Der Sozialismus degradiert jeden

19. April 2019 – von Friedrich A. von Hayek

Friedrich August von Hayek (1899 – 1992)

Wenn der Sozialismus den Liberalismus als die von den meisten fortschrittlich Gesinnten geteilte Anschauung verdrängen konnte, so bedeutet das nicht einfach, daß die Menschen die Warnungen der großen liberalen Denker der Vergangenheit vor den Folgen des Kollektivismus vergessen hatten. Der Grund ist vielmehr darin zu suchen, daß sie das genaue Gegenteil von dem glaubten, was diese Männer vorausgesagt hatten. Das Erstaunliche ist, daß dieser selbe Sozialismus, in dem man nicht nur frühzeitig die ernsteste Bedrohung der Freiheit erkannt hatte, sondern der ganz offen als Gegenschlag gegen den Liberalismus der Französischen Revolution begonnen hatte, gerade unter der Flagge der Freiheit allgemeine Anerkennung fand.

Heute erinnert man sich nur selten daran, daß der Sozialismus in seinen Anfängen unverhüllt autoritär war. Die französischen Schriftsteller, die die Grundlage für den modernen Sozialismus schufen, waren sich darüber im klaren, daß ihre Ideen nur unter einem strengen diktatorischen Regime in die Praxis umgesetzt werden konnten. In ihren Augen war der Sozialismus ein Versuch, durch eine wohlüberlegte Reorganisation der Gesellschaft nach hierarchischen Grundsätzen und durch die Ausübung geistigen Zwanges „die Revolution zu beenden“.

Wenn es sich um die Freiheit handelte, so machten die Begründer des Sozialismus kein Hehl aus ihren Absichten. In der Freiheit sahen sie das Grundübel der Gesellschaft des 19. Jahrhunderts, und der erste moderne Planwirtschaftler, Saint-Simon, sagte sogar voraus, daß man diejenigen, die seinen projektierten Planwirtschaftsstellen den Gehorsam verweigerten, „wie Vieh behandeln“ würde.

Erst unter dem Einfluß der starken demokratischen Strömungen, die die Revolution von 1848 einleiteten, ging der Sozialismus dazu über, sich mit den freiheitlichen Kräften zu verbünden. Aber es dauerte geraume Zeit, bis es dem neuen „demokratischen Sozialismus“ gelang, das Mißtrauen, das ihm auf Grund seiner Vergangenheit anhaftete, zu zerstreuen. Niemand sah diesen unüberbrückbaren Gegensatz zwischen der Demokratie als einer im wesentlichen individualistischen Institution und dem Sozialismus deutlicher als Tocqueville:

„Die Demokratie dehnt die Sphäre der individuellen Freiheit aus“, so sagte er im Jahre 1848, „der Sozialismus dagegen schränkt sie ein. Die Demokratie erkennt jedem einzelnen seinen Eigenwert zu, der Sozialismus degradiert jeden einzelnen zu einem Funktionär der Gesellschaft, zu einer bloßen Nummer. Demokratie und Sozialismus haben nur ein einziges Wort miteinander gemeinsam: die Gleichheit. Aber man beachte den Unterschied: während die Demokratie die Gleichheit in der Freiheit sucht, sucht der Sozialismus sie im Zwang und in der Knechtung.“

Um dieses Mißtrauen zu beseitigen und das zugkräftigste politische Motiv, nämlich die Sehnsucht nach Freiheit, vor seinen Wagen zu spannen, ging der Sozialismus immer mehr dazu über, dem Volk eine „neue Freiheit“ zu versprechen. Die Ära des Sozialismus sollte den Sprung aus dem Reich der Notwendigkeit in das Reich der Freiheit bedeuten. Sie sollte die „wirtschaftliche Freiheit“ verwirklichen, ohne die die bereits errungene politische Freiheit „sich nicht lohne“. Nur der Sozialismus sei imstande, den jahrhundertelangen Kampf um die Freiheit, in dem die Erreichung der politischen Freiheit nur einen Auftakt bildete, erfolgreich zu beenden.

Die leichte Änderung, die an dem Sinn des Wortes Freiheit vorgenommen wurde, um dem Argument Überzeugungskraft zu verleihen, ist bedeutungsvoll. Für die großen Apostel der politischen Freiheit hatte dies Wort Befreiung von Despotie bedeutet, Befreiung von der Willkür anderer, Befreiung von den Bedingungen, die dem Individuum keine andere Wahl ließen als Gehorsam gegenüber den Befehlen eines Vorgesetzten, von dem es abhängig war.

Die neue Freiheit dagegen, die in Aussicht gestellt wurde, sollte eine Freiheit von Not sein, eine Befreiung aus dem Zwang der Umstände, die uns allen nur eine begrenzte Wahl der Lebensgüter lassen, wenn auch für den einen sehr viel mehr als für den anderen. Bevor die Menschen wahrhaft frei sein konnten, mußten der „Despotismus physischer Not“ gebrochen und die „Beschränkungen des Wirtschaftssystems“ gelockert werden.

Freiheit in diesem Sinne ist natürlich nur ein anderer Ausdruck für Macht oder Reichtum. Obwohl die Zusicherung dieser neuen Freiheit oft mit unverantwortlichen Versprechungen einer großen Wohlstandssteigerung in einer sozialistischen Gesellschaft verbunden wurde, so erwartete man wirtschaftliche Freiheit doch nicht von einem absoluten Sieg über die Kargheit der Natur. Worauf das Versprechen in Wahrheit hinauslief, war die Zusicherung, daß die bestehenden großen Unterschiede in den wirtschaftlichen Möglichkeiten der Individuen beseitigt werden sollten.

Wenn man also die neue Freiheit forderte, so meinte man damit nichts anderes als den alten Anspruch auf gleichmäßige Besitzverteilung. Aber diese neue Bezeichnung lieferte den Sozialisten ein zweites Wort, das sie mit den Liberalen gemeinsam hatten und das sie dann gehörig ausschlachteten. Das Wort wurde zwar von den beiden Parteien in verschiedener Bedeutung gebraucht, aber das bemerkten wenige, und noch weniger legten sich die Frage vor, ob die beiden Arten der Freiheit, die man versprochen hatte, wirklich miteinander vereinbar waren.

Es unterliegt keinem Zweifel, daß das Versprechen einer größeren Freiheit eine der wirksamsten Waffen der sozialistischen Propaganda geworden ist und daß der Glaube, der Sozialismus werde die Freiheit bringen, echt und aufrichtig ist. Dies wäre um so tragischer, wenn sich der Weg, den man uns als den Weg in die Freiheit versprochen hatte, in Wahrheit als die breite Heerstraße in die Knechtschaft erweisen sollte.

Ohne Frage muß man die Zusicherung größerer Freiheit dafür verantwortlich machen, daß ein Liberaler nach dem anderen auf den Weg des Sozialismus gelockt wurde, daß sie blind wurden für den Widerspruch zwischen den Grundprinzipien des Sozialismus und denen des Liberalismus und daß die Sozialisten unberechtigterweise oft sogar den Namen der alten Freiheitspartei für sich in Anspruch nahmen. Die Intellektuellen wandten sich zum größten Teile dem Sozialismus als dem vermeintlichen Erben der liberalen Tradition zu; es ist daher nicht verwunderlich, daß ihnen der Gedanke, der Sozialismus können zum Gegenteil der Freiheit führen, unfaßbar schien.

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Aus „Der Weg zur Knechtschaft“ (Kapitel „Die große Illusion“).

Friedrich A. Hayek absolvierte ein Studium der Rechtswissenschaften sowie der Staatswissenschaften. 1929 erfolgte seine Habilitation an der Universität Wien. Sein Lebensweg führte ihn an verschiedene Universitäten in London, New York, Chicago, Freiburg sowie Salzburg. In den Dreißigerjahren wurde Hayek zu einem Hauptkritiker des Sozialismus. 1974 erhielt er den Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften. Als sein berühmtestes Werk gilt das 1944 zunächst in englischer Sprache erschienene “The Road to Serfdom” – “Der Weg zur Knechtschaft”.

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Hinweis: Die Inhalte der Beiträge geben nicht notwendigerweise die Meinung des Ludwig von Mises Institut Deutschland wieder.

Foto: youtube / The Fraser Institute

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