Gefahren des neuen Paternalismus

20.8.2014 – von Rahim Taghizadegan.

Rahim Taghizadegan

Der Staat will das Verhalten seiner Bürger in immer mehr Bereichen beeinflussen und sie vor Fehlern bewahren. Er nimmt ihnen Eigenverantwortung ab und schränkt damit ihre Freiheit ein.

Die große Angebotsfülle auf den Märkten scheint einige zu überfordern. In der Tat ist es nicht einfach, bei der Flut von Werbeversprechen stets die besten Kaufentscheidungen zu treffen. Könnte die Politik hier Abhilfe schaffen? Da der Ruf umfassender politischer Lösungen etwas ramponiert ist, spricht man heute lieber von kleinen Schubsern («Nudge»), mit denen der Konsument vor den schwersten Fehlern bewahrt werden soll, ohne dass ihm die Wahlfreiheit gänzlich genommen wird. Ein vermeintlich «sanfter» Paternalismus zieht auf, der nur das Beste will.

Leben und Gesundheit gelten heute als höchste Werte, und kaum jemand wagt es, paternalistischen Maßnahmen entgegenzutreten, wenn sie vermeintlich das Beste bezwecken: die Gesundheit, die Lebensqualität und die Sicherheit der Untertanen zu erhöhen und sie ein wenig vor sich selbst zu schützen. Die Fehlentscheidungen von Teilen der Bevölkerung, die als Konsumtrottel die Volkswirtschaft auf Kosten der eigenen Gesundheit und Sicherheit stimulieren, scheinen allzu offensichtlich. Leider verhalten sie sich noch nicht gänzlich so, wie es die Experten für richtig halten, sie konsumieren entweder zu viel oder zu wenig, meist beides zugleich, und oft das Falsche.

Womöglich nimmt die Verantwortungsfähigkeit und Souveränität der Konsumenten tatsächlich ab und werden falsche Ernährungs-, Gesundheits- und Lebensstilentscheidungen die Gesundheitssysteme noch schwer belasten. Doch der «sanfte» Paternalismus vergrößert langfristig die Probleme, die er zu lösen vorgibt. Damit ist er typisch für die politische Interventionsspirale.

Materialistische Perspektive

Indem der neue Paternalismus Gesundheit und Sicherheit über alles andere stellt, selbst über die Freiheit, verrät er genau die materialistisch verengte Perspektive, deren er die Untertanen verdächtigt. Tatsächlich sind Menschen unterschiedlich, haben verschiedene Werte und Präferenzen. Manche ziehen höhere Risiken vor, suchen das Leben an der Klippe. Andere nehmen eine Belastung ihres Organismus für starke Erfahrungen oder zur Empfindungsdämpfung in Kauf. Da der Staat die Köpfe der Menschen noch nicht völlig unter Kontrolle hat, ändern Verbote, Erschwernisse, Belohnungen und andere Disziplinierungsmaßnahmen diese Präferenzen nicht.

Die meisten Interventionen, welche die Sicherheit oder die Gesundheit über das präferierte Maß hinaus erhöhen sollen, führen zum Phänomen der Risikokompensation: Das gewünschte Risiko wird dann über alternative Wege gesucht, die in der Regel noch bedrohlicher sind, weil sie ja Ersatzlösungen darstellen. Eine Politik, die risikoaffinen Menschen den «Kick» vereitelt und sie nicht gleichzeitig medikamentös ruhigstellt oder in Gummizellen verwahrt, wird nur den Drang zu irregulären «Kicks» verstärken.

Sicherheitsvorteile werden oft als Leistungsvorteile konsumiert: Je sicherer die Verkehrslage und das Auto, desto schneller und unaufmerksamer können wir fahren. Darum wird die Wirkung von politischen Sicherheitsvorschriften weit überschätzt, in aller Regel werden sie teilweise oder voll kompensiert. So halten etwa Autofahrer bei Radfahrern mit Helm unbewusst einen niedrigeren Überholabstand ein.

Kausalitäten bleiben verborgen

Gerade in Ernährungs-, Gesundheits-, Sicherheits- und Lebensstilfragen herrscht unter Wissenschaftlern wenig Übereinstimmung. Eben weil Menschen unterschiedlich sind, sprechen sie auf gleiche Bedingungen anders an. Die Statistik verwischt dies und eignet sich daher eher als Instrument für die Legitimierung von Massenpolitik denn als sozialwissenschaftliche Erkenntnismethode. Die Verabsolutierung des aktuellen Wissensstands ausgewählter Experten ist eine Anmaßung von Wissen, die große Gefahren birgt.

Im Gegensatz zu den Irrtümern und den Willensschwächen der Konsumenten, deren Folgen jeweils das Individuum treffen, ziehen die Fehlentscheide und die falschen Anreize von Technokraten das Leben der breiten Masse in Mitleidenschaft. Die Folgen treten allerdings oft mit großer Verzögerung ein, wodurch Kausalitäten verborgen bleiben.

So ist die Fettleibigkeitsepidemie in den USA nicht bloß auf die Bequemlichkeit der Amerikaner zurückzuführen. Wer tiefer gräbt, stößt auf die staatliche Propagierung einer verkehrten Ernährungspyramide (die auf mittlerweile weitgehend revidierten Annahmen von Experten beruhte) und die staatlich angeleitete Umfunktionierung einer Kriegswirtschaft zur indirekt subventionierten Massenversorgungswirtschaft.

Möglichst große Räume «standardisieren»

Von der Massenproduktion von Sprengstoffen stellte man auf die Massenproduktion von Düngemitteln um, die in Monokulturen eine Flut von billigen, weitgehend maisbasierten Kohlenhydraten hervorbrachte. So, wie die kreditgetriebene Blähwirtschaft Einkaufszentren, Parkplätze und Wolkenkratzer immer größer werden ließ, blähte sie auch manche Leiber. Die spätere Symptombekämpfung entspricht der typischen Interventionsspirale, die dann bloß die Politik aufbläht, ohne an die Wurzel zu gehen.

Die Interventionen der modernen Massenpolitik sind nicht mehr auf eine konkrete Polis beschränkt, sondern wollen möglichst große Räume «standardisieren». Daher sind ihre Folgen potenziell so verheerend: Sie ersetzen die Einzelfehler der Individuen durch Massenfehler und schaffen damit künstliche Klumpenrisiken. Die Perspektive, dass die Masse der Untertanen dümmer und kurzsichtiger als die aufgeklärten Obertanen sei, ist reichlich naiv: Sie unterschätzt die Kurzfristigkeit und die falschen Anreize moderner Massenpolitik.

Fehler von unten

Tatsächlich sind es selten die Weisesten oder Tüchtigsten, die an die politische Spitze gelangen, sondern diejenigen, die den Durchschnitt (und damit die gängigen Irrtümer) des Zeitgeists am besten repräsentieren. Die einzige Sicherheit vor den potenziell verheerenden Fehlern von oben, die stets Unschuldige treffen, ist das Vorrecht für Fehler von unten. Da sie kleinräumiger sind und in aller Regel bei jeder Entscheidung nur wenige betreffen, lösen sie eher Lerneffekte aus. Wir müssen damit leben, dass sich unsere Mitmenschen manchmal nach unseren Maßstäben irrational, unklug, verantwortungslos und kurzsichtig verhalten. Ihre Fehler können wir ihnen nur um den Preis ihrer Freiheit abnehmen.

Am verheerendsten ist wahrscheinlich diese psychologische Folge des Paternalismus, die gerade bei seiner «sanften» Spielart dramatisch ist. Der «sanfte» Paternalismus schubst die Menschen durch subtile Manipulation in kleinen, unbemerkten Schritten aus ihrer Verantwortung. Damit schafft er sich selbst die Legitimierung, indem er das Problem nährt, zu dessen Lösung er antritt: das Schwinden der Verantwortungsfähigkeit.

Der einzige Weg, Eigenverantwortung zu lernen, ist, sie zu tragen. Jede Verantwortungsabnahme führt zu einer Infantilisierung der Bevölkerung, weil die Last der Verantwortung als notwendige Disziplin der Freiheit teilweise abgenommen wird.

Erinnern wir uns an die prophetische Warnung von Alexis de Tocqueville vor dem neuen Paternalismus, der sich in modernen Massen-«Demokratien» breitmachen würde. Im Gegensatz zu echter väterlicher Sorge würde dieser moderne Paternalismus versuchen, die Menschen «für immer in der Kindheit festzuhalten; er möchte, dass sich die Bürger vergnügen, vorausgesetzt, sie denken an nichts anderes als ans Vergnügen.

Er arbeitet gerne für ihr Wohlbefinden; aber er will der einzige Grund und der einzige Maßstab dafür sein; er sorgt sich um ihre Sicherheit, überwacht und sichert ihre Bedürfnisse, erleichtert ihre Freuden (…) – am Ende nimmt er ihnen wohl auch die letzte Sorge und die letzte Not: die Sorge zu denken und die Not zu leben.»

Dieser Beitrag ist zuerst am 25. Juli 2014 auf der online Seite der FINANZ und WIRTSCHAFT erschienen: http://www.fuw.ch/article/gefahren-des-neuen-paternalismus/

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Rahim Taghizadegan ist Wirtschaftsphilosoph und Gründer des unabhängigen Instituts für Wertewirtschaft in Wien. Er lehrte unter anderem an der Universität Liechtenstein, der Wirtschaftsuniversität Wien, der Universität Halle und der SMC University. Zudem veröffentlichte Taghizadegan zahlreiche Publikationen zum Thema und hält Vorträge zur Österreichischen Schule der Ökonomie im In- und Ausland.

Im Juni ist sein neues Buch “Österreichische Schule für Anleger” im FinanzbuchVerlag erschienen – mehr Informationen hier.

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