Erzwungene „Wehrpflicht“ – wer schützt vor den „Beschützern“?

8. Juni 2026 – von Rainer Fassnacht

Blickt man handlungslogisch auf die Themen „Wehrpflicht“ und „der Staat als Sicherheitsgarant“, wird deutlich, dass in beiden Fällen eine große Täuschung vorliegt. Diese Täuschung ist keineswegs ein modernes Phänomen, sondern reicht weit zurück. Wie kam es zu der heute weitverbreiteten Annahme, dass der Staat (beziehungsweise Menschen mit Macht und Zugriff auf einen „Zwangsapparat“) für Sicherheit – nach innen und außen – verantwortlich sein sollte?

Die Wichtigkeit der Aufgabe kann nicht der Grund dafür sein, denn auch Nahrung, Kleidung und Bedachung sind wichtig, werden aber (zumindest bei nicht sozialistisch denkenden Menschen) ohne schlechtes Gefühl dem Markt anvertraut.

Schon von Monarchen wurde erwartet, dass sie Mörder und Räuber innerhalb des Landes in den Griff bekommen und Angreifer von außen abwehren. Und schon damals wurde „übersehen“, dass dies nicht vom König selbst getan wurde.

Als Gegenleistung für Sicherheit und Lehen musste der Lehnsmann dem Lehnsherrn militärische Gefolgschaft versprechen. Der König an der Spitze der Lehnspyramide versprach also etwas, das jene Menschen vollbringen mussten, denen das Versprechen galt. Allgemeiner formuliert: Das politische Versprechen der Sicherheit „von oben“ war – und ist – eine Täuschung.

Wenn heute gewählte Regierungsvertreter Sicherheit versprechen, vollzieht sich nichts anderes als in der Zeit von Rittern und Königen. Die moderne Variante nennt sich „Wehrpflicht“ und ist faktisch ein Arbeitszwang zum Kämpfen und Töten, der mit dem Verlust des eigenen Lebens einhergehen kann.

Wer als Soldat eingezogen und in den Krieg geschickt wird, tut dies aus Zwang. Nur wer sich freiwillig für den Militärdienst verpflichtet, hat tatsächlich eine Verpflichtung (der heute oft verwendete Begriff „Wehrpflicht“ ist insofern eine weitere Irreführung).

Die Analogie zu früher ist offensichtlich: Menschen mit Macht versprechen anderen Menschen ihre Sicherheit zu gewährleisten und sorgen dann mit einem Zwangsapparat dafür, dass die Adressaten dieses „Versprechens“ es selbst vollbringen und sich in Gefahr für Leib und Leben begeben müssen.

Ludwig von Mises‘ (1881 – 1973) Schüler Murray N. Rothbard (1926 – 1995) schrieb in „Anatomy of the State” (S. 44), dass aus der Sicht des Staates

… stets alles getan werden [muss], um die Menschen dazu zu bewegen, zur Verteidigung des Staates einzutreten, in der Überzeugung, dass sie sich selbst verteidigen. Der Trugschluss dieser Vorstellung wird offensichtlich, wenn die Wehrpflicht gegen diejenigen eingesetzt wird, die sich weigern, sich selbst zu ‚verteidigen‘, und die daher gezwungen werden, sich dem Militär des Staates anzuschließen: Es versteht sich von selbst, dass ihnen gegen dieses Vorgehen ‚ihres eigenen‘ Staates keinerlei ‚Verteidigung‘ erlaubt ist.

Ein weiterer Aspekt kommt hinzu: Die Angriffe von außen, die es abzuwehren gilt, sind ebenfalls das Ergebnis von Macht und Zwang. Wie erfolgreich wäre wohl eine Kriegserklärung oder ein Angriff auf ein anderes Land, wenn den Kriegsherren keine zwangsweise eingezogenen Soldaten zur Verfügung stünden?

Es ist zum Schmunzeln, wenn man sich heutige Regierungsvertreter in Ländern, welche in militärischen Konflikten stecken (aber auch solche, wo dies aktuell nicht der Fall ist) in einem solchen Schauspiel vorstellt: Ohne zwangsrekrutierte Soldaten und zwangsfinanzierte Militärmaschinerie stünden sie einsam und allein auf weitem Feld und würden „Angriff“ rufen.

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Was wäre wenn?

Ein Gedankenspiel kann helfen, sich über die Situation und Alternativen klar zu werden. Nehmen wir an, es gäbe „Freiland“ ein Land freier Bürger – ohne Menschen, welche die Macht haben, andere zu zwingen, Soldat zu sein und eine Militärmaschinerie zu finanzieren.  Dieses Land ist nun mit einem Angriff vom Nachbarn konfrontiert, wo Macht und Zwang existieren („Zwangsland“).

Einige würden nun vermuten, dass das Land freier Bürger einem solchen Angriff schutzlos ausgeliefert wäre und überrannt würde. Doch diese Vermutung basiert auf mehreren nichtzutreffenden Annahmen.

Erstens könnte angenommen werden, dass es keinen organisierten Widerstand aus Freiland gäbe. Doch bei einem Angriff hat jeder einzelne Bürger die Freiheit, sich dem Angreifer zu erwehren. Diese Verteidigung wäre keine Verletzung der des Nicht-Aggressions-Prinzips. Jedes einzelne Haus würde damit zu einem Widerstandsnest für den Angreifer, er wäre nicht nur „an der Front“, sondern überall dem Widerstand der Verteidiger ausgesetzt.

Zweitens könnte angenommen werden, dass die Bürger aus Freiland mangels Waffen keine Möglichkeit hätten, sich zu wehren. Doch warum sollten freie Bürger keine Waffen haben, um sich einem Angriff erwehren zu können? Einschränkungen des Waffenbesitzes sind vielmehr in Zwangsland zu erwarten (um potenziellen bewaffneten Widerstand gegen die Herrscher zu unterdrücken).

Drittens könnte angenommen werden, dass es in Freiland kein Militär gäbe. Doch das von einem Nachbarland, in welchem Menschen von Menschen unter Machtausübung mit Zwang beherrscht werden, eine Gefahr ausgeht, war schon vor dem Angriff erkennbar. Warum sollten sich freie Bürger unter solchen Umständen nicht zu einer Freiwilligenarmee, zu einer Miliz zusammentun?

Viertens könnte angenommen werden, dass Freiland keine Optionen hätte, über den individuellen Widerstand der bewaffneten freien Bürger und die Freiwilligenarmee hinaus Widerstand zu leisten. Doch was sollte die Verteidiger davon abhalten, zusätzlich Militärdienstleister zu engagieren? Bereits im Italien der Renaissance (14. – 16. Jh.) engagierten die Stadtstaaten Militärunternehmer, die sogenannten „Condottieri“.

Die Gegenrede zu diesem Gedankenspiel wird nicht lange auf sich warten lassen. „Alles pure Theorie“, wird man sagen. „Freiland gibt es nicht und wird es niemals geben“, dürfte zu hören sein.

Doch Vorsicht: Genauso hätte man in Zeiten der Monarchie argumentieren können, „Herrscher wählen? Ein Hirngespinst, sie agieren von Gottes Gnaden; Wahlen gibt es nicht und wird es niemals geben“.

Menschen sind lernfähig und innovativ, es ist ihnen freiwillig an Verbesserung der Ist-Situation gelegen. Dies macht es möglich, zu erreichen, was zuvor unmöglich schien. Dem Herrscher von Gottes Gnaden folgte gewählte Herrschaft. Warum sollte gewählter Herrschaft nicht freiwillige Kooperation statt Herrschaft folgen?

Macht und Zwang gegen friedliche Menschen sind für diese – bei nüchterner Betrachtung – keine Lösung ihres Sicherheitsproblems. Im Gegenteil, es ist ihr größtes Sicherheitsproblem. Herrschaft von Menschen über Menschen, wie Max Weber (1864 – 1920) den Staat 1919 in „Politik als Beruf“ definierte, ist die Ursache dafür, dass überhaupt militärische Konflikte entstehen. Und sie bewirkt, dass Menschen gezwungen werden, militärische Zwangsarbeit zu leisten, die bis zum Verlust des eigenen Lebens gehen kann.

Es liegt an uns, ob dies auch in Zukunft so sein wird, oder ob wir „Wehrpflicht“ und „den Staat als Sicherheitsgarant“ als das erkennen, was sie tatsächlich sind – eine große Täuschung.

Hinweis: Die Inhalte der Beiträge geben nicht notwendigerweise die Meinung des Ludwig von Mises Instituts Deutschland wieder.

Rainer Fassnacht

Rainer Fassnacht ist Ökonom und freier Journalist. Er schreibt für verschiedene Printmedien und Onlineplattformen im In- und Ausland. Hauptthema seiner Artikel über ökonomische Themen ist die Bewahrung der individuellen Freiheit.

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