Für Freihandel und beschränkte Einwanderung – eine ökonomische Analyse (Teil 2)

12. November 2018 – Nachfolgend veröffentlichen wir Teil 2 der ökonomischen Analyse „Für Freihandel und beschränkte Einwanderung“ von Hans-Hermann Hoppe. Dieser Beitrag wurde von Florian Senne aus dem Englischen übersetzt und ist am 30.7.2014 unter dem Titel The Case for Free Trade and Restricted Immigration auf der website des Mises-Institute, Auburn, US Alabama erschienen. Teil 1 finden Sie hier, Teil 3 wird am 19. November veröffentlicht.

Hans-Hermann Hoppe

„Offene Grenzen“, Invasion und Zwangsintegration

So lange Hochlohnländer wie die USA sowohl im Inneren als auch nach außen eine Politik des uneingeschränkten Freihandels verfolgen würden, würde der Einwanderungsdruck aus Niedriglohnländern gering bleiben – oder er würde sich abschwächen – und folglich wäre die Einwanderungsfrage nicht so dringlich. Sollten sich die USA allerdings gegen die Einfuhr von Produkten aus Niedriglohnländern abschirmen und im eigenen Land Wohlfahrtsprogramme betreiben, würde der Einwanderungsdruck hoch bleiben beziehungsweise ansteigen, und die Einwanderungsfrage würde in der öffentlichen Debatte eine zentrale Rolle einnehmen.

Offensichtlich befinden sich die größten Hochlohngebiete der Erde – Nordamerika und Westeuropa – in letzterer Situation, in der Einwanderung ein immer dringenderes Problem für die Öffentlichkeit ist. Angesichts von ständig steigendem Einwanderungsdruck aus den Niedriglohngebieten der Welt wurden drei grundsätzliche Strategien vorgeschlagen: freie Einwanderung ohne irgendwelche Bedingungen oder Einschränkungen, freie Einwanderung unter gewissen Bedingungen, und Einwanderungsbeschränkungen. Während wir uns hauptsächlich mit den letzten beiden Vorschlägen beschäftigen werden, sind doch ein paar Beobachtungen bezüglich der bedingungslosen freien Einwanderung angebracht, wenn auch nur um deren intellektuellen Bankrott zu verdeutlichen.

Laut den Verfechtern der bedingungslosen freien Einwanderung würden die USA als Hochlohnland unweigerlich von freier Einwanderung profitieren; deshalb sollten die USA eine Politik der offenen Grenzen verfolgen, ungeachtet aller sonstigen Gegebenheiten – wie zum Beispiel Protektionismus und einem ausgeprägten Sozialstaat. Jeder vernünftige Mensch könnte gar nicht anders, als eine solche Politik zu bejubeln. Nehmen wir einmal an, die USA, oder besser noch die Schweiz würden beschließen, alle Grenzkontrollen abzuschaffen, und jeden, der es bis an die Grenzen schafft, ins Land zu lassen, woraufhin er sofort alle Segnungen des Sozialstaates erhält. Zweifelt irgendjemand an dem katastrophalen Ausgang eines solchen Experiments? Die USA, und viel schneller noch die Schweiz, würden von Millionen von Einwanderern aus der Dritten Welt überrannt werden, da das Leben in den USA und der Schweiz, verglichen mit dem Leben in vielen Gegenden der Dritten Welt, sehr komfortabel ist. Die Kosten des Sozialstaates würden in astronomische Höhen schießen und die Wirtschaft in die Knie zwingen. Der Aufzehrung des Kapitalstocks, den unsere Vorfahren in der Vergangenheit angespart und uns überliefert haben, würde der Zusammenbruch folgen. Die Zivilisation in den USA und der Schweiz würde untergehen, genauso wie es in Rom und Griechenland geschehen ist.

Da bedingungslose freie Einwanderung nichts anderes als nationaler Selbstmord ist, sind Freihandelsverfechter üblicherweise für freie Einwanderung unter gewissen Bedingungen. Laut dieser Position müssten die USA und die Schweiz erst uneingeschränkten Freihandel zulassen und alle steuerfinanzierten Sozialleistungen abschaffen – und erst dann die Grenzen für jeden öffnen, der hinein will. Vor der Abschaffung des Sozialstaates sollte Einwanderung nur unter der Bedingung möglich sein, dass die Einwanderer keinen Anspruch auf Sozialleistungen haben.

Der Fehler dieser Position ist zwar weniger offensichtlich und die Folgen weniger dramatisch als bei der bedingungslosen freien Einwanderung, aber fehlerhaft und schädlich ist sie trotzdem. Würde man sie befolgen, wäre der Einwanderungsdruck auf die Schweiz und die USA sicher geringer, aber er würde nicht verschwinden. Tatsächlich könnte innere und äußere Freihandelspolitik zu noch höheren Löhnen innerhalb der Schweiz und der USA im Vergleich zu anderen Ländern (mit schlechterer Politik) führen. So würden beide noch attraktiver. Ein gewisser Einwanderungsdruck würde jedenfalls weiter bestehen, weshalb Einwanderungspolitik in irgendeiner Form nötig wäre. Sagen die Prinzipien des Freihandels, dass gleichzeitig bedingte „freie Einwanderung“ stattfinden muss? Das tun sie keinesfalls. Es gibt keine Analogie zwischen Freihandel und freier Einwanderung, und Handels- und Einwanderungsbeschränkungen. Zwischen den Phänomenen des Handels und der Einwanderung bestehen grundsätzliche Unterschiede, und die Bedeutung von „frei“ und „beschränkt“ ist in Bezug auf diese beiden Begriffe grundverschieden. Menschen können sich bewegen und wandern; Güter und Dienstleistungen können das von sich aus nicht.

Anders ausgedrückt: Jemand kann vom einen Ort zum anderen wandern, obwohl niemand anders möchte, dass er das tut – Güter und Dienstleistungen hingegen können nicht vom einen Ort zum anderen bewegt werden, ohne dass sowohl Absender als auch Empfänger dies wollen. Dieser Unterschied mag trivial sein, hat jedoch gravierende Folgen. So bedeutet frei im Zusammenhang mit Handel, dass Handel ausschließlich auf Einladung von Firmen oder Privatleuten stattfindet; und eingeschränkter Handel bedeutet nicht, dass Firmen oder Privatleute vor unerwünschten Gütern oder Dienstleistungen geschützt werden, sondern dass das Recht von Firmen und Privatleuten, Einladungen zu ihrem Grund und Eigentum auszusprechen oder zu verweigern, eingeschränkt wird.

Frei im Zusammenhang mit Einwanderung bedeutet hingegen nicht Einwanderung nur auf Einladung von Firmen und Privatleuten, sondern unerwünschte Invasion oder Zwangsintegration; und eingeschränkte Einwanderung bedeutet tatsächlich, oder kann zumindest bedeuten, dass Privatleute und Firmen vor unerwünschter Invasion und Zwangsintegration geschützt werden. So folgt derjenige, der für Freihandel und Einwanderungsbeschränkungen argumentiert, demselben Prinzip: Der Notwendigkeit einer Einladung für Menschen wie auch für Güter und Dienstleistungen.

Der Befürworter von Freihandel und freien Märkten, sowie bedingter freier Einwanderung verwickelt sich hingegen in einen intellektuellen Wiederspruch. Freihandel und freie Märkte bedeuten, dass Eigentümer ihre Güter ohne staatliche Einschränkungen hin- und her bewegen können. Der Staat mischt sich weder in den Binnen- noch in den Außenhandel ein, da für jede verschickte Ware ein freiwilliger (zahlender) Empfänger existiert, und deshalb jeder Austausch von Gütern, als Ergebnis von Vereinbarungen zwischen Absender und Empfänger, zum gegenseitigen Nutzen sein muss. Der Staat beschränkt sich alleine darauf, dass der Handel reibungslos abläuft (in dem er die Bürger und deren heimisches Eigentum beschützt).

In Bezug auf die Bewegungen von Menschen muss derselbe Staat allerdings wesentlich mehr tun, als nur den Dingen ihren Lauf zu lassen, um seiner Schutzfunktion gerecht zu werden, da Menschen im Gegensatz zu Gütern einen eigenen Willen besitzen und wandern können. Entsprechend sind Menschenbewegungen im Gegensatz zu Güterbewegungen nicht zwangsläufig zum gegenseitigen Nutzen, da sie nicht stets – unweigerlich – das Ergebnis einer freiwilligen Vereinbarung zwischen einem bestimmten Absender und einem bestimmten Empfänger sind. Es kann (Menschen)Lieferungen ohne freiwilligen einheimischen Empfänger geben. In diesem Fall handelt es sich bei den Einwanderern um fremde Invasoren, und die Einwanderung stellt einen feindlichen Akt dar. Zweifellos besteht die Grundfunktion des Staates im Schutz vor fremden Invasionen, und in der Vertreibung von fremden Eindringlingen. Um dieser Verpflichtung nun nachzukommen und Einwanderer denselben Regeln zu unterwerfen wie importierte Güter (nämlich, auf Wunsch Einheimischer zu kommen), kann der Staat die Art von freier Einwanderung, wie sie Freihandelsverfechter befürworten, nicht zulassen.

Stellen wir uns einfach vor, die USA oder die Schweiz würden ihre Grenzen für jeden öffnen – mit der einzigen Einschränkung, dass Einwanderer von den Sozialleistungen ausgeschlossen wären, die alleine den Schweizer bzw. US-Bürgern vorbehalten blieben. Abgesehen von dem soziologischen Problem, so zwei Klassen von Einwohnern und entsprechende soziale Spannungen zu schaffen, kann es auch keine Zweifel über das Ergebnis dieses Experiments in der gegenwärtigen Welt geben. Das Ergebnis wäre zwar weniger drastisch und unmittelbar als in dem Szenario der bedingungslosen freien Einwanderung, aber eine gewaltige fremde Invasion wäre ebenfalls die Folge, die letztendlich zur Zerstörung der amerikanischen und der Schweizer Zivilisation führen würde. Deshalb kann die Regierung eines Hochlohnlandes keine freie Einwanderung zulassen, wenn sie ihrer Hauptfunktion als Beschützer der Bürger und deren Eigentum nachkommen will.

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Hier geht es weiter zu Teil 3.

Professor Dr. Hans-Hermann Hoppe, Philosoph und Volkswirt, ist einer der führenden Vertreter der Österreichischen Schule der Ökonomie und zählt zu den bedeutendsten Sozialwissenschaftlern der Gegenwart. Er lehrte von 1986 bis zu seiner Emeritierung 2008 an der University of Nevada, Las Vegas, USA. Er ist Distinguished Fellow des Ludwig von Mises Institute in Auburn, Alabama, USA, und Mitglied im wissenschaftlichen Beirat des Ludwig von Mises Institut Deutschland. Hoppe lehrt und hält Vorträge weltweit. Seine Schriften sind in 30 Sprachen übersetzt worden. Er ist Gründer und Präsident der Property and Freedom Society und lebt heute als Privatgelehrter in Istanbul. Zu seinen Büchern gehören u.a. „Die Kritik der kausalwissenschaftlichen Sozialforschung“, „Eigentum, Anarchie und Staat“, „A Theory of Socialism and Capitalism“, „The Economics and Ethics of Private Property“, „The Myth of National Defense“, „Demokratie. Der Gott, der keiner ist.“, „Der Wettbewerb der Gauner“, „The Great Fiction: Property, Economy, Society, and the Politics of Decline“, „From Aristocracy to Monarchy to Democracy“ und „A Short History of Man: Progress and Decline“. Weitere Informationen auf www.hanshoppe.com und www.propertyandfreedom.org.

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Hinweis: Die Inhalte der Beiträge geben nicht notwendigerweise die Meinung des Ludwig von Mises Institut Deutschland wieder.

Foto: © doom.ko – Fotolia.com

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