Papiergeld ist der Treibsatz für Krisen

25.10.2013 – von Gerald Mann.

Gerald Mann

Die Welt hat sich vom Lehmann-Schock weitestgehend erholt. Aber die nächste Krise kommt bestimmt. Zuviel Geld ist im Umlauf. Wir haben das Feuer mit Benzin gelöscht.

Der Treibstoff für Finanzkrisen wirkt weiter. An Symptomen wird herumgedoktert, die Kernursache wird jedoch nicht angegangen. So ziemlich alle sind sich einig, dass die Pleite der US-Investmentbank Lehman Brothers vor genau fünf Jahren das Weltfinanzsystem gewaltig durchgerüttelt hat. Von dieser Erkenntnis getragen ist in den vergangenen Jahren auch einiges unternommen worden, um das globale System zu stabilisieren und solche Schocks künftig zu verhindern. Heute sind wir fünf Jahre, billionenschwere Rettungspakete und mit großem Pomp gefeierte regulatorische Veränderungen weiter.

Entscheidung und Haftung gehören zusammen

Positiv zu vermerken ist, dass dem für eine Marktwirtschaft unentbehrlichen Grundsatz der Zusammengehörigkeit von Entscheidung und Haftung mehr Geltung verschafft werden soll. Einer der Väter der Sozialen Marktwirtschaft, Walter Eucken, begann seine Ausführungen zur Haftung mit dem Satz: „Wer den Nutzen hat, muss auch den Schaden tragen.“ Und deswegen ist es zu begrüßen, dass in Zukunft bei Schieflagen von Banken viel stärker deren Eigentümer herangezogen werden sollen. Damit nicht wieder das eintritt, was an den Rettungsaktionen ab 2008 zu Recht als „Sozialismus für Reiche“ kritisiert worden ist.

Damals wurde die Last der Fehlspekulationen vor allem den Steuerzahlern und nur selten den Bankaktionären aufgebürdet. Das soll nun besser werden. Denn die Durchsetzung von Haftung ist viel zielführender zur Erreichung von Finanzmarktstabilität als andere Instrumente wie Deckelung von Managergehältern, Finanzmarkttransaktionsteuer oder ein „Derivate-Tüv“, bei dem eine staatliche Aufsichtsbehörde jedes Finanzinstrument vorher untersucht. Wer Eigentümer in die Haftung nimmt, packt sie bei ihrem Eigeninteresse und verhindert ein „Moral hazard“, auf Deutsch „moralisches Risiko“: Jemand verhält sich verantwortungslos (hier hochriskante Spekulationen), weil er darauf bauen kann, dass er gar nicht oder im Verhältnis zum erzielbaren Gewinn nur gering haftet, falls es schiefgeht. Denn dann rettet ja Vater Staat, also die Steuerzahler.

Skepsis auf Besserung bleibt

Allerdings bleibt berechtigte Skepsis, ob die ergriffenen und noch umzusetzenden Maßnahmen wirklich ausreichen, um Moral hazard von Finanzmarktakteuren auszuschließen. Henry Paulson jedenfalls, dessen Verhalten als US-Finanzminister bei der Lehman-Pleite bis heute umstritten ist, sieht auch derzeit die Gefahr einer neuen Finanzkrise. Da kann man nur beipflichten. Und die nächste Krise ist umso wahrscheinlicher, je weniger das Erpressungspotenzial von Finanzinstitutionen abgebaut wird. Und die Politik ist nicht nur wegen der Größe von Finanzinstituten erpressbar, sondern eben auch wegen der weiter steigenden Staatsverschuldung, zu deren Finanzierung Banken und Versicherungen beitragen.

Papiergeld ist Treibsatz für Krisen

Völlig verweigert wird hingegen die Einsicht in den Krisen fördernden Charakter unseres Papiergeldsystems. Dieses vom Staat verordnete „fiat money“ (englisch für „es sei, es werde Geld“) wirkt wie ein Treibsatz zur Befeuerung von Finanzkrisen. Es ist beliebig vermehrbar und macht Geldkapital schlichtweg zu billig. Der Zins ist der Preis für die zeitweise Überlassung von Geld. Und dieser Preis bildet sich am Markt durch Angebot der Sparer und Nachfrage derjenigen, die investieren wollen, also vor allem Unternehmen.

Wenn nun Banken Zugang zu sehr billigem, neuen Geld der Notenbanken haben und bei der Kreditvergabe sogar selber Geld schöpfen können, sinkt das Zinsniveau und damit die Kosten für Investitionen. Vor Lehmann gab es und heute gibt es dadurch sogar Zinssätze unterhalb der Inflationsrate, also negative Realzinsen. Das ist die beste Voraussetzung dafür, dass ein Mehr an Fabriken, Flugzeugen, Immobilien etc. gebaut wird als eigentlich gesund ist. Wenn nun – wie vor einigen Jahren am US-Immobilienmarkt – eine solche Überinvestitionsblase platzt, wird eben leider nicht die Ursache – nämlich das Papiergeldsystem – angegangen, sondern das Symptom, die plötzlich einbrechende Nachfrage, bekämpft. In der Regel vor allem dadurch, dass noch mehr Papiergeld geschaffen wird, um Nachfrage zu stimulieren. Mit Benzin will man ein Feuer löschen. Das klappt natürlich nicht, garantiert aber die nächste Krisenblase.

Gefährliche Staatsanleihenblase

Selbst wenn man – wie die überwältigende Mehrheit der Ökonomen heute – Papiergeld einer zum Beispiel goldgedeckten Währung vorzieht, müsste man doch zumindest eines beachten: Banken sollten keine Staatsanleihen als Sicherheiten bei der Notenbank hinterlegen dürfen, weil dies zu einer indirekten Staatsfinanzierung über die Notenbank führt.

Gegenwärtig ist es für Banken attraktiv, sich für 0,5 Prozent Zinsen Geld von der EZB zu leihen und diese in höherverzinsliche Staatsanleihen zu investieren. Die Banken können auf eine konsequente Fortsetzung dieses Spiels vertrauen, weil die EZB aus Eigeninteresse weder Banken noch Staaten pleite gehen lassen will. Also ein sicheres Geschäft für Bankaktionäre, aber zu Lasten von Steuerzahlern sowie Durchschnittssparern, die nicht einmal so viel Zinsen erhalten, wie die Inflation an Wert auffrisst. Und so baut sich hier eine neue Blase auf, eine Staatsanleihenblase, die entweder durch Inflation oder eine starke Belastung der Einkommen und Vermögen der privaten Haushalte gelöst wird.

Fazit: Der Einschnitt durch die Lehmann-Pleite in das Denken und Handeln der relevanten Entscheidungsträger ist geringer als weithin angenommen. Die nächste Krise kommt bestimmt.

Dieser Beitrag ist am 16.9.2013 zuerst als Gastbeitrag auf FOCUS-online erschienen.

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Professor Dr. Gerald Mann, Dipl.-Volkswirt, Dipl. sc. pol. Univ., Jahrgang 1968. Nach Abitur, Wehrdienst, Banklehre und erster Berufstätigkeit im Bankgeschäft 1990/91 in Folge der deutsch-deutschen Währungsunion Studium der Volkswirtschaftslehre an der Ludwig-Maximilians-Universität und Politikwissenschaft an der Hochschule für Politik in München. Anschließend Unternehmensanalyst in einer Großbank, dann Geschäftsführer und Berater im Verlagswesen, freiberuflicher Dozent, auch Gastdozent in der VR China. Promotion über internationale Handelspolitik an der Universität der Bundeswehr in München, daneben Zusatzstudium Erwachsenenpädagogik an der Hochschule für Philosophie München. Heute Professor für Volkswirtschaftslehre und Gesamtstudienleiter für München an der privaten, bundesweiten FOM Hochschule für Oekonomie und Management. Interviewpartner und Autor in nationalen und ausländischen Medien. 2012 BCW-Stiftungspreis für exzellente Lehre.

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