Was ist eigentlich so furchterregend an einer Deflation?

5.7.2013 – von Frank Hollenbeck.

Frank Hollenbeck

Wenn es um Deflation geht, setzt bei Ökonomen häufig der gesunde Menschenverstand aus. Die meisten von ihnen sind dann schnell dabei und sagen: „Ein bisschen Inflation ist eine gute Sache“, denn viele von ihnen fürchten die Deflation. (Gleichwohl, und das sei hier angemerkt, durchforsten vielen von ihnen in ihrem Privatleben vermutlich doch allzu gern die Zeitungsprospekte nach den günstigsten Angebotspreisen.)

Eine Versinnbildlichung der Deflationsfurcht ist Ben Bernanke, der derzeitige Chef der amerikanischen Notenbank. Seine Auslegung von Deflation ist stark geprägt von seinen eigenen wissenschaftlichen Untersuchungen zur „Großen Depression“. Natürlich stimmt es, dass die wirtschaftlich und politisch schmerzliche Große Depression in einigen Ländern mit einer Deflation einherging. Aber: Wir müssen vorsichtig sein und dürfen bei der Analyse Ursache und Wirkung nicht durcheinander bringen.

Eine kürzlich erschienene Studie von Atkeson und Kehoe, die einen Zeitraum von 180 Jahren und 17 Länder untersuchten, zeigt keinen Zusammenhang zwischen Deflation und Depression. Es fanden sich sogar mehr Phasen mit Inflation statt mit Deflation einhergehender Depressionen. In diesem Zeitraum gab es in 65 von 73 deflationären Phasen keine Depression und in 21 von 29 depressiven Phasen keine Deflation.

Das Hauptargument, das gegen Deflation immer wieder vorgebracht wird, lautet, die Verbraucher würden ihre Anschaffungen verschieben, um von künftigen Preisrückgängen zu profitieren. Dies führe zu Nachfrageausfällen, die Preise würden so immer weiter fallen, bis sich die Wirtschaft schließlich in einer Deflation-Depressions-Spirale befindet. Und so liegt die allgemeine Schlussfolgerung auf der Hand: Eine Deflation verursacht eine Depression. Diese These findet sich in nahezu allen volkswirtschaftlichen Standard-Lehrbüchern. Kürzlich schrieb die Federal Reserve Bank of St. Louis:

„Die Theorien über günstigeren Preise mögen attraktiv klingen, aber eine Deflation ist aus mehreren Gründen eine wirkliche Bedrohung. Eine Deflation wirkt abschreckend auf Ausgaben und Investitionen, weil Konsumenten, die fallende Preise erwarten, Anschaffungen aufschieben und stattdessen lieber sparen und auf noch niedrigere Preise warten. Rückläufige Konsumausgaben wiederum verursachen rückläufige Umsätze und rückläufige Gewinne bei den Unternehmen, was unter Umständen eine höhere Arbeitslosigkeit zur Folge hat.“

Diese Argumentation ist in mehrfacher Hinsicht problematisch. Der erste Irrtum: Wie groß auch immer die Erwartung sinkender Preise ausfällt, die Menschen werden immer eine bestimmte Menge an Konsumgütern nachfragen müssen. Daher müssen sie auch jetzt bestimmte Investitionen tätigen, um die künftige Versorgung mit Konsumgütern sicherzustellen. Im Technologiesektor ist gut zu beobachten, dass sich die Produkte dort trotz (oder gerade wegen!) fallender Preise einer sehr lebhaften Nachfrage erfreuen. Das neueste Iphone zum Beispiel verkauft sich, obwohl sich die meisten darüber im Klaren sind, dass sie das gleiche Telefon in einem halben Jahr deutlich billiger kaufen könnten.

Der zweite Irrtum liegt in der Annahme, dass Menschen ihre Erwartungen allein aus der Erfahrung bilden. Fallende Preise würden uns folglich erwarten lassen, dass sie immer weiter fallen werden. Unsere Erwartungen basieren auf einer Vielzahl von Faktoren, die vergangenen Preise sind nur einer von vielen Faktoren. Ich bin überzeugt davon, dass die Ökonomen der Amerikanischen Notenbank überrascht darüber sind, dass die Marktakteure beispielsweise auf die jüngsten Zinssenkungen nicht genauso reagiert haben, wie sie es nach dem Platzen der Technologieblase 2001 getan haben. Menschliche Handlungen lassen sich eben nicht so vorhersagen wie beispielsweise wie Experimente mit Laborratten.

Ein dritter Fehler liegt in der Annahme, dass wir – wenn wir weniger konsumieren – mehr sparen, und dass deshalb die Gesamtnachfrage abnimmt. Das ist jedoch nicht richtig. Die Gesamtnachfrage geht nicht zurück, sondern sie ändert lediglich ihre Struktur. Die Nachfrage nach Konsumgütern nimmt ab, die Nachfrage nach Kapitalgütern nimmt zu. Das führt nicht zu Produktionsverlusten, sondern vielmehr zu höherem Wachstum und mehr zukünftigen Konsumgütern führen.

Wachstum lässt die Preise sinken, das ist doch eine gute Sache. Die Phasen mit dem stärksten Wachstum in den USA währen des 19. Jahrhunderts, von 1820 bis 1850 und von 1865 bis 1900, waren begleitet von deutlich sinkenden Preisen. In beiden Zeiträumen sanken die Preise um die Hälfte.

Lassen Sie uns an dieser Stelle ein einfaches Beispiel betrachten. Nehmen wir an, Sie haben 10 Bleistifte und 10 Dollar. Wie hoch wird der Preis eines Bleistiftes sein? Sicher nicht zwei Dollar, sonst würden nicht alle Bleistifte verkauft, und der Preis pro Stück würde fallen. Sicher auch nicht 50 Cent, denn in diesem Fall bliebe Geld übrig, aber es gäbe nichts mehr zu kaufen. Der Preis würde also steigen. Es wird sich also ein Gleichgewicht einstellen, in dem die Bleistifte für jeweils einen Dollar verkauft werden. Nun nehmen wir an, wir würden die Menge der Bleistifte verdoppeln, so dass wir 20 Bleistifte und 10 Dollar hätten. Der Preis wird von einem Dollar auf 50 Cent fallen. Wenn alle anderen Bedingungen unverändert bleiben, auch die Geldmenge, wird sich der Preis halbieren, was ausgesprochen positiv ist, schließlich können wir mit unseren Dollars nun mehr Güter und Dienstleistungen erwerben. Hier spiegelt sich die Fähigkeit der Gesellschaft wieder, mit Knappheiten umzugehen. Wir können die Knappheit nie völlig besiegen; alle Preise wären dann bei null. Aber fallende Preise sind ein Zeichen dafür, dass wir im wichtigen Kampf gegen die Knappheit Fortschritte machen. Mehr Güter und Dienstleistungen für alle sind gut, und fallende Preise spiegeln die zusätzliche Wohlstandsmehrung wider.

Betrachten wir nun die Deflation selbst, die bei so vielen Ökonomen solche Ängste auslöst. Nehmen wir an, die Produktion eines Bleistiftes kostet 80 Cents. Die Gewinnspanne liegt also bei 25 %. Nehmen wir weiter an, die Menschen horten 5 Dollar, legen das Geld unter ihre Matratze, statt es zu sparen. Der Preis je Bleistift wird auf von einem Dollar auf 50 Cent fallen. Wenn die Produktionskosten auf 40 Cent je Bleistift fallen, ist das nicht problematisch, denn die Gewinnspanne liegt nach wie vor bei 25 %. Was Ökonomen jedoch befürchten, ist, dass die Produktionskosten nicht flexibel genug sind und sich nicht entsprechend den Verkaufspreisen verändern, so dass die Unternehmen zu einem Preis von 80 Cents produzieren, aber für 50 Cents verkaufen müssen. Dies führe zu Pleiten, Arbeitslosigkeit, fallender Produktion, so dass künftig nur noch acht Bleistifte hergestellt werden, was weitere Preisrückgänge auslöst und weitere Pleiten, und so weiter und so weiter. Sie können sich das vorstellen. Um das zu vermeiden, schlagen die meisten Ökonomen vor, dass der Staat 5 Dollar druckt, um den Preis für einen Bleistift stabil zu halten und eine Deflations-Depressions-Spirale in der Wirtschaft zu vermeiden.

In diesem Beispiel gibt es natürlich einige problematische Sachverhalte. Herstellungskosten und Verkaufspreise werden bis zu einem Punkt immer eine gewisse Starrheit aufweisen. Niemand will permanent Preisverhandlungen führen oder z. B. stündlich nach den Eintrittspreisen für den neuesten Kinofilm schauen. Was also wichtig ist, ist der zeitliche Abstand zwischen der Veränderung der Herstellungskosten und der Veränderung der Verkaufspreise. Wenn dieser Zeitraum nicht allzu lang ist, dann ist der staatliche Eingriff, wie vorangehend angedacht, gar nicht notwendig, ja er ist sogar kontraproduktiv. Außerdem, es ist nun mal Aufgabe eines Unternehmers, künftige Verkaufspreise zu prognostizieren und auf dieser Basis die einzusetzenden Ressourcen zu kalkulieren, um letztlich erfolgreich zu sein, also Gewinne zu erzielen.

Darüber hinaus bleibt das Drucken von Geld nicht ohne Folgen. Wenn der Staat die Geldmenge um 5 Dollar erhöht, ist dies nicht neutral. Zunächst werden diejenigen begünstigt, die das neu geschaffene Geld als erste erhalten, Staat und Banken, und diejenigen benachteiligt, die das Geld erst später erhalten, Lohnempfänger und Arme. Das Drucken von Geld und die Folge hieraus haben eine Art umgekehrten „Robin Hood Effekt“ zur Folge, es wird nämlich den Armen genommen und den Reichen gegeben. Die Reichen als Erstempfänger werden das Geld im Anschluss dann ausgeben, wodurch sich natürlich die Preise in der Volkswirtschaft verändern.

Was passiert nun, wenn sich die wirtschaftlichen Bedingungen verbessern und die Menschen das Geld nicht mehr horten, sondern sogar das Gegenteil tun? Dann haben wir 10 Bleistifte und 15 Dollar. Der Preis je Bleistift wird von einem Dollar auf 1,50 Dollar steigen, es sei denn, der Staat holt die 5 Dollar wieder zurück, die er zuvor gedruckt hat. Wenn er dies tut, wird dies wiederum Veränderungen in den Preisstrukturen zur Folge haben. Die Medizin wird somit gefährlicher sein als die Krankheit selbst.

Geldmengenausweitung verursacht in einer vielschichtigen Volkswirtschaft eine Veränderung der Preise, was zu nicht trag- und haltbaren Investitionen führt, wie beispielsweise die Entwicklung der US-Häuserpreise von 2001 bis 2007 zeigte. Deflation, in einer Phase des Abschwunges, führt zu einer partiellen Neuanpassung der Preise, die so anzeigen, was die Konsumenten wirklich an Produkten wünschen. Drucken von Geld dagegen erschwert diesen wichtigen Anpassungsprozess. Eine echte Lösung besteht letztlich nur im Beenden des Teilreserve-Bankwesens und des Zentralbankwesens.

Inflation ist wesentlich schlimmer als Deflation, weil Inflation die Lohn- und Gehaltsempfänger und die Armen beraubt. Die Zentralbanken sind Hauptverursacher von Inflation und somit wesentliche Ursache für eine immer stärkere Ungleichheit bei den Einkommen – die Reichen werden reicher werden und die Mittelschicht versinkt in Armut. Dieser Trend bei den Einkommen ist völlig offensichtlich und verstärkt sich seit dem Verschwinden des Systems von Bretton-Woods im Jahre 1971, seitdem wir in einer Welt der reinen Papierwährungen leben. Die Macht der Zentralbanken besteht einzig und allein in der Fähigkeit, Inflation zu erzeugen.

So wird deutlich, warum die Zentralbanken volkswirtschaftliche Forschungsarbeiten in zahlreichen akademischen Einrichtungen so generös unterstützten; dies diente in erster Linie der theoretischen Untermauerung der gegenwärtigen Inflationspolitik der Notenbanken. Der allgemeine Trugschluss von „ein bisschen Inflation ist gut“ wird von Ökonomen und Medien als Begründung angeführt. Dabei ist Inflation ein Dieb, der Sie im Schlaf beraubt, der Sie der Kaufkraft Ihres Geldes in Ihrem Portemonnaie beraubt. Zwei Prozent Inflation reduziert die Kaufkraft Ihres Geldes in 35 Jahren um die Hälfte. Und wenn es ein Übel gibt und es ein Gesicht hat, dann sind es die Notenbanken.

Häufig folgt eine Phase der Deflation einer vorangegangenen Phase inflationärer Geldmengenausweitung durch die Notenbank. Die Deflation ist Teil eines notwendigen Entschuldungsprozesses nach einer Phase expansiver Geldpolitik. Die Ökonomen der Österreichischen Nationalökonomie pflegen zu sagen: „Fürchte den Boom, nicht den Bust“. Durch das Ausweiten der Blase oder durch Drucken von noch mehr Geld und das Erzeugen neuer Blasen die Deflation aufhalten zu wollen, wird den Anpassungsprozess nur noch schmerzvoller machen.

Eine wirkliche Lösung liegt in der Abschaffung des Teilreserve-Banksystems und der Zentralbanken. Eine Welt ohne Teilreserve- und Zentralbanken wäre eine Welt mit leicht fallenden Preisen, was als Meilenstein bei der Erreichung eines der größten Ziele der Menschheit bezeichnet werden könnte: Mehrung des Wohlstands für alle.

Dieser Beitrag ist am 26.6.2013 mit dem Titel „What´s So Scary About Deflation?“ beim Ludwig von Mises Insitute in Auburn, US Alabama, erschienen.

(aus dem Englischen übersetzt von Andreas Marquart)

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Dr. Frank Hollenbeck lehrt Volkswirtschaft an der „International University“ in Genf, Schweiz.

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