Hayeks Aufforderung zum Währungswettbewerb

24.7.2015 – von Friedrich A. von Hayek.

Friedrich August von Hayek, 1899 – 1992

Wenn man die Geschichte des Geldes studiert, kann man nicht umhin, sich darüber zu wundern, dass die Leute sich so lange Regierungen gefallen ließen, die über 2000 Jahre hinweg eine Macht für sich beanspruchten, die sie normalerweise dazu gebrauchten, die Leute auszunützen und zu betrügen. Dies kann nur so erklärt werden, dass sich der Mythos (die Prärogative der Regierung sei notwendig) so fest eingeprägt hatte, dass es selbst den professionell mit diesem Thema Befassten (zu denen lange Zeit auch der Verfasser dieser Schrift gehörte) niemals in den Sinn kam, ihn in Frage zu stellen. Sobald jedoch die Gültigkeit der herrschenden Doktrin angezweifelt wird, erweist sich ihre Basis schnell als brüchig.

Einzelheiten über die ruchlosen Aktivitäten von Herrschern bei der Monopolisierung des Geldes können wir nicht weiter als bis in die Zeit des griechischen Philosophen Diogenes zurückverfolgen, von dem berichtet wird, er habe bereits im 4. Jahrhundert v. Chr. das Geld als Würfelspiel der Politiker bezeichnet. Doch von der Zeit der Römer bis ins 17. Jahrhundert, als Papiergeld in verschiedenen Formen anfing bedeutsam zu werden, ist die Geschichte des Münzwesens fast durchgängig ein Bericht von Entwertungen oder laufender Verminderung des Metallgehalts der Münzen und einem entsprechenden Ansteigen aller Güterpreise.

1. Die Geschichte des Geldes ist weitgehend eine solche von Inflationen, zuwege gebracht von Regierungen.

Niemand hat bis jetzt eine vollständige Geschichte dieser Entwicklungen geschrieben. Sie wäre in der Tat allzu eintönig und deprimierend. Ich halte es jedoch für keine Übertreibung zu sagen, dass diese Geschichte größtenteils eine Geschichte von Inflation ist, und zwar gewöhnlich von Inflationen, die durch Regierungen und zum Vorteil von Regierungen zuwege gebracht wurden – obgleich die Entdeckung von Gold und Silber im 16. Jahrhundert eine ähnliche Wirkung hatte. Historiker haben immer wieder versucht, die Inflation zu rechtfertigen, indem sie darauf hinwiesen, dass erst sie die großen Perioden rapiden ökonomischen Fortschritts möglich machte. Sie entwarfen sogar eine Reihe von Theorien, die in Inflationen einen Motor der Wirtschaftsgeschichte sehen. Diese Theorien sind jedoch durch die Erfahrung eindeutig widerlegt worden: In England und Amerika waren am Ende ihrer wohl stürmischsten Entwicklungsperiode die Preise auf fast dem gleichen Niveau wie zweihundert Jahre vorher. Doch die periodisch auftretenden Wiederentdecker solcher Theorien haben gewöhnlich von früheren Diskussionen keine Kenntnis.

2. Deflation im frühen Mittelalter war lokal oder zeitlich begrenzt.

Das frühe Mittelalter mag eine Deflations-Periode gewesen sein, die zum wirtschaftlichen Niedergang ganz Europas beitrug. Doch selbst das ist nicht sicher. Es hat den Anschein, dass alles in allem das Schrumpfen des Handels zur Verringerung des Geldumlaufs führte und nicht umgekehrt. Wir stoßen auf zu viele Klagen über Verteuerung der Güter und Verschlechterung der Münzen, als dass wir die Deflation für mehr halten können als ein lokales  Phänomen in Regionen, wo Kriege und Wanderungsbewegungen den Markt zerstört hatten und wo die Geldwirtschaft schrumpfte, während die Leute ihre Schätze vergruben. Wo aber, wie in Nord-Italien, der Handel frühzeitig wiederauflebte, beginnen alle die kleinen Fürstentümer sofort damit, sich in der Verschlechterung der Münzen gegenseitig zu überbieten – ein Prozess, der trotz einiger erfolgloser Bemühungen privater Kaufleute, ein besseres Tauschmittel zur Verfügung zu stellen, während der folgenden Jahrhunderte anhielt, bis man Italien als das Land mit dem schlechtesten Geld und den besten Geldtheoretikern zu beschreiben begann.

Doch obwohl Theologen und Juristen diese Praktiken einhellig verdammten, verschwanden sie nicht, bis schließlich die Einführung des Papiergeldes der Obrigkeit eine noch billigere Methode, die Leute zu betrügen, verschaffte. Natürlich konnte die Obrigkeit ihre Praxis, den Leuten schlechtes Geld aufzuzwingen, nicht ohne den Einsatz grausamster Maßnahmen verfolgen. So fasst eine Abhandlung über die rechtliche Regelung des Geldwesens die geschichtliche Entwicklung der Strafen, die bei bloßer Annahmeverweigerung des gesetzlichen Geldes verhängt wurden, wie folgt zusammen:

Von Marco Polo lernen wir, dass das chinesische Recht des 13. Jahrhunderts bei Zurückweisung  des kaiserlichen Papiergeldes die Todesstrafe verhängte; zwanzig Jahre in Ketten oder in einigen Fällen auch der Tod waren als Strafe vorgesehen für die Weigerung, französische Assignaten anzunehmen. Das frühe englische Recht bestrafte die Annahmeverweigerung als Majestätsbeleidigung. Zur Zeit der amerikanischen Revolution wurde die Nicht-Annahme kontinentaler Noten als feindlicher Akt behandelt und brachte manchmal eine Aberkennung der Forderung mit sich. [Nussbaum, A., Money in the Law, National and International (1939), 2. Aufl., Brooklyn: Foundation Press 1950, S. 53.]

3. Der Absolutismus unterdrückte den Versuch von Kaufleuten, stabiles Geld zu schaffen.

Einige der frühen Bankgründungen in Amsterdam und anderswo entstanden aus den Versuchen von Kaufleuten, sich selbst ein stabiles Geld zu sichern, doch der aufkommende Absolutismus unterdrückte bald alle diese Bemühungen, ein nicht-staatliches Geld zu schaffen. Stattdessen förderte er das Entstehen von Banken, die Noten mit der Bezeichnung des offiziellen staatlichen Geldes ausgaben. Wir können hier noch weniger als in der Geschichte des Metallgeldes skizzieren, wie diese Entwicklung neuem Missbrauch politischer Macht Tür und Tor öffnete.

Man sagt, die Chinesen hätten aufgrund ihrer Erfahrungen mit Papiergeld versucht (natürlich erfolglos), es für alle Zeiten zu verbieten, bevor es die Europäer überhaupt erfanden. Sicher ist, dass die europäischen Staaten, als sie diese Möglichkeit erkannt hatten, sie rücksichtslos auszunutzen begannen, nicht um die Leute mit gutem Geld zu versorgen, sondern um daraus so viel wie möglich in die Staatskasse zu lenken. Seit der Zeit, als die britische Regierung im Jahre 1694 der Bank von England gegen Entgelt ein begrenztes Notenmonopol einräumte, ist es das Hauptanliegen von Regierungen gewesen, die ehemals auf dem Münzregal beruhende Macht über das Geld sich nicht aus der Hand gleiten und auf wirklich unabhängige Banken übergehen zu lassen. Eine Zeitlang wurden dieser Macht durch das Heraufkommen der Goldwährung und den damit verbundenen Glauben, sie aufrechtzuerhalten sei eine wichtige Sache des Prestiges, von ihr abzugehen dagegen eine nationale Schande, wirksame Schranken gesetzt. Das brachte der Welt die eine lange Periode – 200 Jahre oder mehr – relativer Stabilität, während der sich der moderne Industrialismus, wenn auch gestört durch periodische Krisen, entwickeln konnte. Aber sobald man vor etwa 50 Jahren weit herum erkannte, dass die Konvertibilität in Gold nur eine Methode war zur Beschränkung der Geldmenge, des eigentlichen wertbestimmenden Faktors von Geld, wurden die Regierung nur allzu begierig, sich dieser Disziplin zu entziehen, und das Geld wurde mehr als jemals zuvor zum Spielball der Politik. Nur wenige der Großmächte hielten eine Zeitlang eine erträgliche monetäre Stabilität aufrecht und brachten diese auch ihren Kolonialreichen. Doch Osteuropa und Südamerika kannten nie eine länger anhaltende Periode monetärer Stabilität.

Regierungen setzten ihre Macht nie dafür ein, auf Dauer ein ordentliches Geld bereitzustellen; sie unterließen groben Missbrauch nur, als sie einer Disziplin unterworfen waren, wie sie die Goldwährung auferlegte. Was uns veranlassen sollte, diese Verantwortungslosigkeit der Regierungen nicht länger zu ertragen, ist unser heutiges Wissen, dass es möglich ist, die Geldmenge so zu kontrollieren, dass wesentliche Schwankungen in der Kaufkraft des Geldes verhindert werden. Mehr noch: Obwohl alles dafür spricht, Regierungen, wenn sie nicht durch die Goldwährung oder ähnliches gebunden sind, zu misstrauen, besteht kein Grund zu bezweifeln, dass private Unternehmungen, deren Existenz vom Gelingen des Versuchs abhängt, den Wert eines von ihnen ausgegebenen Geldes stabil halten könnten.

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Entnommen aus „Entnationalisierung des Geldes“, Friedrich A. von Hayek, Verlag Mohr Siebeck, S. 151 – 154.

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Friedrich A. Hayek absolvierte ein Studium der Rechtswissenschaften sowie der Staatswissenschaften. 1929 erfolgte seine Habilitation an der Universität Wien. Sein Lebensweg führte ihn an verschiedene Universitäten in London, New York, Chicago, Freiburg sowie Salzburg. In den Dreißigerjahren wurde Hayek zu einem Hauptkritiker des Sozialismus. 1974 erhielt er den Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften. Als sein berühmtestes Werk gilt das 1944 zunächst in englischer Sprache erschienene “The Road to Serfdom” – “Der Weg zur Knechtschaft”.

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