Wie das Papiergeld-Experiment enden wird

9.12.2013 – von Philipp Bagus.

Philipp Bagus

Ein Papiergeldsystem trägt den Keim der Zerstörung in sich. Der Versuchung, die Geldmenge zu erhöhen, kann ein Geldmonopolist praktisch nicht widerstehen. In einem System permanent steigender Geldmengen und in der Folge permanent steigender Preise macht es keinerlei Sinn, Bargeld für den Kauf von Gütern anzusparen. Die bessere Strategie ist es, sich zu verschulden und die Schulden später mit entwertetem Geld zurückzuzahlen. Darüber hinaus macht es Sinn, Vermögenswerte als Sicherheit zu verpfänden, um weitere Kredite zu erhalten. Ein Papiergeldsystem führt so in die Überschuldung.

Vor allem Marktteilnehmer, die erwarten dürfen, dass man sie mit frisch gedrucktem Geld rettet, werden sich exzessiv verschulden – Großunternehmen, Banken und Staaten. Dies gilt im Besonderen für die eng mit dem Staat verwobenen Banken – sie können sich auf die Druckerpresse verlassen, um in einem Papiergeldsystem gerettet zu werden.

Wir befinden uns aktuell in einer Situation, in der das Papiergeldsystem in einer Sackgasse angekommen zu sein scheint. Nach dem letzten Zyklus haben Staaten die Fehlinvestitionen des privaten Sektors aufgefangen und die Sozialausgaben hochgefahren. Staatsdefizite und Schulden sind explodiert. Die Notenbanken druckten Geld, um öffentliche Schulden in einer beispiellosen Größenordnung aufzukaufen (oder diese als Sicherheit für Kredite an das Bankensystem zu akzeptieren). Die Leitzinsen wurden auf nahe Null reduziert.

Dennoch bleiben die Defizite hoch. Und echtes Wachstum ist nicht in Sicht. Zeitgleich sitzen Banken und andere Finanzinstitutionen auf einem riesigen Berg öffentlicher Schulden. Eine Staatspleite würde den sofortigen Bankrott des Bankensystems auslösen. Die Zinsen auf ein realistisches Niveau anzuheben oder die von den Notenbanken angekauften Vermögenswerte wieder zu verkaufen, würde die Solvenz des Bankensektors, hochverschuldeter Unternehmen und ganzer Staaten in größte Gefahr stürzen. Es scheint, als würde bereits das Drucken von weniger zusätzlichen Geld – also ein lediglich langsameres Gelddrucken – (man nennt dies neuerdings ‘Tapering’) hochverschuldeten Marktteilnehmer substanzielle Probleme bereiten und eine Spirale von Pleiten auslösen. Eine massive Ausgabenkürzung von Staatsausgaben und Defiziten ist eher unwahrscheinlich, angesichts der Anreize für Politiker in einer Demokratie. Damit Staaten, Banken und andere überschuldete Marktteilnehmer nicht in Probleme geraten, wird es nötig sein, immer mehr Geld zu drucken.

Wird also einfach weiter Geld gedruckt und werden die Zinsen auf Null gesenkt, bis die Menschen endgültig ihr Vertrauen in die Papiergeldwährungen verlieren? Wie wird das Problem der Überschuldung gelöst werden? Kann das Papiergeldsystem gerettet werden oder wird es früher oder später eine Hyperinflation geben müssen? Und wie werden sich die bereits eingetretenen Verluste auf die Menschen auswirken?

Es gibt sieben Szenarien, die jedoch alle – jedes auf seine Weise – den Wohlstandsverlust aufzeigen werden.

Erstens: Regierungen und Notenbanken beschreiten einfach weiter den Weg der Inflationierung und drucken all das Geld, das nötig ist, um das Bankensystem, Staaten und andere überschuldete Marktteilnehmer zu retten. Dies wird weiteres fahrlässiges Verhalten zur Folge haben. Diese Option führt letztlich in die Hyperinflation, in der die Schulden entwertet werden. Schuldner werden gewinnen und Sparer verlieren. Der ‘Papierwohlstand’, den viele Menschen ein Leben lang angespart haben, wird nicht ausreichen, den hohen Lebensstandard zu ermöglichen, den man sich ausgemalt hat.

Zweitens: Staaten verbessern ihre finanzielle Position dadurch, indem sie einfach ihre abgegebenen Versprechen nicht einhalten. Sie könnten beispielsweise die staatlichen Renten, Sozialleistungen und Arbeitslosenunterstützung massiv  kürzen, um ihre Defizite auszugleichen oder Schulden zurückzuzahlen. Viele Ansprüche, auf die sich die Menschen verlassen haben, würden sich als wertlos erweisen.

Drittens: die Staaten stellen die Rückzahlung ihrer Schulden komplett ein. Staatsbankrott. Dies führt zu Verlusten bei Banken und Versicherungen, die die Ersparnisse ihrer Kunden in Staatsanleihen investiert haben. Wenn in diesem Moment die bereits eingetretenen Verluste zu Tage treten, werden die Menschen sehen, wie die Werte ihrer Anleihen- und Investmentfonds massiv fallen. Ein Staatsbankrott könnte den Kollaps des Bankensystems auslösen. Eine Pleite-Spirale überschuldeter Marktteilnehmer würde ein finanzielles Armageddon auslösen. Deshalb hat die Politik bisher alles getan, dieses Szenario zu vermeiden.

Viertens: ein weiterer Weg aus der Schuldenfalle ist die Finanzielle Repression. Finanzielle Repression ist eine Möglichkeit, die Ersparnisse der Menschen immer mehr in Richtung Staat zu kanalisieren und so die Tilgung der Schulden zu ermöglichen. Finanzielle Repression, das ist auf der einen Seite der Erlass von Gesetzen, die bestimmte Investments unattraktiv machen, aber auch von Regulierungen, um den Kauf von Staatsanleihen zu induzieren. Gepaart mit echtem Wachstum und Ausgabenreduzierung könnte es mit Finanzieller Repression gelingen, die Staatsverschuldung zurückzuführen. Nach dem zweiten Weltkrieg gelang es tatsächlich der US-Regierung, die Verschuldung von 130 % im Jahr 1946 auf 80 % im Jahr 1952 zurückzuführen. Jedoch ist es unwahrscheinlich, dass dies erneut gelingen wird. Heute stehen die USA nicht am Ende eines gewonnenen Krieges. Die Staatsausgaben wurden von 120 Mrd. US-Dollar im Jahr 1945 auf 58 Mrd. US-Dollar um die Hälfte reduziert, größtenteils durch Reduzierung der Rüstungsausgaben. Ähnliche Ausgabenkürzungen scheinen heute nicht möglich, ohne massiven politischen Widerstand  und den Bankrott überschuldeter, von staatlichen Ausgaben abhängiger Marktakteure auszulösen.

Fünftens: das Problem der Überschuldung könnte auch durch steuerpolitische Maßnahmen gelöst werden. Die Idee dabei ist es, die Eliminierung von Staatsschulden und eine Rekapitalisierung von Banken mittels Besteuerung zu erreichen. Wird die Überschuldung reduziert, verschwindet für die Notenbank auch die Notwendigkeit, die Zinsen auf einem Niedrigniveau zu belassen und dazu immerfort neues Geld zu drucken. Durch den Überschuldungsabbau kann die Währung so wieder auf eine gesündere Basis gestellt werden. Um dieses Ziel zu erreichen, könnte die Regierung Vermögen in massivem Ausmaß enteignen, um die Staatsschulden zurückzuzahlen. Die Regierung muss lediglich die Steuern erhöhen oder eine einmalige Vermögensabgabe durchführen. Die Einnahmen daraus verwendet sie dann für die Rückführung der Staatsschulden und zur Rekapitalisierung der Banken. In der Tat hat der IWF kürzlich eine einmalige Zwangsabgabe in Höhe von 10 % zur Reduzierung der hohen Staatsverschuldung in Europa empfohlen.

Sechstens: eine wirkliche Währungsreform inklusive einer teilweisen Streichung von Staatsschulden. Diese Option ist ebenfalls sehr attraktiv, wenn man die Überschuldung reduzieren will, ohne eine massive Inflation auszulösen. Das ist wie das Drücken der ‘Reset’-Taste, um anschließend mit einem Papiergeldsystem weiterzumachen. Solch eine Reform funktionierte in Deutschland nach dem zweiten Weltkrieg (nach dem verlorenen Krieg war Finanzielle Repression für Deutschland keine Alternative), als die Papierwährung ‘Reichsmark’ durch die Papierwährung ‘DM’ ersetzt wurde.

Ohne in einzelne Details dieser Reform einzusteigen, nur soviel: die Bürger konnten 60 Reichsmark im Verhältnis 1:1 in DM tauschen. Alle Guthaben über 60 Reichsmark wurden einfach durch zehn dividiert und in DM getauscht. Alle Schulden wurden ebenfalls gezehntelt. Darüber hinaus wurde der Ausfall von Staatsschulden erklärt, mit Ausnahme der Staatsanleihen, die von Banken gehalten wurden. Sie erhielten Ausgleichsforderungen. Außerdem gab es eine einmalige Vermögensabgabe in Höhe von 50 %! Diese Maßnahmen brachten zusammen genommen folgendes Ergebnis: Die Überschuldung wurde abgebaut, der Staat praktisch entschuldet, die Banken rekapitalisiert (indem ihre Verbindlichkeiten gezehntelt wurden, nicht aber deren gesamte Vermögensanlagen (Staatsanleihen)), und die Sparer weitestgehend enteignet. Die Währungsreform brachte so die Vermögensvernichtung zu Tage, die während des Krieges entstanden war.

Siebtens: es könnte einen ‘bail-in’ geben, der einer teilweisen Währungsreform gleichkäme, wie in Zypern, wo Bankgläubiger (Sparer) zu Bankaktionären wurden. Die Bankverbindlichkeiten wurden so reduziert und das Eigenkapital erhöht. Die Geldmenge ging zurück. Ein bail-in rekapitalisiert das Bankensystem und lässt gleichzeitig schlechte Schulden verschwinden. Das Eigenkapital kann sogar so stark ansteigen, dass ein teilweiser Ausfall von Staatsschulden nicht die Stabilität des Finanzsystems bedrohen würde. Bei einem Bail-in würden beispielsweise die Bürger, die in Lebensversicherungen investiert sind und die wiederum in Bankverbindlichkeiten und Staatsschulden angelegt haben, von den Verlusten getroffen. Im Ergebnis würde die Überschuldung von Banken und Staaten abgebaut, auf Kosten der Sparer und Geldbesitzer.

Zusammenfassend ist zu sagen, jedes dieser sieben Szenarien möglich ist. Wahrscheinlich ist eine Kombination mehrerer Szenarien. In jedem Fall werden sie die bereits entstandenen Verluste aufdecken und die Wohlstandsillusion beenden. Im Wesentlichen werden es Steuerzahler, Sparer und Geldhalter sein, die zwecks Reduzierung der Überschuldung und zur Stabilisierung der Währung ausgebeutet werden. Eine einmalige Vermögensabgabe, eine Währungsreform oder ein Bail-in sind nicht gerade populäre Maßnahmen, weil dadurch die Verluste sofort und offen zu Tage treten. Die der Politik liebste Option ist die Inflation. Sie ermöglicht es den Regierungen, die Kosten der Rettung überschuldeter Akteure zu verstecken. Jedoch besteht die Gefahr, dass die Inflation außer Kontrolle gerät. Das Ende der Sackgasse rückt näher. Und der Monopolist der Geldproduktion will sich sein Privileg nicht durch einen Zusammenbruch des Geldsystems zerstören. Bevor es zu einer gallopierenden Inflation kommt, werden sich Regierungen zunehmend auf die anderen Optionen besinnen und somit versuchen, die Reset-Taste des Systems zu bedienen.

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Philipp Bagus ist Professor für Volkswirtschaft an der Universidad Rey Juan Carlos in Madrid. Zu seinen Forschungsschwerpunkten Geld- und Konjunkturtheorie veröffentlichte er in internationalen Fachzeitschriften wie Journal of Business Ethics, Independent Rewiew, American Journal of Economics and Sociology u.a.. Seine Arbeiten wurden ausgezeichnet mit dem O.P.Alford III Prize in Libertarian Scholarship, dem Sir John M. Templeton Fellowship und dem IREF Essay Preis. Er ist Autor eines Buches zum isländischen Finanzkollaps (“Deep Freeze: Island’s Economics Collapse” mit David Howden). Sein Buch “Die Tragödie des Euro” erscheint in 14 Sprachen. Philipp Bagus ist ist Mitglied des wissenschaftlichen Beirates des “Ludwig von Mises Institut Deutschland”. Hier Philipp Bagus auf Twitter folgen.