Peter Bofingers Voodoo-Geldpolitik

10.2.2014 – von Andreas Marquart.

Andreas Marquart

Vergangene Woche berichtete „Die Welt online“, der Wirtschaftsweise Peter Bofinger fordere Anleihekäufe der EZB. „Maßnahmen wie eine weitere kleine Zinssenkung oder ein längerfristiges Versprechen, die Leitzinsen extrem niedrig zu lassen – meinetwegen auch verbunden mit einem konkreten Zeitrahmen -, sind alles nur Tropfen auf den heißen Stein in der aktuellen Lage.“, wird Bofinger zitiert. Die EZB soll also nicht kleckern, sondern klotzen. „Damit kann man dafür sorgen, dass es erst gar nicht zu einem Abrutschen des Euro-Raums in die Deflation kommt“, Bofinger weiter.

Marcel Fratzscher (Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung), Michael Hüther (Institut der Deutschen Wirtschaft) und Guntram B. Wolff (Denkfabrik Bruegel) stoßen in einem Beitrag in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 6. Februar 2014 ins gleiche Horn und liefern Bofinger Unterstützung. Die seit 2011 dramatisch fallenden Inflationsraten zeigten, dass die EZB weiter Spielraum habe, sie müsse über neue geldpolitische Maßnahmen nachdenken, so die Ökonomen.

Die Angst vor einer Deflation breitet sich (mal wieder) aus. Über die Tatsache, dass hier grundsätzliche Begriffe durcheinandergebracht werden, soll an dieser Stelle gar nicht diskutiert werden. Gegen diese Unart scheint mittlerweile kein Kraut mehr gewachsen zu sein. Beschrieb man früher mit dem Begriff „Deflation“ das Schrumpfen der Geldmenge, wird er heute verwendet, um auf eine Situation hinzuweisen, in der das allgemeine Preisniveau sinkt. Genau das ist es, was Bofinger und seine Mitstreiter fürchten: fallenden Preise auf breiter Front. In der Tat hat sich das Kreditwachstum in den letzten Monaten merklich verlangsamt. Und sollte sich das fortsetzen, dürfte die Geldmenge schrumpfen. Das liegt zum einen daran, dass es für Unternehmen – vor allem im Süden Europas – immer schwieriger wird, an Kredite zu kommen. Zum anderen – und das gilt besonders für die Privaten – werden Anschaffungen immer häufiger aufgeschoben oder aus Ersparnissen finanziert, Zinsen gibt es ja schließlich so gut wie keine mehr.

Aber die Frage sei erlaubt: Hätten Sie etwas dagegen, wenn die Preise fallen? Stellen Sie sich vor, ein Liter Benzin würde statt € 1,50 nur noch € 1,00 kosten, oder ein Vollkornbrötchen statt € 0,60 nur noch € 0,30. Was sich alles mit dem Geld anfangen ließe, dass in Ihrem Portemonnaie verbliebe! Vielleicht würde manchem sein Lohn für einen ganzen Monat reichen. Viele müssten keinen Zweitjob mehr annehmen, um über die Runden zu kommen. Die Zahl derer, die auf ein Zweiteinkommen angewiesen sind, nimmt nämlich ständig zu. In Deutschland gab es Mitte 2013 etwa 2,6 Millionen sozialversicherungspflichtig Beschäftigte, die mindestens einem Minijob nachgehen (müssen). Das waren doppelt so viele wie zehn Jahre zuvor.

So gesehen wäre es doch wunderbar, würden die Preise fallen. Fallende Preise hieße mehr Kaufkraft und vielleicht auch mehr Freizeit für viele Menschen. Doch es gibt machtvolle Interessen, die dafür eintreten, dass die Preise immer weiter ansteigen und nicht fallen: Politiker, Banken und die mit ihnen so eng verbundenen Ökonomen lieben das Papiergeldsystem, in dem Geld und damit Schulden aus dem Nichts entstehen, heiß und innig. Staaten, Unternehmen und Private haben sich in den letzten Jahrzehnten mit Krediten vollgesogen wie ein nasser Schwamm. Aber so wie ein Schwamm irgendwann kein weiteres Wasser mehr aufnehmen kann, so ist in einem Geldsystem ab einem gewissen Verschuldungsgrad eine Grenze erreicht. Das ist der Moment, wo man von Überschuldung spricht, mehr Kredit geht einfach nicht, trotz rekordniedriger Zinsen.

Die Zentralbank kann die Zinsen weiter absenken, um die Verschuldung weiter anzuheizen. Man kann die Pferde zur Tränke führen, aber das heißt noch nicht, dass sie auch saufen werden. Viel Luft nach unten ist bei den Zinsen ohnehin nicht mehr. Oder doch? Kürzlich war zu hören, die Banken würden Ihre EDV-Systeme auf Negativzinsen umprogrammieren, vorerst anzuwenden auf die Spareinlagen der Kunden.

Doch zurück zu Bofingers Forderung: Maßnahmen, wie er sie von der EZB fordert, werden regelmäßig unter anderem damit begründet, die Aufgabe der EZB sei es, die Kaufkraft des Geldes und damit die Preise stabil zu halten. Preise dürfen also nicht steigen, aber auch nicht fallen. Dies sei auch deshalb wichtig, um den Marktteilnehmern ein kalkulierbares Umfeld bei ihren Investitionsentscheidungen zu verschaffen. Dabei geht man mit dem Begriff „stabil“ äußerst großzügig um. Eine Teuerung oder – klarer ausgedrückt – Geldentwertung von zwei Prozent pro Jahr, das ist in den Augen der Währungshüter “stabil“. Unter „stabil“ verstehen sie also, dass der Geldwert jedes Jahr um zwei Prozent sinkt! Man sollte zum Beispiel dem Präsidenten der Europäischen Zentralbank, Mario Draghi, und dem Präsidenten der Deutschen Bundesbank, Jens Weidmann, sowie auch allen anderen  Zentralbankräten ab sofort „stabile“ Gehälter zahlen: Gehälter, deren Kaufkraft jedes Jahr um zwei Prozent sinkt.  Was halten Sie von diesem Vorschlag?

Das Ziel der „Stabilität“ des Geldes ist unsinnig, es ist ein Ding der Unmöglichkeit. Die Preise der Güter werden durch Angebot und Nachfrage bestimmt. Und Preise der einzelnen Güter verändern sich notwendigerweise. Tag für Tag, Monat für Monat und Jahr für Jahr treffen Millionen von Marktteilnehmern in Deutschland und Milliarden von Marktteilnehmern weltweit Entscheidungen, machen neue Erfahrungen, schaffen neue Technologien, werten heute bestimmte Güter höher, als sie es morgen vielleicht tun werden. Das gilt auch für das Gut Geld. „Stabilität“ mittels Geldpolitik herbeiführen zu wollen, ist zudem eine, wie Friedrich August von Hayek es formulieren würde, „Anmaßung von Wissen“. Eine Zentralbank kann die Papiergeldmenge ausweiten. Aber sie weiß ja gar nicht, wie stark die Geldmenge ausgeweitet werden müsste, um einen bestimmten Preiseffekt zu erzielen.

Mit dem Begriff der „gleichmäßigen Wirtschaft“ beschäftige sich Ludwig von Mises (1881 – 1973) ausführlich in seinem Werk „Nationalökonomie. Theorie des Handelns und Wirtschaftens“ (1940). Er schreibt:

Man kann durch das Operieren mit diesem Gedankenbild der gleichmäßigen Wirtschaft manches lernen, das man auf andere Weise nicht begreifen könnte, doch man muss es richtig zu handhaben verstehen. Dass es nur ein Gedankenbild ist, dem das Handeln und das Wirtschaften in der Marktwirtschaft nie gleichen kann, dürfen wir nicht aus dem Auge verlieren.[1]

Diese „gleichmäßige Wirtschaft“, wie Mises sie nennt, kann es in der Realität nicht geben; sie ist ein reines Gedankenbild. Doch allwissende Notenbanker und Ökonomen wie zum Beispiel Peter Bofinger leiten ihre Politikempfehlungen von einem solchen Gedankenbild in naiver Weise ab – und glauben zu wissen, was zu tun ist, um ein von ihnen als drängend erachtetes Problem zu lösen. Sie wissen: Mehr Geld muss her, mehr Schulden müssen her. Wie Kinder beim intensiven Spiel im Sandkasten sind sie in einer Scheinwelt versunken, fernab jeglicher Realität und ohne die Verantwortung für ihre Forderungen tragen zu müssen, bauen ihre Burgen aus und vor allem auf Sand und spielen unverantwortlich mit dem Wohl und Wohlstand von Millionen von Menschen.

Über eines sind sich die am Ruder sitzenden Ökonomen jedoch völlig im Klaren: Die Preise in einem Papiergeldsystem dürfen nicht fallen. Denn was dann passieren würde, dafür geben die Ereignisse nach der Lehman-Pleite im Jahr 2008 nur einen Vorgeschmack. Fallende Preise bedeuten fallende Gewinne oder gar hohe Verluste bei Unternehmen. Dies wiederum hätte fallende Löhne und weniger Steuereinnahmen zur Folge. Und weil alle – Staat, Unternehmer und Private – bis zur Halskrause verschuldet sind, wären Kreditausfälle und damit Bankpleiten mit all ihren Folgen die unausweichliche Konsequenz.

Die Menschen werden mit der „Voodoo-Geldwert-Stabilitäts-Politik“ beraubt und betrogen. Wenn sie doch nur wüssten, dass die Preise in einem „guten Geldsystem“ durch fortschreitende Arbeitsteilung und technologischen Fortschritt fallen würden, und zwar zu ihrem Wohl, dem Wohl der Fleißigen. Eine solche plötzliche Einsicht würde vielleicht sogar zu einer Revolution führen. Doch leider fehlt der Vergleich zu einem System mit gutem Geld. Die im Sozialismus der DDR lebenden Menschen konnten zumindest noch über die Mauer schauen und sich davon überzeugen, dass es ein besseres System als das ihre gibt. Heute bleibt den Menschen nur, sich zu wundern, warum die Kaufkraft ihres Geldes angeblich so stabil ist, es gleichzeitig für die breite Bevölkerung aber immer schwieriger wird, finanziell überhaupt noch zurechtzukommen.

Die Politik und mit ihr das monopolistische Staatsgeldsystem stehen mit dem Rücken zur Wand. Jetzt werden sogenannten Experten nach vorne geschickt, die das Feld für weitere geldpolitische Experimente bereiten sollen. Experten, die aus Abhängigkeit vom Fortbestehen des gegenwärtigen Geldsystems heraus und daher im eigenen Interesse sprechen und agieren. Was Bofinger fordert, bedeutet Öl ins Feuer gießen. Er setzt dem ganzen noch die Krone auf, indem er weiter schwadroniert: „Wehret den Anfängen (einer Deflation, Anmerkung des Verfassers), auch wenn man dann etwas überdosiert.“ Eine Überdosis hat schon so mancher nicht überlebt. Herr Bofinger sollte sich die Warnungen früherer Bundesbank-Präsidenten hinter die Ohren schreiben. „Inflation ist wie Zahnpasta: Ist sie einmal aus der Tube, bekommt man sie nur schwer wieder hinein“, wusste schon der ehemalige Bundesbank Präsident Karl-Otto Pöhl. Oder wie Ottmar Emminger einmal sagte: „Wer mit der Inflation flirtet, wird von ihr geheiratet.“

Im gegenwärtigen Geldsystem steckt jede Menge heißer Luft, die entweichen möchte, aber die man nicht entweichen lassen will. Wie jeder Luftballon, der auch nur eine begrenzte Menge Luft aufnehmen kann, bevor er platzt, droht das gleiche Ende dem Papiergeldsystem. Und das betrifft Euro, US-Dollar, Japanischer Yen und Britisches Pfund gleichermaßen. Wer sich ein Bild davon machen möchte, was wirklich droht, wenn ein Papiergeldsystem zu Ende geht, dem sei das Buch von Adam Fergusson „Das Ende des Geldes. Hyperinflation und ihre Folgen für die Menschen am Beispiel der Weimarer Republik“ empfohlen. Ferguson beschreibt detailliert die Jahre der Weimarer Hyperinflation. Damals gab es – genau wie heute – keine offiziellen, alternativen Zahlungsmittel.

Wenn ein Gut Geld bleiben soll, darf die öffentliche Meinung nicht glauben, dass mit einer schnellen und unaufhaltsamen Vermehrung seiner Menge zu rechnen ist.[2]

Es ist nur eine Frage der Zeit, bis die Menschen das Vertrauen in das Geld verlieren. Dann wird die heiße Luft schlagartig entweichen und das heutige Geld wird als Tauschmittel nicht mehr taugen. Nur wenn in diesem Moment alternative Tauschmittel zur Verfügung stehen, können die arbeitsteiligen, heutzutage hochspezialisierten Volkswirtschaften überhaupt weiter funktionieren. Ansonsten droht Chaos.

Das unverzügliche Zulassen eines Währungswettbewerbes ließe eine Restchance, dass sich notwendige Korrekturen und Überschuldung nicht schlagartig entladen und die Möglichkeit eines einigermaßen kontrollierten Ablaufes gewahrt bliebe. Schmerzfrei ist dies ohnehin nicht mehr möglich. Der Ökonom Roland Baader (1940 – 2012) sagte einmal: „Was die Völker jahrzehntelang vorausgefressen haben, werden sie nun jahrzehntelang nachhungern müssen.“ Wir sind aktuell immer noch dabei, ‚vorauszufressen‘. Das ‚Nachhungern‘ kommt noch. Aber Herr Bofinger bestellt schon mal den nächsten Gang.

[1] Ludwig von Mises, Nationalökonomie. Theorie des Handelns und Wirtschaftens, S. 243

[2] Ebenda, S. 389

Lesen Sie hierzu auch den Beitrag „Angst vor Deflation“ von Thorsten Polleit.

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Andreas Marquart ist Vorstand des “Ludwig von Mises Institut Deutschland”. Er ist seit 15 Jahren in der Finanzberatung tätig und orientiert sich dabei an den Erkenntnissen der Österreichischen Geld- und Konjunkturtheorie.

Anfang Mai erscheint sein gemeinsam mit Philipp Bagus geschriebenes Buch „WARUM ANDERE AUF IHRE KOSTEN IMMER REICHER WERDEN … und welche Rolle der Staat und unser Papiergeld dabei spielen“.

 

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