Griechenlands größtes Problem ist seine antikapitalistische Kultur

27.7.2015 – von Russell Lamberti.

Russell Lamberti

Eine Kultur zu kritisieren mag zwar heutzutage als politisch inkorrekt gelten, aber egal ob Griechenland den Euro oder die Drachme hat, ob es zur EU gehört oder nicht, irgendwie muss es seine kulturelle Dysfunktion überwinden. Es geht hier nicht um die dortigen Gebräuche, Traditionen, um Architektur oder Musik, und definitiv nicht um das griechische Essen. Es geht um die antikapitalistische Kultur. Alle Verhandlungen, Vorschläge, Gegenvorschläge, Volksabstimmungen, Demonstrationen und alles drumherum sind nicht von Bedeutung, sollte sich Griechenland nicht von seinem staatszentrierten Zeitgeist verabschieden und den griechischen kapitalistischen Exzeptionalismus wiederentdecken.

Ein perfektes Beispiel ist Argentinien. Man sollte annehmen, eine Staatspleite und eine Schuldenkrise würden ein Land zur Einsicht bringen, dass es sich marktwirtschaftlich umorientiert und dabei diesen aberwitzigen schuldensüchtigen staatlichen Vetternsozialismus in Verruf bringt. In der Theorie vielleicht. Aber 13 Jahre nach der Staatspleite im Jahr 2002 und nach Jahren explodierender Inflation, Dollarknappheit und wirtschaftlichen Missständen klammert sich Argentinien an die ratlosen hyper-interventionistischen sozialistischen Oberherren, die die Wirtschaft weiterhin gegen die Wand fahren. Der Grund dafür: Argentiniens Kultur hat sich nie geändert. Wenn die eigene Kultur toxisch ist, dann gilt: Oben ist unten, schwarz ist weiß und sozialistisches Versagen ist kapitalistisches Versagen.

In Die Wurzeln des Antikapitalismus (hier kostenlos als PDF: http://mises.de/public_home/article/75) beschreibt Ludwig von Mises (1881 – 1973) diesen kulturellen Antikapitalismus folgendermaßen:

Nach John Doe sind alle neuen Industrien, die ihn mit den Annehmlichkeiten versorgen, die seinem Vater unbekannt waren, durch einen mysteriösen Vorgang – genannt Fortschritt – ins Leben gerufen worden. Kapitalanhäufung, Unternehmergeist und technischer Scharfsinn haben absolut nichts zu dem von selbst entstandenen Wohlstand beigetragen. Wenn das, was John Doe als das Ansteigen der Produktivität der Arbeit betrachtet, irgendeinem Menschen zugeschrieben werden muß, dann ist es der Mann am Fließband.

[…]

Die Autoren dieser Beschreibung der kapitalistischen Industrie werden an den Universitäten als die größten Philosophen und Wohltäter der Menschheit gepriesen, und ihre Lehren werden von Millionen von Menschen mit ehrerbietiger Verehrung angenommen, obwohl die Häuser dieser gleichen Menschen mit Rundfunkgeräten und Fernsehapparaten, abgesehen von anderen Maschinen, ausgestattet sind.

Für Griechenland ist das größte Risiko keinesfalls Austerität oder vorgetäuschte Austerität oder Zahlungsunfähigkeit oder der Euro oder die Drachme. Und es ist definitiv nicht etwa ein möglicher Ausschluss aus dem Kreditmarkt – das größte Risiko ist, dass Griechenlands Kultur sich weiterhin gegen freie Märkte stemmt und chronisch staatsabhängig bleibt.

Nehmen wir ein anderes lateinamerikanisches Land: Venezuela. Nachdem es in den 80er und 90er Jahren unter extremen Inflationsraten litt, wählte das Volk 1998 mit Hugo Chavez einen weiteren zentralplanerischen Interventionisten. Sie haben ihn in den Jahren 2000, 2006 und 2012 wiedergewählt und dann noch im Jahr 2013 seinen Nachfolger Nicolás Maduro, trotz der Tatsache, dass sich das Land in einer hyperinflationären Todesspirale befindet und auf den totalen wirtschaftlichen Zusammenbruch zusteuert. Venezuelas Problem ist letzten Endes keine finanzielle Misswirtschaft, sondern eine antikapitalistische Kultur.

Genau so ist es mit Griechenland. Nachdem sich die Griechen einen Schuldenschnitt gesichert haben und ihre Schulden in den nächsten 50 Jahren zu subventionierten Zinssätzen restrukturieren dürfen – und nachdem sie in 2014 tatsächlich ein Wirtschaftswachstum verzeichnen konnten, indem sie die Steuern senkten und die Größe ihrer erstarrten, aufgeblähten Regierung reduzierten – setzte sich diese toxische griechische Kultur erneut durch und sie wählten ein Team von eingefleischten Sozialisten, um das Land zurück in den Sumpf zu ziehen. Natürlich trägt es nicht zum Erfolg bei, dass es sich bei den Verhandlungspartnern EU, IWF und EZB ebenfalls um einen Haufen Zentralplaner handelt. Gleichwohl sitzt Griechenland zwischen zwei zentralplanerischen Verhandlungspartnern, weil die Griechen zu sehr damit beschäftigt waren, nach Annehmlichkeiten anstatt nach Freiheit zu streben.

Die meisten Länder haben Schwierigkeiten – aber manche überwinden sie besser als andere

Jedes souveräne Land kann über  seine Verhältnisse leben und dadurch in Schwierigkeiten geraten, und bei den meisten ist das auch passiert. 1976 musste Großbritannien beim IWF Klinken putzen und der Institution seine Steuerhoheit übergeben. In der zweiten Hälfte der 70er Jahre befand sich Großbritannien vollkommen im Chaos. 1971 konnten die USA ihre internationalen Schulden nicht begleichen und litten den Rest der 70er Jahre an einer inflationären Wirtschaftskrise. Beide dieser Länder haben sich davon nicht unterkriegen lassen. Genau so war es mit Chile, Uruguay und den Philippinen nach deren fiskalischen und finanziellem Tumult in den 70ern und den 80ern.

Manche Länder berappen sich allerdings nicht – und ich glaube, der Grund dafür ist, dass ihre nationale Kultur von Grund auf antikapitalistisch ist und die Menschen resignieren, gefangen in einer geradezu erbärmlichen Staatsabhängigkeit – von der Wiege bis zur Bahre. Neben Argentinien und Venezuela haben wir auch in Zimbabwe, Ghana, Bolivien, Nigeria, Russland, der Türkei und jetzt Südeuropa lang anhaltende wirtschaftliche und finanzielle Missstände nach schmerzhaften Krisen gesehen. Diese Länder scheinen nicht aus ihren Fehlern zu lernen, weil sie das anscheinend entweder gar nicht wollen oder die notwendigen Lektionen im intellektuellen Nebel des kulturellen Zeitgeistes nicht finden können.

Die Lektion ist aber eindeutig. Eine Wirtschaftskrise kann ein fundamental pro-kapitalistisches (oder mehrheitlich pro-kapitalistisches) Land, das vom rechten Weg abgekommen ist, wieder richten. Es gibt allerdings keine Genesungsgarantie, wenn die Kultur in kindischem Antikapitalismus, dysfunktionaler Staatsabhängigkeit und Feindseligkeit gegenüber unternehmerischer Dynamik und Selbstständigkeit verfallen ist. Für diese Länder ist eine Krise kein Vorbote für eine Genesung, sondern bringt einen längerfristigen und tiefen Niedergang mit sich. Nur ein Wandel der Kultur, der dem Verbreiten guter Ideen entspringt, kann Griechenland (und anderen Ländern) einen fruchtbaren Boden für wirkliche Lösungen bereiten. Die guten Nachrichten von Freiheit und freier Marktwirtschaft zu verkünden, war noch nie so wichtig wie jetzt.

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Aus dem Englischen übersetzt von Vincent Steinberg. Der Originalbeitrag mit dem Titel Greece’s Biggest Problem Is Its Anti-Capitalist Culture ist am 8.7.2015 auf der website des Mises-Institute, Auburn, US Alabama erschienen.

Foto Startseite: © verve – Fotolia.com

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Russell Lamberti ist Mitbegründer des Mises-Institutes Südafrika und Chefstratege der Investmentberatung ETM Analytics. Er ist Mitautor von When Money Destroys Nations und lebt in Johannesburg, Südafrika.

 

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