Marxisten missverstehen die Bedeutung der Kapitalisten und Unternehmer

19. Oktober 2018 – von Antony P. Mueller

Antony P. Mueller

Nur für kurze Zeit hat der Zusammenbruch der Sowjetunion den Marxismus zum Schweigen gebracht. Die fatale Anziehungskraft der Gedanken von Karl Marx ist zurückgekehrt – nicht, weil Marx richtig lag, sondern weil seine Ideen falsch sind. Die marxistische Ideologie dient dazu, Ressentiments in ein soziales Problem zu verwandeln. Der Marxismus ist attraktiv, weil diese Denkrichtung ein riesiges Arsenal an Hass bietet, um persönlichen Zorn zu entfachen und die Wut in eine politische Agenda zu verwandeln.

In diesem Text werden wir drei der falschen Ideen des Marxismus ansprechen: die Rolle des Kapitalisten in der Wirtschaft, das Problem der Ungleichheit in der Marktwirtschaft und die Funktion von Gewinn und Verlust.

Der Kapitalist

Für die Marxisten ist der Kapitalist das Schreckgespenst schlechthin. Er ist die Inkarnation aller Übel des kapitalistischen Systems. Karl Marx hat jedoch die Rolle des Kapitalisten falsch verstanden. Er identifizierte den Kapitalisten als jemanden, der, wie es bei seinem Mitarbeiter Friedrich Engels der Fall war, ein Vermögen besitzt und Dividenden und Zinszahlungen als Rentier erhält. Friedrich Engels, der finanzielle Sponsor des marxistischen Projekts zur Eroberung der Welt, war der Erbe eines Vermögens, das sein Vater angehäuft hatte und welches der Sohn nicht nur als Anhänger von Karl Marx und der sozialistischen Bewegung, sondern auch als Playboy ausgeben würde. Engels hielt Karl Marx finanziell über Wasser, besonders in der Zeit, nachdem der sozialistische Autor zunächst das Erbe von seinem Vater und anschließend das von seiner Frau verschleudert hatte. Biographen des kommunistischen Gewerkschaftsführers behaupten, Marx habe niemals eine Fabrik von innen gesehen.

Marx und seine Nachfolger ignorieren, dass die Kapitalisten die Kapitalstruktur der Wirtschaft vorfinanzieren und bewahren. Kapitalbildung erfordert Konsumverzicht. Die Kapitalisten tun dies, indem sie die Produktionsprozesse finanziell unterhalten, bis die Ware als gebrauchsfertiges Endprodukt beim Konsumenten ankommt. Die Kapitalisten müssen auf ihre Vergütung warten, bis die Güter vom Verbraucher bezahlt werden, während die Arbeiter schon während des Produktionsvorgangs laufend ihre Löhne und Gehälter ausbezahlt bekommen.

Um die Rolle der Kapitalisten in der Marktwirtschaft zu verstehen, muss man berücksichtigen, dass jedes Gut einen langen Produktionsprozess durchläuft, bis es die Verbraucher erreicht. Dieser Vorgang erstreckt sich über die verschiedenen Verarbeitungsstufen, bis die Waren schließlich in die Lager und Ausstellungs- und Verkaufsräume gelangen und vermarktet werden. Die Einnahmen für die Kapitalisten kommen erst am Ende mit dem Verkauf des endgültigen Gutes zustande.

Bis die Kapitalisten von den Endverbrauchern eine Zahlung erhalten, vergeht Zeit, und der gesamte Prozess unterliegt Risiken und Unsicherheiten. Die Kapitalisten erhalten ihre Belohnung wegen des Wartens und des Tragens von Risiken und Unsicherheiten, während die Lohnempfänger ihre Vergütung regelmäßig erhalten, lange bevor das Produkt den Endverbraucher erreicht.

Die Ungleichheit

Die Ungleichheit von Einkommen und Vermögen im Kapitalismus als Ungerechtigkeit darzustellen, ist ein ständiger Vorwurf der Sozialisten. Marx hat das Wesen der Ungleichheit in einer Marktwirtschaft missverstanden und das kapitalistische Eigentum in die gleiche Kategorie gestellt wie das Vermögen im Feudalismus. Marx hat nicht erkannt, dass der Marktprozess deshalb Ungleichheit erzeugt, weil die gescheiterten Unternehmen laufend ausgemerzt werden.

Die Sozialisten sehen nur diejenigen, die ein Vermögen angesammelt haben. Sie beklagen die Ungleichheit und ignorieren die Tatsache, dass der kapitalistische Prozess ein Eliminierungsprozess ist. In einer wettbewerbsorientierten Marktwirtschaft stellt der Ausdruck „erfolgreicher Unternehmer“ einen Pleonasmus dar, weil Geschäftsleute, die keinen Erfolg haben, gezwungen sind, aus dem Markt auszuscheiden und den Unternehmern, die ihren Kunden besser dienen, Platz zu machen.

Der Marktwettbewerb funktioniert als ein Verfahren der Fehlerkorrektur. Im Marktwettbewerb bleiben nur die Unternehmer bestehen, die die Herausforderungen der Kundenbedürfnisse meistern. Fehlgeschlagene Unternehmen verschwinden. Bankrotte machen den Kapitalismus produktiv. Sie sind ein Zeichen dafür, dass die Märkte funktionieren. In der Realität der Marktwirtschaft existiert das marxistische Konstrukt einer „kapitalistischen Klasse“ nicht, weil jedes Mitglied jeden Tag um seine Mitgliedschaft kämpfen muss und im freien Kapitalismus sowohl die Eingangs- als auch die Ausgangstüren weit offen sind.

Gewinn und Verlust

Die Sozialisten denunzieren den Kapitalismus als „Profitwirtschaft“. Sie betrachten den Gewinn als die Todsünde der modernen Welt. Dabei ignorieren sie, dass der Gewinn das Gegenstück zum Verlust ist. Gewinn und Verlust, die sich aus der Differenz zwischen Umsatz und Kosten ergeben, informieren den Unternehmer über die Rentabilität eines Geschäftsprojekts. Ohne Gewinn und Verlust fehlt der Indikator, der anzeigt, wie gut die Produktion den Verbrauchern dient. Ohne solche Signale erfolgt die Produktion zufällig und die Herstellung kann mehr kosten, als das Gut wert ist.

Das Fehlen von Gewinn und Verlust im Sozialismus führt dazu, dass nicht erkannt wird, ob ein Projekt mehr materielle und personelle Ressourcen verzehrt als das Endprodukt an Nutzen bietet. Die bejammerte „Ausbeutung“ der menschlichen Arbeit, die dem Kapitalismus angelastet wird, ist vielmehr die systemische Wirklichkeit des Sozialismus. In den sowjetischen Projekten, Russland zu industrialisieren, kostete diese Negativwirtschaft des Sozialismus einen kolossalen Tribut an Menschenleben, Arbeit und Naturressourcen. In der zweiten Dekade des neuen Jahrtausends wird diese Massenausbeutung in Kuba, Nordkorea und Venezuela fortgesetzt.

Karl Marx warf der Marktwirtschaft die Anarchie der Produktion vor, doch ist es in Wirklichkeit das sozialistische Wirtschaftssystem, das unter Chaos leidet. Die Planbehörden im Sozialismus besitzen keine Maßstäbe in Bezug auf die Kosten, um die Herstellung eines bestimmten Gutes im Vergleich zu anderen Verbraucherwünschen (seien es Nahrung und Kleidung oder Genussmittel und Luxus) zu bewerten. Die Planer können Systeme zur Produktion von Konsumgütern auf der Grundlage von Erhebungen über die Bedingungen in der Bevölkerung anbieten. Man kann zum Beispiel abschätzen, wie viele Paar Schuhe die Bevölkerung braucht. Die Planer können diese Ziele jedoch nicht erreichen, da sie keine zuverlässigen und detaillierten Kenntnisse darüber haben, welche Art von Schuhen die Verbraucher im Einzelnen wollen und auf welche anderen Güter die Konsumenten verzichten wollen, um die Schuhe zu erhalten.

In einer Markwirtschaft wird das Bewertungsproblem laufend von allen Mitgliedern der Gesellschaft geleistet. Die Lösung des Problems der Güterbewertung liegt nicht in den Händen einer zentralen Planungsbehörde, sondern alle Marktteilnehmer kooperieren im Bewertungsprozess. Über die Nachfrageentscheidung delegieren die Kunden die Güterherstellung an verschiedene unternehmerische Einheiten entsprechend den spezifischen Fähigkeiten dieser einzelnen Unternehmen. Der Marktwettbewerb dient dazu, die individuelle Leistungsfähigkeit der Betriebe aufzudecken. Jeder einzelne Verbraucher drückt seine subjektive Bewertung im Kaufakt aus.

Die Preise und die verkauften Mengen sind Signal und Anreiz zugleich. In einer kapitalistischen Marktwirtschaft sind die Eigentümer der Produktionsmittel in jeder Phase des Produktionsprozesses involviert, um das Bewertungsproblem zu lösen. Am Ende bestimmt die Bewertung der Konsumenten den Wert des Kapitals, das im Produktionsprozess eingesetzt wird. Deshalb konnte Ludwig von Mises (1881-1973) erklären, dass die tatsächlichen Eigner der Vermögen in einer Marktwirtschaft nicht die juristischen Eigentümer sind, sondern die Verbraucher.

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Antony P. Mueller hat jüngst bei Amazon die Taschenbücher „Kapitalismus ohne Wenn und Aber“ und „Feinde des Wohlstands“ veröffentlicht. Im Juli dieses Jahres ist eine erweiterte Ausgabe seines Traktats „Principles of Anarcho-Capitalism and Demarchy“ erschienen.

Dr. Antony P. Mueller (antonymueller@gmail.com) ist habilitierter Wirtschaftswissenschaftler der Universität Erlangen-Nürnberg und derzeit Professor der Volkswirtschaftslehre, insbesondere Makroökonomie, an der brasilianischen Bundesuniversität UFS (www.ufs.br), wo er am Zentrum für angewandte Wirtschaftsforschung und an deren Konjunkturbericht mitarbeitet und im Doktoratsprogramm für Wirtschaftssoziologie mitwirkt. Er ist Mitglied des Ludwig von Mises Institut USA, des Mises Institut Brasilien und Senior Fellow des American Institute of Economic Research (AIER). Außerdem leitet er das Webportal Continental Economics (www.continentaleconomics.com).

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Hinweis: Die Inhalte der Beiträge geben nicht notwendigerweise die Meinung des Ludwig von Mises Institut Deutschland wieder.

Foto: © Tiberius Gracchus

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