Tohuwabohu beim Zins (Teil 2)

30.9.2015 – von Frank Hollenbeck.

[„Tohuwabohu beim Zins (Teil 1)“ ist am 28.9.2015 erschienen – Sie finden den Beitrag hier.]

Frank Hollenbeck

Nach der Dotcom-Krise 2001 wurden die Zinsen auf 1 % gesenkt, und dann langsam über 4 Jahre auf 5 % angehoben. Diese ängstliche Politik schuf eine massive Blase auf dem Immobilienmarkt, die 2008 schließlich platzte. Statt aus der Vergangenheit zu lernen, gab es danach noch mehr von den gleichen gescheiterten Rezepten. Die Zinsen wurden auf 0 % gesenkt und befinden sich seitdem auf diesem Niveau, und es ist kaum ein politischer Wille erkennbar, sie auch nur minimal anzuheben.

Wir befinden uns nun am Vorabend einer weiteren großen Finanzkrise, und trotzdem verstehen Ökonomen (mit Ausnahme der Anhänger der Österreichischen Schule) immer noch nicht, welche Rolle Zinsen in einer kapitalistischen Wirtschaftsordnung spielen. Um nicht die ökonomischen Fehler der Vergangenheit zu wiederholen, müssen wir verstehen, welche falschen Schlussfolgerungen uns zu diesen Fehlern geführt haben.

Die Rolle der Zinsen ist bei weitem die wichtigste und die am meisten missverstandene in der Makroökonomie. Die meisten Doktorandenprogramme sollten einen Kurs beinhalten, der sich ausschließlich der Geschichte, der Bedeutung und den wirtschaftlichen Folgen der Manipulation der Zinsen widmet – das ist aber nicht der Fall. Stattdessen wird hauptsächlich gelehrt, dass der Zins nur eines unter vielen nötigen Werkzeugen im geldpolitischen Werkzeugkasten der Zentralbanken sind.

Die Wirtschaft ist jedoch kein Auto, und Zinsen sind nicht das Gaspedal. Zinsen sind die wichtigsten Preise in einer Wirtschaft, da sie die Produktion einer Gesellschaft mit deren Zeitpräferenz des Verbrauchs über die Zeitschiene hinweg in Einklang bringen. Die Manipulation der Zinssätze kann nur Missverhältnisse verursachen zwischen dem, was in verschiedenen Zeitabschnitten produziert wird, und dem, was produziert werden sollte. Eine Depression ist dann unvermeidlich, um die zeitliche Dimension der Produktionsmenge wieder mit der Nachfrage in Einklang zu bringen.

Keynesianern und Monetaristen zufolge sind Zinsen ein rein monetäres Phänomen. Einflussfaktoren aus der Realwirtschaft spielen keine Rolle bei der Bestimmung der Zinssätze. Änderungen der Zinssätze können hingegen realwirtschaftliche Faktoren beeinflussen. Aus irgendwelchen Gründen sehen diese Ökonomen nicht den Widerspruch dieser Sichtweise. Falls eine Änderung der Zinssätze die Realwirtschaft beeinflussen kann, muss logischerweise das ursprüngliche Zinsniveau realwirtschaftliche Faktoren beeinflusst haben oder durch sie beeinflusst worden sein.

Mises hatte 1912 folgendes über unsere derzeitigen aufgeklärten ökonomischen Ideen zu sagen:

„Der Zins ist ihr [dieser Lehre] eine Vergütung für die zeitliche Überlassung von Geld im weiteren Sinne. Wahrlich eine Anschauung, deren Naivität durch nichts übertroffen werden kann. Mit Recht ist die wissenschaftliche Kritik über sie hinweggeschritten; lohnt es doch kaum, sie auch nur flüchtig zu erwähnen. Man wird freilich die Feststellung nicht unterdrücken können, daß gerade diese Ansichten über das Wesen des Zinses in den populären Meinungen einen weiten Raum einnehmen und daß sie immer wieder von Neuem vorgetragen und als Grundlage für Maßregeln der Bankpolitik empfohlen werden.“

Diese ausschließlich monetäre Betrachtung des Zinses beruht auf Keynes‘ Theorie der Liquiditätspräferenzen. Der Zins wird bestimmt durch den Schnittpunkt der Angebots- und Nachfragekurven bezüglich der Geldhaltung (Horten). Jedoch ist weder das Angebot von noch die Nachfrage nach Bargeld (Horten) abhängig vom Zinssatz (Erklärung siehe hier). Deshalb können die beiden auch nicht verantwortlich für die Höhe des Zinses sein.

Keynes war erfüllt von einem intuitiven Hass auf, wie er sie nannte, „Rentiers“ – Menschen, die ihren Lebensunterhalt bestreiten, in dem sie sich zurücklehnen und Zinsen kassieren. Um die Rentiers anzugreifen, musste er auch jede Vorstellung von wirtschaftlicher Rechtfertigung für positive Zinssätze angreifen. Seine Liquiditätspräferenztheorie hatte wenig mit vernünftigen ökonomischen Überlegungen zu tun, sondern diente vielmehr dazu, eine Theorie zu entwickeln, die eine politische Überzeugung rechtfertigen sollte: die „Euthanasie des Rentiers“.

In Wahrheit bestimmt der Urzins, wo sich Nachfrage und Angebot für verleihbare Mittel treffen. Es ist nicht andersherum, wie viele Ökonomen immer noch glauben und auch lehren, in dem sie die Nachfrage- und Angebotskurven zuerst zeichnen, statt zum Schluss. Es ist der Zins, der zuerst kommt, und dann werden Nachfrage- und Angebotskurven gezeichnet, so dass sie sich bei diesem Zins überschneiden.

Es gibt eine natürlich Neigung dazu, gegenwärtigen Konsum zukünftigem Konsum vorzuziehen. Der Urzins ist die ökonomische Manifestierung des Phänomens der Zeitpräferenz. Er ist Ausdruck des Verhältnisses vom Wert gegenwärtigen Konsums zum Wert zukünftigen Konsums. Er ist kein Preis, aber er kann vom Konzept her als Preis der Zeitpräferenz betrachtet werden.

Mises bewies dieses Charakteristikum des Urzinses mit einer kontrafaktischen Überlegung. Gäbe es keine Zeitpräferenz, würden heute produzierte Güter genau so hoch bewertet werden wie in zehn oder in tausend Jahren produzierte Güter. Ein Wirtschaftsgut, das ununterbrochen Konsumgüter produziert, wie beispielsweise Land, würde einen unendlich hohen Wert besitzen. Nachdem für Land aber regelmäßig Preise unterhalb des Unendlichen aufgerufen werden, muss eine Zeitpräferenz für Konsumgüter existieren, bei der früher produzierte Güter höher bewertet werden als später produzierte Güter. Den tatsächlichen Zins (die Ertragskurve) erhält man, wenn man dem Urzins einen Auf- oder Abschlag für Preisveränderungen (um einen Ausgleich für Veränderungen beim Bewertungsmaßstab des Geldes zu schaffen) und einen Aufschlag für das Risiko des Zahlungsausfalls oder der Unsicherheit hinzufügt (unternehmerischer Gewinn für das Eingehen von Risiken).

Obwohl Keynes das klassische Konzept der Zeitpräferenz verwarf, bezog er sich in Allgemeine Theorie der Beschäftigung, des Zinses und des Geldes ständig auf einen „Zeitabschlag“. Dies ist nur einer von Keynes` zahlreichen Widersprüchen.

Ein Kapitalist hat stets viele Möglichkeiten für den Einsatz seiner Güter. Er muss entscheiden, welche die profitabelste unter ihnen ist. Er betrachtet den gegenwärtigen Wert der verschiedenen Einkommensflüsse und wählt denjenigen mit dem höchsten Gegenwartswert. Wenn es sich bei dem Gut beispielsweise um einen Morgen Land handelt, könnte er dort Bergbau, Land- oder Forstwirtschaft betreiben. Wenn der Zinssatz 5% beträgt, könnte der Einkommensfluss den Bergbau als die Möglichkeit mit dem höchsten Gegenwartswert bestimmen. Eine weitere Möglichkeit mögen Landwirtschaft mit 4,5% oder Forstwirtschaft mit 4% sein. Der Urzins (Teil der 5%) als Preis der Zeitpräferenz ist der wichtigste Preis in einer kapitalistischen Wirtschaftsordnung. Er hilft dabei, die Produktion mit der Nachfrage der Gesellschaft über die Zeit hin zu koordinieren. Wie der Ökonom Irving Fisher schrieb: „So bewirkt eine Veränderung des Zinssatzes eine Veränderung in der Wahl der Einkommensart. Ein hoher Zinssatz wird Investitionen in Unternehmungen mit Aussicht auf schnelle Erfolge ermutigen, wohingegen ein niedriger Zinssatz zu Investitionen in Unternehmungen führt, deren Erfolg in weiter Ferne liegt.“

Nehmen wir nun an, der Urzins beträgt 3 % bei einem Zinssatz von 5 %. Mit diesem Preis signalisiert die Gesellschaft, dass sie Bergbau höher bewertet als die beiden Alternativen. Mit anderen Worten werden die Bedürfnisse der Gegenwart und der Zukunft durch die Nutzung des Landes für Bergbau am besten befriedigt. Jetzt nehmen wir an, die Zentralbank senkt den Zinssatz mit der Druckerpresse zeitweilig auf 4 %. Der Morgen Land wird für Forstwirtschaft verwendet. Das Drucken von Geld aber hat die Zeitpräferenzrate oder die wirtschaftliche Manifestierung der Zeitpräferenz, den Urzins, nicht verändert. Zeitpräferenzen sind absolut immun[1] gegen Einflüsse von außen und werden durch die menschliche Natur bestimmt. Es hat nichts an dem geändert, was die Gesellschaft wirklich gerne produziert hätte. Das Drucken hat lediglich einen Keil zwischen das, was die Gesellschaft gerne produziert hätte und das, was wirklich produziert wird, getrieben. Gelddrucken führt zur Fehlallokation von Ressourcen, und je länger gedruckt wird, desto größer die Fehlallokation. Sobald einem klar wird, dass Rezessionen niemals ein Problem der Nachfrage sind (siehe Erklärung hier), sondern darin begründet sind, dass das Angebot nicht auf die Nachfrage eingestellt ist, erkennt man die Idiotie darin, eine Geldpolitik zu verfolgen, die diese Fehler noch vergrößert.

Viele Ökonomen sagen „diesmal ist es anders, wir kennen uns jetzt besser aus“, aber es ist immer dasselbe. Die Geschichte wiederholt sich, und Gelddrucken führt unweigerlich zu Hyperinflation, sozialen Unruhen und Krieg. Wir lernen es anscheinend nie!

[1] In Human Action erklärt Mises, wie inflationäre oder deflationäre Perioden den Urzins durch Veränderungen der Einkommens- und Vermögensverteilung verschiedener Teile der Bevölkerung beeinflussen können. Des weiteren bemerkt er, dass es wahrscheinlich viele verschiedene Urzinssätze gibt, da „nichts die Annahme rechtfertigen würde, dieser Abschlag auf Befriedigungen in fernerer Zukunft bewege sich kontinuierlich und gleichmäßig“.

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Aus dem Englischen übersetzt von Florian Senne. Der Originalbeitrag mit dem Titel Confusions About Interest Rates Part 2 ist am 10.9.2015 auf der website des Mises-Institute Canada erschienen.

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Dr. Frank Hollenbeck lehrt Volkswirtschaft an der “International University” in Genf, Schweiz.

 

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