Selbstbestimmt jetzt! Der Weg zur Gestaltung der Zukunft

Rezension

11. September 2026 – von Thorsten Polleit

Selbstbestimmt jetzt! Der Weg zur Gestaltung der Zukunft“ (*) von Michael Esfeld (Achgut Edition, 2026) ist die programmatische Fortsetzung seines Buches „Land ohne Mut“ (2023). Der Wissenschaftsphilosoph der Universität Lausanne breitet hier eine systematische politische Philosophie aus: Warum technischer Fortschritt ohne Fortschritt in Mündigkeit blieb, warum nach 1989 ein postmoderner Totalitarismus Raum gewann und wie Selbstbestimmung als positives Narrativ den zivilisatorisch unheilvollen Trend umkehren kann. Das Buch ist zweigeteilt in Diagnose (Kapitel 1–4) und konstruktiven Gegenentwurf (Kapitel 5–11). Der erste Teil erklärt den Trend zum postmodernen Totalitarismus; der Hauptteil zeigt den Weg zu einer Zukunft in Selbstbestimmung.

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Einleitung

Michael Esfeld beginnt in der frühen Menschheit: Seit der Jungsteinzeit stagnierte die Produktivität über Jahrtausende; der „Kuchen“, der den Menschen zur Verfügung stand, blieb klein, und der Wohlstandszuwachs der einen ging auf Kosten der anderen. Über Jahrhunderte blieb das so. Mit der Industrialisierung änderte sich das, und im 19. Jahrhundert sprang plötzlich die Produktivität wie ein „Hockeyschläger“ nach oben. Die industrielle Revolution, ein singuläres Ereignis des christlich-abendländischen Kulturkreises, verband sich mit freier, objektiver Wissenschaft. Vor allem die Herrschaft wurde nun zusehends den gleichen Abwehr- und Eigentumsrechten aller untergeordnet. Doch genau diese Grundlagen gelten spätestens seit 2020 nicht mehr, vielmehr dienen nun Katastrophenszenarien (wie Viren, Klima, Krieg) der Politik zur willkürlichen Entmündigung der Menschen.

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Szientismus

Immanuel Kant (1724 – 1804) definierte 1784 Aufklärung als Ausgang aus selbstverschuldeter Unmündigkeit. 240 Jahre später gibt zwar es gewaltigen technischen, aber keinen vergleichbaren Fortschritt in der Mündigkeit der Bürger. Die neuzeitliche Naturwissenschaft entstand im 17. Jahrhundert als objektive Erkenntnis ohne normative Vorgaben (Descartes’ „Blick von nirgendwo“). Ihre Autorität über Tatsachen wird jedoch missbraucht, sobald sie institutionell monopolisiert wird. Daraus entsteht der Szientismus, und er überschreitet die Grenze zwischen Tatsachen und Normen, wird zur sozialen Ingenieurskunst. Evolutionstheorie und Eugenik, Corona- und Klima-Regime folgen alle demselben Schema: Aus Tatsachenwissen wird normatives Herrschafts(schein)wissen erzeugt. Die bekannte Formel: „Follow the science“ ist Willkür, sie hat nichts mit Wissenschaft verstanden als Methode disziplinierter Skepsis (Popper, Feynman) zu tun.

Wokeness

Der neue Totalitarismus, so Esfeld, ist postmodern. Er ist kein großes Narrativ (wie eine verheißungsvoll klingende „klassenlose Gesellschaft“), er stützt sich vielmehr auf fragmentierte Teilgüter (wie Gesundheit, Klima, Minderheitenschutz), zielt auf totale Kontrolle des Individuums. In der Wokeness verbindet sich politischer Szientismus mit intellektueller Postmoderne (Vernunft als Machtausdruck einer Gruppe) und Postmarxismus (ständig neue Opfergruppen). Das Motto lautet: Alle werden zugleich Opfer und Täter alltäglichen Verhaltens. Der Wokismus mit seiner quasi unbegrenzten Regulierungswut, Pseudo-Wissenschaft und Pseudomoral ist keine positive Vision, er zerstört vielmehr die Rechtsordnung, das Eigentum, die Produktivität.

Republikanismus

Wer bisher gemeint hat, alles gehe in die richtige Richtung in der westlichen Welt, der erlebt nun ein böses Erwachen. Fukuyamas hochbejubelte These vom „Ende der Geschichte“ hat sich nämlich als Illusion, als Fehleinschätzung erwiesen. Die offene Gesellschaft und der republikanische Rechtsstaat, wie man sie vor 1989 kannte, waren doch nicht in sich selbst stabil, sondern wurden lediglich durch das antikommunistische Narrativ hochgehalten.  Als aber dieses Narrativ mit dem Ende des Ostblocks wegfiel, füllte das nächstbeste kollektivistische Narrativ die Lücke – nun mehr ein globalistisches.

Vom Rechtsstaat zum Wohlfahrts- und Kriegsstaat

Die Wertneutralität der offenen Gesellschaft verleiht dem Staat paradoxerweise unbeschränkte Machtfülle (erzwungenes Gewalt-, Rechtsetzungs- und Rechtsprechungsmonopol). Diese Macht zieht Funktionsträger an, welche die Schutzversprechen des Staates gegenüber der Wahlbevölkerung ausweiten. Das Ergebnis ist ein auswuchernder Wohlfahrtsstaat und auch ein Kriegsstaat. Nach 1989 ist Wokeness zum nützlichen Überbau dieses Unterbaus geworden. Das allseits beförderte Denken im Links-Rechts-Schema (linker versus rechter Hegelianismus) ist mit der Verherrlichung des starken Staates vereinbar. Christen, klassische Liberale und Konservative geraten hier jedoch zusehends in Abseits.

Selbstbestimmung als positives Narrativ

Die Befürworter der Freiheit brauchen ein Narrativ. Es lautet: Selbstbestimmung für alle, dass also der Einzelne die Freiheit hat, sein Leben in eigener Regie zu führen. Freiheit, Vernunft und Verantwortung bilden dabei ein Trio (Kant, McDowell). Die Geschichte der abendländischen Zivilisation (Antike, jüdisch-christliche Schöpfungslehre, Nominalismus/Voluntarismus der Spätscholastik, Synthese bei Descartes und Kant) liefert den Stoff dazu: wie etwa die Abschaffung der Sklaverei, die Entstehung universeller Abwehrrechte, die Entwicklung der industriellen Revolution. Das Narrativ der Freiheit hält die offene Gesellschaft zusammen, verhindert, dass sie in den Kollektivismus verfällt.

Deontologische Begründung

Selbstbestimmung ist letztlich der Kern aller Moralsysteme. Ihre säkulare Begründung ist ein (nach Immanuel Kant) transzendentales Argument: Freiheit im Urteilen und Handeln lässt sich nicht bestreiten, ohne sie dabei bereits in Anspruch zu nehmen. Daraus folgt das Naturrecht: und zwar Abwehrrechte, die Eigentumsrechte sind (Selbsteigentum am eigenen Körper und der Arbeitserzeugnisse). Anspruchsrechte können nur durch Vertrag entstehen. Recht kann dabei nur erkannt, nicht gesetzt werden. Die Rechtsordnung ist nicht mit dem Rechtsstaat identisch; Herrschaft steht unter einem Rechtfertigungszwang.

Konsequentialistische Begründung

Es gehört zu den grundlegenden ökonomischen Erkenntnissen, dass freiwillige Interaktionen alle am Tausch Beteiligten besserstellen (hier wird aus A. Smith, F. A. v. Hayek und L. v. Mises verwiesen); und dass die freie Marktwirtschaft (der Kapitalismus) für Wohlstand und Frieden sorgt, während Planwirtschaft – vor allem Sozialismus – in Armut, Not und Mangel führen. Esfeld hebt hier besonders die Rolle des Fiatgeldes hervor, das 1971 de facto von der US-Regierung unter Präsident Richard Nixon das Sachgeld (Gold) ersetzt hat. Das Fiatgeld ist, so Esfeld, eine Simulation, und es entwertet Arbeit gegenüber Kapitalgütern und finanziert den Wohlfahrts- und Kriegsstaat. Das heutige System (dies- und jenseits des Atlantiks) ist so gesehen ein Interventionismus, also ein Wirtschafts- und Gesellschaftssystem, in dem der Staat (und die Sonderinteressengruppen, die ihn für ihre Zwecke einspannen) fall- und zwangsweise eingreift: durch Steuern und Regulierung sowie als Nachfrager nach den Produktionsfaktoren Arbeit und Kapital. Der Interventionismus bringt Krisen sowie wirtschaftlichen und kulturellen Niedergang.

Hobbes-Dilemma

Esfeld verweist auf „Hobbes‘ Dilemma“, das sich ergibt aus entweder rechtslosem Naturzustand oder unbeschränktem Leviathan: „Der Natur­zustand als rechtsloser Zustand mit unkontrollierter Gewaltanwendung ist das eine Horn, der Leviathan – die Staatsgewalt mit unbe­schränkter Befugnis der Rechtsetzung und Rechtsdurchsetzung – ist das andere Horn von Hobbes‘ Dilemma.“ Die Lösung des Dilemmas ist: Eine Rechtsordnung ohne zentrales Gewaltmonopol – das heißt Pluralismus der Rechtsprechung, Föderalismus von unten und neue Technologien.

Sklaverei-Dilemma und Sokrates-Haltung

Esfeld macht auf ein weiteres Dilemma aufmerksam: Die heutzutage allseits akzeptierte und geforderte Intervention gegen Unrecht im Ausland (Abolitionismus, Kolonialismus, humanitäre Kriege) schafft Machtapparate, die nach innen gerichtet den Rechtsstaat aushöhlen. Deontologisch (die Pflichtenethik betreffend) und konsequentialistisch (d.h., die Moralität einer Handlung wird aufgrund ihrer Konsequenzen beurteilt) sind Zwangsinterventionen und unaufgeforderte Masseneinwanderung als unzulässig zurückzuweisen. Die Sokrates-Haltung führt zum richtigen Handeln: Selbst kein Unrecht tun, niemanden zum Eingreifen zwingen, auf ideelle Ausstrahlung der Prinzipien setzen statt auf Gewalt.

Demokratie

Michael Esfeld geht auch dem Zusammenhang zwischen Demokratie und Selbstbestimmung nach. Die Demokratie beruht darauf, jeden Menschen als Person mit unveräußerlichen Rechten anzuerkennen: Wenn jeder an dem Entscheidungsprozess teilnimmt, dann setzt das voraus, dass jeder grundlegende Rechte der Selbstbestimmung über das eigene Denken und Handeln haben muss. Das Naturrecht ist also in der Demokratie vorausgesetzt. Die Herrschaft in der Demokratie bezieht sich aber nur auf öffentliche Angelegenheiten. Davon getrennt ist die Privatsphäre, in der jeder selbst bestimmen kann. Die Demokratie verkommt beispielsweise zur Herrschaft des Pöbels (Ochlokratie), kann zur Tyrannei werden, wenn Beliebiges per Mehrheitsbeschluss über die natürlichen Rechte der Menschen hinweg festgesetzt wird.

Neue Aufklärung

Michael Esfeld fordert eine neue Aufklärung:

Wir brauchen eine neue Aufklärung. Die brauchen wir deshalb, weil die Aufklärung des 18. Jahrhunderts das Projekt der Moderne letztlich verfehlt. Sie verfehlt dieses, weil sie in die Falle von Nominalismus und Voluntarismus geht. Sie folgt in der Analyse Hobbes’ Dilemma von entweder rechtslosem Naturzustand oder in seiner Rechtsetzung und Rechtsdurchsetzung unbeschränktem Staat und akzeptiert dann den letzteren Weg.

Wie die Lösung aussehen kann? Esfeld empfiehlt

… die Herrschaft des Rechts („rule of law“ im Englischen), dezentral und pluralistisch verwirklicht, statt die Herrschaft der Träger eines zentralen Monopols staatlicher Zwangsgewalt. Dieses Projekt können wir mit den Menschen, wie sie sind, realisieren … (S. 129)

Mit „Selbstbestimmung jetzt!“ legt Michael Esfeld kein verschreckendes Krisenbuch vor. Er formuliert darin vielmehr ein philosophisch fundiertes, klar strukturiertes und mutiges Plädoyer für die Rückkehr zu den Grundlagen, die den Westen erfolgreich gemacht haben – und die heute systematisch untergraben werden. Esfeld verbindet Wissenschaftsphilosophie (Descartes, Newton/Leibniz, Popper, Feynman), politische Philosophie (Kant, Naturrecht) und aktuelle Zeitdiagnose zu einem kohärenten Ganzen. Das Buch gibt Leserinnen und Lesern das intellektuelle Handwerkszeug, um die Katastrophenrhetorik in den Medien zu durchschauen, das Predigen von „Alternativlosigkeit“ als Herrschaftsinstrument zu erkennen, und ein positives Narrativ von Freiheit als Abwesenheit von Zwang und als Selbstbestimmung zu vertreten.

Das Buch formuliert keine Utopie, sondern vielmehr einen realistischen Appell an die Menschen, sich ihrer Mündigkeit zu besinnen – genau im Sinne des Aufklärungsphilosophen Immanuel Kant.

Michael Esfeld liefert mit „Selbstbestimmt jetzt!“ (*) damit eines der wohl wichtigsten deutschsprachigen Bücher der letzten Jahre zur geistigen Lage der Zeit. Es ist anspruchsvoll, tiefgründig und vor allem auch handlungs- und lösungsorientiert. Besonders wichtig: Esfeld scheut sich nicht, herauszustellen, wie stark sich Wissenschaftler in vielen Bereichen politisch haben instrumentalisieren, vor den ideologischen Karren spannen lassen, und welchen Schaden sie damit angerichtet haben.

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Wer die Entwicklungen insbesondere seit 2020 kritisch reflektiert hat und nun nach einer philosophisch robusten Alternative zu Bevormundung, Szientismus und postmodernem Totalitarismus sucht, der wird bei Esfelds Buch fündig: Es ist allen ans Herz zu legen, die an der Fortsetzung der Erfolgsgeschichte der abendländischen Zivilisation interessiert sind – auf der Grundlage von freier Wissenschaft, Rechtsordnung und individueller Selbstbestimmung. Es ist ein Buch der Klarheit, des Mutes und der Hoffnung.

Meine Empfehlung daher: Unbedingt lesen und weiterempfehlen. Es gibt den Lesern genau das, was der Titel verspricht: Das geistige Rüstzeug, um jetzt selbstbestimmt die Zukunft zu gestalten, geschrieben von einem kundigen, umsichtigen Philosophen, der weit über den Tellerrand der populären modernen Staatsvorstellungen hinausblickt.

Hinweis: Die Inhalte der Beiträge geben nicht notwendigerweise die Meinung des Ludwig von Mises Instituts Deutschland wieder.

Professor Dr. Thorsten Polleit war als Ökonom 15 Jahre im internationalen Investment-Banking tätig und danach 12 Jahre im internationalen Edelmetallhandelsgeschäft. Er ist zudem seit 2014 Honorarprofessor für Volkswirtschaftslehre an der Universität Bayreuth. Thorsten Polleit ist Adjunct Scholar Mises Institute, Auburn, Alabama, Mitglied im Forschungsnetzwerk „ROME“ und Präsident des Ludwig von Mises Institut Deutschland. Im Jahr 2012 erhielt er den The O.P. Alford III Prize In Political Economy. Thorsten Polleit ist Autor zahlreicher Aufsätze in referierten Journals, Magazinen und Zeitungen. Seine letzten Bücher sind: „Des Teufels Geld. Der faustische Fiatgeld-Pakt – wie wir ihn kündigen und zu gutem Geld zurückkehren“(*) (Oktober 2023), „The Global Currency Plot. How the Deep State Will Betray Your Freedom, and How to Prevent It“(*) (2023), „Ludwig von Mises. Der kompromisslose Liberale“(*) (2022) und „Der Weg zur Wahrheit. Eine Kritik der ökonomischen Vernunft“(*) (2022). Seit April 2024 gibt er Dr. Polleits BOOM & BUST REPORT heraus. Hier Thorsten Polleit auf X folgen.

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