So etwas wie „stabiles“ Geld kann es nicht geben

2.1.2017 – von Frank Hollenbeck.

Frank Hollenbeck

Seit dem frühen 19. Jahrhundert haben Ökonomen immer wieder gepredigt, der Geldwert oder die Kaufkraft des Geldes sollten stabil bzw. relativ stabil sein. 1817 sagte David Ricardo: „Damit eine Währung vollkommen ist, sollte sie absolut konstant im Wert sein.“

Nach dieser Auffassung soll Geld, verstanden als eine Rechnungseinheit, gleich einem Messstab, eine unveränderliche Strecke messen. Diese Sichtweise auf das Geld hat Ökonomen im Verlauf des letzten Jahrhunderts dazu veranlasst, dass Preise, die die Kaufkraft des Geldes widerspiegeln und durch einen Verbraucherpreisindex erfasst werden,[1] ebenfalls stabil sein sollen und dass Zentralbanken aktiv in die Marktwirtschaft eingreifen sollen, um einen solchen Index zu stabilisieren. Die US-amerikanische Zentralbank ist faktisch diesem Grundsatz seit ihrer Gründung 1913 gefolgt. Preisstabilität ist im Vertrag von Maastricht festgeschrieben und das Ziel, beim Verbraucherpreisindex eine Inflationsmarke von zwei Prozent zu erreichen, ist eine Abwandlung dieser weitverbreiteten Sichtweise.

Genau diese Vorgehensweise war allerdings hauptverantwortlich für die Große Depression von 1929 und die große Rezession seit 2008. Sie ist verantwortlich für die wachsenden Ungleichheiten bei den Einkommen (hier) und die enormen ökonomischen Verwerfungen im letzten Jahrzehnt. Wenn man die Fehler der Vergangenheit nicht erkennt, ist man verdammt, sie zu wiederholen!

Die Kaufkraft des Geldes ist, wie fast alles in einem kapitalistischen System, bestimmt von Angebot und Nachfrage.[2] Veränderungen bei der Geldnachfrage (gedacht als Verschiebung der Kurve) werden im Wesentlichen durch zwei Kräfte verursacht:

Die erste ist die subjektive Wertschätzung von Gütern und Dienstleistungen durch Individuen, die in der Vielzahl von relativen Preisen in einer kapitalistischen Wirtschaft reflektiert werden. Da sich diese subjektiven Bewertungen konstant verschieben, verändern sich auch die relativen Preise und damit einher die Kaufkraft des Geldes. Einige Preise werden steigen, andere fallen. Insgesamt wird die Kaufkraft des Geldes in einer Bandbreite schwanken, die zeitweise kleiner und zeitweise größer ist, abhängig von den Veränderungen der subjektiven Bewertungen. (mehr hier)

Die zweite Kraft ist die allgemeine Entwicklung oder das Wachstum einer kapitalistischen Wirtschaft. Ein einfaches Beispiel verdeutlicht diesen Zusammenhang. Angenommen, es werden zehn US-Dollar für zehn Äpfel aufgewendet, so erzeugen die Marktkräfte normalerweise einen Gleichgewichtspreis von einem Dollar je Apfel. Wenn die Anzahl der Äpfel verdoppelt wird, sinkt der individuelle Preis eines Apfels auf 50 Cent und die Kaufkraft des Geldes hat sich verdoppelt. Der Produktionszuwachs von Gütern und Dienstleistungen während der letzten beiden Jahrhunderte sollte eigentlich einen kontinuierlichen und spürbaren Anstieg der Kaufkraft des Geldes zur Folge gehabt haben. Dies war jedoch nicht der Fall.

Diese Veränderungen, die ihren Ausgang auf der Nachfrageseite haben, sind wünschenswert, da sie die Anpassungen von relativen und absoluten Preisen innerhalb eines kapitalistischen Systems widerspiegeln, das vorzugsweise am besten die gesellschaftlich dringendsten Bedürfnisse mit den verfügbaren Ressourcen in Einklang bringt. Selbst wenn das Geldangebot vollkommen stabil gewesen war, hätte man erwartet, dass die Kaufkraft oder der Geldwert sich verändert hätten, wichtiger aber noch, es überhaupt möglich gewesen wäre, dass sie sich verändern hätten können. Jeder Versuch, diesen wünschenswerten Veränderungen entgegenzuwirken, bringt sowohl Verzerrungen in die absoluten und relativen Preise als auch in die Zinssätze. Diese Eingriffe erzeugen Fehlallokationen von Ressourcen, die eine stetig wachsende Lücke entstehen lassen zwischen den gesellschaftlichen Bedürfnissen und dem, was tatsächlich produziert wird. Je länger der Versuch anhält, diese Kräfte aufhalten zu wollen, desto größer wird die Lücke und desto länger zieht sich die notwendige Anpassungsphase hin, um die Produktion wieder an der Nachfrage auszurichten. In dem Versuch, die Preise von 1921 bis 1929 und vor dem Zusammenbruch 2008 stabil zu halten, hat die Zentralbank diese beiden Kräfte, Veränderungen der relativen Preise und die natürliche Tendenz hin zu einem steigenden Geldwert, gestört.

Das Geldangebot entspringt drei Quellen. Die erste Quelle ist die zusätzliche Förderung, wenn es sich bei Geld um einen Rohstoff wie Gold handelt. Die zweite Quelle ist der Bankensektor, der Geld auf Grundlage des Teildeckungsverfahrens aus dem Nichts schafft. Die dritte Quelle ist der Staat, der sich in legaler Fälschung (Fiatwährungen) übt oder indirekt darauf Einfluss nimmt, wie Banken Geld aus dem Nichts schaffen können (bzw. die Regierung selbst betätigt sich im Teildeckungsbankengeschäft).

Die Wirtschaft wiederum zieht keine direkten Vorteile von einer Veränderung des Geldangebotes. Es gibt keine optimale Geldmenge, da jede Geldmenge ausreichend ist. Veränderungen im Geldangebot beeinflussen jedoch die absoluten Preise, was wiederum die Höhe der Geldnachfrage verändert (eine Verschiebung entlang der Kurve) und da neu geschaffenes Geld nun einmal denjenigen nützt, die es auf Kosten der Spätempfänger zuerst erhalten, beeinflusst es auch die relativen Preise und die Geldnachfrage (Verschiebung der Kurve). Daher ist das beste Geldangebot jenes, das sich nicht verändert.

Die Befürworter einer stabilen Kaufkraft führen normalerweise die Notwendigkeit an, zusätzlich geförderten Mengen Gold (bei einem Goldstandard) oder Veränderungen (Zu- oder Abnahme) im Geldangebot im Rahmen des Teildeckungssystems entgegenzuwirken. Was diese Befürworter dabei zu übersehen scheinen, ist, dass es unmöglich ist, zu unterscheiden oder zu identifizieren, ob die Veränderungen ihren Ausgang auf der Angebots- oder auf der Nachfrageseite haben. Sie passieren gleichzeitig. Jeder Versuch, Veränderungen auf der Angebotsseite entgegenzuwirken, hat einen Einfluss auf die fortlaufenden Veränderungen, die ihren Ausgang auf der Nachfrageseite haben. Der gegenwärtige Versuch, den deflatorischen Tendenzen (hier und hier) entgegenzuwirken, die natürlicherweise in der Phase des Abschwungs in einem Konjunkturzyklus auftreten, ist eine fehlgeleitete Politik, weil die Zentralbanker schlicht die tieferliegenden Kräfte ignorieren, die den Wert des Geldes bestimmen.

In den frühen Jahren des 20. Jahrhunderts haben die Befürworter eines soliden Geldes den intellektuellen Kampf gegen die Befürworter eines stabilen Geldes verloren. Nur die Ökonomen der Österreichischen Schule blieben übrig, um solides Geld zu verteidigen.

Solides Geld ist ein Tauschmittel, das es absoluten und relativen Preisen erlaubt, so gut wie möglich ihre Funktion zu erfüllen, Güter und Ressourcen an den dringendsten Bedürfnissen einer Gesellschaft auszurichten. Seine Kaufkraft wird durch den Markt bestimmt, unabhängig von staatlichen Institutionen und politischen Parteien. Solides Geld braucht nicht stabil sein und es soll auch nicht von ihm erwartet werden. Um vollkommen zu sein, soll es ausschließlich durch Faktoren auf der Geldnachfrageseite bestimmt werden.

Der Goldstandard ist die höchste Form der Annäherung an ein solides Geld, die je erreicht wurde. Der größte Vorteil eines Goldstandards liegt darin, die Möglichkeiten einer Regierung einzuschränken, sich in legaler Fälschung zu betätigen.[3] Dieser Vorteil übertrifft bei weitem die wenigen Nachteile, die mit der Verwendung von Gold als einem Tauschmittel verbunden sind. Nichtsdestotrotz kann auch bei der Verwendung von Gold das Geldangebot beträchtlich schwanken. Banken können immer noch Geldsubstitute herausgeben, die nicht zu einhundert Prozent durch Gold gedeckt sind. Auch die Regierung kann das Geldangebot durch die Schaffung von ungedeckten Geldsubstituten und durch Einflussnahme auf den Bankensektor beeinflussen. Als die US-amerikanische Zentralbank 1913 gegründet wurde, fiel die durchschnittliche Reservehaltung von 21 auf zehn Prozent, was einen Anstieg des Geldangebotes zur Folge hatte. Ungeachtet von dem Umstand, dass die USA während dieser Zeit einen Goldstandard hatte.[4]

Hinzu kommt zusätzlich das neu geförderte Gold. Da Überfluss der Knappheit vorgezogen wird, ist die Ausweitung jedweden Warenangebotes normalerweise ein Zugewinn für die Gesellschaft. In diesem einen Fall aber ist der Wert von Gold primär von seiner Funktion als Tauschmittel bestimmt und nicht durch seinen Warenwert.

Dies sollte österreichische Ökonomen natürlicherweise dazu führen, ein Tauschmittel zu bevorzugen, dessen Angebot noch stabiler ist als das von Gold: eine weltweite, auf der block-chain-Technologie basierende Währung. Wenn Geld eine solche Kryptowährung (bspw. Bitcoin) wäre, wäre dessen Fälschung unmöglich, da es nichts an einer Kryptowährung zu fälschen gäbe. Banken würden nicht länger Einlagen verwalten, da diese Einlagen außerhalb des Bankensektors in Kryptogeldbörsen lagern würden. Dies würde das Teildeckungsbankensystem faktisch beenden (hier und hier) und es den Banken unmöglich machen, Geld aus dem Nichts zu schaffen. Was aber ist mit der legalen Fälschung? Normalerweise würde es diese nicht geben, jedoch bedingen alle Währungssysteme Regierungen, die sich an die allgemeinen Spielregeln halten. Der Goldstandard endete, als die Regierungen ihren Teil des Gesellschaftsvertrages brachen und sich nicht mehr an diese Regeln hielten.

Eine Geldreform hin zu einem soliden Geld würde sowohl das Wachstum massiv fördern als auch die Rolle von staatlichen Institutionen und Banken in der Wirtschaft einschränken und beenden.[5]

Stabiles Geld war eine Schimäre. Es brachte der Weltwirtschaft keine Stabilität. Es hatte den aus Einlagegeschäften entstehenden Instabilitäten nichts entgegenzusetzen. Vielmehr verstärkte es die Wirkung aus Auf- und Abschwung. Um effizient zu funktionieren, braucht der Kapitalismus ein Gerüst aus solidem, nicht stabilem Geld.

[1] Der Verbraucherpreisindex ist eine ungenaue Maßeinheit der Teilmenge aller Preise: alles was man mit Geld kaufen kann (mehr hier).
[2] Bastiat verstand dies bereits im Jahr 1849 als er in What is Money? schrieb: „ein Maßstab für die Größe, Länge, Umfang ist eine Menge, auf die man sich geeinigt hat und die unveränderbar ist. Dies ist nicht der Fall für Gold und Silber (Geld). Diese verändern sich so wie es Getreide, Wein, Kleidung oder Arbeit tun, angetrieben von den gleichen Ursachen, da es den gleichen Ursprung hat und denselben Regeln unterworfen ist.“
[3] Geldpolitik ist der ökonomische Euphemismus für legale Fälschung.
[4] Rothbard, American´s Great Depression, S. 26.
[5] In einer Abwandlung des Chicagoplans, müsste die Regierung in der Übergangsphase diese neue Kryptowährung gegen Vermögenswerte auf Bankkonten tauschen, bevor die erste Transaktion (der Genesisblock) durchgeführt worden wäre (hier).

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Aus dem Englischen übersetzt von Arno Stöcker.

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Dr. Frank Hollenbeck lehrt Volkswirtschaft an der “International University” in Genf, Schweiz.

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Hinweis: Die Inhalte der Beiträge geben nicht notwendigerweise die Meinung des Ludwig von Mises Institut Deutschland wieder.