Warum die „Austrians“ keine Neoliberalen sind (Teil 2)

1.2.2016 – von Philipp Bagus.

[Teil 1 dieses Beitrages ist am 25.1.2016 erschienen – Sie finden ihn hier.)

Österreicher vs. Chicagoer

Philipp Bagus

Die implizierte Vermischung der Österreichischen mit der Chicagoer Schule ist besonders problematisch. Mirowski behauptet nämlich, dass Neoliberale sich zum Konzept spontaner Ordnung bekennen. Jedoch ist die spontane Ordnung ein Konzept, das hauptsächlich von Hayek und anderen Österreichern vertreten wird. Im Gegensatz dazu verwenden Neoliberale der Chicagoer Schule das Gleichgewichtskonstrukt als analytisches Werkzeug. Die Gleichgewichtsanalyse unterscheidet sich jedoch fundamental von der Österreichischen Analyse des dynamischen Marktprozesses. Kurzum, die Neoliberalen der Chicagoer Schule verwenden das Konzept der spontanen Ordnung in keiner konsequenten Art und Weise.

Autoren wie Mark Skousen (2006) haben versucht, den Graben zwischen Österreichischer und Chicagoer Schule zu überbrücken. Ein unmögliches Unterfangen. Der fundamentale Unterschied zwischen den beiden Schulen liegt in deren methodologischer Herangehensweise. Österreicher in der Tradition von Mises leiten, anhand einiger allgemeiner Voraussetzungen, ökonomische Gesetzmäßigkeiten a priori von den Axiomen menschlichen Handelns ab. Anstatt Experimente durchzuführen und sich der Außenwelt zuzuwenden, verwenden sie die Introspektion, um die Wahrheit herauszufinden.

Im Gegensatz dazu verwenden die Anhänger Milton Friedmans (1953) innerhalb der Chicagoer Schule eine positive Methodologie. Während die Österreicher behaupten, dass man zuerst eine Theorie benötige, um Geschichte verstehen zu können, versuchen die Anhänger der Chicagoer Schule ökonomische Gesetzmäßigkeiten aus der Geschichte heraus herzuleiten; manchmal auch, indem sie ökonometrische Analysen durchführen. Während die Österreicher die Realität als dynamischen Prozess menschlicher Interaktion wahrnehmen, benutzen die Chicagoer ein Gleichgewichtsmodell, in dem Unternehmertum und Kreativität per Definition nicht berücksichtigt werden und der dynamische Marktprozess zum Stillstand gekommen ist. Während Österreichische Ökonomen zum Ziel haben, die Gesetze, die den dynamischen Marktprozess leiten, zu verstehen und zu erklären, war es Friedmans Ziel, korrekte Prognosen zu liefern. Während Österreicher auf realistische Erklärungen des Marktprozesses abzielen, sind realistische Annahmen für ihn irrelevant. Das Einzige was zählt, ist die Voraussagekraft der Theorie.

In seinem Buch kritisiert Mirowski Friedmans Ansatz, indem er festhält, dass die Modellbildung zwecks Prognosen desaströs gescheitert ist. Eine Feststellung, die von vielen Österreichern durchaus geteilt wird. Leider erwähnt Mirowski die Österreichische Methodologie in seinem Buch mit keinem Wort und er scheint sich dieser Alternative, welche von vielen Mitgliedern der „neoliberalen“ Mont Pelerin Society (MPS) verteidigt wird, auch gar nicht bewusst zu sein.

In direktem Zusammenhang zu diesen methodologischen Differenzen zwischen Wien und Chicago steht die gegensätzliche Ansicht über Wettbewerb. Während Chicagoer Wissenschaftler (aber auch Ordoliberale) dazu tendieren, kartellrechtliche Gesetze zu befürworten und zu entwerfen, um die Realität näher an ihr Modell vom perfekten Wettbewerb heranzuführen, lehnen Österreicher Staatseingriffe in den dynamischen Marktprozess in dieser Form ab.

Die hohe Aggregation, welche die Modellbildung voraussetzt, als auch die Mathematisierung hat zu weiteren direkten Gegensätzen bezüglich der Betrachtung des Kapitals zwischen beiden Schulen geführt. Kapital, im Chicagoer Modell als Variable „K“ repräsentiert, wird als ein homogener, permanenter Fonds angesehen, welcher unmittelbar und automatisch Einkommen generiert. Die Ansicht, dass Kapital ein homogener Fonds und Produktion unverzüglich geschieht, ist eine direkte Konsequenz von Mathematisierung und Formalisierung der Chicagoer Schule.

Die Österreichische Sicht auf Kapital ist von der Neoklassischen grundverschieden. Tatsächlich gab es eine intensive Debatte zwischen Chicago und Wien über das Kapitalkonzept. Friedrich Hayek (1936) und Fritz Machlup (1935) kritisierten Frank Knight für sein sinnentleertes Konzept von Kapital als homogener, sich automatisch selbsterhaltender Fonds. Die Österreichische Kapitaltheorie und die Ansicht von Produktion als ein zeitaufwendiger Prozess erlaubten es den Österreichischen Ökonomen, eine Theorie von intertemporalen Verzerrungen in der Produktionsstruktur, hervorgerufen durch eine von realen Ersparnissen ungedeckten Kreditexpansion, zu entwickeln. Die Österreichische Konjunkturzyklustheorie wird gemeinhin von der Chicagoer Schule nicht verstanden, da den Neoklassischen Ökonomen die dafür notwendigen theoretischen Instrumente fehlen. Instrumente, die sie mit ihrer methodologischen Herangehensweise gar nicht entwickeln können.

Erklärung von Booms und Pleiten

Dementsprechend unterscheiden sich die Interpretationen der Großen Depression (und der Großen Rezession) von Österreichern und Chicagoern deutlich. Die Chicagoer Schule, Milton Friedman und Ana J. Schwartz folgend, behauptet, dass die Heftigkeit der Großen Depression durch die Fehler der Federal Reserve verursacht wurde. Genauer gesagt, hat die Federal Reserve, laut Friedman und Schwartz, die monetäre Basis während den frühen 1930er Jahren nicht schnell genug ausgeweitet. Dieser Interpretation folgend, versprach Ben Bernanke (2002) Milton Friedman, diesen Fehler nicht zu wiederholen, was seine Reaktion auf die Große Rezession in Form von Quantitative Easing erklärt.

Im Gegensatz dazu erklärt die Österreichische Konjunkturzyklustheorie die Große Depression anhand einer massiven Kreditexpansion in den 1920er Jahren. Aus Österreichischer Sicht verhindert die Reinflationierung des Geldangebots die notwendige Korrektur, weil sie die alten Fehlinvestitionen künstlich am Leben erhält und gleichzeitig neue anstößt. Österreicher erklären die Heftigkeit der Großen Depression anhand der schieren Größe der Kreditexpansion in den 1920er Jahren und den damit einhergehenden Fehlinvestitionen, sowie anhand der Staatseingriffe, welche in den 30er Jahren eingeführt wurden, wie z.B. der Smoot-Hawley Tariff Act oder der New Deal im Allgemeinen.

Österreichische Ökonomen waren nicht von der angeblichen Preisstabilität in den frühen 2000er Jahren geblendet. Vielmehr warnten Mises und Hayek vor einer Stabilisierungspolitik des allgemeinen Preisniveaus, die von Fisher und anderen Monetaristen begrüßt wurde. In Zeiten von Wirtschaftswachstum macht es diese Politik nämlich notwendig, ständig neues Geld in Umlauf zu bringen, was intertemporale Verzerrungen in der Produktionsstruktur verursacht. Aufgrund ihrer Konjunkturtheorie wurden die Österreicher, im Gegensatz zu den Chicagoern, nicht von der Finanzkrise überrascht. Deshalb irrt Mirowski fatal, wenn er pauschal behauptet, dass die Ökonomie die Finanzkrise nicht vorhersah. Wahr ist, dass die Neoklassischen Ökonomen, aufgrund ihrer methodologischen Vorgehensweise, nicht die theoretischen Instrumente entwickeln konnten, die notwendig waren, um die Probleme kontinuierlicher Kreditexpansion in den frühen 2000er Jahren verstehen zu können. Die Österreicher hingegen hatten diese Instrumente.

Wenig überraschend ist daher, dass Mirowski eine weitere schwerwiegende Meinungsverschiedenheit zwischen Chicago und Wien nicht erklärt; nämlich die Geldpolitik. Die meisten Österreicher befürworten die Abschaffung von Zentralbanken zugunsten eines freien Geldmarktes, wie z.B. ein 100%iger Goldstandard. Ökonomen der Chicagoer Schule möchten das Geldangebot für gewöhnlich nicht dem Markt anvertrauen, sondern favorisieren eine Zwangsgeld ausgebende Zentralbank. Die Zentralplanung des Geldes wird von Vertretern der Chicagoer Schule nicht als Problem, sondern als Lösung von Bankenkrisen angesehen.

Mirowski geht auf all diese fundamentalen Unterschiede gar nicht ein. Korrekt bezeichnet er die Zentralbank als neoliberale Institution. Jedoch bezeichnet er die Tea-Party in den Vereinigten Staaten als eine grundsätzlich neoliberale Gruppierung. Später in seinem Werk schreibt er, dass Ron Paul die Federal Reserve abschaffen möchte. Mirowski sieht Ron Paul auch in der Tradition von Hayek, welcher für Free Banking eintrat. Allerdings scheint Ron Paul der Tea-Party nahe zu stehen. Der Leser bleibt verwirrt zurück. Warum würde ein Protagonist (Ron Paul) einer neoliberalen Gruppierung (Tea Party) eine neoliberale Institution (Federal Reserve) abschaffen wollen?

Wir sind mit einem weiteren offensichtlichen Widerspruch konfrontiert, verursacht durch die unsaubere Unterscheidung zwischen Österreichern und Chicagoern, sowie Neoliberalen und Libertären. Wenn Mirowski erklärt hätte, dass Ron Paul ein Anhänger der Österreichischen Schule ist, wäre die Leserschaft nicht von seiner Opposition gegenüber der Federal Reserve überrascht. Aber Mirowski schreibt lediglich, dass sich Bernanke auf die neoliberale Position von Milton Friedman bezieht. Er versteht einfach nicht, dass Chicagoer und Österreicher sich in fundamentalen Fragen diametral gegenüberstehen und dass es ein Trugschluss ist, beide Schulen als ideologisch und methodologisch ähnlich anzusehen.

Der Ursprung von Mirowskis Verwirrung

Woher kommt die Verwirrung Mirowskis? Warum unterscheidet er nicht deutlich zwischen Chicagoer und Österreichischen Schule?

Im Wesentlichen gibt es dreierlei Gründe, die zu seiner Verwirrung beigetragen haben könnten. Erstens teilen die Chicagoer und die Österreichische Schule viele Ideen über freie Marktwirtschaft. Anhänger beider Schulen sprechen sich grundsätzlich gegen Preiskontrollen, Produktregulierungen und die staatliche Bereitstellung von Bildung aus. Jedoch bleiben, wie wir oben festgestellt haben, zahlreiche Unterschiede bestehen. Die Chicagoer Schule befürwortet Zentralbanken und Kartellbehörden, während die Österreichische Schule sich dagegen ausspricht. Hätte Mirowski sich die libertären Positionen, die viele Österreicher vertreten, vergegenwärtigt, hätte er erkennen müssen, dass die meisten Österreicher weit entfernt von den neoliberalen Positionen Chicagos sind.

Zweitens wurde Hayek in den 50er Jahren Professor an der Universität Chicago. Jedoch impliziert die räumliche Nähe zu Chicago nicht, dass er den Ideen der Chicagoer Schule nahestand. In Wirklichkeit wurde Hayek Professor des Komitees für soziales Denken, weil Chicagoer Ökonomen gegen die Berufung an der Fakultät für Volkswirtschaft protestierten. Das ist verständlich, da sich Hayek sehr kritisch gegenüber der positivistischen Vorgehensweise äußerte, die die Chicagoer Ökonomen verwenden.

Drittens entstammt die Verwirrung am ehesten aus Mirowskis Umgang mit der MPS, wo sich Österreicher und Chicagoer häufig treffen. Von Anfang an, seit der Gründungssitzung der MPS im Jahr 1947, waren dort drei große Denkschulen vertreten: Die Österreichische Schule, der Ordoliberalismus und die Chicagoer Schule. Mises und Hayek vertraten die Österreichische Schule, Walter Eucken und Wilhelm Röpke den Ordoliberalismus und George Stigler, Frank Knight und Miton Friedman die Chicagoer Schule.

Sowohl die Chicagoer Schule, als auch der Ordoliberalismus, können als neoliberal klassifiziert werden. Sie sind gegen Sozialismus, aber auch gegen Manchesterkapitalismus, was heißt, dass sie sich gegen den Laissez-faire des klassischen Liberalismus aussprechen. Beide, Ordoliberale des deutschsprachigen Raums, als auch die Chicagoer Schule, befürworten einen starken Staat, der den Rahmen für den Markt vorgibt und die Wirtschaft in gewisse Bahnen lenkt. Sie wollen auch, dass der Staat für ein gewisses Maß an sozialer Sicherheit sorgt.

Spannungen innerhalb der MPS gab es gleich zu Beginn zwischen den Österreichern und den Neoliberalen. Mises schrieb 1950:

„Ich habe wachsende Zweifel daran, dass es möglich ist, mit dem Ordo-Interventionismus in der Mont Pelerin Society zu kooperieren.“

Rückblickend und vom Standpunkt der Österreichischen Schule aus betrachtet, mag es tatsächlich ein fataler strategischer Fehler gewesen sein, eine Allianz mit der Chicagoer Schule und anderen Neoliberalen innerhalb der MPS einzugehen. Da Österreicher und Neoliberale in der MPS vereint sind, tendieren Autoren wie Mirowski dazu, Neoliberalismus mit Libertarismus und Chicagoer Positionen mit Österreichischen zu vermengen. Anstatt die Neoliberalen als Freunde mit einem gemeinsamen Anliegen zu behandeln, wären die Österreicher besser gefahren, wenn sie die Neoliberalen lediglich als Feinde ihres Feindes (Sozialismus) betrachtet hätten. Die Österreicher hätten ihre ideologischen und methodologischen Unterschiede, in einer von ihnen dominierten MPS ohne Neoliberale, besser herausarbeiten können. Die meisten Attacken Mirowskis gegen die Ökonomie per se oder gegen den Liberalismus hätten ihre Glaubwürdigkeit verloren. Mirowski hätte dann seine Kritik lediglich auf die Chicagoer Schule und die Neoliberalen beschränken müssen.

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Aus dem Englischen übersetzt von Mathias Nuding. Der Originalbeitrag mit dem Titel Why Austrians Are Not Neoliberals ist am 4.1.2016 auf der website des Mises-Institute, Auburn, US Alabama erschienen.

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Philipp Bagus ist Professor für Volkswirtschaft an der Universidad Rey Juan Carlos in Madrid. Zu seinen Forschungsschwerpunkten Geld- und Konjunkturtheorie veröffentlichte er in internationalen Fachzeitschriften wie Journal of Business Ethics, Independent Rewiew, American Journal of Economics and Sociology u.a.. Seine Arbeiten wurden ausgezeichnet mit dem O.P.Alford III Prize in Libertarian Scholarship, dem Sir John M. Templeton Fellowship und dem IREF Essay Preis. Er ist Autor eines Buches zum isländischen Finanzkollaps (“Deep Freeze: Island’s Economics Collapse” mit David Howden). Sein Buch “Die Tragödie des Euro” erscheint in 14 Sprachen. Philipp Bagus ist ist Mitglied des wissenschaftlichen Beirates des “Ludwig von Mises Institut Deutschland”. Hier Philipp Bagus auf Twitter folgen. Im Mai vergangenen Jahres ist sein gemeinsam mit Andreas Marquart geschriebenes Buch “WARUM ANDERE AUF IHRE KOSTEN IMMER REICHER WERDEN … und welche Rolle der Staat und unser Papiergeld dabei spielen” erschienen.

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Hinweis: Die Inhalte der Beiträge geben nicht notwendigerweise die Meinung des Ludwig von Mises Institut Deutschland wieder.

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