Kann KI Knappheit beseitigen?

Hatte Marx am Ende doch recht?

21. August 2026 – von Robert Bernhardt

Der Aktienkurs von Fiverr, einer globalen Plattform für die Vermittlung fest definierter geistiger Tätigkeiten in Form sogenannter „Gigs“ (Logos, Übersetzungen, Video-Bearbeitung etc.), ist seit seinem Peak 2021 um rund 97 % gefallen. Der Hauptgrund dürfte darin liegen, dass gerade solche in Umfang und Art stark strukturierten Arbeiten häufig hervorragend durch KI ersetzbar sind und deswegen die Nachfrage nach menschlichen Auftragsarbeiten hier bereits deutlich gesunken ist und absehbar weiter fällt. Da Fiverr eine sehr breite Palette an Spezialisierungen abdeckt, deutet die Entwicklung dieser Plattform auf eine möglicherweise bevorstehende umfassendere Umpflügung des Arbeitsmarktes durch ChatGPT & Co für Bürotätigkeiten hin.

Nun wirkt die rasante Entwicklung der Künstlichen Intelligenz aus österreichischer Sicht zunächst einmal in vielerlei Hinsicht heilsam. Der massive Energiehunger der Datencenter hat bereits dazu geführt, dass US-Eliten das Klima-Narrativ weitestgehend aufgegeben haben und plötzlich eine Renaissance der Atomkraft immer wahrscheinlicher wird. Ebenso ist absehbar, dass die öffentliche Subventionierung marktferner Geisteserzeugnisse aus Universitäten, NGOs, Medien und Kulturbereich ihrer Legitimation beraubt wird, wenn die KI das schlicht besser, billiger und schneller kann.

Hinter den Prognosen aus dem Silicon Valley steckt sicherlich sehr viel Hype (wobei bemerkenswert ist, dass hier sehr große Investitionen getätigt wurden, nachdem die Zentralbanken 2022 ihre Nullzinspolitik beendet hatten; der KI-Boom ist also kein typischer durch Niedrigzinsen verursachter künstlicher Aufschwung). Es könnte am Ende schlicht sein, dass die Produktivität in einigen Aufgabenbereichen deutlich steigt und das – wie bei vorherigen technologischen Innovationen auch – zu kurzfristigen Verwerfungen im Arbeitsmarkt führt, aber auf Dauer eine Anpassung stattfindet. Völlig neuartige Tätigkeitsfelder mit vielen neuen Jobs könnten entstehen, von denen bisher noch völlig ungewiss ist, was diese überhaupt sein könnten. Mangelnde Phantasie bedeutet aber nicht, dass nicht neue Berufe entstehen werden.

Doch nehmen wir als Gedankenspiel einmal an, die utopischen Szenarien würden zutreffen, dass KI in den nächsten Jahren tatsächlich den Großteil der heute bestehenden, in Berufen gebundenen Tätigkeiten ersetzen kann, ob sie nun geistige Erzeugnisse sind oder – mittelbar – über durch die KI induzierte Fortschritte in der Robotik auch die meisten handwerklichen und industriellen Tätigkeiten. Macht das den Kommunismus nicht plötzlich doch möglich – oder gar alternativlos?

KI automatisiert keine Verwaltung

Eine der gängigsten Vorhersagen in Bezug auf künstliche Intelligenz lautet, dass sie Verwaltung automatisieren könne. Diese Vorstellung basiert auf einem Missverständnis davon, was Bürokratie eigentlich ist.

Um einen Verwaltungsprozess automatisieren zu können, muss er vollkommen determiniert sein, d.h. im Vorhinein klar geregelt, welche genauen Folgen entstehen, wenn Fall A oder B eintritt. Ist er nicht völlig determiniert, etwa weil an der einen oder anderen Stelle im Prozess Ermessensspielraum des Sachbearbeiters eingefügt wurde (ein Verwaltungstrend der letzten Jahrzehnte), würde der Einsatz einer KI anstelle des Bürokraten nur dazu führen, dass nun ein probabilistisch arbeitender Computer über Sachfragen entscheidet und es dem Zufall überlassen wäre, ob derselbe Input einmal zur Akzeptanz oder zum Verwurf des Antrags führen würde.

Zudem gibt es bei Recht stets einen Auslegungsspielraum. Gesetzestexte sind keine technischen Konstruktions- oder Ablaufpläne; nicht umsonst heißt es deshalb „zwei Juristen, drei Meinungen“.

Diese „Willkür“ würde bei einem Computer nicht akzeptiert werden. Man stelle sich einmal vor, derselbe Bauantrag würde zweimal eingereicht werden und einmal entscheidet sich die KI für die Baugenehmigung und einmal dagegen. Jedem wäre schnell bewusst, dass ein auf Ermessens- oder Auslegungsspielraum basierendes automatisiertes Verwaltungssystem zu absurden und ungerechten Ergebnissen führt (das bestehende System führt natürlich bereits zu absurden und ungerechten Ergebnissen, aber wenn es von Menschen entschieden wird, wird es eher hingenommen; der Versuch, dies mit KI zu bewerkstelligen, könnte ein Bewusstsein schaffen für diese bereits bestehende Problematik).

Verwaltung kann automatisiert werden, wenn der Ermessens- oder Auslegungsspielraum der Beamten entfernt wird – oder nur für seltene Spezialfälle angewandt wird. In diesem Fall braucht es aber für die Automatisierung keine KI, sondern ein guter alter, deterministischer Computercode würde dafür völlig ausreichen, also eigentlich die Technik von vorgestern. Natürlich kann KI helfen, diesen Code schneller zu schreiben oder das Gesetz so zu formulieren, dass der Verwaltungsakt deterministisch wird, aber sie kann den Beamten selbst nicht ersetzen oder auf magische Weise von den Folgen von Überregulierung befreien, solange ein Ermessens- oder Auslegungsspielraum weiter besteht.

Knappheit fällt nicht weg – sie verschiebt sich

Knappheit an sich kann nicht „gelöst“ werden. Auch künstliche Intelligenz befreit uns nicht von der fundamentalen Tatsache, dass jegliche Entscheidungen und Handlungen Abwägungen darstellen zwischen verschiedenen Zielen und Bedürfnissen. Was aber vorstellbar ist, ist die Überwindung lokaler Knappheit einzelner Güter und Werte. Allerdings sind dies dann keine ökonomischen Güter mehr, keine Mittel im Sinne der österreichischen Praxeologie (= Handlungslogik), sondern allgemeine Gegebenheiten, die nicht Ziel menschlichen Handelns sind, wie beispielsweise Luft, wenn sie überreichlich vorhanden ist, oder eine allgemein bekannte Formel, wie etwa das Rezept, wie man Kaffee kocht.

Knappheit ist eine natürliche, dem menschlichen Handeln inhärente Eigenschaft, die partiell reduziert werden kann, aber sich nicht auflösen, sondern nur verschieben kann. Das hängt auch damit zusammen, dass unsere Begierden und Bedürfnisse nach oben hin grundsätzlich unbegrenzt sind, d.h. die Idee, dass KI einfach alle Aufgaben löst und dann genereller Überfluss herrscht, ergäbe nur dann Sinn, wenn die Bedürfnisse der Konsumenten gleich bleiben würden auf dem Niveau von heute.

Nehmen wir den Vergleich, dass wir mit der Technologie von heute (oder sogar gestern) so ziemlich jegliche Arbeiten, die in der Welt um das Jahr 1026 getätigt wurden, durch Maschinen ersetzen könnten. Zwar gibt es bestimmte Jobs immer noch, aber der Bauer von heute ist eben nicht mehr der körperlich belastete Mensch, der im Schweiße seines Angesichts der Erde ein paar Kalorien abringt, sondern sitzt überwiegend in einem (klimatisierten) Traktor – was schon bald auch noch durch vollautomatisierte Schlepper, Roboter und ferngesteuerte Drohnen ersetzt werden könnte. Wenn also mit der Technologie von heute die mittelalterliche Wertschöpfung komplett automatisiert werden könnte, hätten mittelalterliche Ökonomen (hätte es sie denn gegeben) ja folgerichtig argumentieren können, dass damit die Technologie die damalige „Knappheit“ vollständig gelöst hätte, aber wir merken heute natürlich weiterhin Knappheit an allen Ecken und Enden, da wir mit der veränderten Produktionstechnologie auch neue Bedürfnisse entwickelt haben. Das wird auch mit KI nicht anders sein.

Intelligenz ist nur ein Werkzeug

Hat Intelligenz einen zunehmenden oder abnehmenden Grenznutzen?

Die Idee des „Maschinengotts“ basiert auf der Annahme, dass immer mehr Intelligenz auch zu exponentiell besseren Ergebnissen führt, egal für was sie angewandt wird. Wenn dagegen eine Verdopplung des Denkaufwands nur noch zu marginalen Verbesserungen des Ergebnisses führen würde, dann wird die allumfassende Nutzung der KI schnell unökonomisch, schließlich kostet das „Denken“ elektrische Energie, die physikalisch bedingt knapp bleibt (wenn sie auch durch breite Verwendung von Atomenergie erheblich billiger sein könnte als derzeit).

Es ist Stand heute schlicht und ergreifend ungewiss, ob und wie eine erhöhte Intelligenz eine natürliche Grenze ihrer Nützlichkeit hat oder nicht. Ein absurdes Beispiel wäre etwa, dass ein KI-Architekt sich an sich tiefe Gedanken über die Gestaltung und Positionierung jedes einzelnen Kieselsteins machen könnte, schließlich kommt es bei der Erreichung von Schönheit und Eleganz häufig auf kleinste Details an. Ob ein Kunde das dann tatsächlich nachfragt, ist eine andere Frage.

Die Frage lautet, wie viel mehr eine Lösung wert ist, wenn sie mit mehr Intelligenz geschaffen wurde. Wenn es darum geht, ob etwas funktioniert oder nicht und die Intelligenz einen Unterschied in dieser Frage macht, kann es natürlich sehr viel wert sein. Geht es dagegen darum, die Lösung durch massiven Denkaufwand minimal eleganter zu gestalten, dann kann der zusätzliche Nutzen äußerst gering sein, insbesondere dann, wenn nicht ein Prototyp erstellt wird, der dann für die Massenproduktion millionenfach skaliert werden kann, sondern tatsächlich eine Einzelanfertigung.

Ludwig von Mises (1881 – 1973) schrieb in „Human Action“ (1949):

Technologie zeigt, wie ein gegebenes Ziel durch den Einsatz verschiedener Mittel erreicht werden könnte, die in verschiedenen Kombinationen zusammen verwendet werden können, oder wie verschiedene verfügbare Mittel für bestimmte Zwecke eingesetzt werden könnten. Aber sie ist außerstande, dem Menschen zu sagen, welche Prozeduren er aus der unendlichen Vielfalt der vorstellbaren und möglichen Produktionsabläufe wählen sollte. […]
Technologie und die daraus abgeleiteten Überlegungen wären für den handelnden Menschen von geringem Nutzen, wenn es unmöglich wäre, die Geldpreise von Gütern und Dienstleistungen in die Planung ihrer Anwendung zu einfließen zu lassen.
(S. 207 f.)

Sehr viel mehr dieser personalisierten Unikate könnten künftig ökonomisch machbar und sinnvoll sein, aber es gibt eben keine natürliche Grenze, was hier getan werden könnte. Alles kann immer noch viel tiefgründiger, komplexer und umfassender durchdacht und geplant werden. Um eine Entscheidung treffen zu können, welche Denkleistung einen Mehrwert bringt und welche nicht, ist am Ende eine ökonomische Marktrechnung notwendig, da es grundsätzlich unendlich viele Möglichkeiten des Denkens (mit KI) und des Handelns (mit Robotern) gibt und folglich die von Mises argumentierte Unmöglichkeit der sozialistischen Wirtschaftsordnung eben auch an diesem Detail der notwendigen Kalkulation, Abwägung und Fokussierung der Denkmaschine gegeben ist.

Die Gesellschaft wird komplexer

Die heute gemachten Prognosen mit dem durch KI induzierten Jobverlust basieren auf einer recht phantasielosen Annahme, dass in Zukunft mehr oder weniger dieselben Güter erzeugt werden, nur dann eben durch Maschinen statt Menschen. Und sobald Computer und Roboter in der Lage wären, alle heute bestehenden Produkte herzustellen und Dienste zu leisten, würde es keine Arbeit mehr geben. Die Frage wäre dann nur noch, wie der Wohlstand verteilt werden soll.

Dabei bleibt die Gesellschaft eben nicht gleich, wenn sich die Produktivität innerhalb kurzer Zeit vervielfachen sollte. Damit werden plötzlich ganz andere Wertschöpfungsketten und Angebote möglich. Die Komplexität menschlicher Zivilisation erhöht sich massiv, wodurch auch wieder neue Beschäftigungsmöglichkeiten, Marktangebote und Bedürfnisse entstehen werden.

Der Markt ist dabei im Übrigen auch der beste Anpassungsmechanismus, da er jeweils signalisiert, wo neue Knappheiten entstehen und damit die Unternehmer zu schnellen Anpassungen drängt. Das wird an Stellen sein, die wir überhaupt nicht vorhersagen können. Das Einzige, was wir wissen, ist, dass die Zukunft bei dieser Entwicklung sehr viel anders sein wird als die Gegenwart und dass es funktionierender Märkte sogar noch mehr bedarf als heute, eben weil die Änderungen und damit die notwendigen Anpassungen schneller vor sich gehen.

Hinweis: Die Inhalte der Beiträge geben nicht notwendigerweise die Meinung des Ludwig von Mises Instituts Deutschland wieder.

Robert Bernhardt

Robert Bernhardt ist Unternehmer, Autor und studierter Betriebswirt. Er ist spezialisiert auf die Errichtung von Plattformmärkten und KI-Workflows. Darüber hinaus interessiert er sich auch für die Errichtung von Privatstädten, für welche er erste unternehmerische Ansätze in seinem Buch „Städte der Zukunft“ (2024) (*) zusammengestellt hat.

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