Angst vor Deflation

10.1.2014 – von Thorsten Polleit.

Thorsten Polleit

Deflation: Wohl kein anderes Wirtschaftsphänomen löst so großes Unbehagen, ja zuweilen sogar Angst aus wie dieses Wort. Was die einen ängstigt, kommt anderen zupass. Denn bekanntlich lässt sich mit Angst leicht Politik – genauer: leichte Geldpolitik – machen, wie jüngst deutlich wurde.

Am 7. November 2013 beschloss der Rat der Europäischen Zentralbank (EZB), den Leitzins um 0,25 Prozentpunkte auf 0,25 Prozent abzusenken. Nur wenige Tage zuvor war eine „Vorausschätzung“ veröffentlicht worden, die zeigte, dass der Anstieg der Konsumentenpreise im Euroraum im Oktober 2013 auf 0,7 Prozent gefallen war gegenüber noch 1,1 Prozent im Vormonat.

Nicht wenige Ökonomen und Finanzmedien nahmen das zum Anlass, im Vorfeld der Ratsentscheidung vor Deflation im Euroraum zu „warnen“. Eine Steilvorlage für den EZB-Rat, um „vorausschauend gegenzusteuern“ zu können, also die Refinanzierungskosten der Banken noch weiter zu verbilligen – denn wer will schon eine Deflation riskieren?

Was aber ist unter „Deflation“ eigentlich zu verstehen? Ist mit Deflation im Euroraum zu rechnen? Und vor allem: Wäre Deflation schlecht, muss sie, wenn sie sich einstellt, „bekämpft“ werden?

Was Deflation ist

In der „Mainstream-Volkswirtschaftslehre“ bezeichnet man mit dem Begriff Deflation den fortgesetzten Rückgang der Preise auf breiter Front: Nicht nur die Preise für Konsumgüter fallen, sondern auch die Preise für Häuser, Grundstücke, Rohstoffe und Aktien sinken.

Für die Ökonomen der Österreichischen Schule hingegen ist Deflation (wie übrigens auch Inflation) ein „künstlicher“ Begriff, der im menschlichen Handeln keine Entsprechung findet: Deflation und Inflation suggerieren, dass es so etwas wie „stabiles Geld“ gibt. Doch so etwas gibt es nicht und kann es auch gar nicht geben.[1]

Für die Österreicher ist (vereinfachend gesprochen) das Ausweiten der Geldmenge das, was volkstümlich als Inflation bezeichnet wird (also steigende Preise), und das Schrumpfen der Geldmenge ist für sie das, was gemeinhin als Deflation bezeichnet wird. Aus ihrer Sicht ist Deflation (wie auch Inflation) ein monetäres Phänomen.

Derzeit nimmt in keinem der großen Volkswirtschaften die Geldmenge ab. Im Gegenteil: In den Vereinigten Staaten von Amerika wächst die Geldmenge M2 derzeit um etwa sechs Prozent gegenüber dem Vorjahr. Im Euroraum beträgt die Wachstumsrate der Geldmenge M3 etwa 1,5 Prozent, und in Großbritannien steigt M4 um mehr als 3 Prozent.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Deflation im Kreditgeldsystem

Es ist allerdings nicht grundlos, wenn jemand eine Deflation – also einem Rückgang der Geldmenge – in einem Kreditgeldsystem erwartet. Hier wird nämlich Geld per Bankkreditvergabe in Umlauf gebracht: Weiten Banken ihre Kreditvergabe aus, so steigt die Geldmenge. Schrumpfen die Bankkredite, so schrumpft (früher oder später) auch die Geldmenge.

In den Vereinigten Staaten von Amerika lässt das Wachstum der Bankkredite seit Mitte 2012 seit geraumer Zeit merklich nach. Das dürfte nachfrage- als auch angebotsseitige Gründe haben. So ist der Kreditappetit der Unternehmen gering, und die Hypothekenkredite der Privaten wachsen nicht weiter an. Gleichzeitig sind viele Geschäftsbanken nicht in der Lage, ihre Bilanzen mit zusätzlichen Kreditrisiken zu belasten, weil das Eigenkapital knapp geworden ist.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Ähnliches lässt sich im Euroraum diagnostizieren. Aufgrund von Bilanzproblemen schränken Banken ihr Kreditangebot ein. Gleichzeitig nimmt die Kreditnachfrage ab: Unternehmen ziehen es vor, Ausgaben durch eigene Mittel zu finanzieren oder Kreditschulden zurückzuführen. Der übergroße Bankenapparat im Euroraum – er belief sich im dritten Quartal 2013 auf knapp 330 Prozent des Volkseinkommens – ist dabei, zusammenzuschrumpfen.

Rezession-Depression

In einem Kreditgeldsystem dürfte ein fortgesetztes Schrumpfen der Bankkredite tatsächlich in eine Deflation beziehungsweise Rezession-Depression führen. Es würde die ökonomisch notwendige Korrektur der Fehlentwicklungen einläuten, die sich nach Jahrzehnten der Papiergeldinflation aufgehäuft haben.

Dass diejenigen, denen das Inflationsregime Vorteile verschafft – also der Staat und die von ihm Begünstigten (allen voran die Banken-, Finanz- und Großindustrie, aber auch all diejenigen, die meinen, sie würden von der Fortführung der Inflationspolitik profitieren) – gegen solch eine Bereinigung aufbegehren werden, ist nicht überraschend: Das Ende des Inflationsregimes wäre auch das Ende ihrer Privilegien.

Die politischen Kräfte, die das Kreditgeldsystem vor dem Zusammenbruch bewahren wollen, werden in der Deflation eine Bedrohung erblicken – und vor den schmerzlichen Folgen der Deflation warnen, um Zustimmung der Öffentlichkeit für „unkonventionelle Geldpolitiken“ – wie etwa Tiefzinspolitik und Anleihekäufe der Zentralbanken – zu gewinnen.

Doch das Fortführen des Inflationsregimes ist kein Ausweg, wie Ludwig von Mises (1881 – 1973) erkannte: „[E]ndlos hätte man den Aufschwung der Konjunktur durch Festhalten an der Kreditausweitung nicht verlängern können. Früher oder später muss es zum Zusammenbruch des durch die Kreditausweitung ausgelösten Aufschwungs kommen, und der Anpassungsprozess, den man Niedergang der Konjunktur nennt, wird umso schmerzlicher sein und umso mehr Zeit beanspruchen, je länger die Kreditausweitung fortgesetzt worden war und je grösser der Umfang der durch sie bewirkten Kapitalfehlleitung gewesen ist.“[2]

Die Flucht in die Inflation

Währungspolitische Kunstgriffe – ob nun Zinssenkungen, Sonderkredite für Banken, Senkungen der Mindestreservesätze, Anleihekäufe etc. – werden nicht die Probleme lösen, für die das Kreditgeldsystem gesorgt hat. Sie schieben lediglich die notwendigen Anpassungen auf, und das zum Preis einer noch größeren Bereinigungskrise in der Zukunft.

Wenn in der Öffentlichkeit Deflation stärker gefürchtet wird als die Konsequenzen, die das Fortführen des Kreditgeldregimes hat, also das fortgesetzte Inflationieren, ist absehbar, was geschehen wird: Die Zentralbank weitet die Geldmenge immer weiter aus, um eine Deflation und die damit verbundene Anpassung abzuwenden. Dass eine Zentralbank die Geldmenge jederzeit in jeder beliebigen Höhe ausweiten kann, wenn es politisch gewünscht ist, darüber sollte kein Zweifel bestehen: Sie ist der Monopolist der Geldproduktion.[3]

Friedrich August von Hayek (1899 – 1992) hob hervor, wie schwierig es ist, einen einmal eingeschlagenen Weg der Geldmengenausweitung zu verlassen: „Zwei Dinge können nicht genug betont werden: erstens scheint es sicher, daß wir die Entwicklung zu immer größerer staatlicher Lenkung nicht aufhalten werden, wenn wir die inflationistischen Tendenzen nicht zum Stillstand bringen; und zweitens ist jeder andauernde Preisanstieg gefährlich, weil wir, sobald wir beginnen, auf seine stimulierende Wirkung zu vertrauen, schon auf einen Kurs festgelegt sein werden, der uns keine Wahl läßt, als entweder mehr Inflation zu bekommen oder für unseren Fehler durch Rezession oder Depression zu bezahlen.“

Vor die Wahl gestellt, eine Deflation zuzulassen oder die Geldmenge immer stärker auszuweiten, wird die EZB wohl zweiteres tun, denn der Euro dürfte eine Deflation kaum überleben. Die Angst vor Deflation ebnet den Weg zur Inflationierung.

[1] Zur Erklärung siehe Mises, L. v. (1940), Nationalökonomie. Theorie des Handelns und Wirtschaftens, S. 208 – 213; Rothbard, M. N. (2009), Man Economy and State, S. 847 – 851.

[2] Mises, L. v. (1940), Nationalökonomie. Theorie des Handelns und Wirtschaftens, S. 524

[3] Sie braucht dazu nicht notwendigerweise den Bankenapparat. Eine Zentralbank kann zum Beispiel Wertpapiere direkt von Nichtbanken (privaten Sparern oder institutionellen Investoren) kaufen und mit neu geschaffenem Geld bezahlen. Das Geld wird auf die Konten überwiesen, die die Verkäufer bei Banken halten. Auf dieses Weise steigt der Zahlungsmittelbestand in den Händen der Nichtbanken.

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Thorsten Polleit, 46, ist seit April 2012 Chefvolkswirt der Degussa Goldhandel GmbH. Zuvor war er 12 Jahre als Ökonom im internationalen Investment-Banking in London, Amsterdam und Frankfurt tätig. Seit 2003 ist Thorsten Polleit Honorarprofessor an der Frankfurt School of Finance, Frankfurt, Interessen- und Forschungsschwerpunkt Kapitalmarkttheorie, Geldpolitik und –theorie und insbesondere auf die „Österreichische Schule der Nationalökonomie“. Er ist zudem Adjunct Scholar am Ludwig von Mises Institute, Auburn, US Alabama, und Mitglied im Forschungsnetzwerk „Research On money In The Economy“ (ROME). Seit Oktober 2012 ist Thorsten Polleit Präsident des Ludwig von Mises Institut Deutschland. Er ist Gründungsmitglied und Partner von „Polleit & Riechert Investment Management LLP“. Die private Website von Thorsten Polleit ist: www.thorsten-polleit.com. Hier Thorsten Polleit auf Twitter folgen.

 

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