Mises’ Praxeologie als Schlüssel zum Verständnis von Theorie und Geschichte

1. Juni 2026 – von Antony P. Mueller

Dieses ist der 2. Teil der 6-teiligen Reihe über Ludwig von Mises‘ „Theorie und Geschichte“. Den 1. Teil finden Sie HIER.

Ludwig von Mises’ Theorie und Geschichte (*) ist kein gewöhnliches Werk der Ökonomie oder Geschichtsschreibung, sondern ein methodologisches Grundlagenwerk. Bereits die einleitenden Seiten machen deutlich, dass es sich um eine Synthese seines gesamten Denkens handelt, in der frühere Einsichten gebündelt und systematisch geordnet werden.

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Im Zentrum steht nicht die Darstellung konkreter historischer Ereignisse, sondern die Frage nach den Bedingungen ihres wissenschaftlichen Verständnisses. Mises geht es darum, die methodologischen Grundlagen der Sozialwissenschaften freizulegen und gegen konkurrierende Ansätze zu verteidigen.

Dabei wird deutlich, dass der eigentliche Gegenstand des Werkes nicht die Geschichte im engeren Sinne ist, sondern die Logik des menschlichen Handelns – die Praxeologie. Die Einführung zeigt, dass Mises’ Denken von der Einsicht getragen ist, dass alle Sozialwissenschaften letztlich auf einer allgemeinen Theorie des Handelns beruhen müssen. Die Praxeologie untersucht nicht konkrete Handlungen in ihrem empirischen Gehalt, sondern die allgemeinen und notwendigen Strukturen des Handelns als solchem.

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Diese Strukturen lassen sich in wenigen fundamentalen Merkmalen zusammenfassen: Handeln ist stets zielgerichtet, setzt Knappheit voraus, erfolgt unter Unsicherheit und ist notwendig zukunftsbezogen. Diese Einsichten sind nicht empirisch gewonnen, sondern apriorisch gültig – sie gelten unabhängig von Erfahrung.

Die A-priori-Formen und Kategorien des menschlichen Denkens […] können nicht auf etwas zurückgeführt werden […]. Alles, was über sie gesagt werden kann, ist, dass ihre Gültigkeit zu leugnen dem menschlichen Geist unsinnig vorkommt und dass das von ihnen geleitete Denken zu erfolgreichem Handeln geführt hat. (S. 67)

Damit grenzt sich die praxeologisch fundierte Methodologie fundamental von der herrschenden Auffassung der Wirtschaftswissenschaft ab. Für Mises ist Ökonomie keine empirische Naturwissenschaft, sondern eine deduktive Wissenschaft, die aus der Kategorie des Handelns entwickelt wird.

Die Orientierung am Handeln impliziert notwendigerweise den methodologischen Individualismus: Alle sozialen Phänomene lassen sich letztlich nur durch das Handeln von Individuen erklären. Kollektive handeln nicht im eigentlichen Sinne; sie sind begriffliche Abkürzungen für das koordinierte Handeln einzelner Personen. Auch wenn Menschen in Gruppen agieren, bleibt jedes konkrete Handeln individuelles Handeln.

Ebenso folgt aus dem praxeologischen Ansatz die Subjektivität der Werte. Werte sind keine objektiven Größen, sondern Ausdruck individueller Präferenzen, die sich im Handeln manifestieren. Nicht verbale Bekundungen, sondern tatsächliche Entscheidungen offenbaren Präferenzen. Die Wirtschaftswissenschaft ist daher eine Theorie realer Entscheidungen und nicht eine Konstruktion hypothetischer Nutzenfunktionen.

Die Aussagen der Praxeologie sind apriorisch fundiert und damit universell gültig. Im Unterschied zu empirischen Hypothesen sind sie unabhängig von Zeit und Ort und besitzen logische Notwendigkeit. Damit steht die Praxeologie in einem klaren Gegensatz zu Empirismus und Positivismus, den dominierenden methodologischen Strömungen der modernen Sozialwissenschaften.

Erkenntnistheoretisch ist […] die zwangsläufige Ordnung der Naturphänomene das Unterscheidungsmerkmal dessen, was wir Natur nennen. Die Abwesenheit einer solchen Ordnung kennzeichnet den Bereich menschlichen Handelns. (S. 63–64)

Mises’ Praxeologie bewegt sich im Spannungsfeld zweier großer philosophischer Traditionen. Auf der einen Seite steht Immanuel Kant, der die Existenz synthetischer Urteile a priori begründete. Auf der anderen Seite steht der Logische Positivismus des Wiener Kreises, der diese Möglichkeit verwarf und nur empirisch überprüfbaren Aussagen Erkenntniswert zuschrieb.

Mises sieht sich daher vor die Herausforderung gestellt, zu erklären, wie praxeologische Aussagen zugleich apriorisch und erkenntnisreich sein können. Eine Analogie zur Mathematik verdeutlicht den Zusammenhang: Wie mathematische Sätze entfaltet auch die Praxeologie Implikationen (= logische Folgerungen), die im Begriff bereits enthalten sind, aber erst durch systematische Analyse sichtbar werden. Erkenntnis entsteht hier nicht durch empirische Entdeckung, sondern durch logische Explikation (= detaillierte Ausformulierung).

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Praxeologie ist eine wertfreie Wissenschaft. Dass ihre Anwendung zu einer Begründung der Freiheit führt, ist kein Ausdruck ideologischer Präferenz, sondern Resultat ihrer analytischen Konsequenzen. Politische Fragen können daher prinzipiell sachlich untersucht werden, ohne normative Vorannahmen einzuführen. Freiheit erscheint aus praxeologischer Sicht nicht als bloßes Werturteil, sondern als Implikation der Logik des Handelns.

Menschen reagieren auf bestimmte Impulse in verschiedener Weise […]. Es ist unmöglich, Menschen in Klassen zu gruppieren, deren Angehörige stets gleich reagieren. (S. 64)

Im Gegensatz zum Positivismus vertritt Mises den methodologischen Dualismus. Es gibt zwei grundlegend verschiedene Bereiche: Naturvorgänge, die ohne subjektiven Willen ablaufen und gesetzmäßigen Strukturen folgen, und menschliches Handeln, das durch Ziele, Erwartungen und Entscheidungen geprägt ist.

In der Ökonomie gibt es keine konstanten Verhältnisse […]. […] alle Daten sind veränderlich und damit historisch. (S. 69)

Diese Unterscheidung ist entscheidend. Naturwissenschaften können auf Grundlage stabiler Beziehungen konkrete Prognosen erstellen. Handlungswissenschaften können dies grundsätzlich nicht, weil menschliche Entscheidungen nicht gleichermaßen determiniert sind wie Naturvorgänge.

Die Vorstellung, Naturgesetze würden „erklären“, beherrscht das moderne Denken. Diese Illusion, so Ludwig Wittgenstein (1889 – 1951) in seinem Tractatus logico-philosophicus, besteht darin, zu glauben, dass Naturgesetze eine Erklärung bedeuten würden und nicht lediglich beobachtbare Regularitäten beschreiben.

Der ganzen modernen Weltanschauung liegt die Täuschung zugrunde, dass die sogenannten Naturgesetze die Erklärungen der Naturerscheinungen seien. (Tractatus 6.371).

Wissenschaftliche Erkenntnis im Sinne der Naturwissenschaft gibt es nur dort, wo konstante isolierbare Regelmäßigkeiten messbar (= vergleichbar mit einem objektiven Standard) sind.

Aus dieser Einsicht ergibt sich die fundamentale Kritik am Szientismus – dem Versuch, die Methoden der Naturwissenschaften auf die Sozialwissenschaften zu übertragen. Dieser Ansatz beruht auf einem Kategorienfehler: Er behandelt menschliches Handeln wie physikalische Prozesse und ignoriert, dass es keine konstanten Verhaltensgesetze gibt.

Die Folgen sind gravierend. Der Szientismus führt nicht nur zu falschen wissenschaftlichen Ergebnissen, sondern bildet auch die Grundlage für sozialtechnokratische Steuerungsansprüche („social engineering“), welche die Freiheit gefährden und zerstören. Demgegenüber zeigt die Praxeologie, dass die Unvorhersagbarkeit menschlichen Handelns kein Defizit ist, sondern Ausdruck von Freiheit.

Damit erhält die Praxeologie eine doppelte Bedeutung: Sie ist sowohl Theorie des Handelns als auch eine theoretische Verteidigung der Freiheit.

Diese Überlegungen machen zugleich deutlich, warum Geschichte keine Naturwissenschaft sein kann. Historische Ereignisse sind Resultate individueller Handlungen, die einmalig und nicht wiederholbar sind. Es gibt daher keine „historischen Gesetze“ im naturwissenschaftlichen Sinne. Geschichtswissenschaft ist Interpretation, nicht Prognose.

Die zentralen Einsichten des zweiten Teils lassen sich in wenigen Thesen bündeln:
– Praxeologie bildet die Grundlage aller Sozialwissenschaften.
– Handeln ist zielgerichtet, subjektiv und nicht determiniert.
– Ökonomische Gesetze sind apriorisch, nicht empirisch.
– Wissenschaft ist wertfrei.
– Es besteht ein methodologischer Dualismus zwischen Natur- und Handlungswissenschaften.
– Der Szientismus ist ein grundlegender Irrtum.
– Freiheit ist in der Struktur des Handelns verankert.

Praxeologie ist damit weit mehr als eine ökonomische Theorie. Sie ist der Versuch, die Sozialwissenschaften auf eine logisch gesicherte Grundlage zu stellen und zugleich die Bedingungen menschlicher Freiheit wissenschaftlich zu erfassen. Darin liegt ihre bleibende Aktualität.

*****

Die deutsche Ausgabe von „Theorie und Geschichte“ (ISBN: 978-3-9816008-3-4) (*) ist bedauerlicherweise derzeit nur antiquarisch erhältlich.

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Hinweis: Die Inhalte der Beiträge geben nicht notwendigerweise die Meinung des Ludwig von Mises Instituts Deutschland wieder.

Antony P. Mueller

Antony Peter Mueller (1948 – 2026) war promovierter und habilitierter Wirtschaftswissenschaftler der Universität Erlangen-Nürnberg, wo er von 1994 bis 1998 das Institut für Staats- und Versicherungswissenschaft in Erlangen leitete. Antony Mueller war Fulbright Scholar und Associate Professor in den USA und kam im Rahmen des DAAD-Austauschprogramms als Gastprofessor nach Brasilien.

Bis 2023 war Dr. Mueller Professor für Volkswirtschaftslehre, insbesondere Makroökonomie und Internationale Wirtschaftsbeziehungen, an der brasilianischen Bundesuniversität UFS. Nach seiner Pensionierung war Dr. Mueller weiterhin als Dozent an der Mises Academy in São Paulo tätig und im globalen Netzwerk der Misesinstitute aktiv sowie wissenschaftlicher Beirat des Ludwig von Mises Institut Deutschland.

In deutscher Sprache erschien 2024 sein Buch „Antipolitik“ (*), 2023 erschien „Technokratischer Totalitarismus. Anmerkungen zur Herrschaft der Feinde von Freiheit und Wohlstand“(*). 2021 veröffentlichte Antony P. Mueller das Buch „Kapitalismus, Sozialismus und Anarchie. Chancen einer Gesellschaftsordnung jenseits von Staat und Politik“(*).  2018 erschien sein Buch „Kapitalismus ohne Wenn und Aber. Wohlstand für alle durch radikale Marktwirtschaft“(*).

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