Die Fed wird 100 – kein Grund zum Feiern

23.12.2013 – von Thorsten Polleit.

“The American economy has suffered from chronic inflation, and from destructive booms and busts, because that inflation has been invariably generated by the Fed itself. That role, in fact, is the very purpose of its existence: to cartelize the private commercial banks, and to help them inflate money and credit together, pumping in reserves to the banks, and bailing them out if they get into trouble.”

―Rothbard, M. N. (1994), The Case Against The Fed, p. 145.

Thorsten Polleit

Vor 100 Jahren, am 23. Dezember 1913, setzte US-Präsident Woodrow Wilson seine Unterschrift unter das vom US-Kongress verabschiedete Zentralbankgesetz (Federal Reserve Act). Vermutlich werden viele Kommentatoren zum Wiegenfeste der Federal Reserve (Fed) lobende Worte finden. Doch der hundertjährige Geburtstag der amerikanischen Zentralbank ist kein Grund zum Feiern. Schon der Gründungsakt war ein höchst fragwürdiges Unterfangen. Der amerikanische Ökonomen Murray N. Rothbard (1926 – 1995) hat die Entstehungsgeschichte der Fed in seinem umfassenden Werk „A History of Money and Banking in the United States“ ausführlich dargelegt.

Die Amerikaner hatten sich lange Zeit gegen eine Zentralbank, wie sie in Europa anzutreffen waren, vehement gewehrt. Sie fürchteten politische Machtkonzentration und Machtmissbrauch als Folge einer solchen Institution. Es war das beharrliche Agieren der amerikanischen Großindustrie- und Bankeninteressen – angeführt von den Häusern J. P. Morgan und J. D. Rockefeller –, die in der amerikanischen Öffentlichkeit den Feldzug zur Errichtung einer Zentralbank anführten. Weil der Widerstand in der Öffentlichkeit groß war, sprachen sie übrigens nicht davon, eine „Zentralbank“, sondern eine „Federal Reserve“ errichten zu wollen. Sie setzten sich durch.

Die Fed hat nicht – wie ihre Befürworter es der Öffentlichkeit versprachen – die monetäre und wirtschaftliche Stabilität befördert. Das Gegenteil ist der Fall. Unter ihr wurde die Inflation chronisch. Von Ende 1913 bis heute ist die Kaufkraft des US-Dollar um etwa 96 Prozent gefallen. Spekulationsblasen, „Boom-and-Bust“-Zyklen und eine immer weiter anschwellende Verschuldung sind zur Regel geworden. Und es war letztlich auch die Fed, die mit ihrer Fähigkeit, den Staat „problemlos“ mit neu geschaffenem Geld zu finanzieren, eine aggressive Außen- und Kriegspolitik sicherlich befördert hat.

Von Beginn an erwies sich die Fed, wie von ihren Befürwortern gewollt, als inflationäre Apparatur. Eine ihrer ersten Handlungen war für eine Expansion der US-Geldmenge zu sorgen, indem sie die Mindestreservesätze für Banken drastisch absenkte. Ab Mitte der 20er Jahre des vergangenen Jahrhunderts gab die Fed unter ihrem Vorsitzenden Benjamin Strong (1872 – 1928) dem britischen Drängen nach, eine inflationäre(re) Geldpolitik zu verfolgen. Großbritannien hatte nämlich in Europa einen „Gold-Devisen-Standard“ etabliert. Weil es eine inflationäre und instabile Konstruktion war, zogen Anleger schon bald ihr Gold von britischen Banken ab, um es in Amerika in Sicherheit zu bringen. Um den Goldabfluss aus Großbritannien aufzuhalten, senkte die Fed die Zinsen und weitete die Kredit- und Geldmenge aus. Die Folge dieser monetären Expansion war ein fulminanter „Boom“, der Ende 1929 platzte und die in die „Große Depression“ mündete.

Die Fed hatte mit ihrer Geldpolitik die Depression verursacht, und die geldpolitische Reaktion lautete: Wiedereinstieg in die monetäre Expansion. Doch wie sollte das gelingen? Der US-Dollar war ja immer noch an das nicht beliebig vermehrbare Gold gebunden. Angesichts der bereits erfolgten Zentralisierung des US-Bankensystems durch die Fed war es jetzt ein leichtes für US-Präsident Franklin D. Roosevelt (1882 – 1945), die Goldbestände, die die Amerikaner bei ihren Geschäftsbanken hielten, zu enteignen. Er befahl den Banken, das bei ihnen gelagerte gelbe Metall an das Schatzamt zu übertragen. Anfang 1933 verbot Roosevelt den Privaten dann die Goldhaltung – ein Verbot, das erst 1974 aufgehoben wurde. 1934 wertete er zudem den US-Dollar gegenüber dem Gold ab: Der Goldpreis wurde von 20,67 US-Dollar auf 35 US-Dollar erhöht. Die Überschussreserven der Banken stiegen und konnten zur vermehren Kredit- und Geldschaffung verwendet werden.

Wie schon im Ersten Weltkrieg so finanzierte die Fed auch die Kriegsausgaben des Zweiten Weltkriegs durch Schulden und Geldmengenausweitung. In der Zeit von 1942 bis 1951 verfolgte sie eine Zinskontrollpolitik, durch die sie die Langfristzinsen unter die Inflationsrate drückte. Die Halter von US-Dollar und in US-Dollar ausgewiesenen Schuldverschreibungen erlitten so eine negative Realverzinsung. Sie bezahlten gewissermaßen die Kriegskosten durch Entwertung ihrer Ersparnisse.

Spätestens mit dem System von Bretton Woods stieg der Greenback zur Weltreservewährung auf, und damit wurde auch die Fed zur bedeutendsten Zentralbank der Welt. Ihre Inflationspolitik hob jedoch das System von Bretton Woods letztlich aus den Angeln. Die Fed hatte den Korea- und Vietnamkrieg durch die Ausgabe von aus dem Nichts geschaffenen Dollar finanziert. Das ebnete den Weg in die „Große Inflation“ zu Beginn der 70er des vergangenen Jahrhunderts. Am 15. August 1971 beendete US-Präsident Richard Nixon (1913 – 1994) die Goldeinlösepflicht des Greenback – und kam damit vermutlich der Unfähigkeit Amerikas, den Zahlungsverpflichtungen in Gold umfänglich nachkommen zu können, zuvor. Diese unilaterale Entscheidung der Amerikaner war der Startschuss für einen weltweiten ungedeckten Papiergeldstandard.

Die Folge war weiter steigende Inflation in Amerika und anderswo. Weil die Kosten der Inflation jedoch zu hoch wurden (man sprach von in den späten 60er und den 70er Jahren des vergangenen Jahrhunderts von „Great Inflation“), ging die Fed unter ihrem Vorsitzenden Paul Volker Anfang der 80er Jahre auf eine Disinflationspolitik über. Zwar nahm die Inflation der Konsumgüterpreise nachfolgend ab. Jedoch war die Fed-Politik weiterhin inflationär, und sie blieb ein Störfaktor im Wirtschaftsleben, nicht nur in Amerika, sondern auch weltweit.

Die laxe Fed-Geldpolitik unter ihrem Chairman Alan Greenspan, der im August 1987 ins Amt gehoben wurde, „bekämpfte“ jeden Finanzmarkt- und Wirtschaftseinbruch schon in den Anfängen mit Zinssenkungen und Ausweitungen der Kredit- und Geldmenge. So führten etwa die LTCM-Krise im Jahr 1998 und die Asien-Krise zu noch tieferen Notenbankzinsen. Die Fed-Politik beförderte damit eine gewaltige Haussespekulation auf den Aktienmärkten, den „New Economy“-Hype, eine Blase, die 2000/2001 platzte. Die Fed „bekämpfte“ die Folgen mit noch tieferen Zinsen. Der fulminante Kredit- und Häusermarktboom, der dadurch in Gang gesetzt wurde, begann Mitte 2007 zu kollabieren und hatte sich spätestens Ende 2008 zu einer weltweiten Krise des nicht einlösbaren Papiergeldsystems ausgeweitet.

Es gibt zudem eine Reihe von negativen Folgen der Zentralbankpolitik, die sich nur bei genauem Hinschauen offenbaren. So hat das fortwährende Geldvermehren in den letzten Jahrzehnten vor allem den Staat zu Lasten der Privatwirtschaft immer weiter anwachsen lassen, weil der Staat seine Ausgaben verstärkt durch günstige Kredite finanzieren kann. Unter der Fed hat sich eine Kultur der Schuldenwirtschaft entwickelt, die das Sparen entmutigt und das Konsumieren auf Pump befördert. Die Privaten sind zusehends abhängig geworden von der Fortführung der Kredit- und Geldmengenausweitung zu künstlich tiefen Zinsen – und der Bankensektor verdient prächtig daran. Und nicht zuletzt führt das inflationäre Geld, das die Zentralbank produziert, zu einer nicht-marktkonformen Einkommens- und Vermögensumverteilung, die die Unterschiede zwischen Arm und Reich verstärkt.

Was ist aus der Bilanz von 100 Jahren Fed zu lernen? Zu lernen ist, dass ein Zentralbankgeldsystem unter unheilbaren ökonomischen und ethischen Defiziten leidet. Eine Zentralbank, die das Monopol für die Papiergeldproduktion hält, nützt nur wenigen und schadet vielen. Sie löst nicht etwa Finanz- und Wirtschaftskrisen, sie verursacht sie. Sie ist vor allem auch unvereinbar mit dem Erhalt einer Marktwirtschaft – und damit einer produktiven und friedvollen Kooperation der Menschen, national wie international. Es sind genau diese Einsichten, die zum Beispiel in den Vereinigten Staaten mittlerweile eine öffentliche Initiative leiten, die darauf abzielt, die Fed abzuschaffen (unter dem Motto: „End the Fed“), angeführt vom ehemaligen US-Kongressabgeordnete Ron Paul.

Die Alternative zum Zentralbanksystem – und die sollte angesichts der Rückschau zum 100. Geburtstag der Fed umso attraktiver erscheinen – ist der freie Währungswettbewerb, in dem Geld durch das freie Angebot von und der freien Nachfrage nach Geld geschaffen wird. Das Konzept des Währungswettbewerbs ist eine ökonomische und ethisch überzeugende Idee. Allerdings ist sie in der Öffentlichkeit bislang wenig bekannt. Das liegt vermutlich daran, dass die Ursache von zum Beispiel Finanz- und Wirtschaftskrisen und Geldentwertung nicht in der Zentralbankpolitik erblickt wird, sondern dass andere Faktoren (wie zum Beispiel das „Marktversagen“) dafür verantwortlich gemacht werden. Insofern sollte der 100-jährige Geburtstag der Fed dazu dienen, das wahre Wesen des Zentralbankgeldsystems zu erkennen und alternative Lösungen besser bewerten zu können.

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Thorsten Polleit, 46, ist seit April 2012 Chefvolkswirt der Degussa Goldhandel GmbH. Zuvor war er 12 Jahre als Ökonom im internationalen Investment-Banking in London, Amsterdam und Frankfurt tätig. Seit 2003 ist Thorsten Polleit Honorarprofessor an der Frankfurt School of Finance, Frankfurt, Interessen- und Forschungsschwerpunkt Kapitalmarkttheorie, Geldpolitik und –theorie und insbesondere auf die „Österreichische Schule der Nationalökonomie“. Er ist zudem Adjunct Scholar am Ludwig von Mises Institute, Auburn, US Alabama, und Mitglied im Forschungsnetzwerk „Research On money In The Economy“ (ROME). Seit Oktober 2012 ist Thorsten Polleit Präsident des Ludwig von Mises Institut Deutschland. Er ist Gründungsmitglied und Partner von „Polleit & Riechert Investment Management LLP“. Die private Website von Thorsten Polleit ist: www.thorsten-polleit.com. Hier Thorsten Polleit auf Twitter folgen.