Was Zentralbanken machen, ist sozial ungerecht

6.9.2017 – von Louis Rouanet.

Louis Rouanet

Obwohl das hohe Maß an Ungleichheit in den Vereinigten Staaten eine der größten Sorgen für die breite Bevölkerung darstellt, wird Geldpolitik und Kreditexpansion kaum als die mögliche Ursache für steigende Vermögens- und Einkommensunterschiede identifiziert. Ökonomen fokussieren sich in ihren Analysen fast ausschließlich auf die Konsumentenpreisinflation und übersehen dabei die umverteilenden Effekte von anderen Kanälen. Einer dieser Kanäle ist die Vermögenspreisinflation und das Wachstum des Finanzsektors.

Der Anstieg von Einkommensungleichheit über die letzten 30 Jahre war größtenteils ein Produkt der Geldpolitik, welche eine Serie an Vermögenspreisblasen erzeugte. Wann immer der Markt boomte, stieg auch der Einkommensanteil der Allerreichsten an. Wenn der Markt dann einbrach, ging dieser Anteil zwar ein wenig zurück, aber nur um während der nächsten Vermögenspreisblase noch steiler anzusteigen.

Der Cantillon Effekt

Die umverteilenden Konsequenzen der Geldschöpfung nannte Mark Blaug Cantillon Effekte. Richard Cantillon war ein französisch-irischer Ökonom, der die Effekte von Inflation unter dem Papiergeldsystem von John Law zu Beginn des 18. Jahrhunderts beobachtete.[1] Cantillon beschrieb, wie das Einkommen derjenigen, die das neu geschöpfte Geld zuerst erhielten, anstieg, während die Kaufkraft derjenigen, die dieses Geld zuletzt erhielten, aufgrund der Konsumentenpreisinflation abnahm.

Ludwig von Mises war, im Gegensatz zu Fisher und anderen Währungsökonomen, der erste, der diese Cantillon-Effekte einer Grenznutzenanalyse unterzog. Mit dem Anstieg der Geldmenge steigt auch der Bargeldbestand der Erstempfänger an. Gleichzeitig aber sinkt der Grenznutzen, den sie dem Geld zumessen, weshalb sie eher in Konsum- oder Produktionsgüter investieren. Aufgrund dieser vermehrten Investitionen treiben sie die Preise dieser Güter in die Höhe und erhöhen dabei die Bargeldbestände der Verkäufer. Durch diesen schrittweisen Prozess steigen die Güterpreise progressiv an und verändern dabei sowohl die Verteilung von Einkommen und Vermögen, aber auch die verschiedenen Preisrelationen.

Finanzialisierung, Vermögenspreisinflation und Ungleichheit

In Übereinstimmung mit dem Cantillon-Effekt kann Inflation – abhängig vom Kanal, durch den sie erzeugt wird – die Ungleichheit erhöhen, obwohl zunehmende Ungleichheit nicht notwendigerweise eine Konsequenz von Inflation sein muss. Beispielsweise könnte sich, falls die Ärmsten der Gesellschaft die Erstempfänger des neu geschöpften Geldes wären, die Inflation mäßigend auf die Ungleichheit auswirken.

Jedoch wird unter dem modernen Zentralbankenregime Geld über den Kreditkanal geschöpft bzw. weitergeleitet und betrifft daher zuallererst den Finanzsektor. In diesem System sind die Geschäftsbanken und andere Finanzinstitutionen nicht nur die Erstempfänger des neu geschöpften Geldes, sondern gleichzeitig auch die Hauptproduzenten dieses Kreditgeldes. Das ist deshalb so, weil Banken nicht vom Basisgeld gedeckte Kredite ausgeben können. In einem freien Bankensystem wird diese Fähigkeit zur ungedeckten Kreditvergabe durch den Wettbewerb und den Clearing-Prozess strengstens limitiert.

In einem Zentralbankensystem jedoch ist der Bedarf an Reserven elastisch, da Banken entweder Finanzvermögen im Zuge von Offenmarkttransaktionen an die Zentralbank verkaufen können oder bei der Zentralbank einen relativ günstigen Kredit aufnehmen können. In beiden Fällen wird das Limit für Kreditexpansion von der Zentralbank aufgehoben, indem sie die totalen Reserven im Bankensystem determinieren kann. In anderen Worten, Geschäftsbanken und andere Finanzinstitutionen werden mit sogenanntem Basisgeld ausgestattet, welches zuvor noch gar nicht existiert hat. Der Cantillon-Effekt weist uns deshalb darauf hin, dass Finanzinstitutionen unverhältnismäßig viel von der Geldschöpfung profitieren, da sie Güter, Leistungen und Vermögenswerte für relativ günstige Preise erwerben können. Diese Erkenntnis ist durch viele empirische Illustrationen bewiesen. Der Finanzsektor, zum Beispiel, hat das Wachstum der Milliardärsvermögen massiv unterstützt:

 

 

 

 

 

 

 

 

Wir können vier Hauptgründe auflisten, warum das Wachstum des Finanzsektors auf die Expansion des Geldbestands zurückzuführen ist:[2]

  1. Finanztitel werden oft als Pfand für Schuldverträge verwendet.
  2. Aufgrund der Antizipation von Preisinflation, die eine fest eingebaute Komponente in allen Fiatgeldregimen ist, wird das Horten von Geld reduziert, was wiederum die Nachfrage und dadurch auch das Angebot von Finanztiteln erhöht.
  3. Die Geldschöpfung durch Zentralbanken gleicht einer reinen menschlichen Willensanstrengung und ist daher anfällig für moralisches Fehlverhalten im Finanzsektor. Das führt zu einer künstlich hohen Nachfrage nach Finanztiteln und erhöht daher im gleichen Ausmaß das Angebot dafür.
  4. Die Kreditmanipulation von Zentral- und Geschäftsbanken durch die Herabsetzung der kurzfristigen Zinssätze betrifft vor allem die Nachfrage nach Kapital und verändert die Kapitalstruktur im Laufe des Konjunkturzyklus.

Einer der anschaulichsten Konsequenzen des Finanzsektorwachstums, welches durch Geldschöpfung ausgelöst wird, ist die Vermögenspreisinflation. In einem vollständig gesunden Geldsystem, in dem Kredit lediglich vom gesparten Kapitalbestand abhängt anstatt von virtuellem Kredit, gibt es keinen Raum für allgemeine und anhaltende Vermögenspreisinflation, da der Kapitalbestand, der für Vermögenskäufe zur Verfügung steht, strengstens limitiert ist. In anderen Worten, das Phänomen der Vermögenspreisinflation ist das Kind der Kreditinflation.

Von Vermögenspreisinflation profitieren in allererster Linie die Reichsten der Gesellschaft aus vielerlei Gründen: Erstens tendieren die Wohlhabenden dazu, mehr Vermögenswerte in Proportion zu ihren Einkommen zu besitzen als Arme. Zweitens ist es einfacher für die Reichsten, einen Kredit aufzunehmen, um damit Aktien kaufen zu können, die später gewinnbringend verkauft werden können. Da die Kreditausweitung die Zinsen und dadurch auch die Finanzierungskosten reduziert, werden die Gewinne durch den Verkauf von inflationierten Vermögenswerten, die zuvor auf Kredit gekauft wurden nur noch größer. Schlussendlich profitieren von der Vermögenspreisinflation, die auf das Wachstum des Finanzsektors zurückzuführen ist, die Angestellten, Manager, Händler etc., die im Finanzsektor arbeiten. Natürlich profitieren auch die CEOs der an der Börse gehandelten Unternehmen, wenn deren Vermögenswert an der Börse ansteigt. Die Korrelation zwischen Vermögenspreisen und Einkommensungleichheit ist deshalb, wie erwartet, äußerst stark.

 

Jedoch haben die meisten Währungsökonomen die Vermögenspreisinflation ignoriert und ignorieren sie auch heute noch. Sie sehen diese auch nicht als Konsequenz eines inflationierten Geldbestandes an. Einem Leser von A Monetary History of the US (1963) von Friedman und Schwartz oder von Allan Meltzer’s A History of the Federal Reserve (2004) wird kein einziges Mal das Wort Vermögenspreisinflation begegnen. Diese Ignoranz führt dazu, dass die Effekte der Inflation auf die Ungleichheit unterschätzt bzw. ganz ausgeblendet werden. Perioden wachsender Ungleichheit und Inflation wie in den 1920er Jahren oder den 2000ern fielen zusammen mit hohen Vermögenspreisinflationsraten, aber relativ stabilen Konsumentenpreisen. Liegt der Fokus deshalb nur auf der Konsumentenpreisinflation allein, wird der wichtigste Effekt von Geldschöpfung auf die Ungleichheit ausgeblendet.

Seit der Finanzkrise 2008 wurden die sogenannten unkonventionellen Geldpolitiken oftmals damit begründet, dass kurzfristig etwas getan werden muss, weil wir ja lt. John Maynard Keynes „in der langen Frist alle tot sind“. Da unser Geldsystem aber dazu tendiert, die Ungleichheit zu erhöhen, und falls es das Ziel ist, den Lebensstandard der schwächsten Mitglieder unserer Gesellschaft zu erhöhen, dann ist das Zentralbankwesen und künstliche Geldschöpfung sogar noch kostspieliger als normalerweise von Politikern angenommen.

[1] Blaug, M. (1985) Economic Theory in Retrospect, 4th edition, Cambridge: Cambridge University Press.
[2] I owe the three first reasons to Mises Fellow Karl Friedrich Israel. See: Israel, K. F. (2016a). In the long run we are all unemployed? The Quarterly Review of Economics and Finance. (64). 67-81.

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Aus dem Englischen übersetzt von Mathias Nuding. Der Originalbeitrag mit dem Titel How Central Banking Increased Inequality ist am 15.8.2017 auf der website des Mises-Institute, Auburn, US Alabama erschienen.

MISES SPOT ON: „Der Cantillon-Effekt“


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Louis Rouanet studiert Volkswirtschaftslehre und Politikwissenschaften am Institute of Political Studies in Paris.

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Hinweis: Die Inhalte der Beiträge geben nicht notwendigerweise die Meinung des Ludwig von Mises Institut Deutschland wieder.