Die Grenzen der empirischen Volkswirtschaftslehre

5.12.2016 – von Frank Hollenbeck.

Frank Hollenbeck

Zwei voneinander getrennte Entwicklungen innerhalb der Volkswirtschaftslehre in den vergangenen 100 Jahren führten dazu, dass sich die Makroökonomie nicht fort- sondern zurückentwickelt hat. Die erste Entwicklung ist die keynesianische – bzw. um genau zu sein die malthusianische – Vorstellung von einer gesamtwirtschaftlichen Nachfrage. Die zweite Vorstellung ist der auf Milton Friedman zurückzuführende positive Empirismus, der die Wichtigkeit der empirischen Verifikation einer ökonomischen Theorie betont.

Gemäß dem positiven Empirismus lassen sich ökonomische Theorien nur durch die Betrachtung von ökonomischen Fakten validieren.

„Theorie, verstanden als ein Substrat von stichhaltigen Hypothesen, soll nach ihrer Vorhersagekraft für die Gruppe von zu ‚erklärenden’ Phänomenen bewertet werden. Nur der faktische Nachweis kann zeigen ob sie ‚richtig‘ oder ‚falsch‘ ist, besser noch, ob sie vorläufig als gültig ‚akzeptiert‘ oder ‚verworfen‘ wird. (…) Der einzige relevante Test für die Validität einer Hypothese ist der Vergleich ihrer Vorhersage mit Erfahrung.“[1]

Ökonomische Theorie soll nach ihrer Vorhersagekraft beurteilt werden, die durch empirische Regelmäßigkeit gestützt wird. Nur der sachliche oder empirische Nachweis kann eine Theorie von einer „bedeutungslosen“ Hypothese zum Teil des akkumulierten Wissens der Menschheit transformieren. Der einzige maßgebliche Test der Gültigkeit einer Hypothese ist ihre Vorhersagekraft.

Friedman erweiterte Poppers „Falsifikationsprinzip“, wonach eine Theorie niemals verifiziert, sondern nur falsifiziert werden kann, sobald jemand eine Gegenbeobachtung macht, die die Theorie als fehlerhaft offenbart.

„Die Hypothese wird verworfen, wenn ihre Vorhersagen widerlegt sind (‚häufiger‘ oder öfter als Vorhersagen anderer Alternativhypothesen). Die Hypothese wird angenommen, wenn ihre Vorhersagen nicht widerlegt werden. Großes Vertrauen erlangt sie, wenn sie viele Gelegenheiten der Widerlegung überstanden hat. Eine tatsächliche Beobachtung kann eine Hypothese niemals ‚beweisen‘, alles was sie kann, ist daran zu scheitern, die Hypothese zu widerlegen. Genau dies ist gemeint, wenn man gemeinhin etwas ungenau sagt, eine Hypothese sei durch Erfahrung ‚belegt‘.“[2]

Ökonomen haben den positiven Empirismus einen Schritt weitergetrieben und ökonomische Theorie aus empirisch regelmäßig auftretenden Erscheinungen formuliert, etwa das Okunsche Gesetz, die Phillipskurve oder zuletzt die populär gewordene 90-Prozent-Schuldenregel von Rogoff und Reinhart. Als diese empirischen Gesetzmäßigkeiten zunehmend begannen, sich aufzulösen, hatten diese Ökonomen keinerlei intellektuellen Probleme, ihre Theorie zu verändern und der Datenlage anzupassen. Ein Beispiel ist die anpassungsfähige und rationale Erwartungshypothese der Phillipskurve. Auch hatten Ökonomen wenig Bedenken, Graphen heranzuziehen, die die empirisch-kausalen Zusammenhänge zwischen ökonomischen Variablen demonstrierten.

Dies geht aber weit über das hinaus, was die Volkswirtschaftslehre eigentlich leisten kann. Davon ungeachtet prangern aber nur die wenigsten Fachökonomen diese Verfälschung der Wissenschaft öffentlich an. Empirie kann eine ökonomische Theorie untermauern, sie kann aber niemals eine ökonomische Theorie beweisen oder widerlegen.

Vor über 100 Jahren wurden die Grenzen des Empirismus klar und deutlich dargelegt. R.A Lehfeldt versuchte in dem Artikel „The Elasticity of the Demand for Wheat” (1914) unter dem Rückgriff auf historische Daten die Nachfrageelastizität des Getreidepreises gegenüber dem Getreideverbrauch zu bestimmen. Dabei versuchte er, den Einfluss anderer Faktoren zu korrigieren (ceteris paribus) und bestimmte die Nachfrageelastizität von Getreide mit +0,6. Lässt sich aus dieser Untersuchung schließen, dass die Nachfragekurve für Getreide in Wirklichkeit ansteigend ist? Hat diese empirische Untersuchung nicht gezeigt, dass die ökonomische Theorie falsch ist? Jeder vernünftige Ökonom würde die beobachteten Werte nicht als Punkte auf einer fixen Nachfragekurve verstehen, sondern als sich immerfort verändernde Schnittpunkte zwischen Angebot und Nachfrage bzw. als Punkte, die zu einem solchen Gleichgewicht tendieren.

Eine Nachfragekurve ist wie eine Fotographie: Sie ist nur gültig für diesen einen Moment, da sich die anderen Faktoren konstant verändern und sich so die Position der Kurve von einem auf den anderen Moment ebenfalls verändert. Empirisch ist es unmöglich, die Neigung einer Nachfragekurve zu messen. Auch wenn der Autor versucht hat, Verschiebungen in den Angebots- und Nachfragekurven zu korrigieren, es sind zu viele sich verändernde Einflussgrößen (manche nicht einmal messbar), als dass er alle empirisch hätte überwachen können. Seine Aufgabe war unmöglich und Ökonomen hätten wichtige Rückschlüsse aus seinem Scheitern ziehen sollen.

In dieser Zeit hätten empirische Berechnungen unzählige, positiv steigende Nachfragekurven offenbart. Die Bevölkerung und die Geldmenge (beides ungenau gemessen) wuchsen während dieser Periode. Sollte man daher, dem empirischen Positivismus folgend, schließen, Nachfragekurven seien als absteigend „verworfen“ und als ansteigend „bestätigt“?

Dies wirft einen anderen wichtigen Punkt auf, der in der Debatte um die 1953er Abhandlung Friedmans stellenweise fehlt. Das Messungsproblem in den Wirtschaftswissenschaften. So zum Beispiel die Beziehung zwischen Geldmengenwachstum und Inflation (eine Beziehung, die unter den Maßstäben des „Falsifikationsprinzip“ nicht besteht). Was ist Geld und was ist Inflation? Es existieren verschiedene Definitionen von Geld wie etwa M0, M1, M2, M3, M4 etc. Inflation wird normalerweise mit Hilfe eines Verbraucherpreisindex oder dem Bruttoinlandsprodukt berechnet. Nun ist aber schon aus der Konstruktion ersichtlich, dass der Verbraucherpreisindex fehlerhaft ist. Um das Augenmerk auf die Preise zu lenken, müssen Gewichtungen für die Basisperiode vorgenommen werden. Dies wiederum führt automatisch zu einer Übergewichtung von Preissteigerungen und einer Untergewichtung von Preissenkungen.

Ferner verband die ursprüngliche Quantitätstheorie des Geldes Geld mit den Preisen aller anderen Transaktionen. Alles was man mit Geld kaufen kann: Nahrung, Aktien, Anleihen, Immobilien, Schmuck. Ein Index eines solchen richtigen Maßes der Preisinflation ist unmöglich zu berechnen, da die Gewichtungen nicht berechenbar sind. Der Verbraucherpreisindex und das Bruttoinlandsprodukt sind daher ungeeignete Stellvertreter für die richtige Messung von Inflation. Heutzutage ist erkennbar, wie ein gezähmter Verbraucherpreisindex Zentralbanker gegenüber den verzerrenden Folgen einer Vermögenspreisinflation verblendet.

Aus dieser Warte betrachtet, ist der positive Empirismus in der Volkswirtschaftslehre von sehr beschränktem Nutzen und in vielen Fällen nutzlos.

Was soll der Ökonom also tun? Er soll sein Augenmerk zurück auf die Theorie richten, in dem Verständnis, dass die Empirie der Theorie helfen kann und nicht als deren Grundlage verwechselt oder gar als Ersatz für ökonomische Theorie verstanden wird.

Die Volkswirtschaftslehre ist eine Sozialwissenschaft, die auf unwiderlegbaren Axiomen vom menschlichen Handeln beruht. Die Empirie innerhalb der Ökonomie ist viel eingeschränkter als in den Naturwissenschaften. Sie sollte darauf beschränkt bleiben, die Theorie zu untermauern.

Auch wenn John Stuart Mill ein Empirist war, lag er richtig als er sagte, die Wirtschaftswissenschaft als Ganzes sei „hypothetisch“. Es bleibt im Kern eine Tendenzwissenschaft.

[1] Milton Friedman, „The Methodology of Positive Economics“.
[2] David Brat, „Milton Friedman’s Positivism and the Method of Economics“.

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Aus dem Englischen übersetzt von Arno Stöcker. Der Originalbeitrag mit dem Titel The Empirical Limits of Economics ist am 14.11.2016 auf der website des Mises-Institute Canada erschienen.

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Dr. Frank Hollenbeck lehrt Volkswirtschaft an der “International University” in Genf, Schweiz.

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Hinweis: Die Inhalte der Beiträge geben nicht notwendigerweise die Meinung des Ludwig von Mises Institut Deutschland wieder.