Die Ablehnung der Wirtschaftswissenschaft

21. Juni 2019 – von Ludwig von Mises

Ludwig von Mises (1881-1973)

[Entnommen aus „Theorie und Geschichte“ (1957), Kapitel „Historismus“]

Wie der Historismus es sieht, beruht der wesentliche Irrtum der Wirtschaftswissenschaft in der Vermutung, dass der Mensch unveränderlich egoistisch ist und ausschließlich nach materiellem Wohlstand strebt.

Nach Gunnar Myrdal behauptet die Wirtschaftswissenschaft, dass menschliche Handlungen „allein durch ökonomische Interessen motiviert“ seien und als ökonomische Interessen „den Wunsch nach höherem Einkommen und niedrigeren Preisen und zusätzlich, vielleicht, Einkommens- und Arbeitsplatzsicherheit, ausreichend Freizeit und eine zu seiner Zufriedenheit eingerichtete Umgebung, gute Arbeitsbedingungen, usw.“ betrachteten. Das, sagt er, ist ein Irrtum. Es reicht nicht aus, die menschlichen Handlungsantriebe als einfache ökonomische Interessen aufzulisten. Was wirklich menschliches Verhalten bestimmt, sind nicht allein Interessen, sondern auch Gewohnheiten. „Gewohnheit bedeutet die gefühlsmäßige Einstellung eines Individuums oder einer Gruppe in gewisser Weise auf aktuelle oder potenzielle Situationen zu reagieren.“ Es gibt „glücklicherweise viele Leute, deren Einstellungen nicht mit ihren Interessen identisch sind“.

Nun, die Aussage, dass die Ökonomen jemals behaupteten, dass Menschen nur vom Streben nach höherem Einkommen und niedrigeren Preisen motiviert seien, ist falsch. Weil sie das scheinbare Paradox des Gebrauchswertkonzepts nicht entwirren konnten, verfehlten es die klassischen Ökonomen und ihre Nachfolger, eine befriedigende Interpretation des Konsumentenverhaltens zu liefern. Sie befassten sich nur mit dem Verhalten des Geschäftsmannes, der den Konsumenten dient und für den die Bewertungen der Konsumenten der letzte Maßstab ist. Wenn sie das Prinzip des Kaufs auf dem billigsten Markt und dem Verkauf auf dem teuersten Markt behandelten, versuchten sie das Handeln des Geschäftsmannes in seiner Eigenschaft als Lieferant der Käufer, nicht in seiner Eigenschaft als Konsument und Ausgeber eigenen Geldes zu interpretieren. Sie traten nicht in eine Analyse der Motive ein, die individuelle Konsumenten veranlassten zu kaufen und zu konsumieren. So erforschten sie nicht, ob die Individuen nur versuchen, ihre Bäuche zu stopfen oder ob sie auch für andere Zwecke Geld ausgeben, d.h. für das, was sie als ihre ethischen und religiösen Pflichten betrachten. Wenn sie zwischen rein ökonomischen Motiven und anderen Motiven unterschieden, befassten sich die klassischen Ökonomen nur mit der erwerbsmäßigen Seite des menschlichen Verhaltens. Sie dachten niemals daran zu leugnen, dass Menschen auch von anderen Motiven angetrieben werden.

Die Leistung der klassischen Ökonomie erscheint vom Standpunkt der modernen subjektiven Ökonomie höchst unbefriedigend. Moderne Ökonomen lehnen als gänzlich falsch auch das zur erkenntnistheoretischen Rechtfertigung der Methoden der klassischen Ökonomie vorgetragene Argument ihrer letzten Vertreter, speziell John Stuart Mills, ab. Nach dieser lahmen Verteidigung, befasst sich die reine Ökonomie nur mit den „ökonomischen“ Aspekten des Wirkens der Menschheit, nur mit den Phänomenen der Wohlstandsproduktion „soweit diese Phänomene nicht durch den Einfluss eines anderen Gegenstands“ modifiziert werden. Aber, sagt Mill, um mit der Realität angemessen umzugehen, „wird der belehrende Schriftsteller den Gegenstand seiner Ausführungen mit der Wahrheit der reinen Wissenschaft verbinden, wie viele konkrete Änderungen auch erforderlich sein mögen, um nach seiner Einschätzung der Eignung des Werks höchst dienlich zu sein.“ Dies bringt Herrn Myrdals Erklärung sicherlich zu Fall, so weit sie die klassische Ökonomie betrifft.

Die moderne Ökonomie führt alles menschliche Handeln auf Werturteile von Individuen zurück. Sie war nie so töricht, wie Myrdal ihr vorwirft, zu glauben, dass alle Leute hinter höherem Einkommen und niedrigeren Preisen her seien. Gegen diese ungerechtfertigte Kritik, welche hundert Mal wiederholt wurde, hat schon Böhm-Bawerk in seinem ersten Beitrag zur Werttheorie und dann später immer wieder ausdrücklich hervorgehoben, dass der Ausdruck Wohlfahrtszwecke, wie er ihn in der Ausführung der Werttheorie verwendet, nicht nur die gewöhnlich egoistisch genannten Ziele meint, sondern alles umfasst, was einem Individuum wünschenswert und erstrebenswert erscheint.

Beim Handeln bevorzugt der Mensch die einen oder anderen Dinge und wählt zwischen verschiedenen Verhaltensweisen. Das Ergebnis des geistigen Prozesses, das einen Menschen ein Ding anderen Dingen gegenüber vorziehen lässt, wird Werturteil genannt. Die Ökonomie meint, wenn sie von Wert und Bewertung spricht, solche Werturteile, was immer ihr Inhalt sein mag. Es ist für die Ökonomie, dem bis heute am besten entwickelten Teil der Praxeologie, unwichtig, ob ein Individuum wie ein Gewerkschaftsmitglied nach höheren Löhnen oder wie ein Heiliger nach der besten Erfüllung seiner religiösen Pflichten strebt. Die „institutionelle“ Tatsache, dass die meisten Leute begierig sind, mehr handfeste Güter zu bekommen, ist ein Datum der Wirtschaftsgeschichte, nicht ein Theorem der Ökonomie.

Alle Spielarten des Historismus – die deutschen und die britischen historische Schulen der Sozialwissenschaften, der amerikanische Institutionalismus, die Schüler von Sismondi, Le Play und Veblen und viele verwandte Sekten – lehnen die Ökonomie leidenschaftlich ab. Aber ihre Schriften sind voller Abhängigkeiten, die von allgemeinen Aussagen über die Wirkung verschiedener Handlungsweisen herrühren. Es ist natürlich unmöglich, „institutionelle“ oder historische Probleme ohne Bezug auf solche allgemeinen Aussagen zu behandeln. Jeder geschichtliche Bericht, gleichgültig ob sein Thema die Lebensbedingungen und die Geschehnisse einer fernen Vergangenheit sind oder die von heute, ist unvermeidlich auf einer bestimmten Art von Ökonomie gegründet. Die Historisten beseitigen nicht ökonomische Schlussfolgerungen aus ihren Abhandlungen. Während sie eine ökonomische Lehre ablehnen, die sie nicht mögen, greifen sie bei der Behandlung von Geschehnissen zu falschen Lehren, die seit langem von den Ökonomen widerlegt wurden.

Die Theoreme der Ökonomen, sagen die Historisten, sind nichtig, weil sie das Produkt von Apriori-Schlussfolgerungen sind. Nur geschichtliche Erfahrung kann zu einer realistischen Ökonomie führen. Sie begreifen nicht, dass die geschichtliche Erfahrung immer die Erfahrung komplexer Erscheinungen von gemeinsamen Wirkungen einer Vielzahl von Elementen ist. Eine solche geschichtliche Erfahrung vermittelt dem Beobachter keine Tatbestände in dem Sinn, wie die Naturwissenschaften diesen Begriff auf die Ergebnisse von Beobachtungen in Laborexperimenten anwenden. (Leute, die ihre Büros, Studien und Büchereien Forschungs-„Laboratorien“ für Ökonomie, Statistik oder die Sozialwissenschaften nennen, sind hoffnungslos wirrköpfig.) Historische Tatbestände müssen auf der Grundlage von vorher vorhandenen Theoremen interpretiert werden. Sie erklären sich nicht selbst.

Der Widerspruch zwischen den Ökonomen und den Historisten betrifft nicht die geschichtlichen Tatbestände. Bei der Erforschung und Schilderung der Tatbestände kann ein Schüler einen wertvollen Beitrag zur  Geschichtswissenschaft liefern, aber trägt nichts zur Vermehrung und Verbesserung ökonomischen Wissens bei.

Wenden wir uns noch einmal der oft wiederholten Behauptung zu, dass das, was die Ökonomen ökonomische Gesetze nennen, nur Prinzipien sind, die die Bedingungen unter dem Kapitalismus beherrschen und für eine verschieden organisierte Gesellschaft nutzlos sind, besonders für die kommende sozialistische Regelung der Verhältnisse. Wie diese Kritik es sieht, kümmern sich nur die Kapitalisten wegen ihrer Bereicherungssucht um Kosten und um Profit. Einst, wenn die Produktion für den Verbrauch die Produktion für den Profit ersetzt haben wird, werden die Kategorien Kosten und Profit bedeutungslos. Der Hauptirrtum der Ökonomen besteht darin, diese und andere Kategorien als ewige Prinzipien zu betrachten, die das Handeln unter jeder Art von institutionellen Bedingungen bestimmen.

Die Kosten sind jedoch in jeder Art des menschlichen Handelns ein Element, welches auch die besonderen Merkmale des individuellen Falls sein mögen. Die Kosten sind der Wert eines solchen Dings, welches der Handelnde aufbringt, um zu erhalten, was er erhalten möchte; es ist der Wert, den er der dringlichst erwünschten Befriedigung innerhalb der Befriedigungen beimisst, die er nicht haben kann, weil er ihr eine andere vorgezogen hat. Es ist der Preis, der für ein Ding gezahlt wird. Wenn ein junger Mann sagt: „Diese Prüfung kostet mich ein Wochenende mit Freunden auf dem Land“, meint er: „Wenn ich mich nicht dafür entschieden hätte, meine Prüfung vorzubereiten, hätte ich dieses Wochenende mit meinen Freuden auf dem Land verbracht.“ Dinge, die kein Opfer kosten, sind keine wirtschaftlichen Güter, sondern freie und als solche keine Gegenstände des Handelns. Die Ökonomie befasst sich nicht mit ihnen. Ein Mensch muss nicht zwischen ihnen und anderen Befriedigungen wählen.

Der erzielte Profit ist der Unterschied zwischen einem höheren Wert des erhaltenen Gutes und dem niedrigen Wert des geopferten Gutes. Wenn die Handlung wegen Stümperei, Irrtum, einer unvohergesehenen Veränderung dazu führt, etwas zu erhalten, dem der Handelnde einen niedrigeren Wert beimisst, als er für den Preis bezahlt hat, erzielt das Handeln einen Verlust. Da Handeln ausnahmslos darauf zielt, einen Zustand, welcher der Handelnde als befriedigender betrachtet, gegen einen Zustand einzutauschen, den er als weniger befriedigend betrachtet, strebt Handeln immer nach Profit und nie nach Verlust. Das gilt nicht nur für die Handlungen von Individuen in einer Marktwirtschaft, sondern nicht weniger für die Handlungen der wirtschaftlichen Leiter einer sozialistischen Gesellschaft.

Ludwig von Mises, geb. 1881 in Lemberg, war der wohl bedeutendste Ökonom und Sozialphilosoph des 20. Jahrhunderts. Wie kein anderer hat er die (wissenschafts)theoretische Begründung für das System der freien Märkte, die auf unbedingter Achtung des Privateigentums aufgebaut sind, und gegen jede Form staatlicher Einmischung in das Wirtschafts- und Gesellschaftsleben geliefert. Seine Werke sind Meilensteine der Politischen Ökonomie. Das 1922 erschienene “Die Gemeinwirtschaft” gilt als erster wissenschaftlicher und umfassender Beweis für die “Unmöglichkeit des Sozialismus”. Sein Werk “Human Action” (1949) hat bei amerikanischen Libertarians den Rang einer akademischen “Bibel”. Mises war Hochschullehrer an der Wiener Universität und Direktor der Österreichischen Handelskammer. Ab 1934 lehrte er am Institut des Hautes Etudes in Genf. 1940 Übersiedlung nach New York, wo er nach weiteren Jahrzehnten der Lehr- und Gelehrtentätigkeit 1973 im Alter von 92 Jahren starb.

 

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