Transhumanismus – Welche Zukunft wollen wir?

Rezension

10. August 2026 – von Andreas Tögel

Nach einer Weiterentwicklung des Menschen, nach der Verbesserung seiner Lebensumstände und seiner höheren Bildung haben schon Religionen, unterschiedliche Denkschulen und diverse Ideologien gestrebt. Die transhumanistische Bewegung geht darüber hinaus und will unter Zuhilfenahme moderner Technologien, durch die Schaffung von Schnittstellen zwischen Gehirn und Computern und mittels genetischer Veränderungen „Verbesserungen“ des Menschen herbeiführen, Krankheiten überwinden, das Leben so weit wie möglich verlängern und letztlich sogar den Tod überwinden. Schon gibt es findige Unternehmer, die auf Letzteres abzielen und eine „Kryokonservierung“ (= Einfrieren bei extrem niedrigen Temperaturen) toter menschlicher Körper anbieten, um diese zum Zeitpunkt, da jene Krankheit überwunden ist, die zum Tod des betroffenen Menschen geführt hat, rückgängig zu machen und somit sein Weiterleben zu ermöglichen.

Der Autor des vorliegenden Buches „Transhumanismus. Welche Zukunft wollen wir?“, der klinische Psychologe Harald Walach, stellt fest, dass für die moderne Wissenschaft nichts mehr unmöglich zu sein scheint – fast alle Grenzen sind aufgehoben. Religiöse oder ethische Bedenken gegen eine drohende „Cyborgisierung“ des Menschen werden mit dem Hinweis auf bereits jetzt angewandte medizinische Techniken weggewischt, wie etwa die Implantation von Hüftprothesen oder Herzschrittmachern, und Impfungen gegen alle möglichen Infektionserkrankungen, mit denen ja schließlich auch Gott ins Handwerk gepfuscht wird. Walach setzt sich mit den Zielen der transhumanistischen Bewegung grundsätzlich und detailliert auseinander. Als wesentliche Teilaspekte des Transhumanismus werden das genetische „Enhancement“ (= „Verbesserung“), das Cyborg-Enhancement und das pharmakologische Enhancement genannt.

Der Begriff Transhumanismus wurde vom britischen Evolutionsbiologen und Eugeniker Julian Huxley (1887 – 1975) im Jahr 1957 im Essay Transhumanism in seinem Buch „New Bottles for New Wine“ geprägt. Ihm schwebte eine Menschheit vor, die durch den Einsatz der modernen Wissenschaft „über sich hinauswachsen könnte“. Die geistige Nähe des Transhumanismus zur Eugenik (von altgriechisch εὖ eu „gut“ und γένος génos „Geschlecht, Familie“) ist nicht zu übersehen.  Basis der von erfolgreichen und visionären Unternehmern wie Elon Musk und Peter Thiel geförderten transhumanistischen Bewegung bildet in hohem Maße die materialistische Vorstellung, Gott sei tot und der Mensch trete nun selbst an seine Stelle. In Franz Schuberts (1797 – 1828) 1827 geschaffenem Liederzyklus „Winterreise“ lautet der Schluss des 21. Liedes „Das Wirtshaus“: „sind wir selber Götter.“ Friedrich Nietzsche (1844 – 1900) erklärt Gott 1882 in „Die fröhliche Wissenschaft“ für tot. Dort heißt es: „Gott ist tot! Gott bleibt tot! Und wir haben ihn getötet!“ Gott steht bei Nietzsche als Metapher für das Fundament der europäischen Moral, Metaphysik und Sinngebung. Mit dem zitierten Satz beschreibt er den Zusammenbruch dieser Grundlagen infolge „der Wissenschaft“, des Rationalismus und der modernen Kultur. Diesen Gedanken Nietzsches greift Harald Walach auf und argumentiert dementsprechend.

Transhumanisten werden zwar, wie der Autor konstatiert, nicht müde, die Wissenschaftlichkeit ihrer Arbeit zu betonen, schaffen aber – nachdem Gott ja tot und begraben ist – letztlich nicht nur eine neue Ideologie, sondern vielmehr einen zeitgeistigen, postmodernen Religionsersatz. Denn den Kern jeder Religion bilden schließlich Glaube und Hoffnung – und diese werden auch vom Transhumanismus beschworen. Einziger Unterschied ist, dass das angestrebte Ziel, nämlich die maximal zu erzielende „Verbesserung“ des Menschen und am Ende sogar seine Unsterblichkeit, nicht im Transzendenten, sondern schon im Diesseits verwirklicht werden soll.

Walach stellt fest: Der Transhumanismus „verkörpert alle Prinzipien, die der traditionellen christlichen oder jüdischen Religion lieb und teuer sind, jedoch in einer vollständig säkularisierten Form.“

Unter Hinweis auf historische Fehlentwicklungen wird eindringlich davor gewarnt, den aktuellen Stand der wissenschaftlichen Forschung zur unbezweifelbaren Grundlage von möglicherweise irreversiblen transhumanistischen Experimenten zu machen. So bildete beispielsweise die Eugenik eine Lieblingstheorie der deutschen Nationalsozialisten.

Ludwig von Mises (1881 – 1973) schrieb in „Socialism“ (1951) im Epilog (S. 581) über die Eugenik:

Die Eugenik zielt darauf ab, einige Menschen – gestützt durch die Polizeigewalt – in die vollständige Kontrolle über die menschliche Fortpflanzung zu bringen. Sie schlägt vor, die Methoden, die bei Haustieren angewendet werden, auch auf Menschen anzuwenden. Genau das ist es, was die Nazis zu tun versuchten.

Die Eugenik wurde von Julian Huxley und Sir Francis Galton (1822 – 1911) im England des 19. Jahrhunderts entwickelt und rasch auch jenseits der Grenzen übernommen. Rassentheorie und Eugenik galten damals als gesicherte wissenschaftliche Tatsachen, die empirisch nicht zu widerlegen wären. Schon hier, so der Autor, wurde erstmals ein „wissenschaftlicher Konsens“ über eine Theorie erzielt – so wie weiland auch bei der Covid-19-Pandemie und wie es hinsichtlich der dieser Tage zelebrierten Religion des „menschengemachten Klimawandels“ der Fall ist („97 Prozent der Wissenschaftler sind der Meinung …“). Die wissenschaftliche Methode beruht aber nicht auf einer demokratischen Mehrheitsbildung, sondern auf Versuch, Irrtum und der empirischen Überprüfung aufgestellter Thesen. Gerade deshalb ist größte Wachsamkeit geboten, wenn wieder einmal ein „wissenschaftlicher Konsens“ verkündet wird.

Die potenzsteigernde Droge „Viagra®“ (Sildenafil) wird von Walach als „die erste transhumanistische, medizinische Intervention“ angeführt. Die Substanz biete nämlich in exemplarischer Weise jene Art von „Verbesserung“, die der Transhumanismus zu erreichen erstrebt.

Anhand zahlreicher Studien und Metauntersuchungen analysiert Harald Walach Wirkungen und Nebenwirkungen von Medikamenten und Wirkstoffgruppen – etwa jener der Antidepressiva. Dabei ergibt sich, dass erwünschte Effekte von den Herstellern oft übertrieben dargestellt, unerwünschte Nebenwirkungen aber häufig heruntergespielt werden. Möglich wird das durch die große Nähe von Anwendern und Verschreibern einerseits und der Pharmaindustrie andererseits. Walach kritisiert die „enge Verbindung zwischen der akademischen Psychiatrie, die aufgrund ihrer hohen Finanzierung durch die Pharmaindustrie in einem tiefen Interessenskonflikt steht, und den Unternehmen, die (…) Antidepressiva herstellen.“

Prof. Dr. Dr. Harald Walach

Breiten Raum widmet der Autor der Analyse der Ereignisse rund um die Covid-19-Pandemie und der damals erstmaligen breiten Anwendung eines mRNA-Wirkstoffs. Denn „jeder Versuch, in die Genetik eines biologischen Systems einzugreifen, wird eine Gegenreaktion des Systems hervorrufen“. Einen solchen Versuch stellte nach Meinung des Autors der Einsatz einer im Hinblick auf ihre Anwendungssicherheit und Teratogenität (= Fähigkeit, bei einem ungeborenen Kind im Mutterleib Entwicklungsstörungen und körperliche Fehlbildungen auszulösen) so gut wie ungeprüften Substanz dar. Wissenschaftliche Sorgfalt wurde auf dem Altar der „Alternativlosigkeit“ einer möglichst raschen Intervention geopfert. Kritische Stimmen wurden unterdrückt, kompetente und verdiente Wissenschaftler, die sich der von der Politik betriebenen Panikmache widersetzten und dem Narrativ der „Pandemie der Ungeimpften“ widersprachen, wurden persönlich angegriffen und verunglimpft.

So nimmt es am Ende nicht wunder, dass weltweit 37.544 Todesfälle im Zusammenhang mit Covid-Injektionen gemeldet wurden und mit dem Beginn der Impfkampagne im Jahr 2021 eine deutliche Zunahme der Übersterblichkeit zu verzeichnen war. Eine sorgfältige Analyse aller verfügbaren Daten zeigt, dass alle Eindämmungsmaßnahmen weitgehend wirkungslos blieben. Fazit: Eine Pandemie auf Grundlage mathematischer Modelle auszurufen, hat sich als falsch erwiesen.

Ein besonders aktuelles Thema des Transhumanismus ist die Transgender-Agenda. Schließlich ist die Korrektur von Fehlern der Natur eines seiner Hauptanliegen. Und da von Wissenschaftsgläubigen stets alles getan wird, was getan werden kann, sind jetzt „Geschlechtsumwandlungen“ en vogue. Da es sich beim Geschlecht – jeder biologischen Evidenz zum Trotz – angeblich um nichts weiter als um ein „soziales Konstrukt“ handelt, spricht ja auch nichts dagegen. Vom Phänomen „im falschen Körper geborener Menschen“ sind zwischen 0,03 und 0,3 Prozent der Bevölkerung betroffen. Der aktuelle Gender-Wokeismus wird durch eine Minderheit von zum Teil sehr wohlhabenden Protagonisten – oft selbst Transgender-Personen – weit über seine gesellschaftliche Relevanz hinaus lautstark propagiert. Steigende Zahlen von sich über ihr Geschlecht unsichere, meist junge Personen, sind die erkennbare Folge.

Sobald ein Mensch Zweifel an seinem Geschlecht äußert oder die Diagnose „Geschlechtsdysphorie“ (= tiefer Leidensdruck von Menschen, weil ihre gefühlte Geschlechtsidentität nicht mit dem bei Geburt aufgrund körperlicher Merkmale zugewiesenen Geschlecht übereinstimmt) gestellt ist, muss natürlich sofort etwas dagegen unternommen werden. Ergebnis: „Nach der Intervention gibt es mehr Jugendliche mit Suizidgedanken, Suizidversuchen (…) und psychiatrischer Behandlung als zuvor.“

Der Rückzug der traditionellen Religion in der Alten und der Neuen Welt hat ein Vakuum entstehen lassen, das von einem aggressiven „Szientismus“ (= Glaube, dass die Naturwissenschaften die einzige verlässliche Quelle für Erkenntnis sind und ihre Methoden auf alle Lebens-, Geistes- und Gesellschaftsbereiche übertragen werden können) gefüllt wurde. Dieses schon von F. A. Hayek (1899 – 1992) und Karl Popper (1902 – 1994) kritisierte Phänomen ist für eine deutliche Zunahme des staatlichen Paternalismus verantwortlich und bringt stetig wachsende Regierungsinstitutionen mit sich.

Der Autor ruft auf Basis seiner dargelegten Überlegungen dazu auf, transhumanistische Eingriffe in die menschliche Physiologie besser heute als morgen aufzugeben. Unsere Zukunft sollten wir nämlich selbst in die Hand nehmen und nicht anderen überlassen – schon gar keinen „Eliten“ oder „der Wissenschaft“. Denn Wissenschaft kann zwar untersuchen, was ist, aber keine Ziele vorgeben und bestimmen, was sein soll.

Ludwig von Mises schrieb („Socialism“, S. 581 f.):

Es muss erneut betont werden: Es gibt kein wissenschaftliches Sollen. Welche Menschen überlegen und welche unterlegen sind, kann nur durch persönliche Werturteile entschieden werden, die weder beweisbar noch widerlegbar sind. Die Eugeniker täuschen sich in der Annahme, dass sie selbst dazu berufen sein werden, zu entscheiden, welche Eigenschaften des Menschengeschlechtes erhalten bleiben sollen. Sie sind zu geistlos, um die Möglichkeit in Betracht zu ziehen, dass andere Menschen die Wahl nach ihren eigenen Werturteilen treffen könnten.

„Die Zeit der ‚Erleuchteten‘, der ‚Großen‘ und der ‚Weisen‘ ist vorbei“, schreibt Walach. Es ist an der Zeit, Immanuel Kant (1724 – 1804) folgend, sich wieder seines eigenen Verstandes zu bedienen!

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Buchlink:

„Transhumanismus. Welche Zukunft wollen wir?“

Hinweis: Die Inhalte der Beiträge geben nicht notwendigerweise die Meinung des Ludwig von Mises Instituts Deutschland wieder.

Andreas Tögel

Andreas Tögel, Jahrgang 1957, ist gelernter Maschinenbauer, ausübender kaufmännischer Unternehmer und überzeugter ‚Austrian‘. Ende März 2022 ist sein Buch Inflation: Warum das Leben immer teurer wird (*) erschienen.

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