermehrter Geldhortung Wirklichkeit wird und das allgemeine Preisniveau sinkt, während die Kaufkraft des Geldes entsprechend steigt, bleibt dies ohne systematischen Einfluss auf die Relation von Konsum zu Investitionen. Dieses Verhältnis wird sich ebenso wie die sie bestimmende Zeitpräferenzrate unvorhersehbar ändern, in Abhängigkeit von den Zeitpräferenzen der Geldhorter und denen der Nichthorter und davon, wie die sich ändernde Geldnachfrage ihre Wirkung entfaltet, während sie sich durch die Märkte arbeitet.

In einer ungestörten Wirtschaft bestimmt sich der Zins einzig durch die soziale Zeitpräferenz (zu der beim individuellen Kredit noch ein Risikozuschlag erfolgt). Da der reale Zins der sozialen Zeitpräferenzrate entspricht, neigt der Markt beim Zins für Geld zu einem Aufschlag entsprechend der erwarteten Inflation, so dass Realzins und Zeitpräferenz sich angleichen. Der Zins auf Geldkredite tendiert in Richtung der Höhe der Rendite auf Investitionen, wobei letztere bestimmt wird durch die Zeitpräferenz plus Inflationsprämie. Wenn die Banken aber inflationäre Kredite vergeben, drückt das erhöhte Kreditangebot vorübergehend den Geldzins unter das Niveau des freien Marktes und löst dadurch einen inflationären Boom-Bust-Zyklus aus.

I.4  Kapitalbildung und wirtschaftliche Entwicklung

Hat sich Arbeitsteilung einmal etabliert und breitet sich im Rahmen der Entstehung eines allgemeinen Zahlungsmittels aus, bestimmt im wesentlichen die Zeitpräferenz den Prozess der wirtschaftlichen Entwicklung. Es spielen natürlich auch andere Einflussfaktoren hinein: Die Quantität und Qualität der Bevölkerung, die Ausstattung mit natürlichen Ressourcen, der Stand des technischen Wissens. Einschränkend gilt aber, dass die Qualität einer Gruppe von Menschen weitgehend jenseits jeglicher unmittelbarer Einflussnahmemöglichkeiten liegt und damit als gegeben zu erachten ist; die Bevölkerungsgröße kann sich auf die Wirtschaftsentwicklung positiv oder negativ auswirken, je nachdem, ob sie unter- oder oberhalb der für das jeweilige Territorium optimalen Größe liegt; die verfügbaren Ressourcen und das technische Wissen wirken sich nur in ökonomischer Hinsicht aus, sofern sie entdeckt und genutzt werden.

Damit dies erfolgt, müssen zuvor Ersparnisse und Investitionen gebildet worden sein. Tatsächlich beschränken nicht die Verfügbarkeit von Ressourcen und technisches oder wissenschaftliches Wissen den wirtschaftlichen Fortschritt, vielmehr ist es die Zeitpräferenz, die die Ausbeutung verfügbarer Ressourcen ebenso wie die Nutzung bestehenden Wissens limitiert (gleiches gilt für den wissenschaftlichen Fortschritt, sofern auch Forschungsleistungen durch Ersparnisse fundiert sein müssen).

Folglich besteht als einziger tragfähiger Weg zu mehr Wachstum der über Ersparnisbildung und Investitionen, die ihrerseits von der Zeitpräferenz abhängen. Letztlich gibt es zu diesem Weg zu mehr Wohlstand über eine Erhöhung der Kapitalintensität (des pro Kopf investierten Kapitals) keine Alternative. Nur so lässt sich die Grenzproduktivität der Arbeit erhöhen, und nur wenn dies gelingt, kann künftig das Einkommen zunehmen. Mit steigenden Realeinkommen geht die Zeitpräferenzrate zurück (ohne jedoch jemals auf null zu sinken oder gar negativ zu werden), was die Investitionen weiter anregt und so eine Aufwärtsspirale der ökonomischen Entwicklung in Gang setzt.

Es gibt keine Veranlassung zur Vermutung, dass dieser Prozess zum Stillstand kommt, bevor der Garten von Eden erreicht ist, wo es keine Knappheiten mehr gibt, es sei denn die Menschen entscheiden sich um und beginnen, mehr Freizeit höher zu schätzen als zusätzliches Realeinkommen. Ebenso wenig besteht ein Grund zur Vermutung, dass dieser Prozess der kapitalistischen Wirtschaftsentwicklung anders als fließend verläuft, d.h. die Wirtschaft nicht nur auf Änderungen von monetärer Seite flexibel reagiert, sondern auch auf solche der sozialen Zeitpräferenz. Solange die Zukunft unsicher ist, wird es dabei selbstverständlich immer unternehmerische Irrtümer, Verluste und Konkurse geben. Allerdings besteht kein systematischer Grund dafür, dass diese mehr als bloß temporäre Störungen verursachen könnten oder gar dramatisch um eine „natürliche Rate“ des wirtschaftlichen Scheiterns fluktuierten (vgl.  Rothbard 1983a: 12–17).

Die Dinge ändern sich nur bei Einführung einer marktfremden Institution wie etwa dem Staat. Eine solche vermag nicht nur unfreiwillige Arbeitslosigkeit zu verursachen, wie wir bereits gesehen haben. Ein solcher Akteur, der faktisch Eigentum an Ressourcen reklamieren kann, die er weder erschlossen noch produziert noch per freiwilligem Vertrag erworben hat, sorgt auch für eine höhere Zeitpräferenz bei den Enteigneten und damit für unfreiwillige Verarmung, Stagnation oder gar Depression. Einzig durch Regierungsinstitutionen kann die Menschheit von ihrem natürlichen Kurs in Richtung schrittweiser Befreiung von Knappheiten angehalten werden, lange bevor das Stadium freiwilligen Nullwachstums erreicht ist.[3] Und es ist auf die Anwesenheit staatlicher Institutionen zurückzuführen, dass der kapitalistische Entwicklungsprozess zyklisch verlaufen kann mit Auf- und Abschwungphasen (anstatt gleichmäßig).

Da die Regeln des Erwerbs und Transfers von Eigentum für ihn nicht gelten, strebt der Staat natürlicherweise ein Monopol über das Geld- und Bankwesen an, insbesondere wünscht er sich ungedecktes Geld – d.h. im Klartext ein Monopol auf Geldfälschung – um sich mittels der weniger verdächtigen Methode des Betrugs auf Kosten anderer zu bereichern, anstatt durch offene Enteignung (vgl. Rothbard 1983a; Hoppe 1989b).

Boom-Rezessions-Zyklen sind das Ergebnis eines betrügerischen Bankwesens auf Basis ungedeckten Geldes. Wenn das neu geschaffene Falschgeld als zusätzliches Kreditangebot in die Wirtschaft eingeschleust wird, muss der Zins unter das Niveau fallen, das er sonst hätte. Kredit wird also billiger. Bei einem niedrigeren Preis wird aber mehr Kredit nachgefragt und mehr Ressourcen in die Herstellung künftiger Güter investiert (anstatt in Gegenwartskonsum zu fließen) als andernfalls. Die Umwegstruktur des Produktionsapparates verlängert sich.

Um alle nun laufenden Investitionsprojekte vollenden zu können, ist mehr Zeit erforderlich, als ohne die Kreditexpansion nötig gewesen wäre. Nun müssen alle Güter, die ohne Kreditexpansion geplant waren, weiter produziert werden – plus die neu hinzugekommenen. Dies erfordert aber zusätzliches Kapital. Das Mehr an Zukunftsgüter lässt sich nur herstellen, wenn zusätzliche Ersparnisse als Mittel zur Überbrückung der verlängerten Wartezeit für die Arbeitnehmer bereit stehen. Aber annahmegemäß wurde diese Zusatzsparleistung nicht erbracht.

Der niedrigere Zins ist nicht Ergebnis eines größeren Kapitalangebots, denn die gesellschaftliche Zeitpräferenzrate änderte sich nicht. Er resultiert einzig aus dem Einspeisen von Falschgeld in den Kreditmarkt. Rein logisch folgt die Unmöglichkeit der Fertigstellung aller nach der Kreditexpansion laufenden Investitionsprojekte aus einem systematischen Mangel an Realkapital. Einzelne Projekte sind zu liquidieren, um die Produktionsstruktur zu verkürzen, in Wiederanpassung an die soziale Zeitpräferenzrate und der entsprechenden Relation von Investitionen und Konsum.

Die daraus folgenden zyklischen Schwankungen lassen sich auch nicht durch Antizipation vermeiden (ganz im Gegensatz zum Motto „ein antizipierter Zyklus ist ein vermiedener“). Es handelt sich vielmehr um praxeologisch notwendige Konsequenzen erfolgreichen Platzierens ungedeckter Kredite. Ist das erst einmal geschehen, wird ein Boom-Bust-Zyklus unvermeidlich, ganz unabhängig davon, was die Akteure richtiger- oder fälschlicherweise glauben oder erwarten. Monetäre Veränderungen führen den Zyklus herbei, aber er wirkt in die Sphäre realer Phänomene, und es handelt sich insofern um einen „realen“ Zyklus, gleichgültig welche Meinungen zum Geschehen vorherrschen.[4]

Es wäre unrealistisch zu erwarten, dass die aufgrund einer Kreditexpansion unvermeidlichen zyklischen Schwankungen jemals enden. Solange das Geldwesen unter der Kontrolle einer marktfernen Institution wie dem Staat steht, wird die Wirtschaftsentwicklung permanent durch eine Serie zyklischer Schwankungen geprägt sein. Denn die Schöpfung betrügerischen Kredits erlaubt es dem Staat, unverdächtig auf die Umverteilung von Einkommen und Vermögen zu seinen Gunsten einzuwirken. Es gibt keinen Grund für die Annahme (außer rein idealistische), dass eine Regierung aus eigenen Stücken freiwillig auf diesen Zauberstab verzichtet, bloß weil mit Kreditexpansionen der „unerfreuliche“ Nebeneffekt von Konjunkturzyklen einhergeht.

[1] Zur Theorie der Zeitpräferenz siehe W.S. Jevons (1965), E. von Böhm-Bawerk (1959), R. Strigl (1934), F.A. Fetter (1977) und R.B. Garrison (1979, 1988).

[2] Zu Vermeidung von Missverständnissen: Nicht alle längeren Produktionsverfahren sind produktiver als kürzere. Aber die Annahme, dass der Mensch unter dem Zwang der Zeitpräferenz sich der möglichst kurzen Verfahren bedient, bedeutet rein praxeologisch, dass eine Steigerung des gegebenen Output nur durch Verlängerung des Produktionsverfahrens erreicht werden kann.

[3] Zur destruktiven Rolle des Staates bei der Bildung von Wohlstand vgl. Rothbard (1977) und Hoppe (1989a).

[4] Vgl. auch R. Garrison 1988; zur Kritik am psychologischen Ansätzen zur Erklärung von Konjunkturzyklen (im Gegensatz zu praxeologischen) vgl. H. Hazlitt ([1959] 1973, 1984).

 

Literatur:

Böhm-Bawerk, Eugen von, 1959, Capital and Interest, Bd. 3, South Holland.
Fetter, Frank A., 1977, Capital, Interest, and Rent, Cansas City.
Garrison, Roger W., 1979, In Defense of the Misean Theory of Interest, in: Journal of Libertarian Studies, Jg. 3, H. 2, S. 141-150.
Garrison, Roger W., 1988, Rational Expectations Offers Nothing that’s New and True, in: Austrian Economics Newsletter, Jg. 6, H. 1.
Hazlitt, Henry, 1973 [1959], The Failure of the „New Economics“, 2. A., New Rochelle, NY.
Hazlitt, Henry, 1984, From Bretton Woods to World Inflation, Chicago.
Hoppe, Hans-Hermann, 1983, Kritik der kausalwissenschaftlichen Sozialforschung, Opladen.
Hoppe, Hans-Hermann, 1988, Praxeology and Economic Science, Auburn, AL.
Hoppe, Hans-Hermann, 1989 a, Theory of Socialism and Capitalism, Norwell, MA.
Hoppe, Hans-Hermann, 1989 b, Banking, Nation States, and International Politics, in: The Review of Austrian Economics 4, S. 55-87.
Jevons, W.S., 1965, Theory of Political Economy, New York.
Keynes, John Maynard, 1936, The General Theory of Employmen, Interest, and Money, London.
Menger, Carl, 1981, Principles of Economics, New York.
Mises, Ludwig von, 1966 [1949], Human Action: A Treatise on Economics, 3. A., Chicago.
Mises, Ludwig von, 1971, Theory of Money and Credit, Irvington-on-Hudson.
Mises, Ludwig von, 1978 a, On the Manipulation of Money and credit, Dobbs Ferry, NY.
Mises, Ludwig von, 1978 b, The Ultimate Foundation of Economic Science, Kansas City.
Mises, Ludwig von, 1981, Epistemological Problems of Economics, New York.
Mises, Ludwig von, 1985, Theory and History, Washington, DC.
Rothbard, Murray N., 1970 [1962], Man, Economy, and State, Los Angeles.
Rothbard, Murray N., 1977, Power and Market, Kansas City, MO.
Rothbard, Murray N., 1979, Individualism and the Philosophy of the Social Sciences, San Francisco.
Rothbard, Murray N., 1983 a,  Americas Great Depression, 4. A., New York.
Rothbard, Murray N., 1983 b, The Mystery of Banking, New York.
Strigl, Richard, 1934, Kapital und Produktion, Wien.

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Professor Dr. Hans-Hermann Hoppe, Jahrgang 1949, ist einer der einflussreichsten Vertreter und konsequentesten Vordenker der libertären Lehre (Libertarians) der Österreichischen Schule in der Tradition von Ludwig von Mises (1881 – 1973) und Murray N. Rothbard (1926 – 1995). Er war von 1986 bis 2008 Professor für Volkswirtschaftslehre an der University of Nevada in Las Vegas. Hoppe ist Distinguished Fellow des Ludwig von Mises Institute, Auburn, US Alabama. Im Mai 2006 gründete er die Property and Freedom Society (http://propertyandfreedom.org/). Zu seinen Werken gehören unter anderem: A Theory of Socialism and Capitalism (Ludwig von Mises Institute, 1989), Demokratie. Der Gott, der keiner ist (Verlag Manuscriptum, 2003), Der Wettbewerb der Gauner: Über das Unwesen der Demokratie und den Ausweg in die Privatrechtsgesellschaft (Holzinger-Verlag, 2012). Zuletzt erschienen: The Great Fiction: Property, Economy, Society, and the Politics of Decline (Laissez Faire Books, 2012).

Professor Dr. Hans-Hermann Hoppe ist Mitglied im wissenschaftlichen Beirat des “Ludwig von Mises Institut Deutschland”.

Weitere Informationen zu und von Professor Dr. Hans-Hermann Hoppe auch auf “HansHoppe.com

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