Die Qual der Wahl (und die Qualen nach der Wahl)
8. Mai 2026 – von Rainer Fassnacht
Es gibt gute Gründe, dass Thema dieses Artikels gerade jetzt aufzugreifen. Es stehen in diesem Jahr zahlreiche politische Wahlen an und einige werden sich fragen, ob sie wählen gehen und/oder welche Partei sie wählen.
Ein weiterer Aspekt, der sich gut am Beispiel der bereits erfolgten Landtagswahl in Baden-Württemberg verdeutlichen lässt, kommt hinzu. Kurz nach dieser Wahl wurden drastische und für das Bundesland einschneidende Unternehmensdaten veröffentlicht. Einige Wähler fragen sich nun vielleicht, ob sie das „Kreuz“ an der richtigen Stelle gemacht haben.
Das Beispiel könnte zur Frage führen, welchen Einfluss der Zeitpunkt der Bekanntgabe dieser Daten auf das Wahlergebnis hatte. Ein kritischer Medienkommentar zeigt, welch weitgehende Interpretation das Geschehen eröffnet.
Aber aus handlungslogischer Sicht ist diese Frage „zu kurz gesprungen“. Jede Information und der Zeitpunkt ihrer Verfügbarkeit kann das Wahlverhalten einzelner Menschen beeinflussen. Daher haben die Medien – und weitere Akteure – zahlreiche Möglichkeiten, Einfluss auf Wahlen zu nehmen. Und in diesem Kontext kann jede Facette eine Rolle spielen, das „Wann“ ist nur eine davon.
Um zu verstehen, was die handlungslogisch relevante Frage im Zusammenhang mit Wahlen ist, macht es Sinn, zunächst zu erläutern, was Handlungslogik ist.
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Was ist Handlungslogik?
Handlungslogik oder Praxeologie, wie Ludwig von Mises (1881 – 1973) dies mit Fokus auf die Ökonomie bezeichnete,
befasst sich nicht mit dem tatsächlichen Inhalt von Werturteilen; sie befasst sich nur mit dem Tatbestand, daß Menschen werten und dann ihren Wertungen entsprechend handeln.
(Theorie und Geschichte, S. 309)
Daher können wir eine handlungslogische Bewertung des Wählens vornehmen, ohne zu wissen, ob und warum Menschen wählen. Wobei es hier um politische Wahlen geht und nicht um solche Fragen wie „trage ich heute lieber eine Jeans oder eine Cordhose?“ oder „soll ich die Butter der Firma A oder der Firma B kaufen?“.
Der Dreh- und Angelpunkt der Handlungslogik ist also das, was Menschen tun (unabhängig davon, warum sie es tun). In den Worten von Mises:
Das Verhalten und nicht die unausgeführte Absicht über ein Verhalten ist das, worauf es ankommt.
(Nationalökonomie, S. 1 ff)
Mit Handlungslogik lässt sich beispielweise die Frage klären, ob mit einem gewählten Mittel (wählen zu gehen) das angestrebte Ziel (beispielsweise weniger Steuern zu zahlen) erreicht werden kann. Nicht das Gewollte wird bewertet, sondern ob die Handlung geeignet ist, es zu erreichen.
Was passiert bei einer politischen Wahl tatsächlich?
Es gibt viele theoretische Perspektiven auf Wahlen, darunter diverse politologische, philosophische und andere geisteswissenschaftliche Blickwinkel. Doch was passiert tatsächlich, was tut der Wähler und was resultiert daraus? Die kurze Antwort lautet: Der Wähler macht ein Kreuz (oder mehrere Kreuze) auf einem Wahlzettel – ohne sicher sein zu können, was daraus folgt.
Im Artikel „Sind ökonomische und politische ‚Wahl‘ dasselbe?“ wurden die Unterschiede bereits detailliert herausgearbeitet. Daher genügt es hier festzuhalten, dass bei einer politischen Wahl nahezu keine Verbindung zwischen Ihrer persönlichen Wahlentscheidung und dem politischen Geschehen existiert.
Wozu dient nun aber eine Wahl? Max Weber (1864 – 1920) schrieb (1919, „Politik als Beruf“):
Der Staat ist, ebenso wie die ihm geschichtlich vorausgehenden Verbände, ein auf das Mittel der legitimen (das heißt: als legitim angesehenen) Gewaltsamkeit gestütztes Herrschaftsverhältnis von Menschen über Menschen.
(Hervorhebung im Original)
Der Staat ist nach Weber „diejenige menschliche Gemeinschaft, welche innerhalb eines bestimmten Gebietes … das Monopol legitimer physischer Gewaltsamkeit (mit Erfolg) beansprucht“ und Politik ist demnach das „Streben nach Machtanteil oder nach Beeinflussung der Machtverteilung“.
Die Wahl dient also dazu, dass die Machtausübung einer bestimmten Gruppe von Menschen als legitim angesehen wird. Entscheidend ist, dass nach erfolgreichem Abschluss des Prozesses der Machterlangung vieles erzwungen werden kann, und zwar unabhängig von dem, was zuvor im Wahlkampf Thema war.
Mises beschreibt dies mit den Worten:
Die Allmacht des demokratischen Staates ist im Wesen durch nichts von der des unumschränkten Selbstherrschers verschieden.
(Gemeinwirtschaft, S. 53)
Die – wie auch immer – erworbene politische Macht „erlaubt“ es, Zwang gegen Mitmenschen auszuüben. Dies passiert in den meisten (aber nicht allen) Fällen indirekt und somit wenig offensichtlich. Wenn beispielsweise Steuern erhöht werden oder festgelegt wird, dass Sie künftig dieses tun oder jenes lassen sollen, hat dies negative Auswirkungen. Auch wenn die Maßnahme Ihre Zustimmung findet, werden alternative freiwillige Handlungen damit unterbunden.
Wählen gehen?
Ob Sie wählen gehen oder nicht, ist eine persönliche Frage. Wenn Sie es tun und davon ausgehen, dass Ihr Kreuz auf dem Wahlzettel gewährleistet, dass bestimmte konkrete Maßnahmen umgesetzt werden oder unterbleiben, werden Sie in den meisten Fällen enttäuscht. Ihre Wahlentscheidung hat keine unmittelbare Wirkung auf die anschließend stattfindenden politischen Interventionen. Doch etwas anderes ist sicher:
Handlungslogisch betrachtet dient eine Wahl dazu, dass Machtausübung als legitim angesehen wird. Macht dient dazu, Zwang ausüben zu können. Zwang reduziert freiwillige Handlungen und führt dazu, dass Freiheit und Wohlstand verloren gehen. In diesem handlungslogischen Sinne sind politische Wahlen schädlich.
Übrigens ist auch das Geschehen in Argentinien (die „Kettensägereformen“ Mileis) kein Gegenbeispiel. Nach dem Wahlsieg hätte Milei grundsätzlich die Möglichkeit gehabt, die zuvor angekündigten konsequenten Reformen nicht anzugehen. Dass tatsächlich Schritt für Schritt umgesetzt wird, was zuvor angekündigt wurde, liegt an der handelnden Person.
Dieser Artikel ist eine „Übung“ in Handlungslogik und kein politischer Aufruf, nicht zur Wahl zu gehen. Das ergibt sich schon allein daraus, dass „Sollen“ (Du sollst nicht zur Wahl gehen) bedeuten würde, die persönlichen, subjektiven und individuellen Ziele anderer Menschen in Frage zu stellen, was sich mit Handlungslogik nicht vereinbaren lässt.
Ludwig von Mises drückte es so aus:
Die Behauptung, daß es irrationales Handeln gebe, [Anm.: beispielsweise zur Wahl zu gehen] läuft immer auf ein Werten fremder Zielsetzungen hinaus. Wer meint, das Irrationale spiele eine Rolle im menschlichen Handeln, sagt nur, dass seine Mitmenschen nicht so handeln, wie er es für richtig hält. … Handeln ist ex definitione immer rational.
(Grundprobleme der Nationalökonomie, S 32 f.)
Fazit
Geht ein Mensch zur Wahl, ist es für ihn die richtige Entscheidung. Unter verschiedenen alternativen Handlungsmöglichkeiten hat er sich für diese entschieden. Er handelt seinen individuellen subjektiven Zielen entsprechend und geht davon aus, diese Handlung sei das geeignete Mittel, seine Ziele zu erreichen.
Handlungslogisch konsequent wäre es also falsch, ihn davon abhalten zu wollen. Damit würde man eigene Ziele höher werten als diejenigen anderer Menschen. Aber zugleich zeigt die Handlungslogik, dass die Annahme falsch ist, die Wahlentscheidung sei der entscheidende Faktor für das spätere politische Geschehen.
Wer beispielsweise zur Wahl geht, weil er gern einen Spaziergang machen möchte, gerne Kreuze malt oder sich gern in der Warteschlange mit anderen Menschen unterhalten möchte, dürfte seine Entscheidung später nicht bedauern. Wer jedoch zur Wahl geht in der Erwartung, dass sein Kreuz konkrete von ihm gewünschte Veränderungen bewirkt, dürfte mit hoher Wahrscheinlichkeit enttäuscht werden.
Hinweis: Die Inhalte der Beiträge geben nicht notwendigerweise die Meinung des Ludwig von Mises Instituts Deutschland wieder.
Rainer Fassnacht ist Ökonom und freier Journalist. Er schreibt für verschiedene Printmedien und Onlineplattformen im In- und Ausland. Hauptthema seiner Artikel über ökonomische Themen ist die Bewahrung der individuellen Freiheit.
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