Das römische Reich versank, weil ihm der Liberalismus abhanden kam

3.1.2014 – von Ludwig von Mises.

Ludwig von Mises (1881-1973)

Die Einsicht in das Wesen und die Wirkungen der preispolitischen Eingriffe erschließt das Verständnis für die ökonomischen Ursachen eines großen geschichtlichen Vorganges, des Unterganges der antiken Kultur.

Man mag verschiedener Meinung darüber sein, ob es berechtigt ist, von antikem Kapitalismus zu sprechen. Unbestritten ist aber, dass das römische Imperium im Jahrhundert der Antonine, der «guten» Kaiser, eine hohe Stufe der Entwicklung der Arbeitsteilung und des Handels erreicht hatte. Einige Großstädte, eine beträchtliche Anzahl von Mittelstädten und zahlreiche kleine Städte waren der Sitz einer verfeinerten Kultur geworden. Die Bevölkerung dieser Zentren deckte ihren Bedarf an Lebensmitteln und Rohstoffen durch die Zufuhr vom Lande, wo Groß- und Mittelbetriebe Überschüsse eigener Erzeugung abgaben, um dafür gewerbliche Erzeugnisse einzutauschen. Die Auflösung dieser Wirtschaftsverfassung, nicht das Eindringen der Barbaren ließ das römische Imperium und mit ihm die antike Kultur zerfallen. Die Angriffe von Außen nützten nur eine Gelegenheit aus, die die innere Schwäche des Reiches bot. Militärisch waren die einfallenden Heere im vierten und fünften Jahrhundert nicht gefährlicher als die, denen die Römer in früheren Jahrhunderten mit Erfolg entgegengetreten waren. Doch die Eindringlinge hatten es nicht mehr mit dem alten Reich zu tun. Sie stießen gegen eine Welt vor, die in ihrer wirtschaftlichen Struktur schon mittelalterlich war.

Die Freiheit, die das römische Reich dem Handel gewährte, war nie vollkommen gewesen und war in Bezug auf den Handel mit Getreide und einigen anderen Gegenständen des täglichen Bedarfs noch stärker beschränkt gewesen als im Verkehr mit den übrigen Kaufgütern. Die Überschreitung der herkömmlichen Preissätze galt im Handel mit Getreide als besonders sittenwidrig und wurde durch die städtischen Marktbehörden hintangehalten. So vermochte sich ein leistungsfähiger privater Getreidehandel kaum zu entwickeln. Die Verstaatlichung der Getreideversorgung, die die Politik der annona darstellte, suchte die Lücke auszufüllen, die der Staat durch die Unterbindung des Getreidemarktes geschaffen hatte. Sie tat ihren Dienst recht schlecht. Die Getreideversorgung blieb im Römerreich immer ein schwieriges Problem. In den Städten herrschte Getreideknappheit, und die Getreideerzeuger klagten über die Unrentabilität ihrer Betriebe. Die Anpassung der Erzeugung an den Bedarf wurde durch die Preispolitik der Obrigkeit verhindert.

Die Katastrophe setzte mit den Münzverschlechterungen ein, die in den politischen Wirren des dritten und vierten Jahrhunderts zum regelmäßigen Auskunftsmittel der geldbedürftigen Kaiser wurden. Bei dem System der obrigkeitlich vorgeschriebenen Preissatzungen musste die Geldentwertung zur Lahmlegung des Verkehrs und damit zur Sprengung der Wirtschaftsverfassung führen. Je schärfer die Behörden durchzugreifen suchten, je strenger sie über die Einhaltung der von ihnen festgelegten Höchstpreissätze wachten, desto trostloser wurde die Lage der auf den Kauf von Lebensmitteln angewiesenen städtischen Bevölkerung. Der Handel mit Getreide und anderen wichtigen Bedarfsgegenständen hörte vollkommen auf. Um nicht zu verhungern, verließen die Leute die Städte und trachteten darnach, sich auf dem Lande anzusiedeln und selbst ihren Bedarf an Getreide, Öl, Wein und anderen Agrarprodukten zu decken. Gleichzeitig schritten die Großgrundbesitzer einerseits an die Auflösung der Großbetriebe, anderseits an die Ausgestaltung der gewerblichen Produktion im Anschluss an ihre Meierhöfe. Denn der Grossbetrieb im Getreidebau hatte mit dem Verlust der Absatzmöglichkeiten vollends seine Berechtigung verloren; der Grundbesitzer, der in der Stadt nicht mehr verkaufte, konnte beim städtischen Gewerbe auch nicht einkaufen und musste trachten, in bescheidener Eigenerzeugung dafür Ersatz zu finden. Er konnte nicht daran denken, die unrentable Sklavenarbeit durch freie Arbeit zu ersetzen, weil für den Großbetrieb überhaupt kein Raum mehr gelassen wurde. Die Sklaven und die aus den Städten flüchtenden Freien wurden zu Kolonen, die auf ihren Höfen möglichst autark zu leben suchten. Gewerbe und Handel schrumpften ein.

Die Kaiser suchten vergebens diesem Auflösungsprozess durch Zwangsmassnahmen Einhalt zu tun. Vergebens erließen sie Gesetze gegen den Städter, der «relicta civitate rus habitare maluerit». Die Zwangswirtschaft, mit der sie dem Übel zu begegnen suchten, versagte. Die Liturgien beschleunigten nur die Rückbildung der Arbeitsteilung. Die Gesetze über die Pflichten der Reeder, der navicularii, konnten den Verfall des Seeverkehrs ebensowenig aufhalten wie die Gesetze über die Getreidewirtschaft den Zusammenbruch der städtischen Getreideversorgung.

Die antike Kultur ist daran zugrunde gegangen, dass sie es nicht vermocht hat, Sittenkodex und Rechtssystem den Erfordernissen der auf dem Marktverkehr beruhenden Wirtschaftsverfassung anzupassen. Eine Gesellschaftsordnung muss untergehen, wenn die Handlungen, die ihren regelmäßigen Ablauf bilden, von den geltenden Moralauffassungen als unsittlich verworfen, von der Rechtsordnung als rechtswidrig erklärt und von den Behörden und Gerichten als Verbrechen verfolgt werden. Das römische Reich versank, weil ihm der Geist des Liberalismus fehlte. Das Führerprinzip in der politischen Verfassung, der Interventionismus in der Wirtschaftsverfassung haben auch hier auflösend gewirkt, wie sie immer und überall auflösend wirken müssen.

aus Ludwig von Mises: ‚Nationalökonomie. Theorie des Handelns und Wirtschaftens‘, Sechster Teil ‚Die gehemmte Marktwirtschaft‘, 4. Kapitel.

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Ludwig von Mises, geb. 1881 in Lemberg, war der wohl bedeutendste Ökonom und Sozialphilosoph des 20. Jahrhunderts. Wie kein anderer hat er die (wissenschafts)theoretische Begründung für das System der freien Märkte, die auf unbedingter Achtung des Privateigentums aufgebaut sind, und gegen jede Form staatlicher Einmischung in das Wirtschafts- und Gesellschaftsleben geliefert. Seine Werke sind Meilensteine der Politischen Ökonomie. Das 1922 erschienene „Die Gemeinwirtschaft“ gilt als erster wissenschaftlicher und umfassender Beweis für die „Unmöglichkeit des Sozialismus“. Sein Werk „Human Action“ (1949) hat bei amerikanischen Libertarians den Rang einer akademischen „Bibel“. Mises war Hochschullehrer an der Wiener Universität und Direktor der Österreichischen Handelskammer. Ab 1934 lehrte er am Institut des Hautes Etudes in Genf. 1940 Übersiedlung nach New York, wo er nach weiteren Jahrzehnten der Lehr- und Gelehrtentätigkeit 1973 im Alter von 92 Jahren starb.

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