Warum die Zukunft nicht steuerbar, sondern offen ist

Geschichte, Freiheit und die Grenzen der Voraussage

14. September 2026 – von Antony P. Mueller

Dieses ist der 6. und letzte Teil der 6-teiligen Reihe über Ludwig von Mises „Theorie und Geschichte“. Den 5. Teil finden Sie HIER.

Der abschließende Teil von Ludwig von Mises’ Werk über „Theorie und Geschichte“ führt die erkenntnistheoretischen und methodologischen Überlegungen zu ihrem eigentlichen Ziel: der Klärung des Verhältnisses von Geschichte, Freiheit und Zukunft. Nachdem zuvor die Eigenständigkeit der Geschichtswissenschaft gegenüber Naturwissenschaft, Positivismus und Historismus herausgearbeitet wurde, richtet sich der Blick nun auf die Bedeutung historischer Erkenntnis für das menschliche Handeln.

Dabei gelangt Mises zu einer Einsicht von grundlegender Tragweite: Geschichte ist keine Wissenschaft der Voraussage, und insofern Statistik lediglich eine quantitative Form historischer Aufzeichnung darstellt, sind auch der Ökonometrie klare prognostische Grenzen gesetzt.

Diese Feststellung richtet sich gegen eine der zentralen Illusionen des modernen Denkens, nämlich die Annahme, gesellschaftliche Entwicklungen ließen sich mit wissenschaftlicher Präzision prognostizieren und steuern. Während die Naturwissenschaften unter gegebenen Bedingungen gesetzmäßige Abläufe beschreiben und damit Prognosen ermöglichen, fehlt eine solche Gesetzmäßigkeit im Bereich menschlichen Handelns. Der Grund hierfür liegt nicht in methodischer Unzulänglichkeit, sondern im Gegenstand selbst.

Geschichte ist das Ergebnis menschlicher Handlungen, und diese beruhen auf subjektiven Werturteilen, Erwartungen, Ideen, Irrtümern und Lernprozessen, die weder vollständig bekannt noch deterministisch festgelegt sind. Die Zukunft bleibt daher prinzipiell offen.

Zwar kann die Praxeologie allgemeine Aussagen über die Struktur des Handelns treffen und bestimmte Folgen von Handlungsweisen ableiten – etwa dass Eingriffe in den Preismechanismus zu Knappheiten führen. Doch vermag sie nicht vorherzusagen, welche konkreten Entscheidungen Menschen treffen werden, welche Ideen sich durchsetzen oder welche politischen Maßnahmen künftig ergriffen werden. Hier zeigt sich die Grenze jeder wissenschaftlichen Prognose: Geschichte entzieht sich exakter Vorhersage, weil ihr Gegenstand von Freiheit, Ungewissheit und geistiger Kreativität geprägt ist.

Nichts kann aus der geschichtlichen Erfahrung mit der Fall-Wahrscheinlichkeit (likelihood) vorausgesagt werden, die mit der Klassen-Wahrscheinlichkeit (probability) solcher Voraussagen verglichen werden könnte, die von den Naturwissenschaften auf der Grundlage von in Laborexperimenten festgestellten Tatbeständen getroffen werden. (S. 328–329)

Mises richtet seine Kritik ausdrücklich gegen alle Versuche, die Sozialwissenschaften nach dem Vorbild der Naturwissenschaften zu modellieren und aus der Geschichte eine Art „Sozialphysik“ zu machen. Ob in der Form des Positivismus, der statistischen Prognostik oder des historischen Materialismus – stets begegnet man der Hoffnung, den gesellschaftlichen Prozess berechnen zu können. Diese Hoffnung beruht auf einem Kategorienfehler. Sie verkennt, dass Menschen keine Objekte sind, die nach festen Naturgesetzen reagieren, sondern handelnde Subjekte, die wählen, lernen und ihre Ziele verändern.

Aus der Unvorhersagbarkeit folgt unmittelbar die Offenheit der Geschichte. Sie ist kein linearer Prozess mit vorgegebenem Ziel, sondern das Ergebnis einer Vielzahl individueller Handlungen, deren Zusammenspiel nicht planbar ist. Damit weist Mises alle teleologischen Geschichtsphilosophien zurück. Weder die Fortschrittsgläubigkeit des 19. Jahrhunderts noch die Dialektik Hegels oder der historische Materialismus von Marx vermögen den Anspruch einer notwendigen Entwicklung einzulösen. Sie konstruieren im Nachhinein eine Notwendigkeit, die dem tatsächlichen Geschehen nicht zukommt. Was geschehen ist, hätte auch anders geschehen können.

Diese Einsicht hat weitreichende Konsequenzen für das Verständnis von Freiheit. Wenn es keine historischen Notwendigkeiten gibt, dann sind menschliche Entscheidungen nicht bloß Ausführungen eines vorgezeichneten Plans. Freiheit bedeutet die reale Möglichkeit, zwischen Alternativen zu wählen und damit den Verlauf der Dinge zu beeinflussen. Gerade weil die Zukunft nicht determiniert ist, kommt den Ideen eine entscheidende Rolle zu.

Eine realistische philosophische Deutung der Geschichte muss sich jeder Anspielung auf eine chimärische Auffassung des vollkommenen Zustands der Dinge enthalten. Die einzige Grundlage, von der eine realistische Deutung ausgehen kann, ist der Tatbestand, dass der Mensch […] von dem Impuls getrieben wird, seine Existenz zu erhalten und Unbehagen zu beseitigen. (S. 355)

Mises betont, dass Ideen die eigentliche Triebkraft historischer Prozesse darstellen. Materielle Bedingungen mögen den Rahmen setzen, doch entscheidend ist, wie Menschen diese Bedingungen interpretieren. Unterschiedliche Weltanschauungen führen zu unterschiedlichen Handlungen – und damit zu unterschiedlichen historischen Entwicklungen. In diesem Sinne ist Geschichte immer auch eine Geschichte der Ideen.

Trotz der Unmöglichkeit exakter Prognosen besitzt die Geschichte für das praktische Handeln eine unverzichtbare Bedeutung. Sie liefert keine Rezepte, wohl aber Orientierung. Politisches Urteil ohne historische Kenntnis bleibt blind, weil es die Erfahrungen der Vergangenheit ignoriert. Geschichte zeigt, welche Folgen bestimmte Maßnahmen hatten, wie Institutionen entstanden sind und welche unbeabsichtigten Konsequenzen menschliches Handeln hervorbringen kann.

Gerade hier richtet sich Mises’ Kritik gegen die Vorstellung, gesellschaftliche Prozesse ließen sich umfassend planen. Diese Idee liegt vielen politischen Programmen zugrunde, insbesondere jenen, die auf zentrale Steuerung und technokratische Kontrolle setzen. Mises zeigt, dass solche Versuche an der Komplexität sozialer Ordnungen scheitern müssen. Gesellschaft ist kein konstruiertes System, sondern das Ergebnis unzähliger individueller Interaktionen. Die daraus entstehende Ordnung kann nicht vollständig überblickt und daher auch nicht zentral gesteuert werden.

Die Geschichte liefert zahlreiche Beispiele dafür, dass Versuche umfassender Planung nicht zu den beabsichtigten Ergebnissen führen, sondern neue Probleme schaffen. Diese Einsicht ist kein Argument gegen jede Form politischer Gestaltung, wohl aber gegen den Anspruch totaler Kontrolle.

Im weiteren Verlauf betont Mises den Zusammenhang zwischen historischer Erkenntnis und der Erhaltung der Zivilisation. Zivilisation ist kein statischer Zustand, sondern das Ergebnis eines langen historischen Prozesses, der auf bestimmten Ideen und Institutionen beruht – insbesondere Eigentumsrechten, Marktwirtschaft, Rechtsordnung und individueller Freiheit. Diese Errungenschaften sind nicht selbstverständlich; sie müssen verstanden, geschätzt und weitergegeben werden.

Eine Zivilisation ist das Produkt einer bestimmten Weltsicht […]. Alle Zweige einer Zivilisation sind durch den Geist geprägt, der ihre Ideologie durchdringt.

Der Mensch erscheint bei Mises als ein wesentlich historisches Wesen. Er handelt auf der Grundlage von Erfahrungen, Erwartungen und Deutungen, die selbst historisch gewachsen sind. Geschichte ist daher nicht nur Gegenstand wissenschaftlicher Untersuchung, sondern integraler Bestandteil menschlicher Existenz.

Geschichte ist die Wissenschaft vom individuellen menschlichen Handeln in seiner Einzigartigkeit. Sie kennt keine exakten Gesetze und keine sicheren Prognosen. Ihre Aufgabe besteht darin, konkrete Ereignisse zu verstehen – nicht darin, die Zukunft zu berechnen. Gerade in dieser Begrenzung liegt ihre Stärke.

Politische Ideen können nur wirksam werden, wenn sie gesellschaftliche Resonanz finden. Es gibt keine Garantie, dass sich gute Ideen durchsetzen. Die Mehrheit kann richtige Einsichten verwerfen und schädliche Konzepte unterstützen. Geschieht dies, liegt die Verantwortung nicht allein bei der Masse:

Es ist nicht weniger der Fehler der Bahnbrecher der guten Sache, weil sie ihre Gedanken nicht in überzeugender Form vorzubringen verstanden […]. Die Entwicklung der menschlichen Angelegenheiten hängt letztlich auch von der Fähigkeit ab, Ideen wirksam zu vermitteln. (S. 358)

In seinem Werk verbindet Mises Erkenntnistheorie, Geschichtsverständnis und politische Philosophie zu einer geschlossenen Einheit. Seine Analyse führt zu einer zutiefst liberalen Schlussfolgerung: Weil die Zukunft nicht festliegt, kommt den Entscheidungen der Individuen zentrale Bedeutung zu. Geschichte ist kein Schicksal, sondern ein offener Prozess. Sie lehrt nicht, wie man die Zukunft plant, sondern warum sie nicht planbar ist – und warum Freiheit daher unverzichtbar bleibt.

Dieser Artikel wurde von Antony P. Mueller vor dem 5. Mai 2026 geschrieben und wurde posthum geringfügig redaktionell bearbeitet.

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Die deutsche Ausgabe von „Theorie und Geschichte“ (ISBN: 978-3-9816008-3-4) (*) ist bedauerlicherweise derzeit nur antiquarisch erhältlich.

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Antony P. Mueller

Antony Peter Mueller (1948 – 2026) war promovierter und habilitierter Wirtschaftswissenschaftler der Universität Erlangen-Nürnberg, wo er von 1994 bis 1998 das Institut für Staats- und Versicherungswissenschaft in Erlangen leitete. Antony Mueller war Fulbright Scholar und Associate Professor in den USA und kam im Rahmen des DAAD-Austauschprogramms als Gastprofessor nach Brasilien.

Bis 2023 war Dr. Mueller Professor für Volkswirtschaftslehre, insbesondere Makroökonomie und Internationale Wirtschaftsbeziehungen, an der brasilianischen Bundesuniversität UFS. Nach seiner Pensionierung war Dr. Mueller weiterhin als Dozent an der Mises Academy in São Paulo tätig und im globalen Netzwerk der Misesinstitute aktiv sowie wissenschaftlicher Beirat des Ludwig von Mises Institut Deutschland.

In deutscher Sprache erschien 2024 sein Buch „Antipolitik“ (*), 2023 erschien „Technokratischer Totalitarismus. Anmerkungen zur Herrschaft der Feinde von Freiheit und Wohlstand“(*). 2021 veröffentlichte Antony P. Mueller das Buch „Kapitalismus, Sozialismus und Anarchie. Chancen einer Gesellschaftsordnung jenseits von Staat und Politik“(*).  2018 erschien sein Buch „Kapitalismus ohne Wenn und Aber. Wohlstand für alle durch radikale Marktwirtschaft“(*).

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