Mises kontra Keynes (Teil 1)

22.12.2014 – Der folgende Beitrag Mises kontra Keynes von Hans-Hermann Hoppe ist dem Buch Dissent on Keynes, A Critical Appraisal of Economics  (Mark Skousen, Hg. (1992), New York, S. 199-223) entnommen und wird hier in drei Teilen veröffentlicht. In Teil 1 der Serie werden die Abschnitte  I. bis I.2 veröffentlicht. Die Fortsetzung folgt am 12.1.2015. Übersetzung: Dr. Bernhard Pieper.

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Mises kontra Keynes

I.    Klassische Wirtschaftstheorie
I.1 Beschäftigung
I.2 Geld
I.3 Zins
I.4 Kapitalbildung und wirtschaftliche Entwicklung

II.    Keynesianische Ökonomie
I.1 Beschäftigung
I.2 Geld
I.3 Zins
I.4 Kapitalbildung und wirtschaftliche Entwicklung

 

I. Klassische Wirtschaftstheorie

Hans-Hermann Hoppe

Dieser Beitrag möchte einige grundlegenden Wahrheiten über die Funktionsweise einer Wirtschaft zurechtrücken und die Rollen erklären, die Beschäftigung, Geld und Zins dabei einnehmen. Diese Wahrheiten entstammen weder der Österreichischen Schule (der Nationalökonomie), noch sind sie ein integraler Bestandteil bloß dieser Denkrichtung.

Tatsächlich bilden die meisten von ihnen integrale Bestandteile der sogenannten klassischen Theorie und die Anerkennung ihrer Gültigkeit unterschied den Fachmann vom Schwätzer. Allerdings brachte die Österreichische Schule, insbesondere Ludwig von Mises und später Murray N. Rothbard, die klarste und umfassendste Darstellung dieser Wahrheiten hervor (Mises [1949] 1966; Rothbard [1962] 1970). Darüber hinaus hat diese Schule sie am konsequentesten verteidigt, indem sie nachwies, dass sich diese Wahrheiten von elementaren und unbestreitbaren Prämissen ableiten lassen (wie etwa dass der Mensch handelt und sich dessen auch bewusst ist). Damit widerspräche eine Leugnung dieser Wahrheiten nicht nur den Tatsachen, sondern käme, was noch viel wichtiger ist, einem logischen Selbstwiderspruch und einer Absurdität gleich.[1]

Zunächst folgt hier eine systematische Darstellung der Österreichischen Wirtschaftstheorie. Anschließend wende ich mich der „neuen“ Theorie von J. M. Keynes zu, die, wie er selbst ganz stolz feststellte, zur Tradition der ökonomischen „Unterwelttheorie“ zählt (wie Merkantilismus) sowie zu der ökonomischer Spinner wie S. Gesell (Keynes 1936). Ich werde zeigen, dass Keynes neue Ökonomik, wie die der Unterwelttradition, nichts als ein Gewebe logischer Irrtümer darstellt und auf verschleierndem Kauderwelsch, sich unter der Hand ändernden Definitionen und logischen Inkonsequenzen basiert, einzig dem Zweck dienend, einer Staatswirtschaft bzw. einem anti-marktwirtschaftlichen System Bahn zu brechen.

I.1 Beschäftigung

“Unemployment in the unhampered market is always voluntary” (Mises [1949] 1966: 599). Der Mensch arbeitet, weil er den daraus erwarteten Nutzen vorzieht gegenüber dem Leid aus Arbeit oder dem psychischen Ertrag aus dem Genuss von Freizeit. Er hört damit auf, sobald er Freizeit oder die Abwesenheit von Arbeitsleid höher bewertet als den Nutzenzuwachs, den weiteres Arbeiten erbrächte (Mises [1949] 1966: 611). Der sich selbst versorgende Produzent Robinson Cursoe kann offensichtlich nur freiwillig arbeitslos sein, nämlich weil er Untätigkeit und den Konsum von Gegenwartsgütern vorzieht, anstatt Arbeit in die Herstellung von künftigen Gütern zu stecken.

Das Bild ändert sich nur wenig mit dem Erscheinen von Freitag, wenn eine Wirtschaft auf Basis privater Eigentumsrechte etabliert wird. Das bedeutet eine gegenseitige Anerkennung exklusiven Eigentums an als knapp erachteten Ressourcen, die sich der einzelne angeeignet hat, indem er sie vor anderen mit eigener Arbeit kombinierte, sowie der mittels dieser hergestellter Produkte. Unter solchen Bedingungen entstehen nicht nur Tauschverhältnisse – Preise – für den Kauf oder die Miete materieller Güter, sondern auch von Preisen (Löhnen) für die Miete von Arbeitsleistungen.

Ein Beschäftigungsverhältnis entsteht immer dann, wenn der angebotene Lohn von den Arbeitern höher bewertet wird als der Nutzen aus Freizeit oder aus eigener Arbeitsleistung. Bei letzterem stehen dem Arbeiter drei Alternativen offen. Er kann

  1. als Selbstversorger bestehende Ressourcen nutzen oder bis dato submarginale Ressourcen einbeziehen und seine eigenen Produkte konsumieren;
  2. kapitalistischer Unternehmer werden und mit anderen Selbständigen in Tauschgeschäfte eintreten; oder
  3. ein kapitalistischer Unternehmer werden und seine Waren auf dem Markt gegen Geld verkaufen.

Die Beschäftigungsverhältnisse werden ebenso wie die Löhne zunehmen, solange die Unternehmer die bestehenden Löhne als niedriger erachten als das marginale Wertprodukt (diskontiert mit der Zeitpräferenzrate[2]), das eine zusätzliche Arbeitseinheit erwarten lässt. Andererseits entsteht Arbeitslosigkeit und diese nimmt so lange zu, wie der Grenznutzen aus Selbstbeschäftigung oder zusätzlicher Freizeit als höher erachtet wird als der gebotene Marktlohn, der seinerseits die Grenzproduktivität von Arbeitsdiensten widerspiegelt. Unter diesen Bedingungen gibt es rein logisch keinen Platz für so etwas wie „unfreiwillige Arbeitslosigkeit“.

Eine Person ist arbeitslos, d.h. nicht als Arbeitskraft angestellt, weil sie entweder den Genuss von Freizeit vorzieht oder als Selbständige für sich arbeitet. In beiden Fällen ist sie freiwillig arbeitslos. Aber kann es nicht sein, dass jemand auch in einer freien, ungestörten Marktwirtschaft im modernen Sinne „arbeitslos“ ist? Dass er also eine Anstellung sucht, aber keine findet? Solch eine Konstellation wirft einige Probleme auf. So könnte ich etwa die Position des Präsidenten der Harvard-Universität anstreben, aber der betroffene Arbeitgeber könnte sich aus obskuren Gründen weigern, mich dafür einzustellen. Dann könnte man sagen, ich sei „unfreiwillig arbeitslos“, aber damit beraubte man diesen Ausdruck jeder sinnvollen Bedeutung.

In jede Lohnvereinbarung müssen, wie bei allen Tauschgeschäften auf dem freien Markt, beide Parteien einwilligen, d.h. beide müssen freiwillig teilnehmen. Wenn die Hälfte der Erwerbspersonen auf die Idee käme und darauf bestünde, unbedingt als Präsident von Harvard und sonst nirgends angestellt werden zu müssen, dann wäre in der Tat die Hälfte minus eins der Erwerbspersonen „unfreiwillig“ arbeitslos. Aber drückte sich hier ein Versagen freier Märkte aus, wie Keynes es sah, oder liegt hier nicht vielmehr ein Versagen mentaler Art bzw. der Wertvorstellungen der Arbeitskräfte vor? Da eindeutig letzteres der Fall ist, müssen wir folgern, dass es sich hier um eine „freiwillige“ Arbeitslosigkeit im eigentlichen Sinne des Wortes handelt. Sie resultiert aus internen mentalen Vorgängen und Wahlentscheidungen der betroffenen Arbeitskräfte, wobei jeder von ihnen „freiwillig“ lieber Harvard-Präsident wäre als ohne Anstellung zu sein.

Ganz ähnlich, und nun nähern wir uns der Realität von Arbeitslosigkeit im Zuge einer Depression, können Arbeitnehmer darauf bestehen, nicht zu einem Lohn unterhalb einer bestimmten Grenze angestellt zu werden, d.h. sie erlegen sich selbst einen Mindestlohn auf. Dies passiert normalerweise im Verlauf einer konjunkturellen Rezession, wenn ein plötzlicher Einbruch der Arbeitsnachfrage eintritt, insbesondere in den Investitionsgüterbranchen, wie uns die Österreichische Theorie des Konjunkturzyklus lehrt. Dieser Rückgang ist Ausdruck der Tatsache, dass sich zu Beginn einer Rezession unvermittelt herausstellt, dass Unternehmen sich durch inflationäre Kreditexpansion mit resultierenden Niedrigzinsen unter dem Niveau des freien Marktes zu nicht tragfähigen Fehlinvestitionen haben hinreißen lassen. Derartige Investitionen treiben Löhne und andere Kosten  über das Niveau der wahren Zahlungsbereitschaft für diese Kapitalgüter bei profitablen Preisen.

Die Beendigung oder zumindest eine signifikante Verringerung der Kreditexpansion bringt die Fehllenkung dieser Investitionen ans Licht und verursacht jähe Verluste bei den Unternehmen, was deren Nachfrage nach Arbeit, Land und Rohmaterialien drastisch zurückgehen lässt. Normalerweise können die Preise für Landnutzung und für Waren/Dienste auf den Märkten frei fallen. Ein plötzlicher Rückgang der Löhne hingegen wird von den Beschäftigten meist nicht akzeptiert, so dass als Ergebnis eintritt, was immer erfolgt, wenn ein Mindestpreis oberhalb des markträumenden Preises liegt: Ein ungenutzter, unverkäuflicher Überschuss bei überhöhtem Preis.

Der Arbeitsmarkt funktioniert wie jeder andere Markt für Güter und Dienste: Ein künstlicher, über das markträumende Niveau festgelegter Mindestlohn bewirkt ein unverkäufliches Überangebot – hier unbeschäftigte Arbeit. Je schneller die Beschäftigten ein Fallen der Löhne erlauben, desto schneller wird die Arbeitslosigkeit verschwinden.

Noch einmal, wenn ich zu meinem Arbeitgeber an der Universität ginge und zum Bleiben auf einem Gehalt von einer Millionen Dollar p.a. bestünde, dann wünschte er mir Gottes Segen und ich solle machen, dass ich fortkomme. Wäre ich dann „unfreiwillig“ arbeitslos? In dem Sinne ja, als ich gerne meine aktuelle Stelle behielte bei einer Millionen Dollar Gehalt, und nur mein Arbeitgeber sich weigert, einen entsprechenden Vertrag einzugehen. Aber in dem Sinne nein, als ich mich dickköpfig weigerte, für weniger als einer Millionen Dollar p.a. zu arbeiten und stattdessen vorziehe, „freiwillig“ untätig zu sein. Anders ausgedrückt, selbst wenn ich das Untätigsein nicht genieße und lieber zu einer Millionen Dollar p.a. beschäftigt wäre, bin ich doch in dem schlüssigen Sinne freiwillig arbeitslos, als dies sich als Ergebnis meiner innerlichen mentalen Prozesse einstellt.

Offensichtlich unterscheidet sich eine Situation, in der es Arbeitnehmern schwer fällt, sich auf eine gesunkene Arbeitsnachfrage einzustellen, von meinem extremen, hypothetischen Fall nur hinsichtlich des Ausmaßes, nicht aber der Art nach. Ebenso wenig ist eine derartige Weigerung eines Arbeitnehmers bzw. solch ein selbst auferlegter Mindestlohn immer und notwendig Ausdruck von Verbohrtheit. In vielen Fällen kann es sich auch um eine spekulative Arbeitslosigkeit handeln. Der Arbeitnehmer wartet dabei, entweder um die Beschäftigungsart zu wechseln oder in eine andere Gegend zu ziehen oder um etwas Zeit zu überbrücken in der Erwartung, dass die Arbeitsnachfrage in seiner ehemaligen Beschäftigung wieder anziehen wird und er zu einem besseren Lohn wieder einsteigen kann. Derartige Erwartungen sind keineswegs immer töricht, sie können sich hin und wieder durchaus erfüllen. Aber, um es zu wiederholen: Er wäre eindeutig „freiwillig“ arbeitslos, auch wenn seine Erwartungen sich dann nicht bewahrheiten.[3] Mises schreibt:“

Unemployment is a phenomenon of a changing economy. The fact that a worker discharged on account of changes occurring in the arrangement of production processes does not instantly take advantage of every opportunity to get another job but waits for a more propitious opportunity … is not an automatic reaction to the changes which have occurred, independent of the will and the choices of the job-seekers concerned, but the effect of their intentional actions. It is speculative, not frictional. (Mises [1949] 1966: 600)

Das Gesagte bedeutet natürlich nicht, dass jegliche Arbeitslosigkeit „freiwillig“ ist, sondern nur die in einer freien und ungestörten Marktwirtschaft. Wenn das Marktgeschehen Zwängen unterworfen wird durch Intervention von außen, wenn z.B. eine Institution mit Zwangscharakter wie Gewerkschaften oder staatliche Einrichtungen Mindestlöhne über dem Niveau der Markträumung gebieten, dann entsteht „unfreiwillige“ Arbeitslosigkeit, und diese wird so lange anhalten, wie der Lohn über der Grenzproduktivität in der jeweiligen Beschäftigung liegt.

Eine weitere Art der Erzeugung von Arbeitslosigkeit durch Staatseingriffe besteht in der Subventionierung von Arbeitslosigkeit, indem die Arbeitskräfte für Arbeitslosigkeit bezahlt werden. Dies kann entweder in der Form direkter Arbeitslosenzahlungen erfolgen (meist steuerbefreit und somit höher in einer Nettobetrachtung) oder als Sozialhilfe. In beiden Fällen reduziert sich durch diese Subvention das psychische Nettoeinkommen aus Arbeit relativ  zum Freizeitgenuss dramatisch und der Anreiz, eine neue Arbeit aufzunehmen, verringert sich entsprechend. Mises bezeichnet diese Art der Arbeitslosigkeit treffend als „institutionelle“ Arbeitslosigkeit.

Folglich ist „unfreiwillige“ Arbeitslosigkeit rein logisch nur möglich bei einem grundlegenden Eingriff in das freie Marktgeschehen und wenn eine Person oder Institution eingeführt wird, die erfolgreich Kontrolle über Ressourcen ausüben kann, die sie weder selbst erschlossen noch im Rahmen eines freiwilligen Tausches erworben hat. Solch eine marktfremde Institution vermag durch Verordnung eines Mindestlohns oberhalb der Grenzproduktivität der Arbeit eine Vereinbarung zwischen den Anbietern von Arbeitsleistungen und Kapitalisten wirkungsvoll verhindern, die von beiden Seiten bevorzugt würde bei ungehinderter Verfügungsmacht über ihre jeweiligen Ressourcen. Der potentielle Arbeitnehmer wird dann unfreiwillig arbeitslos und der potentielle Arbeitgeber wird gezwungen, komplementäre Produktionsfaktoren umzuwidmen hin zu weniger wertschöpfenden Verwendungen.

Eine marktfremde Einrichtung vermag in der Tat grundsätzlich jedes beliebige Ausmaß an  unfreiwilliger Arbeitslosigkeit zu erzeugen. Ein Mindestlohn von z.B. einer Millionen Dollar pro Stunde machte praktisch jeden unfreiwillig arbeitslos und verurteilte so den Großteil der heutigen Bevölkerung zum Tode durch Verhungern. In Abwesenheit jeglicher Institutionen außer den Regeln des freien Marktes ist unfreiwillige Arbeitslosigkeit logisch unmöglich und es entspringt Wohlstand statt Verarmung.

I.2 Geld

Der Mensch engagiert sich in einer Tauschwirtschaft (anstatt in autarker Isolation zu verbleiben), sofern er die Produktivitätsvorteile eines arbeitsteiligen System erkennt und ein Mehr an Gütern gegenüber dem Weniger vorzieht. Aus seiner Teilnahme an Markttransaktionen erwächst das Bedürfnis nach einem Tauschmedium, nämlich Geld. Tatsächlich entfiele der Geldbedarf nur unter der völlig weltfremden Annahme, dass der Mensch die Zukunft perfekt voraussieht. Denn dann wären alle Unsicherheiten beseitigt. In dieser „Niemals-Welt“ des Gleichgewichts wären alle Bedingungen, Zeiten und Orte aller künftigen Transaktionen bekannt, man könnte sich entsprechend anpassen, und es gäbe nur direkten statt indirekten (mittels Geld) Tausch (vgl. Mises [1949] 1966: 244–50).[4]

Da der Mensch unausweichlich unter Unsicherheit lebt und all diese Dinge unbekannt sind, ist sein Handeln notwendig spekulativ. Er fragt Güter deshalb nicht ausschließlich wegen ihres unmittelbaren Nutzwertes nach, sondern auch wegen ihrer Eignung als Tauschmittel. Er wird auch Geschäfte eingehen, nur um an Güter zu gelangen, die marktgängiger sind als die eigenen, so dass deren Besitz die Möglichkeit eines künftigen Erwerbs direkt nutzbarer Güter und Dienste erleichtert.

Da der Zweck eines Tauschmediums genau darin besteht, künftige Käufe direkt nutzbarer Güter zu erleichtern, besteht darüber hinaus eine Präferenz für besser marktgängige oder gar universell tauschbare Güter gegenüber solchen mit eingeschränkter Handelbarkeit. Deshalb „there would be an inevitable tendency for the less marketable of the series of goods used as media of exchange to be one by one rejected until at last only a single commodity remained, which was universally employed as a medium of exchange; in a word, money” (Mises 1971: 32–33; Menger 1981). Und auf dem Weg zu diesem letzten Ziel des Herausfilterns des Geldes mit bester Tauschqualität schreitet die Arbeitsteilung voran, bei steigender Produktivität.

Ist jedoch erst einmal ein Gut als universelles Tauschmedium etabliert, in dem die Preise aller direkt genutzten Güter ausgedrückt werden  (wobei der Preis des Geldes in der (Kauf-)Kraft des Erwerbs von Nicht-Geld-Gütern besteht), endet der systematische Einfluss des Geldes auf Arbeitsteilung, Beschäftigung und Einkommensentstehung. Wenn Geld erst einmal eingeführt ist, ist jeder beliebige Geldbestand mit jedem beliebigen Niveau von Beschäftigung und realem Einkommen vereinbar. Es gibt dann niemals einen Bedarf für mehr Geld, weil jeder Bestand in der Lage ist, dasselbe Maximum an „Geldarbeit“ zu leisten, d.h. als allgemeines Tauschmedium zu dienen sowie als Recheneinheit für die Wirtschaftlichkeitskalkulation der Unternehmen.[5]

Jeder Geldmengenbestand ist demnach in dem Sinne optimal, als das Geldangebot sich indifferent bzw. neutral zum Prozess der Realwirtschaft verhält. Allerdings vermögen Änderungen des Geldangebots ungünstige oder gar verheerende Auswirkungen auf den Produktionsprozess zu zeitigen.

Angenommen der Geldbestand nimmt zu, dann werden im Allgemeinen die Preise und Löhne steigen sowie die Kaufkraft des Geldes sinken. Das neue Geld bleibt nur dann ohne Wirkung auf die Realwirtschaft, wenn die erhöhte Geldmenge die Kaufkraft des Geldes ohne Störung (d.h. völlig gleichmäßig) senkt. Tatsächlich wird in der Realität zusätzliches Geld aber immer nur an ganz spezifischen Stellen in die Wirtschaft geschleust und nicht überall gleichmäßig. Es arbeitet sich dann langsam durch die Märkte von den Frühbeziehern zu denjenigen, die es erst spät erreicht. Deshalb verändern in der realen Welt Geldmengenausweitungen immer die relativen Preise und damit auch die Verteilung von Einkommen und Vermögen. Aufgrund dieser notwendig eintretenden Änderungen der relativen Preise und der Verteilung, wirkt eine Geldmengenänderung niemals zu diesen neutral.

Wenn Geldmengenänderungen darüber hinaus auf dem Wege einer Expansion von Bankkrediten erfolgt, dann verursachen sie, wie die Österreichische Theorie des Konjunkturzyklus beweist, zwangsläufig Fehlinvestitionen und setzen mit Aufschwung und Rezession zyklische Wirtschaftsschwankungen in Gang. Obendrein vermögen derartige inflationäre Geldzuwächse noch weitere Schädigungen der Realwirtschaft herbeizuführen, indem sie die Wirtschaftlichkeitsrechnung der Unternehmen verzerren bzw. verfälschen, so dass das Wissen über die tatsächlichen Kosten verloren geht zusammen mit der Möglichkeit zur Prognose relativer Preise oder von Gewinn und Verlust.

Obwohl aber Geldmengenänderungen sich nicht neutral zum Preissystem oder zur Verteilung von Einkommen und Vermögen verhalten und eine inflationäre Kreditexpansion Fehlinvestitionen, falsche Wirtschaftlichkeitsrechnung sowie Konjunkturzyklen bewirkt, muss daraus nicht notwendig Arbeitslosigkeit erwachsen. Ein starker Lohnrückgang vermag – wie wir gesehen haben – auch in einer Depression jederzeit die Märkte zu räumen. Ein Rückgang der monetären Nachfrage braucht nicht zu einem Überangebot an Gütern oder Ressourcen zu führen, wenn die Preise sich frei nach unten zum Niveau der Markträumung anpassen.

Ebensowenig braucht ein Sinken der monetären Nachfrage nach Arbeitsleistungen Arbeitslosigkeit zu bewirken, sofern die Arbeiter bereit sind, markträumende Löhne zu akzeptieren, so dass jeder Arbeitswillige eine Beschäftigung findet. Wenn die Arbeiter dazu aber nicht bereit sind und in der Hoffnung auf bald wieder steigende Löhne auf Mindestlöhnen bestehen, lässt sich die folgende Arbeitslosigkeit bei ungestörten Märkten nur als „freiwillig“ bezeichnen. Sofern aber Gewerkschaften oder staatliche Institutionen eingreifen und die Lohnhöhe über der der Markträumung fixieren, dann entsteht – wie wir bereits gesehen haben – unfreiwillige Arbeitslosigkeit, und diese kommt dann noch zu den Problemen der Fehlinvestitionen und Konjunkturzyklen hinzu.

Änderungen der Geldnachfrage haben ganz ähnliche Auswirkungen wie die des Geldangebots, außer dass (a) sie keine Konjunkturzyklen auslösen und (b) sie anders als staatlich verordnetes, ungedecktes Geld auf Basis inflationärer Bankkredite nicht grenzenlos zunehmen kann bzw. nicht ansteigen kann bis zu dem Punkt, der eine galoppierende Inflation auslöst.

Folglich würde eine gestiegene Geldnachfrage, d.h. eine Höherbewertung der Geldhaltung relativ zu der anderer Güter, natürlich die relativen Preise und Einkommen ändern, weil die Nachfragesteigerung nicht bei allen Individuen gleich ausfiele und die entsprechenden Anpassungen sich erst langsam durch die Märkte arbeiten müssten.  Die höhere Nachfrage nach einem gegebenen Geldbestand würde die Preise und Löhne senken und die Kaufkraft des Geldes entsprechend steigern. Aber das muss sich keineswegs auf Beschäftigung und reales Einkommen auswirken.

[1] Zu den methodischen Grundlagen der Okonomie siehe Mises (1978b, 1981, 1985), Rothbard (1979), und Hoppe (1983, 1988); zur alternativen, positivistischen Position, nach der ökonomische Gesetze bloß Hypothesen darstellen, die der empirischen Bestätigung bedürfen (ganz analog zur Disziplin der Physik), siehe Friedman (1953).

[2] Zur Zeitpräferenz siehe Abschnitt I.3.

[3] “The individual believes that he will find at a later date a remunerative job in his dwelling base and in an occupation which he likes better and for which he has been trained. He seeks to avoid the expenditure and other disadvantages involved in shifting from one occupation to another. There may be special conditions increasing these costs…. In all these cases the individual chooses temporary unemployment because he believes that this choice pays better in the long run” (Mises [1949] 1966: 598–99).

[4] “In a system without change in which there is no uncertainty whatever about the future, nobody needs to hold cash. Every individual knows precisely what amount of money he will need at any future date. He is therefore in a position to lend all the funds he receives in such a way that the loans fall due on the date he will need them” (Mises [1949] 1966: 249; siehe auch Rothbard [1962] 1970: 280).

[5] Vgl. Rothbard ([1962] 1970: 669–71). “Goods are useful and scarce, and any increment in goods is a social benefit. But money is useful not directly, but only in exchanges…. When there is less money, the exchange-value of the monetary unit rises; when there is more money, the exchange-value of the monetary unit falls. We conclude that there is no such thing as ‘too little’ or ‘too much’ money, that, whatever the social money stock, the benefits of money are always utilized to the maximum extent” (Rothbard [1962] 1970: 670; siehe auch Rothbard 1983).

Literatur:

Hoppe. Hans-Hermann, 1983, Kritik der kausalwissenschaftlichen Sozialforschung, Opladen.
Hoppe. Hans-Hermann, 1988, Praxeology and Economic Science, Auburn, Arbeitslosigkeit.
Keynes, John Maynard. 1936, The General Theory of Employmen, Interest, and Money, London.
Menger, Carl, 1981, Principles of Economics, New York.
Mises, Ludwig von, 1966 [1949], Human Action: A Treatise on Economics, 3. A., Chicago.
Mises, Ludwig von, 1971, Theory of Money and Credit, Irvington-on-Hudson.
Mises, Ludwig von, 1978 b, The Ultimate Foundation of Economic Science, Kansas City.
Mises, Ludwig von, 1981, Epistemological Problems of Economics, New York.
Mises, Ludwig von, 1985, Theory and History, Washington, DC.
Rothbard, Murray N., 1970 [1962], Man, Economy, amd State, Los Angeles.
Rothbard, Murray N., 1979, Individualism and the Philosophy of the Social Sciences, San Francisco.
Rothbard, Murray N., 1983, The Mystery of Banking, New York.

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Professor Dr. Hans-Hermann Hoppe, Jahrgang 1949, ist einer der einflussreichsten Vertreter und konsequentesten Vordenker der libertären Lehre (Libertarians) der Österreichischen Schule in der Tradition von Ludwig von Mises (1881 – 1973) und Murray N. Rothbard (1926 – 1995). Er war von 1986 bis 2008 Professor für Volkswirtschaftslehre an der University of Nevada in Las Vegas. Hoppe ist Distinguished Fellow des Ludwig von Mises Institute, Auburn, US Alabama. Im Mai 2006 gründete er die Property and Freedom Society (http://propertyandfreedom.org/). Zu seinen Werken gehören unter anderem: A Theory of Socialism and Capitalism (Ludwig von Mises Institute, 1989), Demokratie. Der Gott, der keiner ist (Verlag Manuscriptum, 2003), Der Wettbewerb der Gauner: Über das Unwesen der Demokratie und den Ausweg in die Privatrechtsgesellschaft (Holzinger-Verlag, 2012). Zuletzt erschienen: The Great Fiction: Property, Economy, Society, and the Politics of Decline (Laissez Faire Books, 2012).

Professor Dr. Hans-Hermann Hoppe ist Mitglied im wissenschaftlichen Beirat des “Ludwig von Mises Institut Deutschland”.

Weitere Informationen zu und von Professor Dr. Hans-Hermann Hoppe auch auf “HansHoppe.com