Warum die „Austrians“ keine Neoliberalen sind (Teil 1)

25.1.2016 – von Philipp Bagus.

Philipp Bagus

Philip Mirowski, bekannt durch sein Buch More Heat than Light: Economics as Social Physics, Physics as Nature’s Economics, in dem er die Neoklassische Theorie für die Übernahme der naturwissenschaftlichen Methode kritisiert, hat kürzlich ein neues Werk über Neoliberalismus und Wirtschaftswissenschaft während der Finanzkrise veröffentlicht. Er vertritt in Never Let a Serious Crisis Go to Waste: How Neoliberalism Survived the Financial Meltdown [Auf Deutsch: Untote leben länger: Warum der Neoliberalismus nach der Krise noch stärker ist] die These, dass die Wirtschaftswissenschaft vollkommen darin versagt hat, die Finanzkrise vorherzusagen und zu erklären. Nichtsdestotrotz blieb die Mainstream-Ökonomie von negativen Konsequenzen verschont und macht einfach weiter wie bisher.

Aus Mirowskis Sicht ist die Neoklassische Theorie, der Neoliberalismus und die konservativen Parteien, dank komplizierter Propaganda und verschachteltem Lobbying, angeführt von der Mont Pelerin Society (MPS), gestärkt aus der Krise hervorgegangen. Laut Mirowski fungiert die Mont Pelerin Society als Dreh- und Angelpunkt eines komplexen Netzwerks von konservativen, marktwirtschaftlichen Think Tanks und neoliberaler Akademiker, die die Politik dominieren.

Mirowskis Analyse ist interessant, obwohl sie aus einer äußerst linken, egalitären Perspektive erfolgt. Sehr ansprechend ist vor allem seine Analyse und Kritik der Neoklassischen Theorie.

Der bedauernswerte Zustand der Mainstream-Ökonomie

Die Vertreter der Neoklassischen Theorie konnten die Große Rezession nicht vorhersagen, da sie an ein neues Zeitalter makroökonomischer Stabilität glaubten. Während dieser sogenannten Großen Mäßigung war es den Zentralbanken anscheinend gelungen, tiefe Rezessionen zu vermeiden, weshalb die Neoklassiker von den immensen Problemen, die ab 2008 über das Finanzsystem und die Weltwirtschaft hereinzubrechen begannen, überrascht wurden.

Für Mirowski ist dieses Versagen das Resultat einer methodologischen Sackgasse. Die Neoklassiker konnten mit ihren methodologischen Instrumenten, vor allem aufgrund des berüchtigten Dynamisch-Stochastischen-Gleichgewichts-Modells (DSGE), die Große Rezession nicht vorhersagen. Da das DSGE keinen Raum für Krisen lässt, konnten die Neoklassiker die Finanzkrise nicht nur nicht prognostizieren, sondern sie sind auch nicht im Stande, sie im Nachhinein zu erklären.

Mirowski diagnostiziert eine kognitive Dissonanz im Neoklassischem Lager. Die Neoklassische Theorie ermöglicht es nicht, die Finanzkrise zu verstehen. Es klafft eine Lücke zwischen der allgemein akzeptierten Theorie und der Praxis. Um diese Lücke zu überbrücken, haben Neoklassiker laut Mirowski begonnen, die empirische Evidenz zurechtzurücken (oder zu verzerren), um ihre Theorie stimmig erscheinen zu lassen. Anstatt den längst überfälligen Paradigmenwechsel in der Mainstream-Ökonomie einzuleiten, klammern sie sich stur an ihre mathematischen Modelle.

Mirowski beschreibt anschaulich die Lethargie der Mainstream-Orthodoxie. Die versunkenen Kosten bzw. Investitionen an intellektuellem Kapital sind enorm. Die Wissenschaft taumelt orientierungs- und visionslos umher. Sie verweilt im Mittelmaß. Indoktrination propagiert Orthodoxie. Studenten werden mit ökonomischen Lehrbüchern sozialisiert, die ein Potpourri an Theorien beinhalten. Sie müssen kurzlebige Artikel lesen, die in renommierten Fachzeitschriften publiziert werden und auf der Mainstream-Methodologie aufbauen. In diesem Zusammenhang verweist Mirowski auf den Fakt, dass diese Zeitschriften im Allgemeinen nicht mehr Artikel publizieren, die sich mit Methodologie und Wirtschaftsgeschichte befassen, und stattdessen mathematische und statistische Artikel veröffentlichen. Mirowski liegt richtig, wenn er die Mathematisierung mit der Einführung von Naturwissenschaften in die Ökonomie verknüpft und diese Entwicklung als einen der Gründe für die Finanzkrise benennt.

Das Methodologie-Problem

Mirowski kritisiert die Neoklassische Methodologie und argumentiert, dass Ökonomen die Naturwissenschaften beneiden. Aufgrund ihres Minderwertigkeitskomplexes begannen Ökonomen die Methode und Modelle der Physik zu imitieren. Es war die in der Physik benutzte, mathematische Vorgehensweise, die es den Neoklassischen Ökonomen unmöglich machte, die Finanzkrise vorherzusehen. Mirowski’s Kritik macht auch vor linken neoklassischen Ökonomen nicht Halt. Aufgrund seiner konsequenten Herangehensweise tadelt er Greenspan und Bernanke, aber auch Stiglitz und Krugman. Obwohl es ideologische Differenzen zwischen ihnen geben mag, benutzen sie allesamt DSGE Modelle, in denen ein repräsentativer Agent Nutzenfunktionen maximiert.

Laut Mirowski waren es die DSGE Modelle, welche die Wiedervereinigung der Ökonomie erlaubten, nachdem in Folge der Keynesianischen Revolution die Mikro- von der Makroökonomie getrennt worden war. DSGE Modelle erlaubten es, die mathematische Vorgehensweise der Mikroökonomie in der Makrosphäre einzusetzen, indem man dort nutzenmaximierende Agenten und hohe Aggregation einführte. Mirowski geht sogar so weit zu behaupten, dass ohne DSGE die Neoklassik einfach verschwinden würde.

Während Mirowski zu einem Neustart in der Ökonomie und einem Ende des Neoklassischen Paradigmas aufruft, ist er nicht im Stande eine Alternative anzubieten und scheint sich auch nicht der praxeologischen Vorgehensweise der Österreichischen Schule bewusst zu sein. Die realistische Alternative, welche Mirowski herbeisehnt, existiert nämlich bereits. Er ist sich auch nicht im Klaren darüber, dass aufgrund dieser realistischen Vorgehensweise, die Österreicher überhaupt nicht von der Finanzkrise überrascht waren. Einige von ihnen haben sie sogar vorhergesagt. Leider ist die Ignoranz Mirowskis gegenüber der Österreichischen Schule, die sich in seiner Interpretation Hayeks und der kompletten Vernachlässigung der Arbeiten von Ludwig von Mises und Murray Rothbard widerspiegelt, immens; ganz zu schweigen von seiner Ignoranz zeitgenössischer Österreicher.

Mirowskis Verwirrung über Denkschulen

Das Hauptproblem von Mirowski ist seine Verwirrung über die Österreichische Schule im Zusammenhang mit dem Libertarismus. Mirowski betrachtet die meisten Neoklassischen Ökonomen als Neoliberal (mit einigen linken Ausnahmen, wie Stiglitz oder Krugman). Implizit zählt er auch die Österreichische Schule zum Neoliberalen Lager. Er schreibt sogar von “hayek’schen Neoliberalen”. Jedoch sind Österreicher weder Neoklassiker noch Neoliberale.

Zwar stimmt es, dass Mirowski in seinem Buch teilweise zwischen Neoliberalen und Libertären sowie Neoklassikern und Österreichern unterscheidet, diese Unterscheidung aber nicht konsequent genug anwendet. Dieser Mangel an Konsistenz verursacht erstaunliche Resultate.

Beispielsweise behauptet er, dass Chicagos effiziente Markthypothese (EMH) die Wissenstheorie von Hayek formalisiert. Implizit wird damit angedeutet, dass Hayek, oder andere Österreicher, dieselbe Methode der Neoklassiker anwenden würden, und damit ein und demselben Neoliberalen Lager angehören würden.

Nichts könnte weiter von der Wahrheit entfernt sein. Hayeks Theorie des subjektiven Wissens behandelt Wissen als implizit, privat, subjektiv und dezentralisiert. Hayeks Behandlung von subjektiven Wissen steht jeder mathematischen oder formalisierten Behandlung von Information diametral gegenüber. Noch genauer: Die kreative Natur des unternehmerischen Wissens der Österreichischen Tradition steht im Gegensatz zur  objektiven und gegebenen Information der EMH.

Die EMH postuliert, dass Marktpreise effizient sind, da sie alle relevante Informationen beinhalten und geht von einer Art objektiver Information aus, welche auf dem Markt ge- und verkauft werden kann. Wichtig ist jedoch nicht die objektive und gegebene Information, sondern vielmehr deren subjektive Interpretation, und das dadurch neu entstandene unternehmerische Wissen, welches in einem dynamischen Prozess gewonnen wird. Vergangene Preise sind lediglich historische Tauschbeziehungen, die den Marktteilnehmern dazu dienen, neue Informationen zu erlangen. Mirowski verzerrt Hayek, indem er schreibt, dass laut Hayek der Markt jenes Wissen übermittelt, welches wir benötigen. Stattdessen hat Hayek aufgezeigt, dass Marktpreise es erlauben, das subjektive Wissen anderer Marktteilnehmer zu verwerten. Der Markt übermittelt nicht automatisch jenes Wissen, das wir benötigen; vielmehr müssen die Marktteilnehmer das Wissen erst entdecken und erschaffen, das sie benötigen, um ihre Ziele zu erreichen.

Weitere Probleme ergeben sich aus Mirowskis Vermischung von Subjektivismus und Hayeks Theorie des Wissens mit EMH, CAPM (Capital Asset Pricing Model) und dem Black-Scholes Modell. Gleichgewichtskonstrukte à la EMH, CAPM oder Black-Scholes bieten keinen Raum für Subjektivismus. In all diesen mathematischen Modellen sind all die relevanten Informationen bereits gegeben. Sie sind statisch. Mirowski versteht nicht Hayeks Hauptaussage, dass Unternehmer in einem kompetitiven Marktprozess neue Informationen entdecken. Da der Markt ein Prozess ist, ist der Markt nie perfekt. Marktteilnehmer machen Fehler oder fallen Illusionen zum Opfer; Mirowskis ganzes Buch ist ein Musterbeispiel dafür.

Ein weiteres, erstaunliches Resultat von Mirowskis Versagen, klar zwischen der Österreichischen Schule und den Neoliberalen zu unterscheiden, ergibt sich aus seinem Umgang mit dem Konstruktivismus. Mirowski hält Neoliberale für Konstruktivisten. Gleichzeitig zählt er Hayek zum Neoliberalem Lager (und vielleicht auch die gesamte Österreichische Schule?) und versucht Hayeks Kritik an Konstruktivismus irgendwie mit Neoliberalismus zu vereinbaren Aber wie kann Hayek, der am kraftvollsten im 20. Jahrhundert gegen Szientismus und Konstruktivismus wetterte, ein Konstruktivist sein?

„Warum die „Austrians“ keine Neoliberalen sind (Teil 2)“ finden Sie hier.

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Aus dem Englischen übersetzt von Mathias Nuding. Der Originalbeitrag mit dem Titel Why Austrians Are Not Neoliberals ist am 4.1.2016 auf der website des Mises-Institute, Auburn, US Alabama erschienen.

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Philipp Bagus ist Professor für Volkswirtschaft an der Universidad Rey Juan Carlos in Madrid. Zu seinen Forschungsschwerpunkten Geld- und Konjunkturtheorie veröffentlichte er in internationalen Fachzeitschriften wie Journal of Business Ethics, Independent Rewiew, American Journal of Economics and Sociology u.a.. Seine Arbeiten wurden ausgezeichnet mit dem O.P.Alford III Prize in Libertarian Scholarship, dem Sir John M. Templeton Fellowship und dem IREF Essay Preis. Er ist Autor eines Buches zum isländischen Finanzkollaps (“Deep Freeze: Island’s Economics Collapse” mit David Howden). Sein Buch “Die Tragödie des Euro” erscheint in 14 Sprachen. Philipp Bagus ist ist Mitglied des wissenschaftlichen Beirates des “Ludwig von Mises Institut Deutschland”. Hier Philipp Bagus auf Twitter folgen. Im Mai vergangenen Jahres ist sein gemeinsam mit Andreas Marquart geschriebenes Buch “WARUM ANDERE AUF IHRE KOSTEN IMMER REICHER WERDEN … und welche Rolle der Staat und unser Papiergeld dabei spielen” erschienen.

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Hinweis: Die Inhalte der Beiträge geben nicht notwendigerweise die Meinung des Ludwig von Mises Institut Deutschland wieder.