Was sich die Nationalsozialisten bei Marx abschauten

9. Oktober 2020 – Morgen jährt sich der Todestag von Ludwig von Mises zum 47. Mal – er verstarb am 10. Oktober 1973. Zur Erinnerung an den wohl bedeutendsten Ökonomen und Sozialphilosophen des 20. Jahrhunderts veröffentlichen wir nachfolgend einen Auszug aus seinem Werk Omnipotent Government aus dem Jahr 1944.

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Was sich die Nationalsozialisten bei Marx abschauten

Ludwig von Mises (1881-1973)

Die Nationalsozialisten haben den Polylogismus nicht erfunden. Aber sie haben ihre eigene Spielart davon entwickelt.

Bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts stellte niemand in Frage, dass die logische Struktur des Geistes unveränderlich und bei allen Menschen gleich ist. Alle zwischenmenschlichen Interaktionen gründen auf der Annahme einer einheitlichen logischen Struktur. Wir können nur miteinander sprechen, weil wir alle etwas gemeinsam haben, nämlich die logische Struktur der Vernunft. Manche Menschen können besser denken als andere, und einige können leider keine längeren und logischen Gedankengänge nachvollziehen. Aber soweit Menschen denken und die Gedanken anderer nachvollziehen können, halten sie sich stets an dieselben Prinzipien der Vernunft, die für alle gelten. Es gibt Menschen, die nicht weiter als bis drei zählen können – aber bis drei zählen sie nicht anders als Gauss oder Laplace. Kein Historiker oder Reisender hat je von Menschen berichtet, für die a gleich nicht-a ist, oder die den Unterschied zwischen Bejahung und Verneinung nicht kennen. Es stimmt zwar, dass die Menschen die Prinzipien der Logik tagtäglich verletzen. Aber wer ihre Schlussfolgerungen nachvollzieht, kann ihre Fehler stets entdecken.

Weil alle diese Tatsachen für unveränderbar halten, lassen sich die Menschen auf Diskussionen ein: Sie reden miteinander, schreiben Briefe und Bücher und versuchen zu beweisen oder zu entkräften. Soziale und intellektuelle Zusammenarbeit zwischen Menschen wäre unmöglich, wenn das nicht so wäre. Unser Geist kann sich gar keine Welt vorstellen, in der Menschen mit logischen Strukturen leben, die sich von unseren eigenen unterscheiden.

Im Verlauf des 19. Jahrhunderts wurde diese unabänderliche Tatsache jedoch in Frage gestellt. Marx und seine Anhänger, insbesondere der ‚proletarische Philosoph‘ Dietzgen, lehrten, dass die Gedanken von der Klasse des Denkers abhängen. Gedanken würden keine Wahrheiten produzieren, sondern ‚Ideologien‘. Das bedeutet in der Sprache der Marxisten unterschwelliges Eigeninteresse der sozialen Klasse, zu der der Denkende gehört. Deshalb ist es sinnlos, mit Angehörigen einer anderen Klasse überhaupt zu diskutieren. Ideologien müssen überhaupt nicht durch Logik und Vernunft entkräftet werden, sondern sie müssen entlarvt werden, in dem man auf die Klasse und den sozialen Hintergrund des Autors hinweist. Marxisten diskutieren nicht die Sinnhaftigkeit einer Theorie der Physik – sie entlarven den ‚bourgeoisen‘ Ursprung des Physikers.

Marxisten haben auf Polylogismus zurückgegriffen, weil sie mit den Methoden der Logik die Theorien der ‚bourgeoisen‘ Ökonomen und die Schlussfolgerung daraus, dass der Sozialismus nicht durchführbar sei, nicht entkräften konnten. Weil sie die Wahrheit ihrer Theorien oder die Unwahrheit der gegnerischen Theorien nicht rational erklären konnten, griffen sie einfach die akzeptierten logischen Methoden an. Der Erfolg dieser marxistischen Strategie war atemberaubend. Sie erwies sich als standhaft gegen jede vernünftige Kritik an all den Absurditäten der marxistischen Pseudoökonomie und Pseudosoziologie. Nur durch den logischen Trick des Polylogismus konnte der Etatismus im Geist der modernen Menschen Fuß fassen.

Polylogismus ist so grundlegend sinnbefreit, dass er überhaupt nicht bis zu seiner letzten logischen Konsequenz gedacht werden kann. Kein Marxist war mutig genug, alle Schlussfolgerungen zu ziehen, zu denen sein eigener epistemologischer Standpunkt ihn eigentlich führen müsste. Das Prinzip des Polylogismus müsste nämlich zu dem Schluss führen, dass auch die Lehren von Marx nicht objektiv wahr sind, sondern nur ‚ideologische‘ Standpunkte. Das lehnen die Marxisten aber ab. Für ihre eigenen Lehren beanspruchen sie den Charakter absoluter Wahrheit. So lehrt Dietzgen, dass „die Ideen der proletarischen Logik keine Parteiideen sind, sondern das Ergebnis reiner Logik.“ Die proletarische Logik ist keine ‚Ideologie‘, sondern absolute Logik. Heutige Marxisten, die ihre Lehren als Soziologie der Wahrheit bezeichnen, machen sich derselben Inkonsequenz schuldig. Einer ihrer Anführer, Professor Mannheim, versucht zu beweisen, dass es eine Gruppe von Menschen namens ‚unabhängige Intellektuelle‘ gibt, die die Gabe besitzen, die Wahrheit nicht durch die ideologische Brille zu betrachten. Natürlich ist Professor Mannheim überzeugt, selbst ein herausragender Vertreter dieser Gruppe zu sein. Es ist schlicht unmöglich, ihn zu widerlegen. Wer ihm widerspricht, beweist dadurch nur, nicht zur Elite der ‚unabhängigen Intellektuellen‘ zu gehören, und seine Äußerungen sind nichts als ideologischer Nonsens.

Die deutschen Nationalsozialisten standen dem gleichen Problem gegenüber wie die Marxisten. Sie konnten ebenfalls weder die Wahrheit der eigenen Behauptungen beweisen noch die Theorien der Ökonomie und der Praxeologie widerlegen. Deshalb suchten sie beim Polylogismus Zuflucht, welchen die Marxisten schon für sie vorbereitet hatten. Sie schufen natürlich ihre eigene Art von Polylogismus. Die logische Struktur des Geistes sei bei verschiedenen Völkern und Rassen unterschiedlich, sagten sie. Jede Rasse oder jedes Volk hat seine eigene Logik, und deshalb auch seine eigene Ökonomie, Mathematik, Physik und so weiter. Das Gegenstück von Professor Mannheim, Professor Tirala, der Vordenker der arischen Epistemologie, erklärt, dass die einzig wahre Logik die der Arier sei. In den Augen der Marxisten haben Ricardo, Freud, Bergson und Einstein unrecht, weil sie Bourgeoise sind – in den Augen der Nationalsozialisten haben sie unrecht, weil sie Juden sind. Eines der Hauptziele der Nationalsozialisten besteht darin, die arische Seele von den Verunreinigungen der westlichen Philosophen Descartes, Hume und John Stuart Mill zu befreien. Sie sind auf der Suche nach einer arteigenen deutschen Wissenschaft – einer Wissenschaft also, die dem Rassecharakter der Deutschen Rechnung trägt.

Wir können davon ausgehen, dass die geistigen Fähigkeiten der Menschen mit dem Aufbau ihres physischen Körpers zusammenhängen. Wir können dies natürlich nicht beweisen – aber genauso wenig lässt sich das Gegenteil, die theologische Hypothese, beweisen. Wir müssen zugeben, dass wir nicht wissen, wie aus physischen Vorgängen Gedanken entstehen. Wir haben eine vage Vorstellung davon, dass bestimmte traumatische Verletzungen diesen Vorgang negativ beeinflussen. Solche Verletzungen können die geistigen Fähigkeiten beeinträchtigen oder sogar komplett zerstören. Aber das war es auch schon. Es wäre unwissenschaftlicher Unfug, zu behaupten, die Naturwissenschaften würden uns Informationen liefern, die darauf schließen lassen, dass es unterschiedliche logische Strukturen des Geistes gibt. Polylogismus lässt sich nicht aus der Physiologie oder der Anatomie oder irgendeiner anderen Naturwissenschaft ableiten.

Weder der marxistische noch der nationalsozialistische Polylogismus ging jemals über die einfache Erklärung hinaus, dass die logische Struktur des Geistes bei verschiedenen Klassen beziehungsweise Rassen unterschiedlich sei. Sie unternahmen niemals den Versuch, zu zeigen, worin sich die Logik der Proletarier von der der Bourgeoisie unterschied, oder worin sich die Logik der Arier von der der Juden oder Briten unterschied. Um Ricardos Theorie der komparativen Kosten oder die Einsteinsche Relativitätstheorie zu widerlegen, reicht es aber nicht, auf die Rasse ihrer Urheber zu verweisen. Zuerst müsste man nämlich ein System arischer Logik entwickeln, dass sich von der nichtarischen Logik unterscheidet. Dann müsste man die fraglichen Theorien Punkt für Punkt durchgehen und zeigen, wo logische Schlüsse gezogen werden, die zwar vom Standpunkt der nichtarischen Logik korrekt sind, nicht jedoch von dem der arischen Logik. Schließlich müsste man zeigen, zu welchen Ergebnissen das Ersetzen der nichtarischen Schlüsse durch die arischen führt. Die ist jedoch nie geschehen und kann auch nie geschehen. Der Vordenker von Rassenkunde und arischem Polylogismus, Professor Tirala, verliert kein Wort über die Unterschiede zwischen arischer und nichtarischer Logik. Polylogismus, egal ob marxistisch, nationalsozialistisch und der sonst etwas, hat sich nie mit Details beschäftigt.

Der Polylogismus hat eine eigenartige Methode, mit abweichenden Ansichten umzugehen. Wenn es den Anhängern nicht gelingt, einen Gegner anhand seiner Herkunft zu entlarven, bezeichnen sie ihn einfach als Verräter. Sowohl Marxisten als auch Nationalsozialisten kennen nur zwei Arten von Gegnern: Die Fremden – entweder Angehörige nichtproletarischer Klassen oder nichtarischer Rassen – haben unrecht weil sie Fremde sind, oder die Gegner als Angehörige der eigenen Gruppe haben unrecht, weil sie Verräter sind. So kann man Uneinigkeit in der eigenen Gruppe leichtfertig abtun.

Die Nationalsozialisten stellen der deutschen Ökonomie die jüdische und die angelsächsische Ökonomie gegenüber. Was sie als deutsche Ökonomie bezeichnen, unterscheidet sich jedoch nur wenig von einigen Strömungen fremder Ökonomie, die sich aus den Lehren des Genuesen Sismondi und der französischen und britischen Sozialisten entwickelt haben. Einige ältere Repräsentanten dieser angeblichen deutschen Ökonomie haben einfach nur fremdes Gedankengut importiert. Frederick List hat die Ideen Alexander Hamiltons nach Deutschland geholt, Hildebrand und Brentano die Ideen des frühen britischen Sozialismus. Sogenannte arteigene deutsche Ökonomie ist fast identisch mit zeitgenössischen Strömungen anderer Länder, wie zum Beispiel dem amerikanischen Institutionalismus.

Andererseits ist das, was die Nationalsozialisten als westliche Ökonomie und somit als artfremd bezeichnen, zu großen Teilen die Leistung von Männern, denen selbst die Nationalsozialisten nicht ihr Deutschsein absprechen können. Nationalsozialistische Ökonomen haben viel Zeit darauf verschwendet, den Stammbaum Carl Mengers nach jüdischen Vorfahren zu durchsuchen – ohne Erfolg. Es macht keinen Sinn, den Konflikt zwischen ökonomischen Theorien auf der einen Seite und Institutionalismus und historischem Empirismus auf der anderen Seite als Rasse- oder Völkerkonflikt zu interpretieren.

Beim Polylogismus handelt es sich weder um eine Philosophie noch um eine epistemologische Theorie, sondern um die Einstellung engstirniger Fanatiker, die sich nicht vorstellen können, dass irgendjemand vernünftiger oder schlauer als sie selbst sein könnte. Polylogismus ist vollkommen unwissenschaftlich. Er ersetzt Vernunft und Wissenschaft vielmehr durch Aberglaube. Er ist die charakteristische Mentalität eines chaotischen Zeitalters.

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Aus dem Englischen übersetzt von Florian Senne. 

Ludwig von Mises, geb. 1881 in Lemberg, war der wohl bedeutendste Ökonom und Sozialphilosoph des 20. Jahrhunderts. Wie kein anderer hat er die (wissenschafts)theoretische Begründung für das System der freien Märkte, die auf unbedingter Achtung des Privateigentums aufgebaut sind, und gegen jede Form staatlicher Einmischung in das Wirtschafts- und Gesellschaftsleben geliefert. Seine Werke sind Meilensteine der Politischen Ökonomie. Das 1922 erschienene “Die Gemeinwirtschaft” gilt als erster wissenschaftlicher und umfassender Beweis für die “Unmöglichkeit des Sozialismus”. Sein Werk “Human Action” (1949) hat bei amerikanischen Libertarians den Rang einer akademischen “Bibel”. Mises war Hochschullehrer an der Wiener Universität und Direktor der Österreichischen Handelskammer. Ab 1934 lehrte er am Institut des Hautes Etudes in Genf. 1940 Übersiedlung nach New York, wo er nach weiteren Jahrzehnten der Lehr- und Gelehrtentätigkeit 1973 im Alter von 92 Jahren starb.

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Foto: mises.org

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