Kapital und Kapitalismus – Die Rolle der Wirtschaftsrechnung in der Marktwirtschaft
24. April 2026 – von Eduard Braun
Der Beitrag ist der Einleitung des neuen Buches „Capital and Capitalism – The Role of Economic Calculation in the Market Economy“ von Eduard Braun entnommen und wurde vom Autor gekürzt und angepaßt. Das Buch steht hier zum kostenlosen Herunterladen zur Verfügung.
Wenn man nach der sprachlichen Logik geht, ist der Kapitalismus ein Wirtschaftssystem, in dem das Kapital eine zentrale Rolle spielt. Welche Rolle ist es nun aber, die es sinnvoll erscheinen läßt, Marktwirtschaften mit dem Adjektiv „kapitalistisch“ zu bezeichnen? Wenn Volkswirte auf diese Frage eine Antwort hätten, würden sie einiges zu unserem Verständnis sowohl des Kapitals als auch des Kapitalismus beitragen. Bisher haben sie dies jedoch kaum getan.
Selbst die Österreichische Schule der Nationalökonomie, in der einige der glühendsten Verteidiger des Kapitalismus zu Hause sind, hat es nicht geschafft, sich auf einen Ansatz der Kapitaltheorie zu einigen, der zugleich eine Erklärung dafür wäre, wie der Kapitalismus funktioniert. Überraschenderweise definieren zentrale Beiträge zur österreichischen Kapitaltheorie Kapital auf eine Weise, die mit dem Kapitalismus überhaupt nichts zu tun hat und uns deshalb dieses System nicht verstehen lassen kann. Sowohl Eugen von Böhm-Bawerk als auch Friedrich von Hayek verstehen unter Kapital z.B. Rohstoffe, Werkzeuge und Maschinen, also sogenannte Zwischenprodukte. Diese kommen jedoch in fast allen Produktionsprozessen vor und sind keineswegs kennzeichnend oder sogar grundlegend für den Kapitalismus. Böhm-Bawerk und Hayek verwendeten sogar das Adjektiv „kapitalistisch“ in einer Weise, die mit dem Kapitalismus überhaupt nichts zu tun hat. Es bezieht sich auf die Zwischenstufen im Produktionsprozeß, nicht auf den Kapitalismus als Wirtschaftssystem.
Auch später hielt die Österreichische Schule ihre Kapitaltheorie weitgehend von der Theorie des Kapitalismus getrennt. Dem Beispiel von Murray Rothbard und insbesondere Ludwig Lachmann folgend, definiert sie Kapital größtenteils als Konglomerat oder Struktur von Zwischenprodukten oder „Kapitalgütern“. Man kann sagen, daß die österreichische Kapitaltheorie bis heute im wesentlichen eine Theorie über physische Zwischenprodukte ist.
Es ist natürlich kein Spezifikum der Österreichischen Schule, daß die Begriffe „Kapital“ und „Kapitalismus“ kaum miteinander verknüpft werden. Jeder Student der Wirtschaftswissenschaft wird bestätigen, daß Kapital in Makroökonomik und Wachstumstheorie als Produktionsfaktor, als materielle Einsatzvariable behandelt wird. Gleichsam als Beleg dafür werden die Standard-Produktionsfunktionen der Wachstumstheorie, in die Kapital als Produktionsfaktor eingeht, regelmäßig dazu verwendet, das Produktionswachstum (oder dessen Ausbleiben) in sozialistischen Ländern zu erklären. Offensichtlich sind Wachstumstheoretiker der Auffassung, daß Kapital in dem Sinne, den sie dem Begriff geben, mit dem Kapitalismus nicht mehr zu tun hat als mit dem Sozialismus.
Ich habe das vorliegende Buch geschrieben, weil ich diesen Zustand der Kapitaltheorie für alles andere als zufriedenstellend halte. Meiner Ansicht nach darf eine ökonomische Theorie des Kapitals nicht ohne jeden Bezug zum Wirtschaftssystem des Kapitalismus bleiben. Es ist eine irreführende Etikettierung, wenn Ökonomen behaupten, eine Theorie des Kapitals zu haben, dann aber lediglich die Rolle von Produktionsfaktoren oder Zwischenprodukten in Produktionsprozessen diskutieren. Das hat nichts mit dem zu tun, woran Menschen denken, wenn sie z.B. hören, daß „das Kapital die Arbeit ausbeutet“, oder wenn Geschäftsleute von „Kapitalinvestition“ oder „Kapitalmangel“ sprechen – und das aus gutem Grund. Carl Menger (1888: 2), der Begründer der Österreichischen Schule, hatte Recht, als er schrieb, daß Volkswirte geläufige Begriffe wie das Kapital nicht umdefinieren sollten.
Menger fügte hinzu, Geschäftsleute und Juristen, also die Praktiker des Kapitalismus, meinen mit dem Begriff Kapital „weder Rohstoffe, weder Hilfsstoffe der technischen Produktion, noch auch Handelsgüter, Maschinen, Gebäude u. dgl. Güter mehr“ (Menger 1888: 37). Stattdessen müsse Kapital als das grundlegende und spezifische Merkmal unternehmerischer Tätigkeit im Kapitalismus behandelt werden. In diesem Buch schlage ich eine Möglichkeit vor, diese beiden Begriffe zu verknüpfen. Ich präsentiere eine Theorie des Kapitals, die zugleich auch eine Theorie des Kapitalismus ist.
Das Buch baut auf Arbeiten von Carl Menger (1888), Ludwig von Mises, Frank Fetter, George Reisman sowie Peter Lewin und Nicolas Cachanosky auf. Diese Autoren betonen, daß Kapital ein Phänomen ist, das historisch spezifisch für kapitalistische Gesellschaften ist. In Anlehnung an die genannten Ökonomen übernimmt das Buch die Terminologie des tatsächlichen Wirtschaftslebens:
Der Begriff Kapital entstammt dem Rechnungswesen von Unternehmen, die versuchen, mit ihren Marktoperationen monetäre Gewinne zu erzielen. Das Kapital eines Unternehmens besteht aus Geldsummen, die in Vermögenswerte investiert wurden, um einen Gewinn zu erzielen. Die Vermögenswerte können, müssen aber keine Produktionsfaktoren im technischen Sinne sein. Auch in Grundstücken, Forderungen, Kassenbeständen u.ä. kann Kapital angelegt sein.
Die im Buch entwickelte Kapitaltheorie setzt eine Reihe von Institutionen voraus. Kapital ist im tatsächlichen Wirtschaftsleben eng mit der Existenz von Privateigentum, Geld, Märkten, Unternehmen und deren Rechnungswesen verknüpft.
Um die Rolle des Kapitals in kapitalistischen Gesellschaften zu erklären, muß man daher auch in die Geldrechnung von am Markt agierenden Unternehmen eindringen. Dazu muß zunächst einmal klar sein, was eigentlich das Problem ist, auf welches das Kapital die lebensweltliche Antwort ist. Dieses Problem ist die unüberschaubare Komplexität der Arbeitsteilung in modernen Gesellschaften. Leonard Read hat diese Komplexität auf sehr eingängige Weise in seiner Geschichte I, Pencil veranschaulicht. Das Konzept der Produktionsstruktur dient zur Illustration dieser Komplexität.
Kapital als Phänomen des tatsächlichen Wirtschaftslebens trägt zur Lösung dieses Problems bei. In Unternehmen, die versuchen, mit ihrem Kapital Gewinne zu erzielen, wird die Komplexität der Produktionsprozesse auf ein einfaches arithmetisches Problem reduziert. Während die Produktionsstruktur kompliziert und mehrdimensional ist, verfolgen Unternehmen, die entlang dieser Struktur operieren und produzieren, ein eindimensionales Ziel: Sie wollen die höchstmögliche Rendite auf ihr Kapital erzielen.
Die Reduktion der Komplexität der Produktionsstruktur auf ein eindimensionales Problem ist dabei nur aufgrund der kapitalistischen Institutionen von Geld, Markt und Unternehmen möglich. In ihrer Eigenschaft als Kapitalinvestitionen, ausgedrückt in Geldeinheiten, sind die Vermögenswerte eines Unternehmens – jedenfalls aus Sicht des Unternehmens – homogen. Die Vermögenswerte können daher addiert werden und ergeben eine Zahl für das gesamte investierte Kapital des Unternehmens. Dieses kann dann den erzielten Gewinnen gegenübergestellt werden, wodurch eine Kennzahl entsteht, die uns über die finanzielle Leistungsfähigkeit des Unternehmens informiert. Indem das einzelne Unternehmen seine Einsatzfaktoren auf individueller Ebene auf einen gemeinsamen Nenner bringt – Geld –, sorgt es für eine gewisse subjektive Ordnung und Organisation in dem kleinen Ausschnitt der Produktionsstruktur, den es überblickt.
Es ist dann die Geldrechnung aller gewinnorientierten Unternehmen zusammen, eingebettet in die übrigen kapitalistischen Institutionen, welche die gesamte, weitverzweigte und komplexe Produktionsstruktur ordnet und organisiert. Jedes einzelne Unternehmen fügt sich in die Produktionsstruktur ein, indem es im Bemühen, eine Rendite auf sein Kapital zu erzielen, auf dem Markt kauft und verkauft. Entscheidend sind dabei die Einkaufs- und Verkaufspreise, denen das Unternehmen auf dem Markt gegenübersteht. Es investiert sein Kapital in bestimmte Güter – physische Produktionsfaktoren, aber auch Rechte usw. –, und wenn seine Geldrechnung zeigt, daß es so eine ausreichende Rendite erzielt hat, wird es voraussichtlich im Markt bleiben, expandieren oder sogar Konkurrenz anziehen. Erzielt es keine oder gar eine negative Rendite, wird es schrumpfen oder schließen. Da alle Unternehmen auf diese Weise handeln, werden Ressourcen in Produktionsprozesse gelenkt, in denen die Kapitalrenditen hoch sind, und aus solchen abgezogen, in denen die Renditen niedrig sind. Kurz gesagt: Die Geldrechnung ermittelt (positive oder negative) Gewinne, und diese ziehen weiteres Kapital an oder schrecken es ab. Gewinne lassen sich aber in der Regel dort erzielen, wo die Unternehmen in der Produktionskette letztlich von den Konsumenten entschädigt werden. Auf diese Weise paßt sich die Produktionsstruktur in ihrer Gesamtheit der Konsumgüternachfrage an. Geldrechnung wirkt ausgleichend und stabilisierend.
Das Buch wendet die entwickelte Kapitaltheorie in einem zweiten Schritt auf praktische Probleme an, die sich seit den 1970er-Jahren in kapitalistischen Gesellschaften herausgebildet und verschärft haben. Das Rechnungswesen wurde durch die Einführung neuer Methoden der Finanzberichterstattung und Unternehmensführung erheblich verändert. Diese Neuerungen laufen unter den Namen „Fair-Value-Bilanzierung“ und „Shareholder-Value-Maximierung“. Meiner Ansicht nach gefährdet diese sogenannte „Wertorientierung“ die wichtigen Funktionen der Wirtschaftsrechnung in Marktwirtschaften.
Das grundlegende Problem hinter der Tendenz zur Wertorientierung in der Wirtschaftsrechnung besteht darin, daß ihre Befürworter die wichtige Rolle, die Wirtschaftsrechnung in der Volkswirtschaft spielt, nicht richtig verstehen. Die Hauptstromökonomik interessiert sich weder für den Markt als laufenden Prozeß noch für die Institutionen, in die der Prozeß eingebettet ist. Geld, reale Märkte und Unternehmen sind ihr allenfalls Stiefkinder.
Trotzdem sind die Gleichgewichtskonzepte der neoklassischen Theorie, obwohl sie gar nicht dazu gedacht sind, die Rolle von Institutionen im Marktprozeß zu erklären, als theoretische Grundlage für Reformen eben dieser Institutionen benutzt worden. Wirtschaftspolitiker haben den Bock zum Gärtner gemacht, als sie meinten, neoklassische Gleichgewichtstheorien könnten die Institutionen der Wirtschaftsrechnung verbessern.
Kurz gesagt: Gestützt auf einige Theoreme der Finanztheorie haben neoklassische Ökonomen die Vorstellung entwickelt, daß die Preise von Gütern im Gleichgewicht dem Barwert der Zahlungsströme entsprechen, die sie voraussichtlich in der Zukunft generieren werden. Im Gleichgewicht sind Preise also nicht die vorübergehenden Ergebnisse sich ständig ändernder Angebots- und Nachfragebedingungen, sondern repräsentieren den korrekten, objektiven oder wahren Wert von Gütern.
Mangels besserer Alternativen hat diese hypothetische Identität von Preisen und Werten, die nur im Gleichgewicht gilt, als theoretische Grundlage für Reformen gedient, die versuchen, Wertorientierung in der Wirtschaftsrechnung zu verankern. Tatsächlich ist es dazu gekommen, daß reale Marktpreise zunehmend als Spiegel des „wahren“ oder „fairen“ Werts von Gütern interpretiert werden. Wenn man davon ausgeht, daß aktuelle Marktpreise „faire“ Werte widerspiegeln, erscheint die althergebrachte Geschäftspraxis, Vermögenswerte zu historischen Anschaffungs- oder Herstellungskosten zu bilanzieren, veraltet und wenig informativ. Angeblich beruht die Finanzberichterstattung auf wesentlich genaueren Informationen, wenn Unternehmen verpflichtet werden, die aktuellen Marktpreise – die Fair Values – ihrer Vermögenswerte und Verbindlichkeiten auszuweisen, nicht deren historische Kosten.
Meine Kritik an der Fair-Value-Bewertung ist, daß sie stillschweigend das Funktionieren des Marktprozesses und der kapitalistischen Institutionen voraussetzt, in die dieser eingebettet ist. Die Tendenz zum Gleichgewicht, also zu einem Zustand, in dem Preise „faire“ Werte widerspiegeln, wird von Unternehmen erzeugt, die ihre Gewinne mittels einer Wirtschaftsrechnung auf Basis historischer Kosten ermitteln. Indem sie Unternehmen dazu verpflichten, auf Fair-Value-Bewertung umzusteigen und die Rechnung zu Anschaffungskosten aufzugeben, gefährden Gesetzgeber und Standardsetzer gerade jenen Marktprozeß, der die Preise überhaupt erst in Richtung „fairer“ Werte tendieren läßt. Sie verfügen über keine Theorie, wie der Marktprozeß funktioniert und welche Rolle die Wirtschaftsrechnung darin spielt. Sie haben lediglich eine Theorie über die Eigenschaften von Gleichgewichtspreisen. Dennoch nutzen sie letztere, um jene Institutionen der Wirtschafsrechnung zu reformieren, auf denen das gesamte System, das sie als gegeben voraussetzen, beruht.
Die Wirtschaftsrechnung ist ihrem Wesen nach interdisziplinär. Sie steht nicht nur im Zentrum der Betriebswirtschaftslehre, sondern auch der Volkswirtschaftslehre. Dies erschwert den Zugang. Gleichwohl ist es nötig, daß Ökonomen Wege finden, sich mit der Wirtschaftsrechnung und den ihr zugrunde liegenden Institutionen auseinanderzusetzen. Diesem Zweck dient auch das vorliegende Buch. Andernfalls gibt es keine Garantie dafür, daß selbst gut gemeinte Reformen nicht am Ende das Wirtschaftssystem destabilisieren, in dem wir leben.
Hinweis: Die Inhalte der Beiträge geben nicht notwendigerweise die Meinung des Ludwig von Mises Instituts Deutschland wieder.
Eduard Braun ist Professor für Volkswirtschaftslehre an der Technischen Universität Clausthal. Sein neues Buch Capital and Capitalism baut den Kapitalbegriff von Ludwig von Mises aus und befaßt sich eingehend mit der Rolle der Wirtschaftsrechnung im Marktprozeß. Sein Buch Finance Behind the Veil of Money beantwortet aus Sicht der Österreichischen Schule der Nationalökonomie, welche Rolle Finanzmärkte in der Volkswirtschaft spielen. Die meisten seiner wissenschaftlichen Beiträge kann man auf Researchgate herunterladen.
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