Stanislav Andreski: „Die Hexenmeister der Sozialwissenschaften“. Über bekannte Fehler, Täuschungen und geistige Korruption
27. April 2026 – von Thorsten Polleit
Dieser Beitrag wurde im September 2025 als Vortrag auf der Property and Freedom Society in Bodrum (Türkei) gehalten.
Der Anfang der Weisheit besteht darin, zu wissen, welche Fragen man stellen sollte. Also folgen wir dieser Weisung und fragen:
Wie erklären Sie, dass Straßen verstaatlicht sind?
Dass Recht und Sicherheit vom Staat, wie wir ihn heute kennen, monopolisiert werden? Warum glauben Sie, haben Zentralbanken das Monopol der Geldproduktion inne?
Und warum glauben die meisten Menschen, dass es so etwas wie gerechte Steuern geben könnte?
Wie kommt es, dass die Menschen denken, Sozialismus und Kommunismus seien Ende der 1990er Jahre besiegt worden und zusammengebrochen, und der Kapitalismus habe triumphiert?
Warum halten es viele Menschen für eine Verschwörungstheorie, dass Globalisten an einem neo-sozialistischen, neo-marxistischen Umsturz der freien Gesellschaft – oder von dem, was davon noch übrig ist – arbeiten, um so etwas wie einen Weltstaat zu errichten?
Lassen sie mich fragen: Wie entstehen solche Verwirrungen, Absurditäten und/oder Lügen? Und warum halten sie sich so hartnäckig? Liegt es an der Unwissenheit? Wissen die Menschen nicht, was vor sich geht? Welche politischen Machenschaften sind im Spiel?
Oder liegt es etwa an der Akzeptanz? Stimmen die Menschen dem Ganzen zu, weil sie sich Vorteile erhoffen, wenn sie mitmachen?
Versuchen wir, einige Antworten auf diese Fragen zu finden. Und dazu beginnen wir bei Ludwig von Mises (1881–1973).
Mises hat darauf hingewiesen, dass unser Handeln – dass das menschliche Handeln – durch Ideen bestimmt wird.
Es ist daher keine Überraschung, dass diejenigen, die ihre Mitmenschen beeinflussen wollen, vor allem darauf abzielen, deren Ideen zu beeinflussen.
Diese Vermutung gilt ganz besonders mit Blick auf den Staat, wie wir ihn heute kennen (beziehungsweise sein Personal und die von ihm Begünstigten).
Der Staat, wie ihn Murray N. Rothbard (1926–1995) definiert hat, ist ein territorialer Zwangsmonopolist mit der letztinstanzlichen Entscheidungsbefugnis über alle Konflikte in seinem Gebiet, und er gestattet sich, Steuern zu erheben .
Der Staat und seine Repräsentanten können ihren Mitmenschen auf vielfältige Weise Zwang und Gewalt antun, sie herumkommandieren, einsperren und ausplündern.
Sie können dazu beispielsweise Wasserwerfer und Schlagstöcke einsetzen. Aber das ist aufwendig und nicht ungefährlich für sie selbst. (Denn wenn man Gewalt einsetzt, muss man befürchten, dass andere kommen, die noch skrupelloser und gewalttätiger sind und einen aus dem Amt jagen.)
Für den Staat und seine Vertreter ist es attraktiver, andere Wege zu gehen. Beispielsweise Maßnahmen ergreifen, durch die die Menschen sich freiwillig unterwerfen – indem die Menschen den Staat als notwendig, unverzichtbar, ja sogar als großartig empfinden. Aber wie lässt sich das erreichen?
Eine Möglichkeit besteht darin, die Mehrheit der Menschen zu korrumpieren und ihre Zustimmung zu erkaufen – zum Beispiel indem man die vergleichsweise wenigen Produktiven besteuert und als Staat die Ausbeute mit den vergleichsweise vielen weniger Produktiven teilt. Doch das setzt bereits die Zustimmung der Menschen zur Herrschaft voraus.
Und um diese Zustimmung zu erlangen, zielen der Staat und seine Freunde buchstäblich auf die Köpfe der Menschen ab – und zwar indem der Staat Intellektuelle und Meinungsführer bezahlt, die dann in seinem Auftrag die Menschen davon überzeugen, dass er, der Staat gut und richtig sei.
Zu diesen Intellektuellen und Meinungsführern gehören vor allem die Ökonomen. Die meisten von ihnen stehen daher auch auf der Gehaltsliste des Staates. Und so wundert es nicht, dass die allermeisten von ihnen den Staat (wie er voranstehend definiert wurde) gutheißen und seine Existenz nicht infrage stellen.
Dass die Hauptstrom-Ökonomik als intellektueller Leibwächter des Staates dienen kann, ist vor allem auch deshalb möglich, weil die Ökonomen eine wissenschaftliche Methode übernommen haben, die dies erlaubt.
Die Mainstream-Ökonomen verwenden die wissenschaftliche Methode der Naturwissenschaften, die wiederum auf Positivismus, Empirismus und Falsifikationismus beruht.
Kurz gesagt: Die Ökonomen formulieren Hypothesen wie „Wenn wir A tun, dann ergibt sich B“ oder „Wenn A um X Prozent steigt, dann verändert sich B um Y Prozent“ und unterziehen diese dann Datentests. So soll der Wahrheitsgehalt der Hypothesen und Theorien er- und begründet werden.
Wird die Ökonomik jedoch in dieser Weise als empirische Wissenschaft aufgefasst und betrieben, ergeben sich zwangsläufig ernste Probleme. Denn aus Beobachtungen, Messungen oder Tests kann man niemals wahre Aussagen rechtfertigen. Man kann lediglich sagen, dass etwas in der Vergangenheit so oder so war. Man kann so aber niemals herausfinden, dass es nicht auch anders hätte sein können.
Ein Beispiel: Bis zum Ende des 17. Jahrhunderts glaubten die Menschen, alle Schwäne seien weiß. 1697 wurden dann in Australien schwarze Schwäne entdeckt. Mit dieser einen Beobachtung erwiesen sich alle bisherigen Beobachtungen, dass Schwäne (nur) weiß seien, als falsch.
Das Beispiel soll illustrieren: Aus der Erfahrung heraus kann man aus logischen Gründen den Wahrheitsgehalt einer Theorie oder Allaussage weder bestätigen noch widerlegen.
Hinzu kommt, dass es im Bereich des menschlichen Handelns keine homogenen Beobachtungen gibt, wie sie in den Naturwissenschaften etwa bei Laborexperimenten üblich sind. Der Grund: Menschen sind lernfähig. Sie ändern ihre Ziele, ihre Präferenzen und ihre Einschätzung, welche Mittel sich eigenen, ihre Ziele zu erreichen, und welche nicht. Im Bereich des menschlichen Handelns gibt es keine „homogenen Datenpunkte“, in der Ökonomik erlauben die verfügbaren Beobachtungspunkte daher nicht, Gesetze oder Regelmäßigkeiten aus ihnen abzuleiten.
Man muss also zum Schluss kommen, dass die positivistisch-empirisch-falsifikationistische wissenschaftliche Methode für die Ökonomie gänzlich ungeeignet ist. Sie kann kein verlässliches Wissen hervorbringen. Schlimmer noch: In der Praxis erweist sie sich als Trojanisches Pferd, durch das falsche und sogar gefährliche, schlechte und finstere Ideen in unsere Welt und direkt in die Köpfe der Menschen geschmuggelt werden können.
Und damit komme ich zu Stanislav Andreski, der 1972 das Buch „Die Hexenmeister der Sozialwissenschaften. Missbrauch, Mode und Manipulation einer Wissenschaft“ veröffentlicht hat. Andreski, ein polnischer Soziologe (geboren 1919, gestorben 2007), stellt darin die wissenschaftliche Integrität der Sozialwissenschaften überaus scharf infrage und legt offen, wie sehr die Sozialwissenschaft durch ideologische Voreingenommenheit, Karrierismus und Speichelleckerei beeinträchtigt und korrumpiert ist.
Er kritisiert, wie der exzessive Gebrauch komplizierter Fachbegriffe oft dazu dient, einfache oder banale Ideen aufzublasen und Schwächen in der Argumentation zu kaschieren. Er zeigt, dass Trends in den Sozialwissenschaften häufig eher von Moden und politischen Agenden als von objektiver Analyse bestimmt werden (man denke hier nur an die „Gender Studies“).
Andreski zufolge erzeugen die Sozialwissenschaften kaum neue Erkenntnisse, sondern verpacken bestehende Konzepte lediglich neu. Mit dem Wort „Hexenmeister“ im Buchtitel spielt Andreski auf die Ähnlichkeit zwischen den mystifizierenden Praktiken der Sozialwissenschaften und magischen Ritualen an, die darauf abzielen, die Uneingeweihten zu beeindrucken, zu blenden, ohne solide Ergebnisse zu liefern.
Das Buch ist eine zeitlose und scharfe Kritik an der akademischen Welt, ist hochaktuell für die Diskussion über wissenschaftliche Integrität. Es liefert übrigens auch eine Erklärung dafür, warum die westliche Welt ein solch ungebremstes Wachstum von überflüssigen akademischen Institutionen und deren Personalausstattung erfahren hat.
Jeder, der Andreski liest, erkennt sofort den selbstdienenden Nutzen für Ökonomen, in ihrer Disziplin stur und unkritisch die wissenschaftliche Methode der Naturwissenschaften (basierend auf Positivismus-Empirismus-Falsifikationismus) anzuwenden.
Denn wenn man als Ökonom die naturwissenschaftliche Methode anwendet, kann man straflos die gesichertsten Erkenntnisse, ja sogar wahre Aussagen infrage stellen und sich mit jeder politischen Mode und Ideologie ins Bett legen. Warum?
Weil nach dieser Methode alles Wissen immer nur hypothetisch wahr ist, niemals aber nicht-hypothetisch wahr, also apodiktisch wahr ist. Man kann dann zum Beispiel behaupten:
„Wenn die Geldmenge ausgeweitet wird, steigt der Wohlstand.“
Oder: „Wenn man staatlich gestütztes Fiatgeld verwendet, sind Wachstum und Beschäftigung höher als mit Goldgeld.“
Oder: „Die Besteuerung von Einkommen und Gewinnen schädigt die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit nicht.“
Oder: „Wenn man die Demokratie einführt, genießen die Menschen Selbstbestimmung.“
Auf diese Weise bieten Mainstream-Ökonomen die perfekte Plattform, um diese und andere „Versprechen“ praktisch zu testen – nach dem Motto: „Ihr werdet sehen, es wird funktionieren.“ Wer würde es da ablehnen wollen, so verlockende Heilsversprechen auszuprobieren? Wer wollte das verheißene Glück seinen Mitmenschen versagen wollen?
Und wenn die schönen Versprechen nicht eintreffen – sagen wir, die Ausweitung der Geldmenge führt nicht zu Wohlstand, sondern zu Güterpreisinflation, oder der Sozialismus bringt nicht Gleichheit und Freiheit, sondern Ungleichheit und Unfreiheit –, dann können sich die Ökonomen leicht gegen Kritik immunisieren.
Sie sagen einfach, andere, bisher unberücksichtigte Einflussfaktoren hätten das prognostizierte Ergebnis verhindert, und beim nächsten Versuch würden sie diese Faktoren berücksichtigen, und dann werde es bestimmt funktionieren. So wird die falsche Theorie nicht als falsch, als Illusion, als Lüge entlarvt, sondern sie wird aufrechterhalten, vor dem Verwerfen geschützt.
Und wenn die Politik sich auf eine solche „wissenschaftliche“ Unterstützung berufen kann (die natürlich keine wissenschaftliche ist), dann können freiheitsfeindliche Ideologien umgesetzt werden, ohne dass eine weitgehend ahnungslose Bevölkerung nennenswerten Widerstand leisten kann.
Im Kern haben die heutigen Sozial- und Wirtschaftswissenschaften die Methode der deutschen Historischen Schule verinnerlicht, wie sie von Gustav von Schmoller und seinen Vorgängern wie Wilhelm Roscher, Bruno Hildebrand und Karl Knies vertreten wurde. Der Historismus leugnet universelle, zeitinvariante Gesetze oder Regelmäßigkeiten im Bereich des menschlichen Handelns.
Es dürfte bis hierher klar geworden sein: Die Wahl der falschen wissenschaftlichen Methode in der Ökonomik ist so etwas wie die größte denkbare intellektuelle Katastrophe.
Erkenntnistheoretisch lässt sich diese Verwirrung und Verirrung glücklicherweise aufdecken und auflösen. Und genau das werde ich jetzt tun – indem ich die Begriffe der a-posteriori-Erkenntnis und der a-priori-Erkenntnis einführe.
Eine a-posteriori-Aussage liefert uns erfahrungsabhängiges Wissen. Zum Beispiel: Die Herdplatte ist heiß, und ich weiß das, weil ich sie vorher angefasst habe. Oder: Die Zentralbank hat die Zinsen gesenkt, und daraufhin habe ich einen Anstieg der Aktienkurse bemerkt.
A-posteriori-Erkenntnis ist nun allerdings nicht voraussetzungslos. Um sie zu gewinnen, braucht man die sogenannte a-priori-Erkenntnis. Eine a-priori-Aussage hat daher auch eine völlig andere Qualität als eine a-posteriori-Aussage; sie ist gewissermaßen Erkenntnis höherer Ordnung.
Eine a-priori-Aussage ist erfahrungsunabhängig und erhebt den Anspruch auf universelle Gültigkeit. Man kann sie nicht bestreiten, ohne ihre Gültigkeit bereits vorauszusetzen – denn das führt zu einem logischen Widerspruch. Ein Beispiel ist das Gesetz des Widerspruchs in der Logik: Es kann nicht gleichzeitig der Fall sein, dass A und nicht-A gleichzeitig der Fall sind.
Eine der großen Leistungen von Ludwig von Mises bestand darin, zu erkennen und auszuformulieren, dass die Ökonomik eine a-priori-Wissenschaft vom menschlichen Handeln ist. Er hat festgestellt, dass es im Bereich des menschlichen Handelns unbestreitbar wahre Aussagen und Erkenntnisse gibt:
Der Mensch handelt, und sein Handeln ist zweckgerichtet. Der Handelnde muss Mittel einsetzen, um seine Ziele zu erreichen. Mittel sind knapp. Menschliches Handeln erfordert Zeit. Zeit ist ein Mittel zur Zielerreichung und daher knapp. Handeln unterliegt Ursache und Wirkung (Kausalität). Menschliches Handeln impliziert Zeitpräferenz und Urzins – beides kann nicht eliminiert werden und ist überall dort vorhanden, wo menschliches Handeln stattfindet. Gewinn und Verlust, Kosten und Ertrag sind ebenfalls logisch im Handeln begründet.
Die wissenschaftliche Methode, die die Logik des menschlichen Handelns anwendet, liefert uns a-priori-Wissen – wahre Aussagen, die unabhängig von Zeit und Ort gelten. So wissen wir mit apodiktischer Gewissheit, dass freiwilliger Tausch allen Beteiligten nutzt. Er schafft eine Win-win-Situation. Zwangstausch hingegen ist eine Win-lose-Situation: Eine Partei verbessert sich auf Kosten der anderen.
Oder wir wissen, dass Geld auf dem freien Markt aus einer Ware entstanden ist und dass ungedecktes Papiergeld (Fiatgeld) nicht freiwillig in die Welt gekommen sein kann. Es muss durch Zwang und Gewalt eingeführt und aufrechterhalten werden.
Oder: Der Staat, wie wir ihn heute kennen, konnte nicht durch freiwillige Übereinkunft entstehen. Er wurde durch Zwang und Gewalt errichtet und wird auch durch diese Mittel am Leben erhalten.
Oder: Der Staat, wie wir ihn heute kennen, wird immer größer und mächtiger. Er lässt sich nicht begrenzen. Wie Hans-Hermann Hoppe es treffend formuliert: „Selbst ein Minimalstaat hat die inhärente Tendenz, zu einem Maximalstaat zu werden.“
Oder: Es überrascht nicht, dass der Staat die Geldproduktion monopolisiert hat, dass er Bargeld abschaffen und zentralbankgestütztes digitales Geld einführen will.
Oder: Die Ausgabe von Fiatgeld durch Kreditschöpfung führt zu Überkonsum und Fehlallokation von Kapital und damit zu Boom und Bust.
Oder: Die Ausweitung der Geldmenge in der Wirtschaft führt zu einem Rückgang der Kaufkraft der Geldeinheit im Vergleich zu einer Situation, in der die Geldmenge nicht ausgeweitet wurde.
All das und vieles mehr kann mit Gewissheit gewusst werden. Wir brauchen keine Beobachtungen oder Tests, um den Wahrheitsgehalt dieser Aussagen festzustellen. A-priori-Wissen ist wahr. Seine Gültigkeit hängt nicht von der Erfahrung ab.
Doch das a-priori-Wissen wurde in der modernen Ökonomie de facto verdrängt. Denn wie gesagt: Die Mainstream-Ökonomen haben die Ökonomie als empirische Wissenschaft konzipiert. Fehler, Täuschungen und intellektuelle Korruption in den Sozial- und Wirtschaftswissenschaften sind dadurch möglich geworden.
All dies ist längst bekannt und gründlich analysiert worden – nicht nur von Soziologen wie Stanislav Andreski, sondern vor allem auch von den Vertretern der Österreichischen Schule der Nationalökonomie. Dass Fehler, Täuschungen und intellektuelle Korruption in der Ökonomik fortbestehen, ist so gesehen also kein Zufall. Es ist systemisch.
Wie es dazu kommen konnte? Nun, hier ist meine Erklärung dafür: Die modernen Sozialisten und Kommunisten setzen heute nicht mehr auf blutige, physisch gewalttätige Revolutionen wie zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Stattdessen beruht ihr neuer Umsturzversuch darauf, die Menschen zu täuschen, sie zu belügen, sie zu verwirren, Unwahrheiten in ihre Köpfe zu pflanzen und sie ihres Urteilsvermögens zu berauben.
Der sozialistische Angriff stützt sich stark auf das, was George Orwell in seinem Roman „1984“ als „Doppeldenk“ (doublethink) beschrieben hat. Die herrschende Kaste versucht, die Gesetze der Logik zu untergraben und außer Kraft zu setzen, indem sie zwei widersprüchliche oder sich gegenseitig ausschließende Überzeugungen gleichzeitig aufrechterhält und beide als akzeptabel darstellt. Es ist nicht schwer, Beispiele für solches Doppeldenk zu finden, das inzwischen weit verbreitet ist:
Es heißt, der Staat, wie wir ihn heute kennen, schütze das Eigentum und garantiere die Freiheit – obwohl er Eigentum und Freiheit zerstört.
Soziale Übel wie Wirtschaftskrisen, Inflation, Armut und so weiter würden durch den Kapitalismus verursacht – obwohl es in dieser Welt gar keinen Kapitalismus gibt, sondern Interventionismus beziehungsweise Semi-Sozialismus. Sie sind die Ursachen der beklagten Übelstände.
Die Demokratie wird den Menschen als System der Freiheit angepriesen – obwohl Demokratie im Sinne von Mehrheitsherrschaft mit individueller Freiheit unvereinbar ist.
Es wird den Menschen eingeredet, Zentralbanken bekämpften die Inflation. Das ist nicht wahr. Zentralbanken verursachen Inflation. Mal verursachen sie hohe, mal niedrige Inflation – aber sie bekämpfen sie niemals.
Wie bereits gesagt bedient sich der Staat ganz bewusst der Sozial- und Wirtschaftswissenschaften für seine Zwecke. Zumindest hat der Mainstream der Ökonomen dafür gesorgt, dass er im besten Interesse des Staates und seiner Freunde – einschließlich seiner selbst – arbeitet.
Wissenschaftlern, die Sozial- und Wirtschaftswissenschaft als Erfahrungswissenschaft betrachten und betreiben, werden Belohnungen in Aussicht gestellt: sichere Stellen, Prestige und großzügige Pensionen. Wer nicht mitspielt, wer die Ökonomik als a-priori-Wissenschaft vom menschlichen Handeln versteht und lehrt, stößt auf Widerstand, bis hin zum Ausschluss.
Um die Sozial- und Wirtschaftswissenschaften von Fehlern, Täuschungen und intellektueller Korruption zu befreien, könnte man an den Wahrheitsdurst der Ökonomen appellieren oder ethische Standards einführen. Oder man könnte die Privatisierung des Bildungswesens fordern und Schulen und Universitäten über den freien Markt organisieren – also den Staat buchstäblich aus den Köpfen der Menschen heraushalten.
Doch das würde nicht an die Wurzel des Problems gehen. Denn das Bestreben, die Ideen der Menschen zu bestimmen, ist ein höchst wirksames Instrument der Herrschaft. Wer die Ideen der Menschen prägt, bestimmt ihr Handeln. Es muss daher erwartet werden, dass nicht nur der Staat, wie wir ihn heute kennen, sondern auch Sonderinteressengruppen wie Big Pharma, Big Tech, Big Banking, Big Food, das Weltwirtschaftsforum, die Vereinten Nationen usw. – und sogar offen kriminelle Gruppen wie die Mafia – versuchen werden, die Ideen ihrer Mitmenschen zu bestimmen, um ihre eigenen Ziele zu erreichen. Sie alle haben starke Anreize, die Ökonomik für sich zu gewinnen und zu instrumentalisieren.
Was ist also zu tun? Der wirksame Widerstand gegen den Missbrauch der Wissenschaft, gegen ihre Irrlehren, Täuschungen und Lügen kommt nicht „von oben“, sondern vom Individuum. So hat es auch der Aufklärungsphilosoph Immanuel Kant gesehen, der das Individuum bewusst in den Mittelpunkt stellte. Kant forderte seine Mitmenschen auf, ihre Faulheit und Feigheit zu überwinden und selbst zu denken. Er glaubte, dass Menschen sich selbst aufklären können, wenn es freie Rede gibt.
Aufgeklärte Menschen beurteilen Wahrheitsansprüche selbst. Sie verlassen sich nicht blind auf Autoritäten wie Lehrer, Professoren, Kanzler oder Präsidenten, sondern konsultieren ihren eigenen Verstand und holen sich gegebenenfalls Rat bei anderen vernünftigen Menschen.
Mises schien allerdings eher pessimistisch, was die Wirkung der Aufklärung betrifft. In seinen 1940 verfassten Memoiren schrieb er:
Muss man nicht den Versuch, die Massen auf den richtigen Weg zu führen, für hoffnungslos halten, wenn man erlebt hat, dass Männer wie John Maynard Keynes, Bertrand Russell, Harold Laski und Albert Einstein ökonomische Probleme nicht begreifen konnten?
Doch man muss sich, wie Mises dachte, nicht unbedingt auf ökonomische Bildung verlassen, um die Menschen aufzuklären. Glücklicherweise ist es viel einfacher. Tatsächlich genügt vermutlich das Verständnis einer einzigen, für jeden geistig gesunden Menschen nachvollziehbaren Aussage. Und hier ist sie:
Es gibt nur zwei Arten, wie wir Menschen miteinander umgehen können: Freiwilligkeit oder Zwang und Gewalt. Ich wiederhole: Es gibt nur zwei Arten, wie wir Menschen miteinander umgehen können: Freiwilligkeit oder Zwang und Gewalt.
Ein Beispiel für Freiwilligkeit: Ich biete Ihnen einen Apfel für 1 Dollar an, und Sie können das Angebot annehmen, wenn es Ihnen gefällt, oder ablehnen, ganz so wie Sie es wünschen. Ein Beispiel für Zwang und Gewalt: Ich zwinge Sie, meinen Apfel für 1 Dollar zu kaufen. Und wenn Sie sich weigern, drohen Ihnen Strafe, Schmerz und Leid.
Der freie Markt ist ein Ausdruck von Freiwilligkeit. Er führt zu Win-win-Situationen. Der Staat, wie wir ihn heute kennen, mit seinen Steuern, Regulierungen, Fiatgeld und so weiter ist ein Ausdruck von Zwang und Gewalt. Der Staat steht nicht auf dem Boden der Freiwilligkeit. Er steht auf dem Boden von Zwang und Gewalt.
Die meisten Menschen, so vermute ich, ziehen zwar Freiwilligkeit gegenüber Zwang und Gewalt vor. Aber ganz gleich, ob meine Vermutung richtig oder falsch ist: Jeder, der die Aussage „Es gibt entweder Freiwilligkeit oder Zwang und Gewalt“ bejaht oder verneint, setzt bereits Freiwilligkeit voraus – nämlich die Freiheit des Individuums, seinen Körper nach eigenem Willen zu gebrauchen. Andernfalls könnte er die Bejahung oder Verneinung ja gar nicht vornehmen.
Wenn jemand sagt, irgendeine Form von Zwang und Gewalt müsse existieren, damit Freiwilligkeit für ihn oder andere überhaupt möglich werde, dann argumentiert er faktisch gegen die Freiwilligkeit. Denn eine eingeschränkte oder reduzierte Freiwilligkeit ist logisch etwas anderes als Freiwilligkeit. Es ist nicht Freiwilligkeit. Entweder gibt es Freiwilligkeit – die Freiheit des Individuums – oder es gibt sie nicht. Es gibt keine Zwischenstufe.
Tatsächlich muss man die Freiwilligkeit, die Freiheit des Individuums, nicht einmal rechtfertigen. Denn man kann das Gegenteil nicht überzeugend begründen. Wer sagt, dass die Freiheit des Individuums eingeschränkt werden muss – sei es teilweise oder ganz –, setzt die Freiheit des Individuums als gültig und notwendig voraus, zumindest für sich selbst, und widerspricht sich damit selbst, gibt schlichtweg Unsinn von sich.
Und damit komme ich zum Schluss meines Vortrags. Stanislav Andreski hätte kaum einen treffenderen Buchtitel wählen können: „Hexenmeister der Sozialwissenschaft – Missbrauch, Mode und Manipulation einer Wissenschaft“.
Ich hoffe, ich konnte zeigen, dass die missbräuchliche Wahl der wissenschaftlichen Methode in der Ökonomik für die Fehler, Täuschungen und die intellektuelle Korruption verantwortlich gemacht werden kann, und dass sie auch durchaus sehr lange fortbestehen können. Und dass der wirksamste Gegenangriff gegen die zerstörerischen Ideologien der Unfreiheit, die sich in der westlichen Welt eingenistet haben, das a-priori-Denken, das a-priori-Wissen ist – besonders in der Ökonomik.
Wer die heutige Welt konsequent mit a-priori-Denken untersucht, wird die Fehler, Täuschungen und die intellektuelle Korruption, zu denen die Sozial- und Wirtschaftswissenschaften beitragen, klar erkennen und entlarven können. Das a-priori-Wissen zeigt unmissverständlich, dass sich die westliche Welt auf dem Weg in den Sozialismus oder in eine neue Form des Faschismus befindet und dass der Great Reset, der Green New Deal, Net Zero, Wokism, Degrowth und Deindustrialisierung Mittel zu diesem Zweck sind.
Und wenn man das verstanden hat, sollte das a-priori-Wissen als schärfste Waffe im Kampf für die Freiheit gegen den Sozialismus und seine zerstörerischen Auswirkungen auf die menschliche Zivilisation betrachtet werden.
Und für alle, die diese Schlussfolgerung für zu einfach halten, möchte ich mit einem Zitat von Johann Wolfgang von Goethe schließen:
Die Menschen verdrießt‘s, dass die Wahrheit so einfach ist. Sie sollten bedenken, dass sie noch genug Mühe haben, sie praktisch zu ihrem Nutzen anzuwenden.
Professor Dr. Thorsten Polleit war als Ökonom 15 Jahre im internationalen Investment-Banking tätig und danach 12 Jahre im internationalen Edelmetallhandelsgeschäft. Er ist zudem seit 2014 Honorarprofessor für Volkswirtschaftslehre an der Universität Bayreuth. Thorsten Polleit ist Adjunct Scholar Mises Institute, Auburn, Alabama, Mitglied im Forschungsnetzwerk „ROME“ und Präsident des Ludwig von Mises Institut Deutschland. Im Jahr 2012 erhielt er den The O.P. Alford III Prize In Political Economy. Thorsten Polleit ist Autor zahlreicher Aufsätze in referierten Journals, Magazinen und Zeitungen. Seine letzten Bücher sind: „Des Teufels Geld. Der faustische Fiatgeld-Pakt – wie wir ihn kündigen und zu gutem Geld zurückkehren“(*) (Oktober 2023), „The Global Currency Plot. How the Deep State Will Betray Your Freedom, and How to Prevent It“(*) (2023), „Ludwig von Mises. Der kompromisslose Liberale“(*) (2022) und „Der Weg zur Wahrheit. Eine Kritik der ökonomischen Vernunft“(*) (2022). Seit April 2024 gibt er Dr. Polleits BOOM & BUST REPORT heraus. Hier Thorsten Polleit auf Twitter folgen.
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