Die schlimmste Verwendung des Wortes „sozial“ ist in „Soziale Gerechtigkeit“

4.7.2016 – von Friedrich A. von Hayek.

Friedrich August von Hayek (1899 – 1992)

Seine bei weitem schlimmste Verwendung findet das Wort „sozial“, das ohnehin jedem Wort, dem es vorangestellt wird, ganz und gar seinen Sinn nimmt, in der fast weltweit gebrauchten „sozialen Gerechtigkeit“. Obwohl ich mich mit dieser speziellen Frage schon einigermaßen ausführlich auseinandergesetzt habe, besonders im zweiten Band meiner Trilogie Recht, Gesetzgebung und Freiheit (Die Illusion der sozialen Gerechtigkeit) muss ich doch wenigstens ganz kurz auch hier darauf eingehen, weil sie eine so wichtige Rolle in den Argumenten für und wider den Sozialismus spielt.

Die Wendung „soziale Gerechtigkeit“ ist, wie ein hochangesehener Mann mit mehr Mut als ich schon vor langer Zeit rundheraus sagte, nichts weiter als „semantischer Betrug aus demselben Stall wie die Volksdemokratie“ (Curran, 1958: 8). Das alarmierende Ausmaß, in dem diese Bezeichnung das Denken der jüngeren Generation bereits in die Irre geleitet hat, zeigt eine Dissertation aus Oxford über Social Justice (Miller, 1976), in der auf die herkömmliche Vorstellung von Gerechtigkeit mit der höchst ungewöhnlichen Bemerkung Bezug genommen wird: „Es scheint eine Kategorie der privaten Gerechtigkeit zu geben.“

Ich konnte auch schon die Bemerkung lesen, „sozial“ beziehe sich auf alles, was Einkommensunterschiede vermindere oder beseitige. Aber warum soll derartiges Handeln „sozial“ sein? Vielleicht weil es eine Methode ist, um sich Mehrheiten zu sichern, d.h. Stimmen zusätzlich zu denen, die man aus anderen Gründen zu bekommen erwartet? Das dürfte zutreffen, aber es heißt natürlich auch, dass jede Ermahnung an uns, „sozial“ zu sein, eine Aufforderung zu einem weiteren Schritt in Richtung der „sozialen Gerechtigkeit“ des Sozialismus ist.

Somit wird die Verwendung des Ausdrucks „sozial“ praktisch gleichbedeutend mit dem Ruf nach „Verteilungsgerechtigkeit“. Dieser verträgt sich freilich nicht mit einer Wettbewerbsordnung und mit dem Wachstum oder auch nur der Erhaltung von Bevölkerungszahl und Wohlstand. Durch solche Irrtümer sind die Menschen also so weit gekommen, das als „sozial“ zu bezeichnen, was schlechthin das Haupthindernis für die Erhaltung der „Gesellschaft“ ist. Statt sozial sollte es in Wirklichkeit „antisozial“ heißen.

Es ist wahrscheinlich richtig, dass die Menschen mit ihrer wirtschaftlichen Situation zufriedener wären, wenn sie den Eindruck hätten, die relativen Positionen der einzelnen seien gerecht. Aber die ganze Vorstellung einer Verteilungsgerechtigkeit – dass jeder einzelne das bekommen sollte, was er moralisch verdient – ist in der erweiterten Ordnung menschlichen Zusammenwirkens (der Katallaxie) sinnlos, denn das verfügbare Produkt (seine Größe, ja schlechthin sein Vorhandensein) hängt von einer, in gewisser Hinsicht moralisch indifferenten Methode der Verteilung seiner Einzelteile ab.

Aus schon erörterten Gründen lässt sich moralisches Verhalten nicht objektiv bestimmen, und in jedem Fall setzt die Anpassung des größeren Ganzen an erst zu ermittelnde Tatsachen voraus, dass wir uns mit dem Satz einverstanden erklären: „Erfolg basiert auf Ergebnissen, nicht auf Motiven“ (Alchian, 1950: 213). Jedes erweiterte System der Zusammenarbeit muss sich fortlaufend den Veränderungen seiner natürlichen Umgebung anpassen (dazu gehören Leben, Gesundheit und Kräfte seiner Mitglieder); die Forderung, es sollten nur Veränderungen mit gerechtem Ergebnis stattfinden, ist lächerlich. Sie ist fast so lächerlich wie der Glaube, die vorsätzliche Organisation der Reaktion auf solche Veränderungen könne gerecht sein.

Ohne Ungleichheit – die weder durch vorsätzliche moralische Bewertungen beeinflusst wird noch mit solchen vereinbar wäre – hätte die Menschheit weder jemals ihre gegenwärtige Größe erreichen können, noch könnte sie diese heute bewahren. Leistung wird die Chancen des einzelnen natürlich verbessern, kann allein jedoch keine Ergebnisse sichern.

Der Neid derjenigen, die sich genauso bemüht haben, ist zwar durchaus verständlich, wirkt sich aber gegen das Allgemeininteresse aus. Wenn also das Allgemeininteresse wirklich unser Interesse ist, so dürfen wir diesem nur allzu menschlichen instinktiven Hang nicht nachgeben, sondern müssen vielmehr dem Marktmechanismus die Bestimmung der Belohnung überlassen. Außer über den Markt kann niemand die Größe des Beitrages eines einzelnen zum Gesamtprodukt feststellen, und es lässt sich auch sonst in keiner Weise bestimmen, wieviel Entlohnung jemand geboten werden muss, damit er sich für jene Tätigkeit entscheiden kann, durch die sich der insgesamt verfügbare Güter- und Leistungsstrom am meisten vergrößern würde. Sollte freilich diese Tätigkeit außerdem noch für moralisch gut befunden werden, so hätte der Markt damit ein außerordentlich moralisches Ergebnis gebracht.

Durch Versprechungen, die keinen realisierbaren Inhalt haben, ist die Menschheit in zwei feindliche Lager gespalten. Kompromisse können die Ursachen dieses Konflikts nicht beseitigen, denn mit jedem Zugeständnis an fehlinterpretierte Tatsachen werden nur noch mehr unrealisierbare Erwartungen erzeugt. Dennoch blüht und gedeiht eine antikapitalistische Ethik auf dem Nährboden der Irrmeinungen von Menschen, die die wohlstandsstiftenden Institutionen verurteilen, denen sie selbst ihre Existenz verdanken.

Unter Berufung auf ihre „Freiheitsliebe“ verurteilen sie Sondereigentum, Vertragsfreiheit, Wettbewerb, Werbung, Gewinne und sogar das Geld selbst. Indem sie sich der Illusion hingeben, ihre Vernunft könne ihnen sagen, wie menschliche Leistung eingesetzt werden müsse, um ihren angeborenen Wünschen besser zu dienen, sind sie zu einer schweren Bedrohung der Zivilisation geworden.

Aus „Die verhängnisvolle Anmaßung: Die Irrtümer des Sozialismus“ (1988)

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Friedrich A. Hayek absolvierte ein Studium der Rechtswissenschaften sowie der Staatswissenschaften. 1929 erfolgte seine Habilitation an der Universität Wien. Sein Lebensweg führte ihn an verschiedene Universitäten in London, New York, Chicago, Freiburg sowie Salzburg. In den Dreißigerjahren wurde Hayek zu einem Hauptkritiker des Sozialismus. 1974 erhielt er den Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften. Als sein berühmtestes Werk gilt das 1944 zunächst in englischer Sprache erschienene “The Road to Serfdom” – “Der Weg zur Knechtschaft”.

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Hinweis: Die Inhalte der Beiträge geben nicht notwendigerweise die Meinung des Ludwig von Mises Institut Deutschland wieder.

 

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