Die Intellektuellen und der Sozialismus (Teil 3)

9.9.2015 – Der folgende Beitrag Die Intellektuellen und der Sozialismus von Friedrich A. von Hayek aus dem Jahr 1949 wird hier in drei Teilen veröffentlicht. Er ist entnommen aus The University of Chicago Law Review (Spring 1949) – hier finden Sie den englisch-sprachigen Originalbeitrag Intellectuals and Socialism. Die Intellektuellen und der Sozialismus (Teil 1) wurde am 26.8.2015, Die Intellektuellen und der Sozialismus (Teil 2) am 2.9.2015 veröffentlicht.

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Die Intellektuellen und der Sozialismus (Teil 3)

Friedrich August von Hayek (1899 – 1992)

Die tatsächlichen Entwicklungen der Gesellschaft während dieser Zeit wurden nicht von einem Kampf miteinander konkurrierender Ideen geprägt, sondern vom Gegensatz einer existierenden Ordnung und dem einen Ideal einer möglichen zukünftigen Gesellschaft, welches alleine die Sozialisten der Öffentlichkeit präsentierten. Sehr wenige der anderen Programme boten echte Alternativen. Die meisten waren Kompromisse oder Kombinationen aus den extremeren Formen des Sozialismus und der bestehenden Ordnung. Alles was nötig war, um praktisch jeden sozialistischen Vorschlag vernünftig für diejenigen „gemäßigten“ Geister erscheinen zu lassen, die überzeugt davon sind, dass die Wahrheit immer in der Mitte zwischen den Extremen liegen muss, war der Vorschlag einer noch extremeren Lösung durch irgendjemanden. Es schien nur eine Richtung zu geben, in die wir uns bewegen konnten, und die einzige Frage schien, wie schnell und wie weit die Bewegung gehen sollte.

Die Bedeutung der speziellen Anziehungskraft auf die Intellektuellen, der der Sozialismus seinen spekulativen Charakter verdankt, wird deutlicher, wenn wir der Position des sozialistischen Theoretikers die Position seines Gegners, des Liberalen im alten Sinne des Wortes, gegenüberstellen. Dieser Vergleich wird uns auch zeigen, welche Lektion wir aus dem angemessenen Verständnis der intellektuellen Kräfte lernen können, die die Grundfesten einer freien Gesellschaft untergraben.

Seltsamerweise ist eines der Haupthindernisse, welches dem liberalen Denker öffentlichen Einfluss verwehrt, eng mit der Tatsache verbunden, dass er mehr Gelegenheit hat, aktuelle politische Entscheidungen direkt zu beeinflussen, bis der Sozialismus tatsächlich da ist, und dass er deswegen nicht nur nicht zu solch langfristigen Überlegungen neigt, die die Stärke der Sozialisten sind, sondern dass er tatsächlich von ihnen abgehalten wird, da er sonst weniger Gutes in der Gegenwart bewirken könnte. Welche Macht auch immer er beim Beeinflussen praktischer Entscheidungen hat, er verdankt sie seinem guten Verhältnis mit den Repräsentanten der bestehenden Ordnung, und dieses gute Verhältnis würde er gefährden, wenn er sich der Art von Gedankenspielen hingeben würde, die bei den Intellektuellen Anklang fänden und die mit ihrer Hilfe die Entwicklung über längere Zeiträume beeinflussen würden. Um bei den Mächtigen Gehör zu finden, muss er „praktisch“, „vernünftig“ und „realistisch“ sein. Solange er sich mit den unmittelbaren Fragen beschäftigt, wird er mit Einfluss, materiellem Erfolg und Beliebtheit bei denen, die bis zu einem gewissen Punkt seine allgemeinen Ansichten teilen, belohnt. Aber diese Leute haben wenig für Überlegungen zu grundsätzlichen Fragen übrig, die das intellektuelle Klima beeinflussen. Wenn er sich tatsächlich ernsthaft mit solchen langfristigen Überlegungen befassen sollte, läuft er Gefahr, als „unvernünftig“ oder gar als halber Sozialist zu gelten, da er nicht bereit ist, die bestehende Ordnung zu dem freien System zu erklären, dass er anstrebt.[1]

Wenn er sich trotzdem weiterhin generellen Fragen widmet, wird er bald herausfinden, dass es gefährlich ist, zu viel mit denen, die die meisten seiner Überzeugungen teilen, zu tun zu haben, und er wird bald isoliert sein. In der Tat gibt es zur Zeit weniger undankbarere Aufgaben, als die wichtige Aufgabe, eine philosophische Grundlage zu entwickeln, auf der die weitere Entwicklung einer freien Gesellschaft aufgebaut sein muss. Da derjenige, der sich ihrer annimmt, den größten Teil der Rahmenbedingungen der bestehenden Ordnung übernehmen muss, wird er vielen der eher utopischer denkenden Intellektuellen als zaghafter Apologet des Status Quo erscheinen; und gleichzeitig wird er von den Praktikern als abgehobener Theoretiker verworfen. Er ist nicht radikal genug für diejenigen, die nur die Welt, in der „die Gedanken mit Leichtigkeit zusammenfinden“, kennen, und viel zu radikal für diejenigen, die nur sehen, wie „hart im Raum die Dinge aufeinandertreffen“.

Wenn er die Unterstützung, die er von den Praktikern bekommen kann, annimmt, wird er höchstwahrscheinlich bei denjenigen in Verruf geraten, auf die er beim Verbreiten seiner Ideen am meisten angewiesen ist. Gleichzeitig muss er peinlichst alles vermeiden, das nach Extravaganz oder Übertreibung aussieht. Während kein sozialistischer Theoretiker es sich jemals mit seinesgleichen selbst durch die unsinnigsten Überlegungen verscherzt hat, wird der altmodische Liberale sich durch einen unvernünftigen Vorschlag ins Aus manövrieren. Und trotzdem wird er für die Intellektuellen nicht phantasievoll oder abenteuerlustig genug sein, und die Veränderungen und Verbesserungen der Gesellschaftsordnung, die er zu bieten hat, werden beschränkt erscheinen im Vergleich zum dem, was ihre weniger eingeschränkte Vorstellungskraft erdenkt.

Zumindest in einer Gesellschaft, in der die Grundlagen der Freiheit schon erstritten sind und weitere Verbesserungen vergleichbar unwichtige Punkte betreffen, kann das liberale Programm nicht den Glanz einer neuen Erfindung haben. Die Würdigung der Verbesserungen, die es zu bieten hat, erfordert mehr Wissen über das Funktionieren der bestehenden Gesellschaft, als der durchschnittliche Intellektuelle besitzt. Die Diskussion dieser Verbesserungen muss sich auf einer praktischeren Ebene bewegen als die eher revolutionären Programme, und bringt so eine Komplexität mit sich, die dem Intellektuellen wenig zusagt. Sie tendiert auch dazu, Elemente zu beinhalten, die ihm direkt widerstreben. Diejenigen, die mit dem Funktionieren der bestehenden Gesellschaft am meisten vertraut sind, sind üblicherweise daran interessiert, bestimmte Merkmale dieser Gesellschaft zu erhalten, deren Erhalt sich nicht durch Prinzipien verteidigen lässt. Im Gegensatz zu demjenigen, der eine völlig neue zukünftige Ordnung anstrebt, und der sich natürlich zur Orientierung an den Theoretiker wendet, glauben diejenigen, die an die bestehende Ordnung glauben, auch, dass sie diese viel besser verstehen als irgendein Theoretiker, und werden deswegen wahrscheinlich alles verwerfen, was ihnen unbekannt und theoretisch erscheint.

Die Schwierigkeit, echte Unterstützung ohne Eigeninteresse für eine systematische Politik der Freiheit zu finden, ist nicht neu. In einer Passage, an die mich die Aufnahme eines kürzlich erschienenen Buches von mir erinnert hat, beschrieb Lord Acton vor langer Zeit, wie „zu allen Zeiten die ernsthaften Freunde der Freiheit spärlich gesät waren, und sie ihre Triumphe Minderheiten verdankten, die dadurch Erfolg hatten, dass sie sich mit Helfern verbündeten, deren Ziele andere waren als ihre eigenen; und dieses Bündnis, das stets gefährlich ist, war manchmal verhängnisvoll, weil es Gegnern gerechtfertigten Anlass zum Widerstand gab…“[2] Erst kürzlich hat sich einer der hervorragendsten lebenden amerikanischen Ökonomen aus ähnlichem Anlass darüber beschwert, dass die Hauptaufgabe derjenigen, die an die Grundprinzipien des kapitalistischen Systems glauben, regelmäßig darin bestehen muss, dieses System gegen die Kapitalisten zu verteidigen – in der Tat war dies den großen liberalen Ökonomen von Adam Smith bis zur Gegenwart stets bekannt.

Das größte Hindernis, das die Praktiker, die von Herzen an die Sache der Freiheit glauben, von denjenigen, die in der Welt der Ideen über Entwicklungen entscheiden, trennt, ist ihr tiefes Misstrauen gegenüber theoretischen Überlegungen und ihre Tendenz zur Orthodoxie; dies schafft mehr als alles andere eine fast unüberwindbare Barriere zwischen ihnen und denjenigen Intellektuellen, die an dieselbe Sache glauben, und deren Unterstützung unverzichtbar ist, wenn diese Sache gewinnen soll. Obwohl diese Neigung wahrscheinlich für diejenigen, die ein System verteidigen, weil es sich in der Praxis bewährt hat, und denen seine intellektuelle Rechtfertigung bedeutungslos erscheint, natürlich ist, ist sie tödlich für sein Überleben, weil es ihm die Unterstützung, die es dringend benötigt, entzieht. Orthodoxie jeder Art, jedes Vorgeben, ein Gedankensystem sei endgültig und müsse vorbehaltlos als Ganzes akzeptiert werden, ist die eine Einstellung, die notwendigerweise alle Intellektuellen gegen sich aufbringt, was auch immer ihre Ansichten zu einer konkreten Frage sind.

Jedes System, das Menschen danach beurteilt, inwieweit sie mit einem vorgegebenen Gedankengebäude übereinstimmen, nach ihrer „Zuverlässigkeit“ oder nach dem Ausmaß, nach dem man sich darauf verlassen kann, dass sie in allen Punkten die anerkannte Meinung vertreten, versagt sich selbst die Art von Unterstützung, ohne die kein Gedankengebäude seinen Einfluss auf die moderne Gesellschaft behalten kann. Die Möglichkeit, anerkannte Ansichten zu kritisieren, neue Ansichten zu erkunden und mit neuen Konzepten zu experimentieren, bietet die Art von Atmosphäre, ohne die der Intellektuelle nicht atmen kann. Eine Sache, die dazu keine Möglichkeiten bietet, kann von ihm keine Unterstützung bekommen und ist deswegen in jeder Gesellschaft, die wie unsere auf seine Dienste angewiesen ist, zum Scheitern verurteilt.

Es mag sein, dass eine freie Gesellschaft, wie wir sie kennen, den Keim der eigenen Zerstörung in sich trägt, und dass Freiheit, ist sie einmal errungen, als selbstverständlich angesehen und nicht mehr geschätzt wird, und dass das freie Reifen von Ideen, das der Kern einer freien Gesellschaft ist, die Zerstörung der Grundlagen bewirken wird, auf die sie gebaut ist. Es kann wenig Zweifel daran geben, dass in Ländern wie den Vereinigten Staaten heutzutage das Ideal der Freiheit für den jungen Mensch weniger Attraktivität besitzt als in Ländern, in denen man gelernt hat, was der Verlust der Freiheit bedeutet. Andererseits gibt es viele Anzeichen dafür, dass in Deutschland und anderswo für die jungen Menschen, die nie eine freie Gesellschaft kennengelernt haben, die Aufgabe, eine freie Gesellschaft zu schaffen, so aufregend und faszinierend sein kann wie jedes sozialistische Programm, das die letzten hundert Jahre aufgetaucht ist. Es ist eine außergewöhnliche Tatsache, die jedoch viele Besucher erlebt haben, dass man, wenn man mit deutschen Studenten über die Prinzipien einer liberalen Gesellschaft spricht, eine empfänglichere und sogar enthusiastische Hörerschaft findet, als man in jeder der westlichen Demokratien zu finden hoffen kann. In England kann man unter den Jungen auch ein neues Interesse an den Prinzipien des wahren Liberalismus  finden, das vor ein paar Jahren sicher nicht vorhanden war.

Bedeutet dies, dass Freiheit nur geschätzt wird, wenn sie verloren geht; dass die Welt überall durch eine dunkle Phase des sozialistischen Totalitarismus gehen muss, bevor die Kräfte der Freiheit neu an Stärke gewinnen können? Es mag so sein, aber ich hoffe es muss nicht so sein. Solange jedoch die Menschen, die die öffentliche Meinung langfristig bestimmen, weiterhin von den Ideen des Sozialismus fasziniert sein werden, wird der Trend anhalten. Wenn wir so eine Entwicklung vermeiden wollen, müssen wir ein neues liberales Programm anbieten können, das die Vorstellungskraft anregt. Wir müssen das Erschaffen einer freien Gesellschaft wieder zum intellektuellen Abenteuer, einer mutigen Tat machen. Uns fehlt ein liberales Utopia, ein Programm, dass weder eine reine Verteidigung des Status Quo noch eine verwässerte Form des Sozialismus zu sein scheint, sondern ein wahrer liberaler Radikalismus, der die Empfindlichkeiten der Mächtigen (inklusive der Gewerkschaften) nicht scheut, der nicht allzu streng praktisch orientiert ist, und der sich nicht auf das beschränkt, was heute politisch machbar erscheint.

Wir brauchen intellektuelle Anführer, die bereit sind, für ein Ideal zu arbeiten, egal wie unwahrscheinlich dessen frühe Verwirklichung auch scheinen mag. Es müssen Menschen sein, die bereit sind, sich an Prinzipien zu halten und bis zu ihrer kompletten Verwirklichung zu kämpfen, egal in wie weiter Ferne diese liegen mögen. Die praktischen Kompromisse müssen sie den Politikern überlassen. Freihandel und Freiheit der Möglichkeiten sind Ideale, die immer noch die Phantasie von vielen anzuspornen vermögen, aber lediglich „vernünftiger Freihandel“ oder „Lockerung der Kontrollen“ sind weder intellektuell ehrenwert, noch ist es wahrscheinlich, dass sie Enthusiasmus bewirken.

Die wichtigste Lektion, die der wahre Liberale vom Erfolg der Sozialisten lernen muss, ist die, dass es ihr Mut zur Utopie war, der ihnen die Unterstützung der Intellektuellen, und so Einfluss auf die öffentliche Meinung beschafft hat, der ihnen täglich Dinge ermöglicht, die noch vor kurzem in weiter Ferne schienen. Die, die sich nur mit dem beschäftigt haben, was im existierenden Meinungsklima möglich schien, mussten erleben, dass als Ergebnis des Wandels der öffentlichen Meinung, den sie in keiner Weise beeinflusst haben, selbst dies immer schneller politisch unmöglich geworden ist. Wenn wir die philosophische Grundlage einer freien Gesellschaft wieder zu einem aktuellen intellektuellen Thema machen können, und ihre Umsetzung zu einer Aufgabe, die den Einfallsreichtum und die Vorstellungskraft der aufgewecktesten Geister fordert, wenn wir den Glauben an die Kraft der Ideen, der das Merkmal des Liberalismus zu seinen Hochzeiten war, wieder erlangen können, ist die Schlacht nicht verloren. Die intellektuelle Neubelebung des Liberalismus findet in vielen Teilen der Welt schon statt. Wird es rechtzeitig sein?

[1] Das auffälligste Beispiel einer solchen Verurteilung einer einigermaßen unorthodoxen liberalen Arbeit als „sozialistisch“ lieferten vor kurzem einige Anmerkungen zu Economic Policy for a Free Society (1948) von Henry Simmons. Man muss nicht mit der gesamten Arbeit übereinstimmen, und man mag sogar einige der darin angestellten Überlegungen für unvereinbar mit einer freien Gesellschaft halten, und kann sie doch als einen der wichtigsten Beiträge der jüngeren Vergangenheit zu unserem Problem und als genau die Art von Arbeit ansehen, die die nötige Diskussion grundlegender Fragen anstößt. Selbst diejenigen, die einige ihrer Vorschläge vehement ablehnen, sollten sie als einen Beitrag schätzen, der klar und mutig die wichtigen Fragen unserer Zeit angeht.

[2] Acton, The History of Freedom, I (1922)

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Aus dem Englischen übersetzt von Florian Senne.

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Friedrich A. Hayek absolvierte ein Studium der Rechtswissenschaften sowie der Staatswissenschaften. 1929 erfolgte seine Habilitation an der Universität Wien. Sein Lebensweg führte ihn an verschiedene Universitäten in London, New York, Chicago, Freiburg sowie Salzburg. In den Dreißigerjahren wurde Hayek zu einem Hauptkritiker des Sozialismus. 1974 erhielt er den Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften. Als sein berühmtestes Werk gilt das 1944 zunächst in englischer Sprache erschienene “The Road to Serfdom” – “Der Weg zur Knechtschaft”.

 

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