Leidet Europa unter einem Nachfragedefizit-Syndrom?

15.12.2014 – von Frank Shostak.

Frank Shostak

In seinem Financial Times Artikel “Der Fluch der weltweit schwachen Nachfrage” schreibt Martin Wolf, die schlimmste wirtschaftliche Krankheit heutzutage sei ein chronisches Nachfragedefizit-Syndrom. Wolf argumentiert, dass trotz massiven Hineinpumpens von Liquidität durch die Zentralbanken der USA und der Euroländer und trotz der Politik, die Zinssätze gegen Null zu senken, sowohl die Volkswirtschaften der USA als auch die der Euroländer weiter zu kämpfen haben.

Wir brauchen mehr Nachfrage und mehr Kreditvergabe

Martin Wolf ist der Ansicht, dass eine Steigerung der allgemeine Nachfrage nach Waren und Dienstleistungen nötig ist, um die Wirtschaft zu beleben. Außerdem meint er, es sei nötig, das Vertrauen der Verbraucher wiederzubeleben, das durch die massive Schwächung des Finanzsystems erschüttert wurde.

Er ist auch der Ansicht, dass die Banken die Kreditvergabe steigern müssten, um die Nachfrage zu beleben, was wiederum die entsprechenden Wirtschaftsräume beleben würde. Und er benennt die massive Verschuldung als Grund für die wirtschaftlichen Schwierigkeiten, in denen sich die Wirtschaftsräume der USA und der Euroländer zur Zeit befinden.

Martin Wolf betrachtet die gegenwärtige wirtschaftliche Krankheit als mysteriöses und komplexes Phänomen, welches komplexe und unkonventionelle Heilmethoden erfordern.

Aber Wolfs Argumente sind falsch.

Wir brauchen mehr Vermögen, nicht mehr Nachfrage

So etwas wie ein Nachfragedefizit, das wirtschaftliche Schwierigkeiten verursacht, gibt es nicht. Das Herz des Wirtschaftswachstums ist der Prozess des Erschaffens von Realvermögen.

Je stärker dieser Prozess ist, desto mehr Realvermögen kann geschaffen werden und desto stärker wird das sogenannte Wirtschaftswachstum. Was diesen Prozess antreibt ist Infrastruktur, oder Werkzeuge und Maschinen. Mit besserer Infrastruktur können Waren und Dienstleistungen von besserer Qualität, also Realvermögen, erschaffen werden.

Nehmen wir zum Beispiel einen Bäcker, der zehn Laibe Brot hergestellt hat. Von diesen zehn Laiben konsumiert er einen und spart die anderen neun.

Er kann nun das gesparte Brot gegen die Dienstleistungen eines Technikers eintauschen, der den Ofen verbessert. Mit einem verbesserten Ofen kann der Bäcker nun zwanzig Laibe Brot herstellen. Nun kann er mehr sparen und die gesammelten Ersparnisse für weitere Investitionen in seine Infrastruktur verwenden, zum Beispiel um andere Werkzeuge zu kaufen, die Menge und Qualität des produzierten Brotes steigern.

Man beachte, dass der Schlüssel zur Wohlstandsvermehrung die Fähigkeit ist, Realvermögen zu schaffen. Diese wiederum setzt voraus, einen Teil des Vermögens in Aufbau und Verbesserung der Infrastruktur zu investieren.

Man beachte auch, dass der Bäcker, falls er sich entscheiden sollte, seine gesamte Produktion zu konsumieren, also seine Nachfrage auf hohem Niveau zu halten, nicht in der Lage wäre, die Herstellung von Brot (Realvermögen) zu steigern.

Mit der Zeit wäre seine Infrastruktur wahrscheinlich verfallen und seine Produktionsmenge wäre sogar gesunken.

Der Glaube, ein Wachstum der Nachfrage nach Brot ohne ein entsprechendes Wachstum der Infrastruktur würde etwas bewirken, ist Wunschdenken.

Es gibt keine Nachfrageknappheit

So etwas wie eine knappe Nachfrage gibt es nicht. Die meisten Menschen haben unbegrenzte Bedürfnisse an Waren und Dienstleistungen.

Zum Beispiel würden die meisten Menschen lieber in schönen Häusern als in kleinen Appartements wohnen.

Die meisten Menschen hätten gerne Luxusautos und würden gerne in guten Restaurants essen. Was sie davon abhält, diese diversen Bedürfnisse zu befriedigen, ist die Knappheit der Mittel.

In der Tat, so wie die Dinge liegen, haben die meisten Menschen jede Menge Bedürfnisse, also Ziele, aber nicht genug Mittel.

Unglücklicherweise können Mittel nicht durch das Erhöhen der Nachfrage erschaffen werden. Dies steigert nur die Anzahl der Ziele, nicht jedoch die Menge der Mittel.

Entgegen der verbreiteten Denkweise können wir den Schluss ziehen, dass Nachfrage kein Angebot schafft, sondern dass es umgekehrt ist.

Wie wir gesehen haben, kann der Bäcker, in dem er etwas nützliches, also Brot, herstellt, und es gegen die Dienstleistungen eines Technikers eintauscht, seine Infrastruktur verbessern.

Mithilfe der verbesserten Infrastruktur kann der Bäcker nun mehr Brot herstellen, also mehr Mittel, die ihm ermöglichen werden, diverse andere Ziele zu erreichen, die für ihn vorher nicht erreichbar waren.

Die gegenwärtigen wirtschaftlichen Schwierigkeiten sind das Ergebnis vergangener und gegenwärtiger rücksichtsloser Geld- und Steuerpolitik der Zentralbanken und Regierungen.

Wir müssen erkennen, dass weder Zentralbanken noch Regierungen Realvermögen schaffen. Alles, was sie erreichen können, ist, einen Prozess der Umverteilung von Realvermögen in Gang zu setzen, in dem sie Realvermögen von dessen Erzeugern hin zu nicht-wertschaffenden Aktivitäten umleiten.

Solange die Menge an Realvermögen wächst, können die Zentralbank und die Regierung weiter den Mythos verbreiten, dass ihre Politik für Wirtschaftswachstum sorgt.

Wenn jedoch die Menge an Realvermögen einmal nicht mehr steigt oder sogar schrumpft, zerfällt die Illusion der Zentralbank- und Regierungspolitik.

Wie man Realvermögen schafft

Es ist nicht möglich, Wohlstand zu steigern, während die Menge an Realvermögen schrumpft. Nochmal, eine mit der Zeit schrumpfende Menge an Realvermögen kann nur eine schrumpfende Infrastruktur erhalten und führt zu  einer verringerten Produktion von Waren und Dienstleistungen, die die Menschen benötigen, um ihr Leben und ihr Wohlbefinden zu erhalten – Realvermögen also.

Der Ausweg aus der gegenwärtigen wirtschaftlichen Misere besteht darin, alle Schlupflöcher der Wohlstandsvernichtung zu schließen. Das bedeutet, die Einmischung der Regierungen in die Wirtschaft wirkungsvoll zu begrenzen. Es erfordert auch, all die Schlupflöcher der Geldschöpfung “aus dem Nichts” zu schließen.

Durch die Beschneidung der Möglichkeiten der Zentralbank, Geld “aus dem Nichts” zu erschaffen, wird der Austausch von “nichts für etwas” beendet. Dies lässt mehr Realvermögen in den Händen von dessen Erzeugern und wird ihnen ermöglichen, die Infrastruktur zur Erzeugung von Realvermögen zu verbessern und zu erweitern.

Entgegen Martin Wolf wird die Ausweitung von Bankkrediten an sich nicht die Wirtschaft beleben. Wie wir gesehen haben ist der Schlüssel zur Wiederbelebung der Wirtschaft der Ausbau von Infrastruktur, die eine sich vergrößernde Menge an Realvermögen stützen kann.

Banken sind nur die Mittler der Ströme von Realvermögen. Sie erschaffen hingegen kein Realvermögen als solches.

Die Kreditexpansion, die Martin Wolf vorschlägt, steht in Verbindung mit Teilreservekrediten, also Kreditvergabe “aus dem Nichts”, und sie ist insofern schlecht für die Wirtschaft – sie setzt die Umleitung von Realvermögen weg von dessen Erzeugern hin zu nicht-wertschöpfenden Aktivitäten in Gang.

Fazit

Die wirtschaftliche Wiederbelebung wird umso schneller eintreten, je eher die Regierungen und Zentralbanken mit dem “Nichtstun” beginnen werden. Wir stimmen Martin Wolf in dem Punkt zu, dass die gegenwärtige wirtschaftliche Situation schwierig zu sein scheint; allerdings kann sie nicht verbessert werden, indem man die Nachfrage nach Waren und Dienstleistungen künstlich erhöht.

Aus dem Englischen übersetzt von Florian Senne. Der Originalbeitrag mit dem Titel Does Europe Have Demand Deficiency Syndrome? ist am 5.12.2014 auf der website des Mises-Institute, Auburn, US Alabama erschienen.

Fotos:  youtube, Mises Institute

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Frank Shostak ist Adjunct Scholar am Mises-Institute, Auburn, veröffentlicht regelmäßig Beiträge auf mises.org und ist Inhaber von Applied Austrian School Economics Ltd.