Mises’ Élan Vital

12.1.2018 – von Jeff Deist.

Jeff Deist

Die Leser schätzen an Ludwig von Mises nicht nur seine sowohl tiefgehenden als auch breitgefächerten Erkenntnisse, sondern auch die Eleganz seiner Sprache. Obwohl er in Englisch schrieb, welches er erst im mittleren Alter erlernt hatte, schaffte er es, komplexe Theorien und große Ideen in einem kraftvollen Stil zu transportieren, der für einen Ökonomen nicht unbedingt typisch ist. Nichts an seiner Schreibeweise ist trocken oder technisch. Das ist nur ein Grund dafür, warum man davon profitieren kann, indem man – gleich an welcher Stelle – sein Werk Human Action[1] aufschlägt. Um eine Analogie aus der Zeit zu benutzen, als es Musik noch auf Vinyl und CDs in einer bestimmten Reihenfolge gab: In Mises’ Arbeit gibt es keine Wegwerflieder.

Mises zögerte nicht, sich ausgiebig bei anderen Wissenschaftsfeldern zu bedienen, inklusive Geschichte, Soziologie und Philosophie (insbesondere Epistemologie und Logik), stets bestrebt, Ökonomie ganzheitlich zu präsentieren. Sein Drang, die Auswirkungen menschlichen Handelns und Denkens in seiner Gesamtheit zu verstehen, bewahrte ihn vor der Art von Tunnelblick, der heute in der akademischen Welt so verbreitet ist, in der „Intersektionalität“ rein politischen Zwecken dient und nicht dem Wissensgewinn.

Er zeigte hier seine charakteristische Bescheidenheit, im Gegensatz zu der Überheblichkeit so vieler brillanter Akademiker: Er verstand seinen Beruf als Teil des großen Strebens der Menschheit, und nicht als Wissensfeld zum reinen Selbstzweck und mit strikten Grenzen, die es zu bewachen gilt, selbst wenn sie sich ständig mit anderen Disziplinen überschneiden.

Ein gutes Beispiel für Mises’ meisterhaften Umgang mit Sprache findet sich am Ende von Human Action, in einem Kapitel mit typisch ambitioniertem Titel namens „Ökonomie und die grundlegenden Probleme der menschlichen Existenz“. Hier verwendet er den wunderbaren Begriff „élan vital“, der ursprünglich von dem französischen Philosophen Henri Bergson stammt, um den uns innenwohnenden, noblen Impuls zu beschreiben, stets unsere Lage zu verbessern. Damit ist der „unauslöschbare Drang“ gemeint, der uns nach Glück streben und Unzufriedenheit vermeiden lässt, und der uns unser Leben im „zielgerichteten Kampf gegen die (uns) entgegengestellten Kräfte“ verbringen lässt.

Wie üblich lassen Mises’ Satzbau und Wortwahl kaum an einen langweiligen Text über Wirtschaft denken:

„Es heißt, die Zivilisation mache uns ärmer, weil sie unsere Wünsche vervielfacht und das Verlangen anstachelt, und nicht mildert. All die Geschäftigkeit hart arbeitender Menschen, ihr Herumeilen und Machen und Tun seien sinnlos, da es uns weder Glück noch Ruhe beschert. Seelenfriede und Gelassenheit lassen sich nicht durch Handeln und weltliches Streben erlangen, sondern nur durch Verzicht und Entsagung. Die einzige dem Weisen angemessenen Handlung ist die Flucht in die Untätigkeit einer rein kontemplativen Existenz.

Und doch bringt die unwiderstehliche Kraft der menschlichen Energie alle Bedenken und Zweifel zum Schweigen. Sicher, der Mensch kann dem Tod nicht entkommen. Aber im hier und jetzt ist er am Leben; und das Leben, nicht der Tod, schlägt ihn in seinen Bann. Was immer die Zukunft auch für ihn bereithalten mag, die Notwendigkeiten der Gegenwart halten ihn stets beschäftigt. Solange der Mensch am Leben ist, kann er gar nicht anders als dem Grundimpuls des élan vital zu gehorchen.“

Mises lebte sein Leben sicherlich mit einer Art von stillem Élan, selbst im Angesicht von Rückschlägen und Kränkungen, die einen geringeren Mann in Wut versetzt hätten. Mises gab niemals auf, wandte sich immer mit ruhiger Entschlossenheit der nächsten Aufgabe zu – und ist so eine Inspiration für uns alle in diesem neuen Jahr. Selbst in seinen dunkelsten Stunden während des Großen Krieges ließ er sich nie dazu verleiten, deterministische Theorien der Geschichte und des menschlichen Fortschritts zu übernehmen, die im frühen zwanzigsten Jahrhundert so dominant waren. Für Mises triumphierte der menschliche Wille über das Schicksal. Statt über den politischen oder wirtschaftlichen Stand der Dinge zu verzweifeln, sollten wir lieber mit Zuversicht und gutem Willen voranschreiten.

Lasst uns alle danach streben, 2018 mehr Mises zu lesen, und weniger Wegwerfnachrichten und Kommentare. Seine Arbeit kann uns auf eine Art und Weise beschäftigen, wie es all die sozialen Netzwerke und Editorialseiten niemals werden können – auf ihre eigene, unnachahmliche Art und Weise, die sich so sehr von der weinerlichen Selbsthilfeliteratur unterscheidet, die unsere Zeit dominiert. Es ist doch so: Die meisten heutigen Artikel, Bücher, Podcasts und Fernsehsendungen sind unsere Zeit nicht wert. Gratis Onlineinhalte sind heute praktisch unbegrenzt, aber die Zeit ist es sicher nicht. Sollten Sie sich nicht sicher sein, wo Sie anfangen sollen, oder sollten Sie nicht gleich mit schwerer ökonomischer oder philosophischer Kost beginnen wollen, ziehen Sie doch Mises’ eigene Memoiren oder Dr. Guido Hülsmanns großartige Biographie in Betracht. Beide werden ihnen dabei helfen, die menschliche und unvollkommene Seite dieses großen Denkers zu verstehen – und nebenbei lernen Sie doch noch etwas Ökonomie.

[1] Human Action (1949) ist die Überarbeitung von Ludwig von Mises’ Magnus Opum Nationalökonomie. Theorie des Handelns und Wirtschaftens aus dem Jahr 1940.

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Aus dem Englischen übersetzt von Florian Senne. Der Originalbeitrag mit dem Titel Mises’s Élan Vital ist am 3.1.2018 auf der website des Mises-Institute, Auburn, US Alabama erschienen.

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Jeff Deist ist Präsident des Mises-Institute, Auburn, US Alabama. Er war mehrere Jahre Berater von Ron Paul, sowie Fachanwalt für Steueranwalt, spezialisiert im Bereich „Mergers and Acquistions“. Er war Paul’s Stabschef während der Wahl im Jahr 2012 und dessen Kongress-Pressesekretär in den Jahren 2000 bis 2006.

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Hinweis: Die Inhalte der Beiträge geben nicht notwendigerweise die Meinung des Ludwig von Mises Institut Deutschland wieder.