Freiheit und Eigentum (Teil 1)

1.8.2016 – Der folgende Beitrag Freiheit und Eigentum von Ludwig von Mises wird hier in drei Teilen veröffentlicht. Ludwig von Mises hielt diese Rede während einer Konferenz der Mont Pelerin Society im Oktober 1958 an der Princeton University – hier finden Sie den englisch-sprachigen Originalbeitrag. Freiheit und Eigentum (Teil 2) wird am 8.8.2016 veröffentlicht. (Aus dem Englischen übersetzt von Florian Senne).

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Ludwig von Mises (1881 – 1973)

I.

Gegen Ende des achtzehnten Jahrhunderts herrschten zwei Vorstellungen von Freiheit vor, die sich beide sehr von den Vorstellungen unterschieden, wenn wir heute von persönlicher oder politischer Freiheit sprechen.

Bei der ersten dieser Vorstellungen handelte es sich um ein rein akademisches Konzept, das keinerlei Auswirkungen auf den politischen Alltag hatte. Es stammte aus Büchern der klassischen Antike, deren Studium damals das Fundament höherer Bildung war. Nach Ansicht der griechischen und römischen Autoren stand Freiheit nicht allen Menschen zu, sondern galt als Privileg der Minderheit, das der Mehrheit verweigert werden musste.

Bei dem, was die Griechen als Demokratie bezeichneten, handelte es sich um etwas völlig anderes als das, was beispielsweise Lincoln im Angesicht der heutigen Terminologie „Herrschaft durch das Volk“ nannte, nämlich um Oligarchie – um die Souveränität der mit vollen Rechten ausgestatteten freien Bürger in einer Gesellschaft, in der die Massen keine Bürgerrechte besaßen oder Sklaven waren. Selbst diese eher beschränkte Freiheit wurde nach dem vierten Jahrhundert vor Christus von den Philosophen, Historikern und Rednern nicht mehr als tatsächliche verfassungsmäßige Institution behandelt. Sie betrachteten sie als unwiederbringlich verlorenen Teil der Vergangenheit. Sie trauerten um diese vergangene goldene Zeit, aber sie wussten nicht, wie sie sie wieder zum Leben erwecken konnten.

Die zweite Vorstellung von Freiheit war nicht weniger oligarchisch, obwohl sie nicht von irgendwelchen literarischen Vorbildern inspiriert war. Dabei handelte es sich um die Bemühungen der landbesitzenden Adligen und manchmal der städtischen Patrizier, ihre Privilegien vor der wachsenden Macht der absolutistischen Könige zu schützen. In weiten Teilen Kontinentaleuropas trugen die absolutistischen Herrscher bei diesen Konflikten den Sieg davon. Nur in England und den Niederlanden setzten sich die Adligen und die städtischen Patrizier gegen die Herrscherdynastien durch. Aber sie erlangten keineswegs Freiheit für alle, sondern nur Freiheit für eine Elite – eine Minderheit.

Wir dürfen die Männer, die damals die Freiheit priesen, nicht als Heuchler verurteilen, weil sie sich nicht um die rechtliche Benachteiligung der Massen kümmerten und sogar Leibeigenschaft und Sklaverei aufrechterhielten. Sie sahen sich einem Problem gegenüber, dass sie nicht zufriedenstellend lösen konnten. Die traditionellen Systeme der Güterproduktion waren nicht in der Lage, eine ständig wachsende Bevölkerung zu ernähren. Für immer mehr Menschen war zu Zeiten der vorkapitalistischen Landwirtschafts- und Handwerksmethoden schlicht kein Platz mehr. Diese Überzähligen litten unter Hunger und Armut. Sie waren eine Bedrohung für den Fortbestand der hergebrachten Gesellschaftsordnung, und lange Zeit kam niemand auf die Idee einer neuen Ordnung, die diese armen Kreaturen hätte ernähren können. Es kam nicht in Frage, ihnen volle Bürgerrechte zu gewähren, und schon gar nicht, sie an den Staatseinnahmen zu beteiligen. Den Herrschern fiel keine andere Methode ein als Gewalt, um sie ruhigzustellen.

II.

Die vorkapitalistische Produktionsweise unterlag engen Beschränkungen. Ihre historische Grundlage waren militärische Eroberungen. Die siegreichen Könige teilten das Land unter ihren Rittern auf. Bei diesen Aristokraten handelte es sich um Herrscher im wortwörtlichen Sinn, da sie nicht auf die Kaufentscheidungen der Kunden am freien Markt angewiesen waren. Andererseits waren sie selbst die größten Kunden ihrer Betriebe, die im Gildensystem korporatistisch organisiert waren. Dabei handelte es sich um ein fortschrittsfeindliches System, das keine Abweichungen von den hergebrachten Produktionsmethoden zuließ. Landwirtschaft und Handwerk boten nur einer begrenzten Zahl von Menschen Arbeit. Unter diesen Bedingungen mussten viele Menschen, um es mit den Worten von Malthus zu sagen, feststellen, dass „am mächtigen Bankett der Natur kein freier Platz für sie war“ und dass „sie ihnen kundtat, zu verschwinden“[1]. Einige dieser Ausgestoßenen schafften es trotzdem, zu überleben, Kinder zu haben, und die Anzahl der Mittellosen weiter und weiter anwachsen zu lassen.

Aber dann kam der Kapitalismus. Üblicherweise wird stellvertretend für die radikalen Neuerungen des Kapitalismus die mechanisierte Fabrik als Ersatz für die primitiveren und weniger effizienten handwerklichen Herstellungsmethoden betrachtet. Dabei handelt es sich um eine sehr oberflächliche Betrachtungsweise. Das charakteristische Merkmal des Kapitalismus, das ihn von den vorkapitalistischen Herstellungsmethoden unterschied, waren seine neuen Vermarktungsmethoden. Beim Kapitalismus handelt es sich nicht einfach um Massenproduktion, sondern um Massenproduktion zur Befriedigung von Massenbedürfnissen.

Die Handwerker der guten alten Zeit kümmerten sich fast ausschließlich um die Bedürfnisse der Bessergestellten. Die Fabriken hingegen stellten billige Waren für alle her. Alle Erzeugnisse der frühen Fabriken waren für die Massen gedacht – dieselben Massen, die in den Fabriken arbeiteten. Sie dienten ihnen entweder direkt, indem sie für sie produzierten, oder indirekt, indem sie für den Export produzierten und so den Import von Nahrung und Rohstoffen aus dem Ausland für die Massen ermöglichten. Dieses Marketingprinzip war definierendes Merkmal sowohl des frühen als auch des heutigen Kapitalismus. Die Angestellten selbst stellen den größten Teil der Konsumenten aller produzierten Güter. Sie sind die souveränen Kunden, die „immer Recht haben“. Ihre Entscheidungen, zu kaufen oder nicht zu kaufen bestimmen, was produziert werden muss und in welcher Menge und Qualität. Indem sie kaufen, was ihnen am wichtigsten ist, sorgen sie dafür, dass manche Firmen profitabel sind und expandieren und andere Firmen Verluste machen und schrumpfen.

Das führt dazu, dass die Produktionsmittel stets in den Händen derjenigen Geschäftsleute sind, die die Bedürfnisse der Menschen am erfolgreichsten befriedigen. Im Kapitalismus erfüllt der Privatbesitz der Produktionsmittel einen gesellschaftlichen Zweck. Die Unternehmer, Kapitalisten und Grundbesitzer haben im Kapitalismus ein Mandat der Konsumenten, und dieses Mandat kann jederzeit widerrufen werden. Um reich zu sein, ist es nicht ausreichend, einmal gespart und Kapital angehäuft zu haben. Man muss es fortwährend genau dort investieren, wo es den Bedürfnissen der Konsumenten am dienlichsten ist. Beim Marktgeschehen handelt es sich um eine täglich wiederholte Volksabstimmung, die zuverlässig diejenigen aus den Reihen der erfolgreichen Geschäftsleute entfernt, die es nicht schaffen, ihr Eigentum gemäß den Befehlen der Öffentlichkeit einzusetzen. Die Geschäftsleute, Ziel des fanatischen Hasses aller zeitgenössischen Regierungen und selbsternannten Intellektuellen, erreichen und erhalten Größe nur, indem sie für die Massen arbeiten. Die Firmen, die sich um die Luxusbedürfnisse der wenigen kümmern, werden nie wirklich groß.

Der größte Fehler der Historiker und Politiker des neunzehnten Jahrhunderts bestand darin, dass sie übersahen, dass die Arbeiter die Hauptkonsumenten der Industrieerzeugnisse waren. In ihren Augen schufteten die Arbeiter ausschließlich zum Nutzen einer parasitären Ausbeuterklasse. Sie erlagen der Fehleinschätzung, die Fabriken hätten das Los der Arbeiter verschlechtert. Wenn sie auch nur flüchtig die Statistiken betrachtet hätten, wäre ihnen ihre Fehleinschätzung sofort aufgefallen. Die Kindersterblichkeit sank, die Lebenserwartung stieg, die Bevölkerung wuchs dramatisch, und der Durchschnittsbürger konnte sich Dinge leisten, von denen selbst die Bessergestellten früherer Zeiten nicht einmal zu träumen gewagt hätten.

Diese noch nie dagewesene Bereicherung der Massen war jedoch nur ein Nebenprodukt der Industriellen Revolution. Ihr wichtigster Erfolg lag in der Übertragung der wirtschaftlichen Macht von den Landbesitzern auf die Gesamtheit der Bevölkerung. Der gewöhnliche Mann war nicht länger ein Arbeitssklave, der sich mit den Resten zufriedengeben musste, die vom Tisch der Reichen fielen. Die drei Paria-Kasten, die charakteristisch für die vorkapitalistische Zeit waren – die Sklaven, die Leibeigenen und diejenigen, die kirchliche und scholastische Autoren sowie die britische Gesetzgebung vom sechzehnten bis zum neunzehnten Jahrhundert als Arme bezeichneten – verschwanden. Ihre Nachfahren wurden in dieser neuen Geschäftswelt nicht nur zu freien Arbeitern, sondern auch zu Konsumenten. Dieser radikale Wandel spiegelte sich in der Bedeutung wieder, die die Geschäftswelt den Märkten beimaß. Die Geschäftswelt benötigt zu allererst Märkte und als nächstes wieder Märkte. Märkte waren das bestimmende Wort der kapitalistischen Unternehmer. Märkte, das waren Kunden, Käufer, Konsumenten. Im Kapitalismus gibt es genau einen Weg zu Reichtum: dem Konsumenten besser und billiger zu dienen als andere.

Im Betrieb und in der Fabrik ist der Besitzer – oder bei großen Firmen der Vertreter der Aktionäre, der Präsident – der Chef. Aber seine Dominanz ist nur oberflächlich und an Bedingungen geknüpft. Sie unterliegt der absoluten Herrschaft der Konsumenten. Der Konsument ist der König, der wahre Chef, und der Hersteller ist erledigt, wenn er es nicht schafft, die Konsumenten besser als seine Mitbewerber zufriedenzustellen.

Diese gewaltige wirtschaftliche Transformation hat das Gesicht der Welt verändert. Sie sorgte schon bald dafür, dass die politische Macht von einer privilegierten Minderheit auf das Volk überging. Das Erwachsenenwahlrecht folgte bald auf das Konsumentenwahlrecht. Der gemeine Mann, dem die Märkte die Macht verliehen hatten über die Unternehmer und Kapitalisten zu bestimmen, erwarb vergleichbare Macht über die Regierung. Er wurde zum Wähler.

Bedeutende Ökonomen, zuerst glaube ich der verblichenen Frank A. Vetter, haben festgestellt, dass in der Demokratie des Marktes jeder Penny eine Stimme ist. Es wäre richtiger zu sagen, dass die repräsentative Demokratie einen Versuch darstellt, die Staatsangelegenheiten ähnlich dem Modell des freien Marktes zu organisieren, was aber nie erreicht werden kann. Im Reich der Politik wird sich stets der Wille der Mehrheit durchsetzen, und die Minderheit muss sich beugen. Den Minderheiten ist auch gedient, vorausgesetzt, sie sind nicht vernachlässigbar klein. Die Bekleidungsindustrie hingegen produziert nicht nur für normale Menschen, sondern auch für Beleibte, und die Verlage veröffentlichen nicht nur Western und Detektivgeschichten für die Massen, sondern auch Bücher für anspruchsvolle Leser.

Es gibt einen weiteren wichtigen Unterschied. Auf dem Feld der Politik gibt es für Einzelne oder kleine Gruppen keine Möglichkeit, sich dem Willen der Mehrheit zu wiedersetzen. Auf dem Feld der Ideen hingegen ermöglicht die Institution des Privateigentums auch Rebellen, zu existieren. Der Rebell muss einen Preis für seine Unabhängigkeit zahlen; in dieser Welt gibt es nichts umsonst. Wenn ein Mann aber dazu bereit ist, steht es ihm frei, von der herrschenden Orthodoxie oder der Neo-Orthodoxie abzuweichen. Wie wäre es wohl Heretikern wie Kierkegaard, Schopenhauer, Veblen oder Freud im Sozialismus ergangen? Wie wäre es Monet, Courbet, Walt Whitman, Rilke oder Kafka ergangen? Zu allen Zeiten konnten Pioniere ihre neuen Ideen nur entwickeln, weil Privateigentum die Missachtung des Mehrheitsweges ermöglichte. Nur wenige dieser Separatisten waren wirtschaftlich unabhängig genug, um sich in den Augen der Mehrheit gegen den Staat durchzusetzen. Aber sie fanden in der freien Wirtschaft stets Menschen, die bereit waren, sie zu unterstützen und ihnen zu helfen. Was hätte Marx ohne seinen Gönner, den Fabrikanten Friedrich Engels, getan?

„Freiheit und Eigentum (Teil 2)“ wird am 8.8.2016 veröffentlicht.

[1] Thomas R. Malthus, Essay on the Principles of Population, 2nd ed. (London, 1803), Seite 531.

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Ludwig von Mises, geb. 1881 in Lemberg, war der wohl bedeutendste Ökonom und Sozialphilosoph des 20. Jahrhunderts. Wie kein anderer hat er die (wissenschafts)theoretische Begründung für das System der freien Märkte, die auf unbedingter Achtung des Privateigentums aufgebaut sind, und gegen jede Form staatlicher Einmischung in das Wirtschafts- und Gesellschaftsleben geliefert. Seine Werke sind Meilensteine der Politischen Ökonomie. Das 1922 erschienene “Die Gemeinwirtschaft” gilt als erster wissenschaftlicher und umfassender Beweis für die “Unmöglichkeit des Sozialismus”. Sein Werk “Human Action” (1949) hat bei amerikanischen Libertarians den Rang einer akademischen “Bibel”. Mises war Hochschullehrer an der Wiener Universität und Direktor der Österreichischen Handelskammer. Ab 1934 lehrte er am Institut des Hautes Etudes in Genf. 1940 Übersiedlung nach New York, wo er nach weiteren Jahrzehnten der Lehr- und Gelehrtentätigkeit 1973 im Alter von 92 Jahren starb.

 

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