„Der Staat“ handelt nicht
Geschichte, Erkenntnis und menschliches Handeln
17. August 2026 – von Antony P. Mueller
Dieses ist der 5. Teil der 6-teiligen Reihe über Ludwig von Mises’ „Theorie und Geschichte“. Den 4. Teil finden Sie HIER.
Mit dem dritten Teil von Theorie und Geschichte wendet sich Ludwig von Mises den erkenntnistheoretischen Grundlagen der Geschichtswissenschaft zu. Nach seiner Kritik an Determinismus, Materialismus und Geschichtsphilosophie stellt sich nun die zentrale Frage: Was ist Geschichte? Wie unterscheidet sie sich von Naturwissenschaft und Praxeologie? Welche Art von Erkenntnis kann sie liefern, und worin liegt ihr Nutzen für den handelnden Menschen?
Ausgangspunkt ist Mises’ Begriff der geschichtlichen Individualität. Geschichte befasst sich nicht mit allgemeinen Gesetzmäßigkeiten – wie sie die Praxeologie untersucht –, sondern mit einmaligen, konkreten Ereignissen. Jede historische Situation ist einzigartig. Sie ist das Ergebnis unzähliger Handlungen, Werturteile, Irrtümer, Erwartungen und Zufälle. Diese Individualität lässt sich nicht vollständig auf allgemeine Gesetze zurückführen. In diesem Sinne steht der Historiker stets vor einer „letzten Gegebenheit“: Er kann Motive rekonstruieren und Zusammenhänge deuten, stößt jedoch letztlich auf konkrete Wertentscheidungen einzelner Menschen, die nicht weiter ableitbar sind.
Damit verteidigt Mises die Rolle des Individuums in der Geschichte gegen kollektivistische und deterministische Deutungen. Deterministische Geschichtsphilosophien und eschatologisch orientierte Weltbilder suchen hinter den konkreten Ereignissen einen übergeordneten, notwendigen Verlauf der Menschheitsgeschichte. Solche Theorien beseitigen die Individualität nicht, sondern verlagern sie auf eine abstrakte oder mystische Ebene. Der einzelne Mensch erscheint dann als bloßes Werkzeug eines vorgezeichneten Prozesses. Mises weist diese Auffassung zurück: Der Verlauf der Geschichte entsteht durch konkrete Personen, ihre Entscheidungen und ihre Ideen.
Ebenso kritisch behandelt Mises die Vorstellung eines kollektiven Bewusstseins. Nationen, Klassen oder Staaten handeln nicht im eigentlichen Sinne. Handeln können nur Individuen. Kollektive sind begriffliche Konstruktionen und heuristische (d.h. unvollständiges Wissen) Hilfsmittel, aber keine realen Handlungsträger. Wenn man sagt, „der Staat entscheidet“ oder „die Arbeiterklasse fordert“, handelt es sich um verkürzende Redeweisen. Tatsächlich stehen dahinter stets individuelle Akteure mit spezifischen Vorstellungen und Zielen. Diese Einsicht ist nicht nur methodologisch bedeutsam, sondern auch politisch: Wer Kollektive als handelnde Subjekte begreift, erleichtert die Rechtfertigung von Etatismus, Nationalismus und Sozialismus – und unterminiert zugleich individuelle Verantwortung.
Geschichte wird von Menschen gemacht, aber nicht von Menschen geplant. Jeder Mensch verfolgt Ziele, doch das Gesamtergebnis aller Handlungen entzieht sich bewusster Gestaltung. Historische Prozesse entstehen aus intentionalem Handeln, aber nicht aus einem einheitlichen Gesamtplan. Die Folgen gehen häufig weit über die ursprünglichen Absichten hinaus. Mises illustriert dies mit klassischen Beispielen: Die Pilgerväter planten nicht die Gründung der Vereinigten Staaten, und die ägyptischen Herrscher beabsichtigten nicht, künftige Touristenattraktionen zu schaffen. Damit formuliert Mises einen zentralen Gedanken liberaler Sozialtheorie: Ordnung kann entstehen, ohne geplant zu sein.
Individuen handeln, um bestimmte Ergebnisse zu erreichen […]. Sehr oft unterscheidet sich der Ausgang einer Handlung beträchtlich von dem, worauf der Handelnde abzielte […]. Kein Mensch kann den Lauf der Ereignisse über längere Zeit steuern. (S. 214)
Im Kapitel über den Historismus grenzt Mises seine Position von jener Denkrichtung ab, die jede allgemeine Theorie des Handelns verwirft und die Geschichte zur alleinigen Quelle sozialwissenschaftlicher Erkenntnis erhebt. Der Historismus behauptet, ökonomische Gesetze seien bloß zeitgebundene Konstruktionen. Mises sieht darin einen grundlegenden Irrtum. Ohne praxeologische Theorie kann Geschichte überhaupt nicht verstanden werden. Der Historiker ist notwendig auf Begriffe wie Zweck, Mittel, Kosten, Tausch, Geld und Eigentum angewiesen. Wer diese theoretischen Kategorien ablehnt, verliert die Fähigkeit, historische Prozesse sinnvoll zu interpretieren.
Die Vorstellung eines Gesetzes des historischen Wandels widerspricht sich selbst […]. Für die Geschichte zählt die Bedeutung eines Geschehens für die Entstehung weiterer Ereignisse. (S. 228)
Daraus ergibt sich Mises’ Kritik an historistischer Wirtschaftsgeschichte. Historiker, die ohne ökonomische Theorie arbeiten, interpretieren wirtschaftliche Entwicklungen häufig falsch. Wer etwa den Kapitalismus ausschließlich als Ausbeutungssystem beschreibt, ohne die Wirkungen von Kapitalakkumulation, Arbeitsteilung und Produktivitätssteigerung zu verstehen, verfehlt den Gegenstand. Wirtschaftsgeschichte kann nicht gegen die Wirtschaftstheorie geschrieben werden; sie setzt diese vielmehr voraus.
Ein besonders aktueller Teil von Mises’ Argumentation richtet sich gegen romantische Kapitalismuskritik. Historisten und Romantiker beklagen den Verlust vormoderner Lebensformen, ohne die Bedingungen früherer Zeiten zu berücksichtigen: Armut, Krankheit, geringe Lebenserwartung und eingeschränkte Mobilität. Die Kritik am Kapitalismus setzt oft stillschweigend gerade jene Errungenschaften voraus, die er hervorgebracht hat.
Über die Erhabenheit unberührter Natur zu sprechen ist eitel, wenn man nicht bedenkt, was der Mensch für ihre ‚Schändung‘ erhalten hat […]. Kommerziell organisierter Tourismus machte sie den Vielen zugänglich. (S. 233)
Ein zentraler erkenntnistheoretischer Beitrag Mises’ ist die Unterscheidung zwischen Praxeologie und Thymologie. Die Praxeologie untersucht die allgemeine Struktur des Handelns: Dass Menschen Zwecke verfolgen, Mittel einsetzen und unter Knappheit wählen. Sie sagt jedoch nichts über die konkreten Inhalte dieser Entscheidungen. Diese Aufgabe übernimmt die Thymologie – das historisch-psychologische Verstehen menschlicher Motive, Erwartungen und Wertungen.
Wer Geschichte verstehen will, muss daher mehr leisten als bloße Theorieanwendung. Er muss nachvollziehen, warum Menschen bestimmte Ideen akzeptieren, warum sie politischen Führern folgen oder bestimmte Risiken eingehen. Solche Fragen lassen sich nicht allein durch logische Analyse beantworten. Sie erfordern thymologisches Wissen – ein Verständnis typischer Denk- und Verhaltensweisen. Geschichte benötigt daher beides: Theorie und Verstehen. Ohne Theorie bleibt sie eine ungeordnete Faktensammlung; ohne Verstehen bleibt sie leer.
Mises weist zugleich die Geringschätzung der Geschichte durch den Positivismus zurück. Für den handelnden Menschen ist Geschichtskenntnis unverzichtbar. Sie liefert keine Naturgesetze, aber sie ermöglicht Orientierung. Politisches Urteil ohne historische Erfahrung ist blind. Wer nicht versteht, wie Institutionen entstanden sind und welche Folgen frühere Entscheidungen hatten, wird leicht zum Opfer ideologischer Vereinfachungen.
Die Geschichtswissenschaft weist damit eine eigene erkenntnistheoretische Stellung auf. Während Naturwissenschaften unter bestimmten Bedingungen Prognosen erlauben, ist dies in der Geschichte nicht möglich. Es gibt keine historischen Gesetze im naturwissenschaftlichen Sinne. Zwar kann die Praxeologie allgemeine Zusammenhänge aufzeigen – etwa die Folgen von Preisinterventionen –, doch sie kann nicht vorhersagen, welche konkreten Entscheidungen Menschen künftig treffen werden.
Darin liegt die Grenze historischer Prognose. Die Zukunft hängt von Ideen, Entdeckungen, Irrtümern und Entscheidungen ab, die heute noch nicht bekannt sind. Geschichte ist daher keine „Sozialphysik“, sondern eine Wissenschaft des individuellen Handelns in seiner Einzigartigkeit. Ihr methodisches Instrument ist das verstehende Deuten – unter Rückgriff auf Theorie, Thymologie und Quellenkritik.
Der Historiker ordnet die Wirklichkeit durch Typenbildung: Unternehmer, Bürokrat, Revolutionär oder Intellektueller. Solche Idealtypen sind keine realen Entitäten, sondern heuristische Werkzeuge. Sie helfen, komplexe Zusammenhänge zu strukturieren, dürfen jedoch nicht mit realen Gruppen verwechselt werden.
Geschichte wird nicht von Klassen, Nationen oder abstrakten Kräften gemacht, sondern von handelnden Individuen. Sie folgt keinem vorgegebenen Plan und keinem historischen Schicksal. Sie ist offen, weil menschliches Handeln offen ist. Gerade deshalb ist sie für freie Menschen unverzichtbar: Sie lehrt nicht, wie man Geschichte plant, sondern warum niemand sie planen kann.
Dieser Artikel wurde von Antony P. Mueller vor dem 5. Mai 2026 geschrieben und wurde posthum geringfügig redaktionell bearbeitet.
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Die deutsche Ausgabe von „Theorie und Geschichte“ (ISBN: 978-3-9816008-3-4) (*) ist bedauerlicherweise derzeit nur antiquarisch erhältlich.
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Antony Peter Mueller (1948 – 2026) war promovierter und habilitierter Wirtschaftswissenschaftler der Universität Erlangen-Nürnberg, wo er von 1994 bis 1998 das Institut für Staats- und Versicherungswissenschaft in Erlangen leitete. Antony Mueller war Fulbright Scholar und Associate Professor in den USA und kam im Rahmen des DAAD-Austauschprogramms als Gastprofessor nach Brasilien.
Bis 2023 war Dr. Mueller Professor für Volkswirtschaftslehre, insbesondere Makroökonomie und Internationale Wirtschaftsbeziehungen, an der brasilianischen Bundesuniversität UFS. Nach seiner Pensionierung war Dr. Mueller weiterhin als Dozent an der Mises Academy in São Paulo tätig und im globalen Netzwerk der Misesinstitute aktiv sowie wissenschaftlicher Beirat des Ludwig von Mises Institut Deutschland.
In deutscher Sprache erschien 2024 sein Buch „Antipolitik“ (*), 2023 erschien „Technokratischer Totalitarismus. Anmerkungen zur Herrschaft der Feinde von Freiheit und Wohlstand“(*). 2021 veröffentlichte Antony P. Mueller das Buch „Kapitalismus, Sozialismus und Anarchie. Chancen einer Gesellschaftsordnung jenseits von Staat und Politik“(*). 2018 erschien sein Buch „Kapitalismus ohne Wenn und Aber. Wohlstand für alle durch radikale Marktwirtschaft“(*).
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