Für Freihandel und beschränkte Einwanderung – eine ökonomische Analyse (Teil 1)

5. November 2018 – Nachfolgend veröffentlichen wir Teil 1 der ökonomischen Analyse „Für Freihandel und beschränkte Einwanderung“ von Hans-Hermann Hoppe. Dieser Beitrag wurde von Florian Senne aus dem Englischen übersetzt und ist am 30.7.2014 unter dem Titel The Case for Free Trade and Restricted Immigration auf der website des Mises-Institute, Auburn, US Alabama erschienen. Teil 2 wird am 12. November und Teil 3 am 19. November veröffentlicht.

Hans-Hermann Hoppe

Oft wird behauptet, „Freihandel“ und „freie Einwanderung“ gehörten genau so zusammen, wie „Protektionismus“ und „Einwanderungsbeschränkungen“. Es wird also behauptet, dass es zwar nicht unmöglich wäre, dass jemand Protektionismus mit freier Einwanderung kombiniert, oder Freihandel mit Einwanderungsbeschränkungen – allerdings seien diese Positionen intellektuell widersprüchlich, und deswegen fehlerhaft. Deshalb sollten sie eher die Ausnahme als die Regel sein, da jeder normalerweise Fehler vermeiden möchte. Die Tatsachen, soweit sie bei dem Thema eine Rolle spielen, scheinen dieser Behauptung Recht zu geben. So waren bei den Präsidentschaftsvorwahlen der Republikaner 1996 zum Beispiel die meisten Freihandelsverfechter auch für eine relativ (wenn auch nicht vollkommen) freie und gleiche Einwanderungspolitik, während die meisten Verfechter des Protektionismus auch für sehr restriktive und selektive Einwanderungspolitik waren.

Trotz des gegenteiligen Anscheins werde ich den Standpunkt vertreten, dass diese These und ihre Implikationen auf fundamentalen Fehlern beruhen. Insbesondere werde ich zeigen, dass Freihandel und Einwanderungsbeschränkungen nicht nur perfekt zusammenpassen, sondern sich sogar gegenseitig ergänzen. Das heißt, dass nicht die Verfechter von Freihandel und Einwanderungsbeschränkungen im Unrecht sind, sondern die Verfechter von Freihandel und freier Einwanderung. In dem ich so der Freihandel-plus-Einwanderungsbeschränkungen-Position die “intellektuelle Schuld” nehme und sie wieder ins rechte Licht rücke, hoffe ich, einen Wandel in der öffentlichen Meinung und einen wesentlichen Umschwung in der Politik zu bewirken.

Plädoyer für den Freihandel

Seit den Tagen Ricardos sind die Argumente für den Freihandel logisch unangreifbar. Aus Gründen der Vollständigkeit fasse ich sie hier kurz zusammen, und zwar in Form einer reductio ad absurdum der protektionistischen Thesen, die in jüngster Zeit zum Beispiel von Pat Buchanan vertreten wurden.

Das Hauptargument für den Protektionismus ist der Schutz der heimischen Arbeitsplätze. Wie können US-Hersteller, die 10 $ in der Stunde zahlen, im Wettbewerb gegen mexikanische Hersteller bestehen, die 1 $ oder weniger in der Stunde zahlen? Das können sie nicht, was zum Verlust von US-Arbeitsplätzen führen wird, wenn die US-Löhne nicht mit Importzöllen vor dem Wettbewerb aus Mexiko geschützt werden. Freihandel kann es nur zwischen Ländern mit Lohngleichheit, also „gerechtem Wettbewerb“, geben. Solange das nicht der Fall ist – wie zum Beispiel bei den USA und Mexiko – müssen Zölle für gerechten Wettbewerb sorgen. Buchanan und andere Protektionisten behaupten, der Schutz der heimischen Arbeitsplätze habe Wohlstand und Stärke in der Heimat zur Folge. Sie stützen ihre Behauptung mit Beispielen von Freihandelsnationen, die ihre einstige internationale wirtschaftliche Bedeutung verloren haben, wie zum Beispiel das England des 19. Jahrhunderts, und protektionistische Länder, die solche Bedeutung erlangt haben, wie zum Beispiel das Amerika des 19. Jahrhunderts.

Diese, wie auch alle anderen angeblichen empirischen Beweise der These des Protektionismus sind abzulehnen, da sie einen post hoc, ergo propter hoc Fehlschluss enthalten. Schlussfolgerungen aus historischen Daten sind nicht überzeugender, als wenn man aus der Beobachtung, dass reiche Leute mehr konsumieren als Arme, die Schlussfolgerung ziehen würde, dass Konsum reich macht. So verstehen Protektionisten wie Buchanan typischerweise nicht, was die Verteidigung ihrer These alles beinhaltet.

Jedes Argument für zwischenstaatlichen Protektionismus ist gleichzeitig auch ein Argument für lokalen Protektionismus. Genauso wie die Löhne zwischen den USA und beispielsweise Mexiko, Haiti oder China unterschiedlich sind, so gibt es auch zwischen New York und Alabama Lohnunterschiede, oder zwischen Manhattan, der Bronx und Harlem. Wenn es also stimmen würde, dass zwischenstaatlicher Protektionismus einen kompletten Staat wohlhabend und stark macht, so muss es auch stimmen, dass lokaler Protektionismus einzelne Orte wohlhabend und stark macht. Wir können sogar noch weiter gehen.

Wenn die Argumente für den Protektionismus stimmen würden, so wäre das eine Verurteilung allen Handels, und eine Verteidigung der These, dass jeder den eigenen Wohlstand und die eigene Stärke maximieren könnte, wenn er nie mit irgendwem handeln und in selbstgewählter Isolation verharren würde. Bei diesem Szenario würde zumindest niemand seinen Arbeitsplatz verlieren, und es würde keine Arbeitslosigkeit durch “ungerechten” Wettbewerb geben. So lässt sich die ganze Absurdität der protektionistischen These zeigen, indem wir sie konsequent anwenden, denn eine solche „Vollbeschäftigungsgesellschaft“ wäre weder wohlhabend noch stark; sie würde aus Menschen bestehen, die zwar vom Morgengrauen bis in die tiefe Nacht arbeiten würden, aber dennoch zu Armut oder sogar dem Hungertod verdammt wären.

Die Effekte des zwischenstaatlichen Protektionismus sind ähnlich, wenn auch offensichtlich nicht so extrem wie die des örtlichen oder gar des Protektionismus zwischen einzelnen Menschen. Protektionismus ist ein zuverlässiges Rezept für den weiteren wirtschaftlichen Niedergang Amerikas. Zwar würde er einige amerikanische Arbeitsplätze und Branchen retten, aber für diese Rettung wäre ein Preis zu zahlen. Eine unfreiwillige Reduktion des Lebensstandards und der Reallöhne der amerikanischen Konsumenten ausländischer Produkte wäre die Folge. Alle US-Produzenten, die die Produkte der geschützten heimischen Branchen verarbeiten, würden deren höhere Kosten tragen müssen, und wären so international weniger wettbewerbsfähig. Was würden im Übrigen Ausländer mit den Gewinnen aus Importen in die USA tun? Sie könnten entweder amerikanische Erzeugnisse kaufen, oder sie könnten sie in den USA investieren. Könnten sie weniger oder nichts mehr importieren, würden sie weniger amerikanische Waren kaufen oder hier weniger investieren. So hätte der Schutz einiger weniger ineffizienter amerikanischer Arbeitsplätze die Zerstörung von weit mehr und effizienteren Arbeitsplätzen zur Folge, oder diese würden gar nicht erst entstehen.

Deswegen ist es Unsinn, zu behaupten, England hätte seine Bedeutung als Handelsmacht wegen seiner Freihandelspolitik verloren. Es erlitt den Bedeutungsverlust trotz der Freihandelspolitik, und wegen der sozialistischen Politik, die sich später durchsetzte. Genau so ist es Unsinn, zu behaupten, dass die USA ihre wirtschaftliche Bedeutung im 19. Jahrhundert wegen ihres Protektionismus erlangten. Sie erlangten sie trotz des Protektionismus und wegen der beispiellosen internen Laissez-faire-Politik. Tatsächlich befinden sich die USA derzeit nicht im wirtschaftlichen Niedergang, den Buchanan gerne umkehren würde, weil sie angeblich zu viel Freihandel zulassen, sondern weil sie im 20. Jahrhundert nach und nach die sozialistische Politik nachgeahmt haben, die davor schon England ruiniert hat.

Handel und Einwanderung

Nach den Argumenten für Freihandel werden wir nun die Argumente für Einwanderungsbeschränkungen in Kombination mit Freihandel herausarbeiten. Genauer werden wir den Argumenten für Einwanderungsbeschränkungen noch mehr Gewicht verleihen: Die ursprüngliche, noch etwas schwache Behauptung, dass Freihandel mit Einwanderungsbeschränkungen kombiniert werden kann, und dass die beiden sich nicht gegenseitig ausschließen, wird ergänzt mit der stärkeren Behauptung, dass die Prinzipien, die für Freihandel sprechen, geradezu nach Einwanderungsbeschränkungen verlangen.

Gleich zu Anfang muss betont werden, dass weder die strengsten Einwanderungsbeschränkungen noch die am meisten ausschließenden Formen der Diskriminierung irgendetwas mit der Ablehnung von Freihandel oder der Befürwortung von Protektionismus zu tun haben. Aus der Tatsache, dass jemand nicht in der Nachbarschaft von Mexikanern, Haitianern, Chinesen, Koreanern, Deutschen, Katholiken, Moslems, Hindus usw. wohnen, oder etwas mit ihnen zu tun haben möchte, lässt sich keinesfalls schließen, dass er auch nicht aus der Distanz mit ihnen handeln möchte. Außerdem, selbst wenn es stimmen würde, dass Einwanderung den eigenen Wohlstand erhöhen würde, so muss Einwanderung deswegen nicht automatisch „gut“ sein, da materieller Wohlstand nicht das einzige ist, was zählt. „Wohlbefinden“ und „Wohlstand“ empfinden wir vielmehr subjektiv; so kann jemand sehr wohl einen niedrigeren materiellen Lebensstandard und einen größeren Abstand zu gewissen Leuten einem höheren materiellen Lebensstandard mit geringerem Abstand vorziehen. Gerade die Freiwilligkeit von zwischenmenschlichem Kontakt und von zwischenmenschlicher Trennung – die Abwesenheit von jeder Form der Zwangsintegration – macht friedliche Beziehungen – Freihandel also – zwischen verschiedenen Rassen, Ethnien, Sprachgruppen, Religionen oder Kulturen möglich.

Die Beziehung zwischen Handel und Migration ist eine von elastischer Substituierbarkeit (und nicht von starrer Exklusivität): je mehr (oder weniger) man von dem einen hat, desto weniger (oder mehr) braucht man vom anderen. Wenn alle anderen Bedingungen gleich sind, ziehen Firmen eher in Niedriglohngegenden, und Arbeiter in Hochlohngegenden, was effektiv zu einer Angleichung der Löhne (für gleiche Arbeit) und einer optimalen Kapitalverteilung führt. Diese natürlichen Tendenzen in Bezug auf Einwanderung und Kapitalexport werden durch Freihandel abgeschwächt und durch Protektionismus verstärkt, da politische Grenzen Hoch- von Niedriglohngebiete trennen und staatliche (landessweite) Handels- und Einwanderungspolitik existiert.

Solange mexikanische Waren – aus einem Niedriglohngebiet – unbeschränkt in ein Hochlohngebiet wie die USA eingeführt werden können, bestehen weniger Anreize für Mexikaner, in die USA einzuwandern. Wenn dagegen mexikanischen Waren der Zugang zum US-Markt verwehrt wird, besteht ein viel höherer Anreiz für Mexikaner, in die USA einzuwandern. Genauso gibt es weniger Anreize für Kapitalexport aus den USA nach Mexiko, wenn US-Produzenten uneingeschränkt mit mexikanischen Produzenten und Konsumenten handeln dürfen; wenn den US-Produzenten dies allerdings verwehrt wird, besteht ein viel höherer Anreiz, die Produktion aus den USA nach Mexiko zu verlagern.

Allerdings beeinflusst nicht nur die Außenhandelspolitik der USA die Einwanderung, sondern auch die innere Handelspolitik. Inneren Freihandel bezeichnet man typischerweise als laissez-faire-Kapitalismus. Mit anderen Worten, der Staat verfolgt eine Politik der Nichteinmischung in Bezug auf den freiwilligen Austausch von Eigentum zwischen innerstaatlichen Parteien (Bürgern). Der Staat hilft den Bürgern dabei, ihr Eigentum vor innerstaatlicher Aggression, Beschädigung oder Betrug zu schützen (genau wie er das bei Aggression gegen den Außenhandel tut). Würden die USA eine konsequente Politik des inneren Freihandels verfolgen, gäbe es weniger Einwanderung aus Niedriglohnländern wie Mexiko, während Sozialpolitik dazu führt, dass Einwanderung für Menschen aus Niedriglohnländern attraktiver wird.

*****

„Für Freihandel und beschränkte Einwanderung – eine ökonomische Analyse (Teil 2)“ erscheint am 12. November.

Professor Dr. Hans-Hermann Hoppe, Philosoph und Volkswirt, ist einer der führenden Vertreter der Österreichischen Schule der Ökonomie und zählt zu den bedeutendsten Sozialwissenschaftlern der Gegenwart. Er lehrte von 1986 bis zu seiner Emeritierung 2008 an der University of Nevada, Las Vegas, USA. Er ist Distinguished Fellow des Ludwig von Mises Institute in Auburn, Alabama, USA, und Mitglied im wissenschaftlichen Beirat des Ludwig von Mises Institut Deutschland. Hoppe lehrt und hält Vorträge weltweit. Seine Schriften sind in 30 Sprachen übersetzt worden. Er ist Gründer und Präsident der Property and Freedom Society und lebt heute als Privatgelehrter in Istanbul. Zu seinen Büchern gehören u.a. „Die Kritik der kausalwissenschaftlichen Sozialforschung“, „Eigentum, Anarchie und Staat“, „A Theory of Socialism and Capitalism“, „The Economics and Ethics of Private Property“, „The Myth of National Defense“, „Demokratie. Der Gott, der keiner ist.“, „Der Wettbewerb der Gauner“, „The Great Fiction: Property, Economy, Society, and the Politics of Decline“, „From Aristocracy to Monarchy to Democracy“ und „A Short History of Man: Progress and Decline“. Weitere Informationen auf www.hanshoppe.com und www.propertyandfreedom.org.

*****

Hinweis: Die Inhalte der Beiträge geben nicht notwendigerweise die Meinung des Ludwig von Mises Institut Deutschland wieder.

Foto: © Oleksiy Mark – Fotolia.com

Kontaktieren Sie uns

We're not around right now. But you can send us an email and we'll get back to you, asap.

Not readable? Change text. captcha txt

Start typing and press Enter to search