Schließung einer Zentralbank: Die endgültige Beendigung

Die Auflösung einer Zentralbank im reinen Papiergeldsystem, Teil 7

24. August 2026 – von Stephan Ring

Javier Milei hat im Wahlkampf 2023 immer wieder angekündigt, die Zentralbank schließen zu wollen. Es gibt ein Video, in dem er im Fernsehen an seinem Geburtstag einem argentinischen Kindergeburtstagsbrauch folgend mit verbundenen Augen mit einem Besenstil auf ein aufgehängtes Styropormodell der Zentralbank einschlägt, bis diese komplett zerstört am Boden liegt.

Screenshot: X/@datomisil (23.10.2018); Original: Canal de la Ciudad / Liberales Argentina, 22.10.2018.

Noch gibt es die argentinische Zentralbank; Milei hat sie aber bereits wesentlicher Funktionen bzw. Privilegien „beraubt“. So gibt es kein Währungsmonopol in Argentinien mehr. Das Äquivalent des Zentralbankzinses wird nicht wie sonst als Marktsteuerungsinstrument von der Zentralbank festgelegt, sondern in einem Marktmechanismus bestimmt. Die Konten, die die Banken bei der Zentralbank unterhalten müssen, werden nicht mit neu zu druckendem Geld verzinst und die für die Fähigkeit zur Kreditgeldschöpfung so wichtige Mindestreserve erreicht über 40%. Zum Vergleich: Im Euro sind es 1% und beim USD 0%.

Dennoch sind die Kritiker aus dem libertären Lager nicht zufrieden. Es geht ihnen nicht schnell genug. Von der Theorie her ist die Enttäuschung zu verstehen. Allerdings sind auch die von der Praxis gemachten Einwände nicht ohne Substanz. In der folgenden Beitragsserie soll nun nicht auf diese Debatte eingegangen werden, zu der Sie hier eine Diskussion in vier Teilen zwischen den Professoren Jörg Guido Hülsmann und Philipp Bagus lesen können. Vielmehr ist es das Ziel dieser Artikelserie, dem Leser die Probleme zu vermitteln, die die Auflösung eines Papiergeldsystems möglicherweise mit sich bringen kann.

Gleichzeitig wird versucht, einen möglichst sozialverträglichen Weg aus dem Papiergeld aufzuzeigen, wobei „sozialverträglich“ hier meint „ohne vermeidbare Verwerfungen und vor allem ohne Vermögensverschiebungen“, die willkürlich Gewinner und Verlierer bei einer Beendigung des Systems erzeugen. Eine der Voraussetzungen für Milei ist, dass ein solcher Schritt nicht – wie so oft – die Ärmsten und Schwächsten der Gesellschaft trifft und die Vermögenden nahezu unbehelligt lässt, weil diese die Gelegenheit und Möglichkeit hatten, in Sachwerte zu investieren und sie nur einen geringen Teil ihrer Nettoersparnisse in der Landeswährung halten.

Dies ist der 7. und letzte Teil dieser Beitragsserie.

Den 6. Teil finden Sie hier.

Lender of Last Ressort

Es bleibt ein Problem, der Wegfall der Funktion als „Lender of last Resort“. Der eigentliche und wahre Grund, warum Zentralbanken ursprünglich gegründet wurden. Dieses Problem hat zwei Facetten. Da sind zum einen der bereits diskutierte Interbankenmarkt und zum anderen die Bankkunden.

Was ist, wenn mit der Abschaffung der Zentralbank die Bürger ihr Vertrauen in die Währung insgesamt verlieren, wenn sie erkennen, was schon immer der Fall war, dass die Einlagen die Risiken aller Kredite, die die Banken eingegangen sind, mittragen. Dann könnte es zu einem Run kommen. Und zwar nicht nur indem jeder versucht, möglichst rasch seine Guthaben in eine andere Währung zu tauschen, sondern auch indem Banken zusammenbrechen, weil ihnen eben der Lender of last Resort fehlt.

Dem Vertrauen der Bürger, das in der bisherigen Betrachtung eine untergeordnete Rolle gespielt hat, kommt jetzt die entscheidende Bedeutung zu. Vertrauen ist dann erforderlich, wenn rationale Überlegungen ohne emotionale Verlustängste zu einem anderen Verhalten und damit einem anderen Ablauf der Geschehnisse führen würde. Die Auflösung einer Zentralbank stellt einen derart großen Eingriff in das gelernte und ohne Nachdenken akzeptierte Weltbild der Mehrheit der Bürger dar, dass niemand den Umfang irrationaler Verhaltensweisen auch nur grob abschätzen kann. Diese emotional instabile Situation der Unsicherheit kann von diversen, am Chaos interessierten, politischen aber auch spekulativen Kreisen einfach ausgenutzt werden. Einmal angestoßen wird eine sich selbst tragende chaotische Entwicklung auch noch als Bestätigung der Ängste dienen.

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Die Ängste werden sich dabei vor allem in zwei Richtungen manifestieren. Zum einen ist da der Verlust in das Vertrauen in die Altwährung. Vielen Menschen fehlt schlicht die Vorstellung, wie labil das gesamte Banksystem eigentlich schon immer war. Der vermeintliche Schutz einer Zentralbank konnte ein Nachdenken hierüber bisher unterdrücken und jede geäußerte Kritik im Keim ersticken. Fällt die Zentralbank weg, steht das System sprichwörtlich ohne Kleider da. Die Menschen können sich schlicht nicht mehr vorstellen, was eine Währung ohne Zentralbank überhaupt sein kann. Das Unverständnis führt zu Unsicherheit, die zu Verlustängsten führt, was zum Abverkauf der Altwährung anregt, der schließlich im Verfall der Altwährung endet, was wiederum die Ängste bestätigt.

Zum anderen ist da die neue Angst um die Solvenz der eigenen Bank. Diese Angst ist ebenso von der Unkenntnis des Bankwesens befeuert. Eine Flucht in Bargeld, in alternative Anlagen wie Edelmetall, Fremd- oder Kryptowährung oder zu ausländischen Banken, die noch an eine Zentralbank angebunden sind, kann nicht ausgeschlossen werden. Auch hier wird wegen der Vernetzung der Banken durch den Interbankenmarkt eine Insolvenz nur ein Dominostein sein, der andere zum Fallen bringt.

1. Das Vertrauen in die alte Währung

Die Angst um den Wert der Altwährung könnte der Staat in der Abwicklungsphase mit einer Garantie abfangen. Hier wäre er Lender of last Resort für die schon angesprochene Übergangsphase einer staatlich flankierten, geordneten Abwicklung des Kreditgeldes. Dies sollte auch dann gelten, wenn das alte Geld seine Tauschmittelfunktion sehr schnell verlieren sollte. Durch seine Bereitschaft, Steuerzahlungen in Altwährung zu einem festen Umtauschverhältnis zu akzeptieren, sollte eine allzu große Volatilität auf dem Devisenmarkt verhindert werden. Große Vermögensverschiebung von den Kleinsparern zu den Kreditschuldnern sind dann nicht zu erwarten. Sollte der Druck zu groß werden, kann der Staat zusätzlich durch den Umfang der Bezahlung seiner Gehälter oder Einkäufe in Altwährung beruhigend einwirken, da es das Ziel ist, die Geldfunktion der Altwährung so lange aufrecht zu erhalten, bis die meisten Kredite getilgt oder auf andere Währungen umgestellt sind.

Ein solches Verhalten sollte heftige Kursschwankungen am Devisenmarkt verhindern, wenn sie auch nicht zur Gänze ausgeschlossen werden können. Es gilt daher, die irrationale Angst vor Wertverlust zu minimieren. Es bleibt festzuhalten, dass auch aus diesem Grund eine kontrollierte Abwicklung der Kreditgeldmenge sinnvoll erscheint.

2. Vertrauen in die Solvenz der Banken

Damit ist die Diskussion beim eigentlichen Thema angekommen. Die Solvenz der einzelnen Bank. Es ist unvermeidliches Ergebnis einer Auflösung der Zentralbank, dass ein Schutzschirm für einzelne Banken, abgesehen von einem gemeinschaftlichen Sicherungsfonds der Banken, nicht mehr existieren wird.

In einer rationalen Betrachtung können die Banken ohne Kreditgeldschöpfung nur im Vollgeldsystem arbeiten. Das Risiko ist daher im Grundsatz geringer. Allerdings ist gerade im Vollgeldsystem ein Bankgeschäft im klassischen Sinne, wie wir es heute kennen, eigentlich nur durch Fristentransformation denkbar. Das Illiquiditätsrisiko bleibt daher genauso bestehen, wie das Risiko des Sparkunden, am Kreditrisiko aller Kreditnehmer der Bank beteiligt zu sein.

Eine gesetzliche Pflicht, nur fristenkongruent Kredit zu vergeben, würde dem Ziel der Auflösung der Zentralbank, einer freien, staatlich unbeeinflussten Bildung des Zinses, zuwiderlaufen. Es kommen daher allenfalls temporäre Maßnahmen in Betracht, um den Übergang zu moderieren.

Wie würde ein Bankensystem aussehen, das ohne Zentralbank entsteht? Es gäbe unterschiedlichste Angebote für den Kunden. Vom echten „Lagerhaus“, das gegen Lagergebühr die jederzeitige Verfügbarkeit für den Kunden sicherstellt, bis zur hochspekulativen Bank, die langfristige unternehmerische Risiken finanziert. Übrigens eine Situation, die auch heute schon vielfach existiert. Es gibt also durchaus Anbieter für alle Risikobereiche. Da gibt es einerseits den Tresoranbieter, der das Edelmetall entgeltlich, versichert verwahrt und andererseits den Private Equity Fonds, der mit dem Geld der Kunden in Startups investiert. Was diese Tätigkeiten außerhalb des aktuellen Bankwesens auszeichnet, ist eine klares, dem Kunden offengelegtes Risikoprofil. Dies ist auch innerhalb des Bankbereichs nicht unbekannt, wenn man beispielsweise an Pfandbriefbanken denkt. Bisher hatten die Banken aber weder das Bedürfnis noch das Interesse, diese Risikotransparenz für den Kunden herzustellen. Nur so konnten sie einerseits den Kunden geringe Einlagezinsen anbieten und auf der anderen Seite gegen hohen Risikoaufschlag Unternehmungen finanzieren.

Es geht also vor allem darum, Zeit für den Kunden und die Banken zu gewinnen, diese Umstellung zu bewerkstelligen. Gleichzeitig haben wir gesehen, dass es wünschenswert ist, die Zentralbank in einem schnellen und überraschenden Akt zu schließen, weil schon jedes Gerücht zu unkontrollierbaren Verwerfungen führen kann.

Eine Lösung kann daher nur in einer Auffanglösung liegen, in der durch den Staat eine geordnete Abwicklung nicht mehr wettbewerbsfähiger Banken garantiert wird. Das ist auch kein wirklich neuer Vorgang. Schon bisher hat die Bankenaufsicht Banken in Schieflage kontrolliert abgewickelt. Es geht ja dabei weniger um echte Überschuldung, sondern um Illiquidität und zukünftig fehlende Profitabilität.

Das Risiko für den Staat wäre erfahrungsgemäß eher gering, da schon bisher Liquidationsquoten bei Banken von nahezu 100% nicht ungewöhnlich sind. Fast alle Staaten haben bereits eine staatliche Bank, die sie für eine Übergangsphase mit der Abwicklung beauftragen könnten, um so den Kunden durch Übernahme ihrer Guthaben Sicherheit zu versprechen. Eine durch unkontrollierten Mittelverlust unprofitabel gewordenen Bank würde so geordnet abgewickelt.

Die Guthaben der Kunden wären zumindest für die Dauer der Übergangsphase gesetzlich geschützt. Man könnte den Schutz in einem ersten, von Anfang an angekündigten Schritt auf Altwährungsguthaben beschränken, um zu verhindern, dass die Banken nach Schließung der Zentralbank unkontrolliert Alternativwährungen als Einlage unter staatlichem Schutz sammeln können. Hier muss der Kunde dann das Risiko selbst abschätzen und tragen.

Leidtragende können Eigentümer der Banken sein, deren Geschäftsmodell nicht mehr trägt und die daher abgewickelt werden. Hier ist aber kein Mitleid angebracht, da diese bisher von einem ungerechten und ökonomisch betrachtet dysfunktionalen Teilreservebanksystem zu Lasten der Gesamtbevölkerung profitiert haben.

Weitere Leidtragende werden selbstverständlich diejenigen sein, die bisher Zugang zu billigem Kreditgeld hatten. Es ist davon auszugehen, dass die Zinsen steigen. Möglicherweise verengt sich der Zugang zu Finanzierung, wobei auch dies nicht zwingend so sein muss. Die sichere Anlage, wie beispielsweise in eine Immobilie in guter Lage, wird möglicherweise sogar preiswerteren und einfacheren Zugang finden, während das unternehmerische Risiko möglicherweise nun tatsächlich öfter auch eine Beteiligung des Investors versprechen oder kreative neue Methoden der Verzinsung anbieten muss. Die Wandelschuldverschreibung wird möglicherweise eine Renaissance erleben.

Ergebnis

Die Untersuchung hat gezeigt, dass eine geordnete Abwicklung einer Zentralbank möglich sein sollte. Sie ist einer unkontrollierten Auflösung vorzuziehen. Der Staat sollte dabei seiner Verantwortung, die er dereinst mit der Einrichtung und dann mit dem Betrieb der Zentralbank übernommen hat, auch in der Abwicklung gerecht werden.

Es ist unbedingt anzuraten, den Übergang auf andere Gelder schon dadurch moderierend vorzubereiten, dass das Geldmonopol frühzeitig aufgegeben wird und die Bevölkerung, die Unternehmer und die Banken an das Führen von Konten und Kreditkarten in unterschiedlichen Währungen gewöhnt werden. Dies gilt unabhängig davon, ob zur Vorbereitung einer Schließung der Zentralbank die Kreditgeldmenge durch Anhebung der Mindestreserve reduziert wird. Allerdings könnte die Anhebung der Mindestreserve vor einer Schließung der Zentralbank die Einführung einer vom Markt gewählten Alternativwährung beschleunigen, wenn eine stetige Verteuerung der Altwährung durch die Reduktion der Kreditgeldmenge Druck aufbaut, sich nach Alternativen umzusehen, und so die Entstehung von Alternativen noch beschleunigt.

Andererseits spricht nichts gegen eine möglichst zügige Abwicklung. Dabei sind drei große Schritte zu bedenken. Zum einen (1.) die Schließung der Zentralbank. Die Untersuchung hat gezeigt, dass dieser Schritt unabhängig von einer vorbereitenden Reduktion der Kreditgeldmenge plötzlich geschehen sollte, weil jede Phase der Unsicherheit zu unkontrollierten, irrationalen Abläufen führen kann.

Danach die Phase beginnend mit dem Termin, ab dem (2.) sanfter Druck aufgebaut wird, damit länger laufende Verträge auf alternative Währungen umgestellt werden, der nötigenfalls stetig gesteigert werden kann.

Schließlich die finale Beendigung der Währung durch ein (3.) Beenden der staatlichen Garantie für die Altwährung und dem damit erzwungenem Umtausch in eine Alternativwährung. Je nach Verhalten des Marktes, insbesondere bei der Umstellung länger laufender Verträge, und der Vermögenslage des Staates und seiner Fähigkeit, das noch in Umlauf befindliche Altkreditgeld bis zu seiner Abwicklung zu puffern, kann dieser Zeitpunkt nach nur wenigen Jahren erreicht sein.

Hinweis: Die Inhalte der Beiträge geben nicht notwendigerweise die Meinung des Ludwig von Mises Instituts Deutschland wieder.

Stephan Ring ist promovierter Jurist, Autor und seit der Gründung des Ludwig von Mises Instituts Deutschland Mitglied des Vorstandes. 2025 erschien sein Buch Die Rettung Argentiniens: Javier Milei, die ersten 16 Monate (*).

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