Das chinesische „Wirtschaftswunder“: Die Unternehmer sind die Ursache, nicht der Staat
Rezension
17. Apirl 2026 – von Antony P. Mueller
In seinem soeben auf Deutsch erschienenen Buch (*) Unternehmer sind nicht das Problem, sie sind die Lösung (2026) legt der chinesische Ökonom Weiying Zhang die Ergebnisse seiner rund vierzigjährigen Forschungen zur Rolle des Unternehmertums systematisch dar. Weiying Zhang (*1959) ist Professor für Wirtschaftswissenschaften an der Peking-Universität und zählt zu den bedeutendsten Vertretern marktwirtschaftlichen Denkens in China. Nach Studien in China und Großbritannien (Oxford) hat er sich vor allem durch seine Arbeiten zur Rolle von Unternehmertum, Wettbewerb und institutionellen Rahmenbedingungen in Transformationsökonomien einen Namen gemacht. Zhang gilt als ein einflussreicher Befürworter wirtschaftlicher Liberalisierung und hat die wirtschaftspolitischen Debatten in China über Jahrzehnte hinweg maßgeblich geprägt.
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Wie Rainer Zitelmann, der maßgeblich dazu beigetragen hat, dass dieses Buch in Deutschland veröffentlicht wurde, in seinem Vorwort (S. 8) hervorhebt, wendet sich Zhang gegen die sowohl in China als auch im Westen verbreitete Deutung, der Erfolg Chinas sei das Ergebnis eines „dritten Weges“ zwischen Kommunismus und Kapitalismus. Ausschlaggebend ist nicht die Rolle des Staates gewesen, sondern die der Unternehmer, denen die Reformpolitik Handlungsspielräume eröffnete.
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Das Buch von Zhang behandelt nicht nur die Rolle des Marktes für die wirtschaftliche Entwicklung, sondern rückt die zentrale Funktion des Unternehmers in den Mittelpunkt des Wirtschaftsgeschehens. Wie der Untertitel – Was Unternehmer für die Gesellschaft leisten und warum sie so oft missverstanden werden – zeigt, richtet sich das Werk nicht nur an Fachökonomen, sondern an alle, die sich für Wirtschaft, Politik und Gesellschaft sowie insbesondere für die Entwicklung Chinas interessieren.
Es stellt damit eine grundlegende Ergänzung zur herkömmlichen Wirtschaftswissenschaft dar, die den Unternehmer systematisch vernachlässigt hat. Selbst moderne Markt- und Wettbewerbstheorien operieren häufig ohne eine explizite Theorie des Unternehmers und gelangen so zu Konzepten wie dem „Marktversagen“, welche staatliche Eingriffe zu legitimieren scheinen. Zhang setzt hier an und entwickelt eine erkenntnistheoretische Fundierung des Unternehmertums, die diese Sichtweise grundsätzlich infrage stellt.
Im Gegensatz zur neoklassischen Wirtschaftstheorie, die Entscheidungen als Optimierung unter gegebenen Restriktionen versteht, interpretiert Zhang unternehmerisches Handeln als kreativen Akt. Seine prägnante Unterscheidung bringt dies auf den Punkt: „Manager verwenden Werkzeuge, aber Unternehmer schaffen Werkzeuge. Manager erreichen Ziele, Unternehmer aber definieren Ziele.“ (S. 24) Während Manager innerhalb gegebener Strukturen operieren, besteht die Leistung des Unternehmers gerade darin, diese Strukturen zu verändern oder überhaupt erst hervorzubringen.
Damit verschiebt sich auch das Verständnis des Marktes. Nach Zhang ist dessen wichtigste Funktion nicht die effiziente Allokation gegebener Ressourcen, sondern deren Transformation. Märkte sind Prozesse der Schaffung – neuer Technologien, neuer Produkte und neuer Organisationsformen. In diesem Sinne knüpft Zhang an Joseph Schumpeters (1883 – 1950) Theorie der wirtschaftlichen Entwicklung an, erweitert sie jedoch um eine systematische Analyse der Wissensproblematik.
Unternehmertum ist für Zhang weit mehr als effiziente Ressourcenverwendung. Es ist ein schöpferischer Prozess, der dem Handeln eines Künstlers ähnelt. Unternehmerisches Handeln beruht auf der Fähigkeit, Möglichkeiten zu erkennen, die noch nicht existieren, und Zukünfte zu entwerfen, die sich nicht aus der Vergangenheit ableiten lassen. Unternehmer sehen, was andere nicht sehen, und handeln auf der Grundlage von Erwartungen, die sich nicht objektiv verifizieren lassen (S. 11 et passim).
Daraus folgt, dass wirtschaftliches Handeln nicht als Anpassung an gegebene Restriktionen verstanden werden kann. Vielmehr besteht die unternehmerische Leistung darin, diese Restriktionen selbst zu verändern – seien es technologische Grenzen, Ressourcenausstattungen oder sogar die Präferenzen der Konsumenten. Diese Perspektive steht im direkten Gegensatz zur neoklassischen Vorstellung eines gegebenen Möglichkeitsraums. Das Modell der optimalen Ressourcenallokation ist daher mit wirtschaftlicher Entwicklung unvereinbar. Es setzt einen Zustand perfekten Wettbewerbs voraus, während Wachstum gerade aus Prozessen entsteht, die diesen Zustand aufbrechen: Innovation, Spezialisierung, Skalenerträge und die Ausweitung von Märkten. Wirtschaftliche Dynamik ist notwendigerweise mit Ungleichgewichten verbunden.
Im Zentrum von Zhangs Theorie steht die Unterscheidung zwischen explizitem („hartem“) und implizitem („weichem“) Wissen. Unternehmertum beruht wesentlich auf letzterem, das sich nicht vollständig artikulieren oder übertragen lässt. In diesem Zusammenhang formuliert Zhang: „Weiches Wissen schwimmt auf hartem Wissen.“ (S. 31)
Ohne die Grundlage expliziten Wissens kann implizites Wissen nicht entstehen, doch zugleich entzieht sich gerade dieses implizite Wissen der vollständigen Formalisierung. Damit greift Zhang eine zentrale Einsicht der Österreichischen Schule auf, insbesondere Friedrich August von Hayeks (1899 – 1992) Betonung der „Kenntnis der besonderen Umstände von Ort und Zeit“. Wissen ist dezentral, subjektiv und häufig stillschweigend. Gerade deshalb kann es nicht zentral gesammelt und verarbeitet werden. Aus dieser Einsicht folgt, dass unternehmerische Entscheidungen nicht dem Modell wissenschaftlicher Rationalität entsprechen können. „Unternehmerische Entscheidungsfindung ist keine wissenschaftliche Entscheidungsfindung.“ (S. 57) Sie beruht vielmehr auf Urteilskraft, Erfahrung, Intuition und Vorstellungskraft (vgl. S. 36) und erfolgt unter Bedingungen echter Unsicherheit.
Zhang definiert diese Unsicherheit präzise: „Was bedeutet Unsicherheit? Es bedeutet, dass die Zukunft nicht auf der Grundlage vergangener Daten vorhergesagt werden kann.“ (S. 26) Damit ist der entscheidende Unterschied zwischen Risiko und Unsicherheit markiert. Während Risiko kalkulierbar ist, entzieht sich Unsicherheit jeder quantitativen Erfassung. Diese Einsicht, die vollständig mit der von Ludwig von Mises (1881 – 1973) formulierten praxeologischen Bedingung der „Ungewissheit der Zukunft“ übereinstimmt, hat weitreichende Konsequenzen. Wenn die Zukunft prinzipiell unvorhersehbar ist, dann scheitert jede Form zentraler Planung notwendigerweise an epistemischen Grenzen. Weder statistische Modelle noch Big Data können die unternehmerische Funktion ersetzen. Sie sind notwendigerweise vergangenheitsbezogen, während wirtschaftliches Handeln auf eine offene Zukunft gerichtet ist.
Zhang entwickelt daraus eine grundlegende Kritik an technokratischen Steuerungsansätzen. Die Vorstellung, wirtschaftliche Prozesse ließen sich durch Modelle, Prognosen und „evidenzbasierte Politik“ kontrollieren, verkennt die Natur wirtschaftlichen Wissens. Die Bedeutung von Informationen erschließt sich häufig erst im Nachhinein und ihre Relevanz kann nicht ex ante bestimmt werden.
Besonders deutlich wird diese Argumentation in Zhangs Kritik der Industriepolitik. Diese beruht auf der Annahme, dass staatliche Akteure die wirtschaftliche Entwicklung besser antizipieren könnten als dezentrale Unternehmer. Diese Annahme weist Zhang entschieden zurück. Seine Schlussfolgerung ist eindeutig: „Die grundlegende Schlussfolgerung dieses Kapitels lautet, dass die Industriepolitik zum Scheitern verurteilt ist.“ (S. 253) Industriepolitik ist damit nichts anderes als eine moderne Variante der Planwirtschaft. Sie scheitert aus denselben Gründen: Mangelndes Wissen, falsche Anreize und die Unfähigkeit, zukünftige Entwicklungen korrekt einzuschätzen.
Ein weiterer zentraler Beitrag des Buches liegt in der Neubestimmung von Wettbewerb und Monopol. In der Standardökonomie erscheint Wettbewerb als Zustand und Monopol als Abweichung davon. In der Tradition der Österreichischen Schule versteht Zhang Wettbewerb hingegen als dynamischen Prozess unternehmerischer Aktivität. Seine pointierte Schlussfolgerung lautet: „Unternehmertum ist das beste Antimonopolgesetz.“ (S. 155) Monopole erscheinen damit nicht als Ausdruck von Marktversagen, sondern als temporäre Ergebnisse erfolgreichen unternehmerischen Handelns. Sie werden durch Innovation wieder aufgelöst. Wettbewerb ist ein Prozess der Entdeckung und kein Gleichgewichtszustand.
Von besonderer Bedeutung ist Zhangs Analyse des Nullsummen- und Positivsummendenkens. Während Ersteres wirtschaftliche Prozesse als Verteilungskonflikte interpretiert, versteht Letzteres Märkte als Prozesse der gemeinsamen Wohlstandsschöpfung. Zhang fordert daher einen Perspektivwechsel: Ökonomen sollten dazu beitragen, den Übergang „von der Nullsummenspiel-Wahrnehmung zur Positivsummenspiel-Wahrnehmung“ zu fördern (S. 94; vgl. auch S. 87 f., 98).
Diese Einsicht hat tiefgreifende institutionelle Konsequenzen. Staatliche Eingriffe beruhen häufig auf der Vorstellung, bestimmte Gruppen oder Sektoren gezielt fördern zu können. Doch gerade dies setzt Wissen voraus, das nicht verfügbar ist. Implizit läuft Zhangs Argumentation darauf hinaus, dass eine funktionierende Wirtschaftsordnung nicht auf der Steuerung von Interessen beruhen kann, sondern auf allgemeinen Regeln, die für alle gelten (vgl. S. 87 f., 94 ff., 253 ff.).
Auch Zhangs Analyse des unternehmerischen Gewinns widerspricht verbreiteten Missverständnissen. Gewinn ist kein Ausdruck von Ausbeutung, sondern ein Signal für erfolgreiche Koordination unter Unsicherheit. In Anlehnung an Schumpeter betont er: „Unternehmer haben Ziele, die über den Profit hinausgehen.“ (S. 143)
Im letzten Teil des Buches erweitert Zhang seine Analyse auf die institutionellen Bedingungen wirtschaftlicher Entwicklung. Entscheidend ist nicht, ob Unternehmertum existiert – das ist immer der Fall –, sondern ob es in produktive oder unproduktive Bahnen gelenkt wird. Vor diesem Hintergrund legt Zhang nahe, dass der wirtschaftliche Erfolg Chinas nicht primär das Ergebnis staatlicher Steuerung ist, sondern wesentlich auf der Entfaltung unternehmerischer Kräfte beruht, die sich innerhalb und teilweise auch gegen staatliche Beschränkungen entwickelt haben (vgl. S. 94 ff., 253 ff., 361).
Die zentrale Botschaft des Buches lässt sich klar formulieren: Märkte funktionieren nicht trotz, sondern wegen des Unternehmers. Jede Theorie, die seine Rolle ignoriert, bleibt notwendigerweise unvollständig und führt zu falschen wirtschaftspolitischen Schlussfolgerungen. Zhangs Werk ist viel mehr als eine bloße Anwendung der Österreichischen Schule auf China. Es stellt eine eigenständige Weiterentwicklung dar, die deren zentrale Einsichten mit der Erfahrung einer der bedeutendsten wirtschaftlichen Transformationen der Gegenwart verbindet.
Für alle, die sich mit Unternehmertum, wirtschaftlicher Entwicklung und den Grundlagen der freien Gesellschaft beschäftigen, ist dieses Buch von herausragender Bedeutung. Es zeigt mit großer Klarheit, dass Wohlstand nicht geplant werden kann, sondern aus der Entdeckung und Nutzung von Möglichkeiten entsteht – durch Unternehmer.
Zhangs Schrift verbindet die Tradition der Österreichischen Schule mit einer originellen, zeitgemäßen Analyse und liefert damit einen wichtigen Beitrag zur Verteidigung der freien Gesellschaft. Darüber hinaus erhält der Leser äußerst wertvolle Einblicke in die Entwicklung der chinesischen Wirtschaft und lernt zu verstehen, wie es zu diesem rasanten Aufstieg kommen konnte und worin die Risiken bestehen, die einer weiteren Steigerung des Wohlstands entgegenstehen.
Die Lehre für die entwickelten Industrieländer ist ebenso klar: Um unseren Wohlstand zu bewahren, kommt es entscheidend darauf an, welche institutionellen Rahmenbedingungen politisch geschaffen werden, um das private Unternehmertum zu fördern.
Auch wenn das Buch für Kenner der Österreichischen Schule keine völlig neuartigen Einsichten bietet, liegt ein Werk vor, das uneingeschränkt empfohlen werden kann. Mit dem Fokus auf das Unternehmertum gewinnen die Einsichten der Österreichischen Schule eine besondere Aktualität. Das Buch leistet damit einen wichtigen Beitrag zur Verbreitung dieser Einsichten.
Hinweis: Die Inhalte der Beiträge geben nicht notwendigerweise die Meinung des Ludwig von Mises Instituts Deutschland wieder.
Antony Peter Mueller ist promovierter und habilitierter Wirtschaftswissenschaftler der Universität Erlangen-Nürnberg, wo er von 1994 bis 1998 das Institut für Staats- und Versicherungswissenschaft in Erlangen leitete. Antony Mueller war Fulbright Scholar und Associate Professor in den USA und kam im Rahmen des DAAD-Austauschprogramms als Gastprofessor nach Brasilien.
Bis 2023 war Dr. Mueller Professor für Volkswirtschaftslehre, insbesondere Makroökonomie und Internationale Wirtschaftsbeziehungen, an der brasilianischen Bundesuniversität UFS. Nach seiner Pensionierung ist Dr. Mueller weiterhin als Dozent an der Mises Academy in São Paulo tätig und als Mitarbeiter beim globalen Netzwerk der Misesinstitute aktiv. Darüber hinaus ist er wissenschaftlicher Beirat der Partei „Die Libertären“.
In deutscher Sprache erschien 2024 sein Buch „Antipolitik“ (*), 2023 erschien „Technokratischer Totalitarismus. Anmerkungen zur Herrschaft der Feinde von Freiheit und Wohlstand“(*). 2021 veröffentlichte Antony P. Mueller das Buch „Kapitalismus, Sozialismus und Anarchie. Chancen einer Gesellschaftsordnung jenseits von Staat und Politik“(*). 2018 erschien sein Buch „Kapitalismus ohne Wenn und Aber. Wohlstand für alle durch radikale Marktwirtschaft“(*).
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