Die Staatsschulden versperren den Blick auf die Zerstörung der Vermögen

4.12.2013 – von Philipp Bagus.

Philipp Bagus

Wir leben seit geraumer Zeit in einer Phase zunehmender Verarmung und der größte Teil der Bevölkerung hat dies noch nicht bemerkt. Geld wurde verschwendet im Wohlfahrtsstaat, durch die Rettung der Banken oder gar – wie in Europa – durch die Rettung von Staaten. Aber viele Menschen spüren die Schmerzen noch nicht.

Dennoch haben Fehlinvestitionen realen Wohlstand in einem ungeheuren Ausmaß zerstört. Staatsausgaben für Wohlfahrtsprogramme und Militärinterventionen haben in der westlichen Welt steigende Staatsverschuldung und Haushaltsdefizite verursacht. Diese Schulden werden wohl niemals real zurückgezahlt werden können.

Der kriegerische Wohlfahrtsstaat ist die Fehlinvestition schlechthin. Er befriedigt nicht die Bedürfnisse von freiwillig zusammenarbeitenden Individuen und würde sofort sein Ende finden, würde er nicht permanent durch das gewaltsam eingetriebene Geld der Steuerzahler subventioniert.

Eine weitere Quelle für Fehlinvestitionen ist der mittels Kreditausweitung durch das halbstaatliche Teilreserve-Bankensystem ausgelöste Konjunkturzyklus. Nach der Finanzkrise im Jahr 2008 wurde lediglich ein Teil dieser Fehlinvestitionen liquidiert. Investoren, die mit ihren Investitionen – etwa in angeschlagene Automobilproduzenten oder Hypothekenbanken – in Schieflage geraten waren, wurden vom Staat gerettet; sei es durch direkte Kapitalspritzen oder indirekt durch Subventionen und die Vergabe öffentlicher Aufträge. Das Platzen der Immobilienblase verursachte Verluste bei den Banken. Aber diese Verluste wurden vom Bankensystem nur zum Teil realisiert, wurden die Banken doch weltweit von Regierungen gerettet. In der Folge wanderten die schlechten Schulden von den Banken zu den Staaten, aber verschwunden sind sie deshalb nicht. Und in der Zwischenzeit sind weitere schlechte Schulden hinzugekommen: durch Steigerung der Sozialausgaben in Form von Arbeitslosenunterstützung und einer Unzahl von Konjunkturprogrammen. Und so sind die Staatsschulden regelrecht explodiert.

In anderen Worten: die aus den Fehlinvestitionen des letzten Zyklus entstandenen Verluste wurden zu einem erheblichen Teil an die Regierungen und in die Bilanzen der Notenbanken verschoben. Weder die eigentlichen Investoren, noch die Bankaktionäre, noch die Bankgläubiger, noch die Halter von Staatsanleihen haben bis jetzt die Verluste abgeschrieben. Die schlechten Schulden türmen sich nur immer weiter auf, in Form von Staatsschulden. Das Verschieben schlechter Schulden bringt verlorenen Wohlstand aber nicht zurück. Die Schulden bleiben.

Um dies zu illustrieren, wollen wir Robinson Crusoe und den jungen Freitag auf ihrer Insel beobachten. Robinson arbeitet seit Jahrzehnten hart und spart für seinen Ruhestand. Er investiert in Anleihen, herausgegeben von Freitag. Freitag investiert in ein Projekt. Er beginnt mit dem Bau eines Fischerbootes, mit dem sich einmal genug Fische fangen lassen, um beide zu ernähren, wenn Robinson in Rente geht.

Im Ruhestand angekommen will Robinson nun beginnen, sein Kapital zu verbrauchen. Er möchte seine Anleihen verkaufen, um die von Freitag hergestellten Waren (Fische) zu kaufen. Aber sein Plan wird nicht funktionieren, wenn das Kapital in Fehlinvestitionen verschwendet wurde. Es wird Freitag unmöglich sein, das Kapital in realen Gegenwerten zurückzuzahlen, wenn er nichts gearbeitet und Robinson’s Ersparnisse schlicht und einfach für seinen Konsum verwendet hat oder wenn seine mit Robinson’s Kapital finanzierten Projekte gescheitert sind.

Stellen wir uns beispielsweise vor, dass das Boot schlecht konstruiert war und gesunken ist; oder dass Freitag das Boot niemals gebaut hat, weil er lieber Partys gefeiert hat. Das Vermögen, das Robinson zu besitzen glaubt, ist einfach nicht da. Natürlich lebte Robinson die ganze Zeit in der Illusion, reich zu sein. Die Anleihen besitzt er ja auch noch.

Stellen wir uns weiter vor, dass es auf der Insel eine Regierung  und deren Notenbank gibt. Um die Situation zu ‚retten‘, kauft und übernimmt die Insel-Regierung Freitag’s gescheiterte Firma (samt dem gesunkenen Boot). Die Regierung könnte Freitag natürlich auch retten, indem sie ihm Geld zur Verfügung stellt. Das besorgt sie sich, indem sie selbst Schulden macht, also Anleihen herausgibt, und diese Anleihen von der Notenbank aufgekauft werden. Freitag könnte Robinson auf diese Weise auszahlen, mit frisch gedrucktem Geld. Alternativ könnte auch die Notenbank Geld drucken und Robinson die Anleihen direkt abkaufen. Die schlechten Anlagen (in Form der Anleihen) landen so in der Bilanz der Notenbank oder bei der Regierung.

So könnte Robinson weiterhin in der Illusion leben, reich zu sein, weil er Anleihen, Papiergeld, oder Anleihen einer verstaatlichen oder staatlich subventionierten Firma besitzt. Robinson´s Situation ist durchaus mit der heutigen vergleichbar. Viele Menschen fühlen sich heute reich, weil sie über Sparvermögen verfügen, weil sie Staatsanleihen oder Anleihefonds besitzen. Oder weil sie eine Lebensversicherung haben (Banken, Fondsgesellschaften und Lebensversicherer sind stark in Staatsanleihen investiert).

Jedenfalls kann man die Vermögensvernichtung (das Sinken des Bootes) nicht ungeschehen machen. Und am Ende wird Robinson seine Anleihen, das Papiergeld oder andere Forderungen, die er besitzt, nicht essen können. Es ist einfach nichts da, womit diese gedeckt wären. Niemand fängt gegenwärtig Fische, also werden die Fische auch nicht ausreichen, um sowohl Robinson als auch Freitag zu ernähren.

So ähnlich ist es heute auch. Viele Menschen glauben Vermögen zu besitzen, das in Wirklichkeit nicht existiert. Das Vermögen wurde direkt und indirekt durch Fehlinvestitionen von Regierungen verschleudert. Sie haben Geld in staatliche Wohlfahrtsprogramme gesteckt und immense Versprechen durch staatliche Rentensysteme aufgebaut; sie haben Unternehmen gerettet, in dem sie künstliche Märkte geschaffen haben, Subventionen gewährt und Kapitalspritzen verabreicht haben. Die Staatsschulden explodierten.

Viele Menschen glauben, das Papier-Vermögen, das sie in Form von Staatsanleihen, Anleihefonds, Versicherungspolicen, Bankguthaben und sonstige Forderungen besitzen, würde ihnen einen angenehmen Lebensabend sichern. Jedoch werden Sie im Rentenalter nur das verzehren können, was real wirklich produziert wird. Aber die wirklichen Kapazitäten der Volkswirtschaft sind durch Regierungseingriffe ernsthaft beschädigt und vermindert worden. Das gegenwärtige Papiervermögen ist gedeckt durch eine Menge heißer Luft. Die weiter stattfindende Verschiebung von schlechten Schulden hin zu Regierungen und Notenbanken kann die Zerstörung des Wohlstandes nicht ungeschehen machen. Sparer und Pensionäre werden irgendwann merken, dass der wirkliche Wert ihres Vermögens weit niedriger ist, als sie glauben. Auf welche Weise die Illusion sich auflösen wird, bleibt abzuwarten.

Aus dem Englischen übersetzt von Andreas Marquart. Der Originalbeitrag mit dem Titel Today’s Wealth Destruction Is Hidden by Government Debt ist am 21.11.2013 auf der website des Mises-Institute, Auburn, US Alabama erschienen.

Am 11.12.2013 wird eine Fortsetzung dieses Beitrages mit dem Titel „Wie das Papiergeldexperiment enden wird“ erscheinen.

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Philipp Bagus ist Professor für Volkswirtschaft an der Universidad Rey Juan Carlos in Madrid. Zu seinen Forschungsschwerpunkten Geld- und Konjunkturtheorie veröffentlichte er in internationalen Fachzeitschriften wie Journal of Business Ethics, Independent Rewiew, American Journal of Economics and Sociology u.a.. Seine Arbeiten wurden ausgezeichnet mit dem O.P.Alford III Prize in Libertarian Scholarship, dem Sir John M. Templeton Fellowship und dem IREF Essay Preis. Er ist Autor eines Buches zum isländischen Finanzkollaps („Deep Freeze: Island’s Economics Collapse“ mit David Howden). Sein Buch „Die Tragödie des Euro“ erscheint in 14 Sprachen. Philipp Bagus ist ist Mitglied des wissenschaftlichen Beirates des “Ludwig von Mises Institut Deutschland”. Hier Philipp Bagus auf Twitter folgen.

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