Wie der Staat aus gutem Geld schlechtes Geld gemacht hat

26.8.2016 – von Ludwig von Mises.

Ludwig von Mises (1881 - 1973)

Man hat zur politischen und moralischen Rechtfertigung der währungspolitischen Eingriffe die Lehre aufgestellt, dass die Obrigkeit das Geld schaffe und dass das Geld «ein Geschöpf der Rechtsordnung» sei. Das Geld wird jedoch vom Marktverkehr geschaffen und nicht von der Obrigkeit. Die Gepflogenheit der auf dem Markte tauschenden Wirte macht ein wirtschaftliches Gut zum Tauschmittel und zum Geldgut. (…)

Man hat die Souveränität des Staates auf dem Gebiete des Geldwesens aus dem Umstande herleiten wollen, dass die Obrigkeiten sich seit altersher mit der technischen Herstellung der Geldstücke befassen. Doch diese Staatstätigkeit hatte ursprünglich keinen andern Charakter als die behördliche Aichung der Masse und Gewichte. Der Stempel des Staates bestätigte Feingehalt und Gewicht des Metallstückes, dem er aufgeprägt wurde. Als die Obrigkeiten anfingen, das Münzrecht fiskalisch auszunützen, indem sie die Münzen mit geringerem Gehalt ausbrachten, als die Marktparteien zu erwarten berechtigt waren, taten sie es heimlich. Sobald der Markt hinter die Schliche kam, bewertete er die neue Münze, ihrem geringeren Metallgehalte entsprechend, niedriger als die alte von besserem Schrot und Korn. Als die Obrigkeit, um dieser unterschiedlichen Behandlung entgegenzutreten, zu Preissatzungen griff und dabei das minderhaltige Geld dem höherhaltigen gleichsetzte, erlitt sie einen Misserfolg wie mit allen preispolitischen Eingriffen. Die Anpassung der Preise an die neue Gestaltung des Geldwertes liess sich nicht verhindern, und das neue «schlechte» Geld verdrängte das alte «gute» Geld aus dem Verkehr.

Die Geschichte der obrigkeitlichen Betätigung auf dem Gebiete des Geldwesens ist jedoch nicht nur eine Geschichte missglückter preispolitischer Eingriffe zur Sicherung heimlicher fiskalischer Ausnützung des ausschliesslichen Prägerechts, das die Obrigkeiten sich beigelegt hatten. Es hat Regierungen gegeben, die die Tätigkeit der Münzstätten und die Gesetzgebung über Geld nur in den Dienst der Aufrechterhaltung ungehinderten Marktverkehrs stellen wollten. Auch diese Regierungen haben oft – aus Unkenntnis und nationalökonomischem Dilettantismus – Massnahmen ergriffen, die sich objektiv als preispolitische Eingriffe darstellten, wenn sie auch nicht als solche gedacht waren. Da die Regierungen zwei Edelmetalle im Gelddienst vorfanden, glaubten sie, es sei ihre Aufgabe, die beiden in ein festes Austauschverhältnis zu bringen, um ein einheitliches Geldsystem aufzurichten. Die Versuche, eine Doppelwährung zu schaffen, wurden immer wieder erneuert und schlugen immer wieder fehl; aus der Doppelwährung wurde die Alternativwährung. Schliesslich liessen die Regierungen von ihren fruchtlosen Bemühungen ab und gaben sich mit der einfachen Währung zufrieden.

Die moderne Währungsgeschichte hat aber auch von zweckmässig angelegten obrigkeitlichen Massnahmen zu berichten, die von keiner anderen Absicht getragen waren als von der, dem Markte ein brauchbares Geldwesen einzurichten. Die liberale Politik des 19. Jahrhunderts fand das Münzwesen als staatliches Regal vor und behielt es als solches bei. Doch sie beschränkte sich nicht einfach darauf, das Prägen und Umprägen der Münzen zu besorgen. Einige Staaten haben den Übergang von der Silber- zur Goldwährung durch Beschaffung der erforderlichen Goldmengen durchgeführt, und andere Staaten haben zum Ersatz des Kreditgeldes, das ihre Geldpolitik früherer Zeit zum Landesgeld gemacht hatte, ähnliche Operationen unternommen. Die Währungspolitik des 19. Jahrhunderts hat ein Beispiel dafür geliefert, wie geschickte Politik die Probleme zu Iösen vermag, die ihr der Interventionismus vergangener Epochen als Erbe hinterlassen hat.

Als das Ziel der Währungspolitik des liberalen Zeitalters erschien die einheitliche Goldwährung. Die klassische oder orthodoxe Goldwährung, wie man sie heute tadelnd zu nennen beliebt, sollte die Schwankungen der interregionalen Wechselkurse in engste Grenzen bannen und so den internationalen Handel von allen störenden Einflüssen währungspolitischer Natur befreien. Jede Ausnützung des Geldwesens zur Gewinnung handelspolitischer «Vorteile» im Verkehr mit dem Auslande, zur Verschiebung der Besitzstandverhältnisse zwischen den Staatsbürgern und zur Füllung der Staatskassen wurde als unzulässig angesehen. Gutes Geld hat dem Verkehr zu dienen, hat den Umsatz der Güter und Dienste zu erleichtern, soll niemand schaden und niemand Sondervorteile verschaffen. Diese Auffassung war allmählich zum Dogma geworden, an dem umso hartnackiger festgehalten wurde, als man – irrtümlich – geneigt war, im Goldgeld eine Verwirklichung des unerreichbaren und widerspruchsvollen Ideals «wertbeständigen» und «neutralen» Geldes zu erblicken.

Mit dem Vordringen des Interventionismus musste sich auch in diesen Auffassungen ein tiefgreifender Wandel vollziehen. Der währungs- und bankpolitische Interventionismus will den Markt durch zielbewusste Gestaltung der Kaufkraft des Geldes beeinflussen. Die Goldwährung macht die Gestaltung der Kaufkraft des Geldes von der Rentabilität der Goldgewinnung abhängig und schaltet damit den Einfluss der Währungspolitik der Einzelstaaten aus. Der währungspolitische Interventionismus vermag in der Welt des politischen Separatismus, in der viele Staaten sich als souverän betrachten und jeder Staat ohne Rücksicht auf die übrigen Staaten handelt, die Goldwährung nicht zu beseitigen und das Gold nicht aus dem Gelddienst zu verdrängen. Doch er kann durch Ausnützung des Münzregals, durch Monopolisierung der Notenausgabe und durch eine Reihe von weiteren Zwangsmassnahmen ein besonderes, auf das Staatsgebiet beschränktes Geldwesen schaffen, dessen Wertgestaltung dem Einfluss der Obrigkeit unterworfen ist.

Quelle: Mises, L. v. (1940), Nationalökonomie. Theorie des Handelns und Wirtschaftens, „I. Interventionistische Wahrungspolitik“, S. 680 – 682.

*****

Dieser Beitrag könnte Sie auch interessieren … von Murray N. Rothbard: Lasst uns zu gutem Geld zurückkehren. Es ist möglich.

… oder von Jörg Guido Hülsmann: Wie die Geldproduktion Einkommensungleichheiten verstärkt

————————————————————————————————————————————————————————

Ludwig von Mises, geb. 1881 in Lemberg, war der wohl bedeutendste Ökonom und Sozialphilosoph des 20. Jahrhunderts. Wie kein anderer hat er die (wissenschafts)theoretische Begründung für das System der freien Märkte, die auf unbedingter Achtung des Privateigentums aufgebaut sind, und gegen jede Form staatlicher Einmischung in das Wirtschafts- und Gesellschaftsleben geliefert. Seine Werke sind Meilensteine der Politischen Ökonomie. Das 1922 erschienene “Die Gemeinwirtschaft” gilt als erster wissenschaftlicher und umfassender Beweis für die “Unmöglichkeit des Sozialismus”. Sein Werk “Human Action” (1949) hat bei amerikanischen Libertarians den Rang einer akademischen “Bibel”. Mises war Hochschullehrer an der Wiener Universität und Direktor der Österreichischen Handelskammer. Ab 1934 lehrte er am Institut des Hautes Etudes in Genf. 1940 Übersiedlung nach New York, wo er nach weiteren Jahrzehnten der Lehr- und Gelehrtentätigkeit 1973 im Alter von 92 Jahren starb.