„Der erste Keynesianer“ oder „Wie man ein Land in vier Jahren ruiniert“ – Teil 1

2.12.2016 – von Michael Ladwig.

Michael Ladwig

[Dieser Beitrag wird in drei Teilen veröffentlicht, Teil 2 folgt am 9.12.2016 und Teil 3 am 16.12.2016.]

Wenn Sie glauben, in einer schnelllebigen Welt zu leben, dann kennen Sie noch nicht das Leben von John Law (1671-1729) und dessen geldpolitische Abenteuer in Frankreich. Im nun folgenden Artikel lernen wir die Geschichte eines Mannes kennen, der in Schottland aufwuchs, in England ein gesuchter Mörder war, im Glücksspiel ein versierter Kenner, später sogar französischer Zentralbanker wurde und für kurze Zeit der mächtigste Mann Europas war.

Als besagter John Law nach Frankreich kam, hatte er bereits Monate zuvor versucht, seine Denkschriften den verschiedensten Herrscherhäusern als das Allheilmittel gegen wirtschaftlichen Abschwung zu verkaufen. Er bot sie der schottischen, italienischen und russischen Obrigkeit an. Alle lehnten ab. Sie hielten Law für das, was er war: ein Hasardeur, ein Spieler; kurzum: für unseriös.

Die Idee Laws ist heute so populär, wie sie damals neu war. In Umkehrung der damaligen Vorstellung von Geld, war es Laws Absicht, das Tauschmittel einer allgemein anerkannten Deckung zu entheben und so den Handel und die Wirtschaft zu beleben. Das dieser Mann ein Keynesianer im heutigen Sinne war, daran kann heute kein Zweifel bestehen. Über die in einer Volkswirtschaft umlaufende Geldmenge schrieb er folgendes:

„Eine begrenzte Geldmenge kann nur eine begrenzte Personenzahl beschäftigen, und Gesetze zur Arbeitsbeschaffung dürften in einem Land mit Geldknappheit kaum zum Erfolg führen. Gute Gesetze mögen zwar die Umlaufgeschwindigkeit des Geldes erheblich steigern und dazu beitragen, dass es Beschäftigungsmöglichkeiten schafft; doch auch die besten würden nicht mehr Menschen in Arbeit und Brot bringen, solange es am Geld fehlt.“[1]

Kommt Ihnen das bekannt vor? Wenn die Wirtschaft schwächelt, dann ist schlichtweg zu wenig Geld im Umlauf! Diese Aussage könnte freilich auch von heutigen austauschbaren Mainstreamökonomen stammen; sie stammt jedoch von John Law, der 1720 zum mächtigsten Mann in Frankreich avancierte.

Streng genommen sollte die Nachwelt John Maynard Keynes (1883-1946) einen Lawianer nennen, denn vieles was Keynes schrieb, nahm Law bereits 200 Jahre zuvor vorweg. In den Werken von Keynes fand Law bezeichnenderweise sehr wenig Erwähnung.

John Law war der Urvater des Papiergeldes. So wird er uns zumindest in der Populärliteratur vorgestellt. Das mag etwas übertrieben sein, hat aber einen wahren Kern. Er ist der Nachwelt wohl deshalb so lange in Erinnerung geblieben, weil er zeigen durfte, was eine ungedeckte Papierwährung zu leisten imstande ist. Wir finden in Laws Schriften bereits Auseinandersetzungen zu den Themen zyklische Bankenkrisen, Ersetzung von Münz- durch Papiergeld und Geldmengensteigerung zwecks Vollbeschäftigung. Dabei war ihm die Wechselwirkung von Geldbedarf und Geldangebot keineswegs unbekannt, aber er zog es vor, auf einem Banknoten-Monopol zu bestehen. Heute ist Papiergeld alltäglich und nur Wenigen ist bekannt, was in grauer Vorzeit bereits ausprobiert worden ist und mit welchen Folgekosten. Aus diesem Grund lassen Sie uns an einer unglaublichen Geschichte teilhaben, die so wahr ist, dass man sich wünschte, Law hätte sich niemals für Geld interessiert. Den Artikel handeln wir streng als chronologisches Stakkato ab. Diese Vorgehensweise wird dem Leser die fatale Ursache-Wirkung-Kette keynesianischer Entwicklungsdynamiken deutlicher vor Augen führen, als wenn wir das Thema literarischer angehen.

Bevor wir an der Stelle weitermachen, werfen wir noch einen kurzen Blick auf Laws frühe Jahre. Geboren wurde er 1671 in Edinburgh. Sein Vater war Goldschmied und man darf wohl annehmen, dass Law als Kind bereits mit dem Geldgeschäft seines Vaters in Kontakt kam. Es war gerade die Zeit, als Goldschmiede in London (wohl auch die schottischen) begannen, Bankgeschäfte abzuwickeln und zu diesem Zweck mehr Goldlagerquittungen ausgaben als sie tatsächlich Gold im Speicher hatten – was selbstverständlich in der Folge zu vielen Bankrotten in den Jahren 1674, 1678, 1682 und 1688 führte. Kurz nach diesen Crashs erhielten 1694 die Eigentümer der Bank of England das Patent, eine Monopolbank zu errichten, was wiederum ein Artensterben der Goldschmiede zur Folge hatte. Laws Vater William war so hochangesehen, dass ihn das schottische Parlament als einen von drei Gutachtern in den Königlichen Ausschuss berief, um die Voraussetzungen einer staatlichen Münzanstalt zu prüfen. Die spärlichen Aufzeichnungen aus Laws jungen Jahren zeigen ihn bereits 1693 als Spieler in London sein Geld machen. In den Anfangsjahren verlor er allerdings soviel Geld, dass er sich durch Rückübertragungen der väterlichen Anwesen Lauriston und Randleston an seine Mutter hat auszahlen lassen müssen, um überhaupt weiterhin in London sein Spiel machen zu können.

Wenige Monate darauf kam es zu dem bedeutungsvollen Ereignis vom 9. April 1694. An diesem Tage erschoss Law den ebenfalls noch jungen Lebemann Edward Beau Wilson in einem illegalen Duell. Die Umstände und Spekulationen, die das Ereignis „erklären“ helfen, sparen wir uns. Fakt ist jedoch, dass Law verhaftet wurde und ihm die Todesstrafe drohte. Unter nicht geklärten Umständen konnte er im Januar 1695 aus dem Gefängnis fliehen und begab sich vorerst nach Holland. Dabei hatte er wohl tatkräftige Unterstützung von hoher Stelle. Aber wer und warum ihm bei seiner Flucht behilflich war, das alles bleibt im Dunkeln und wird es wohl auch bleiben.

Auf dem europäischen Festland tat Law das, was er am besten kann. Er berechnete Wahrscheinlichkeiten. Spielend zog er durch Europa. Seine Reisen führten ihn von Holland nach Italien und wieder zurück nach Schottland, bevor er 1714 nach Frankreich mit einem nicht unerheblichen Vermögen von 1,6 Millionen Livre gelangte. Dies entspricht heute in etwa 6,5 Mio. Euro. Der Livre war eine Silberwährung und ein Livre entsprach damals fast 8g Silber. Demnach war Law mit einem Gegenwert von über 12t Silber in Frankreich eingetroffen, natürlich nur in Papierform, aber damals war die Währung noch gedeckt und man konnte das Papier jederzeit gegen Silber eintauschen.

Nachdem Law den blühenden holländischen Handel und den Reichtum italienischer Seestädte kennengelernt hatte, musste er die Gegensätze zu seiner armen, schottischen Heimat als besonders bedrückend empfunden haben. Er studierte den Handel und das Bankwesen und verdichtete seine Erkenntnisse auf einen einzigen Aspekt. In armen Gegenden fehlt es am Geld. Law war der festen Überzeugung, seiner Heimat durch die Ausgabe von mehr Kreditgeld helfen zu können.

Während sich Law an den Spieltischen in Frankreich verlustierte, lag das Land am Boden. Die verschiedenen Gewerbezweige produzierten nur so viel, wie sie zum Überleben benötigten. Es lohnte sich nicht, aktiv zu werden, da die Krone nahezu die gesamten Erträge wegsteuerte. Die Kriege, die König Ludwig XIV. führte, hatten Land und Leute ausgezehrt. Nach dem Tod von Ludwig XIV., am 1. September 1715, sah Law seine Chance als gekommen an. Er versuchte zwar bereits vorher, über adlige Kontakte seine Denkschriften über die Mobilisierung der Wirtschaft mittels Geldausgabe dem König vortragen zu können, aber der Hof war noch zu lethargisch und nicht interessiert. Der Staat hatte über 2 Mrd. Livre Schulden, aber so genau wusste man das nicht, da die doppelte Buchhaltung im damaligen Frankreich etwa so bekannt war wie Weißwurst und warmes Bier. Denkschrift über Denkschrift schrieb Law nieder und in fast jeder versprach er den Schuldenberg auf nicht weniger als Null einzudampfen.

Wie verzweifelt muss die Regierung eines Landes sein, um einen Glücksspieler und gesuchten Mörder zum Zentralbanker zu machen? Das dürften sich nicht Wenige gefragt haben. Aber ein Blick auf den Staatshaushalt spricht da Bände. Die Verzweiflung springt uns bei der Betrachtung der folgenden Zahlen förmlich ins Gesicht. Im Todesjahr vom Sonnenkriegskönig Ludwig XIV. betrugen die Einnahmen des Staates 69 Millionen Livre. Die Ausgaben – man lese und staune – „nur“ 147 Millionen![2] Allein die Zinskosten für die Staatsschuld waren höher als die Einnahmen! Aber die Hauptsache ist doch, das größte stehende Heer und die größte Flotte der damaligen Welt zu unterhalten. Aber auf Dauer drücken Schulden eben doch und daher war der königliche Hof nicht untätig, sich seiner Schulden zu entledigen. Was haben sie nicht alles versucht. Natürlich mit allen nur erdenklichen faulen Tricks und unter Inkaufnahme eines Glaubwürdigkeitsverlustes. Sparen und die höfische Verschwendung abzustellen, fanden sich übrigens nicht unter diesen Tricks.

Einige seiner vorgeschlagenen Maßnahmen waren durchaus neu und konfliktträchtig, wie z.B. die Abschaffung der käuflichen Ämter, die ein heilloses Chaos in der Staatsverwaltung hinterließen, weil es enorme Schnittmengen bei den Kompetenzen gegeben hatte. Law forderte die Monopolisierung einiger Steuerpachten, wie den Außenhandel und den Tabaksverkauf, was der Krone einige Millionen Livre an Zinszahlungen ersparte. Er trieb Rückstände ein und kaufte höher verzinsliche Rentenpapiere zurück. Das waren ganz gewöhnliche Aufgaben eines Schatzkanzlers der damaligen Zeit. Law jedoch wollte mehr; musste sich allerdings erst einmal in Geduld üben und eine gewisse Reputation erlangen, indem er mit Chuzpe und Eloquenz sein Netzwerk im französischen Adel ausbaute. Seine Statur und seine Ausstrahlung dürften dabei von Vorteil gewesen sein. Er soll mehr als 1,80m groß gewesen sein, zudem beherrschte er wohl das, was man heute NLP (Neuro-Linguistisches Programmieren) nennt. John Law war ein Meister in der Kunst des Überzeugens.

Wie er das anstellte, zeigt folgender Ausschnitt aus einer Denkschrift an den Regenten. Dieser, der 1715 stellvertretend für den fünfjährigen Ludwig XV. die Regierungsgeschäfte führte, sollte in die Lage versetzt werden:

„…das Königreich aus dem traurigen Zustand, in welchen es geriet, wieder herauszuführen, es mächtiger zu machen, als es jemals war, seine Finanzen wieder zu ordnen, die Landwirtschaft wieder in Schwung zu bringen und zu verbessern, die Manufakturen und den Handel zu beleben, die Bevölkerungszahl zu vergrößern, das nationale Einkommen des Königreichs zu vermehren, die Aufwendungen für die unnützen und lästigen Ämter zurückzuerstatten, die Einnahmen des Königs zu steigern, bei gleichzeitiger Entlastung des Volkes, und schließlich die Staatsschuld zu verringern, ohne deswegen den Gläubigern zu schaden.“[3]

An der Quadratur des Kreises haben sich schon viele die Finger verbrannt, aber Law wusste, wie man den von Finanzen wenig verstehenden Herzog Phillipp II. das Paradies auf Erden schmackhaft machen konnte. Allein der letzte Halbsatz ist so falsch, dass sich die Balken biegen. Denn sein System hat genau das vollbracht, die Gläubiger ruiniert und die Bonität Frankreichs pulverisiert.

Law und Keynes haben viel mehr gemeinsam, als man gemeinhin anzunehmen wagt. Das Erschaffen von „Wundern“ mittels Geldmengenausweitung gehörte jedenfalls auch dazu. 1943 glaubte Keynes zu wissen, dass Kreditexpansion, das „Wunder, … Steine in Brot zu verwandeln.“ schafft.[4]

Um das Law´sche System voranzubringen, war dieser nie um Argumente verlegen, eines davon war es z. B., der französischen Krone mit dem Kriegskostenargument zu imponieren. Künftige Kriege würden noch teurer sein und man müsse eine neue finanzielle Quelle auftun, um die Verlegenheit einer Staatsbankrotterklärung zu umgehen. Außerdem, so stichelte er die französische Eitelkeit, sei England – die damals größte Konkurrenzmacht –, niemals durch seine zahlreichen Kriege in Zahlungsschwierigkeiten geraten. Schließlich – so fuhr er fort – hatten außerdem noch weitere ausländische Staaten wie Holland, Schweden und Italien bewiesen, wie ein hoch entwickeltes Bankwesen zur Kriegskostenbewältigung beitragen konnte. Napoleon sagte einst, sein Jahreseinkommen beträgt 200.000 Rekruten. Nun, die Regenten vor ihm sahen das wahrscheinlich ähnlich und waren nie verlegen gewesen, einen weiteren Krieg zu entfesseln, wenn nur ihr „Jahreseinkommen“ entsprechend größer gewesen wäre. Aber ohne eine eigene Zentralbank stehe Frankreich abgeschlagen da – so Law – und würde im „Wettbewerb der Gauner“ hoffnungslos unterlegen sein. Wenn das kein Menschenfreund ist, dann bin ich unschlüssig, wen man überhaupt noch für einen halten kann.

Der ehemalige Bundesbankpräsident Axel Weber hatte diesen Umstand 2015 in einem Artikel für das Schweizer Handelsblatt auf den Punkt gebracht. Er schrieb: „Zentralbanken wurden eingeführt, um die Kriegsfinanzierung zu sichern.“[5]

Hier geht es zu Teil 2 und hier zu Teil 3.

[1] Murphy, Antoin E. John Law. 2002. S. 151.
[2] Gaettens, Geschichte der Inflationen. 1982. S. 101
[3] Murphy, S. 191
[4] Paper of the British Experts von 8. April 1943. Zitiert bei Mises „Steine zu Brot, das Keynesianische Wunder“, 1952. (Übersetzung Helmut Krebs, menschliches-handeln.de)
[5] http://www.handelszeitung.ch/konjunktur/ubs-praesident-weber-mehr-spielraum-fuer-notenbanker-795596

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Michael Ladwig ist Finanzbuchhalter, Controller und »Misesianer«. Er ist 1978 im größten Freiluftgefängnis der Welt – der Deutschen Demokratischen Republik geboren. Nach dem Abitur, Wehrdienst, BWL-Studium und Familiengründung, hat er sich bereits seit dem Crashjahr 2008 mit den Ursachen großer Verwerfungen im Finanzsystem beschäftigt. Er ist Gründer des Oeconimus-Verlages. Für sein Ludwig von Mises Lexikon hat er fast fünf Jahre intensiv die Werke von Mises studiert.

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