Der Staat ist ein chronischer Versager und eine Heuschrecke

17.6.2016 – Interview mit Michael Ladwig, Herausgeber des kürzlich erschienenen „Ludwig von Mises-Lexikons“.

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Michael Ladwig

Ursprünglich war mein Mises-Studium nicht als Buch geplant. Die Idee ist erst Jahre später geboren worden. Sie kennen das vielleicht, wenn man sich beim Lesen Randnotizen macht, respektive Zettelchen in die Bücher klebt, um damit wesentliche Stellen zwecks leichterer Auffindbarkeit zu markieren? Bei einem so umfangreichen wissenschaftlichen Werk wie dem von Ludwig von Mises, kam ich nicht umhin, nach einigen Jahren festzustellen, durch diesen Wust an Zetteln und Notizen den Überblick verloren zu haben. Da ich noch gar nicht fertig war, konnte dieses Durcheinander bei konsequenter Anwendungsweise nur noch weiter wuchern. Eine Kategorisierung wurde notwendig, um dort durchzusteigen. Fortan war es nicht mehr nur eine Idee, denn auch dank Ihrer tatkräftigen Mithilfe konnte das Lexikon im renommierten Finanzbuch-Verlag erscheinen. Es ist mir eine große Freude, meine Leidenschaft für Mises und die Österreichische Schule auf diese Art mit anderen Menschen teilen zu können.

Es war uns eine Freude, Ihnen bei Ihrem Projekt behilflich zu sein. Wie sind Sie mit der Österreichischen Schule in Kontakt gekommen? Gab es eine Art Schlüsselerlebnis?

Bis 2011 kannte ich weder Mises, noch die Österreichische Schule. Die Frage nach dem Schlüsselerlebnis habe ich schon fast erwartet. Die Antwort darauf ist so banal wie einfach. Mises’ Werke selbst haben mir die Augen geöffnet. Das erste Werk, das mir von Mises in die Hände kam, war „Die Bürokratie“, dann verschlang ich „Die Gemeinwirtschaft“.  Danach ging es Schlag auf Schlag. Nun musste es alles von Mises sein. Ich hatte mich bereits vorher mit Wirtschafts- und Geldtheorien auseinandergesetzt, aber keine dieser Theorien war wie die der Wiener Schule.

Womit hat Mises Sie überzeugt, dass Sie bei der richtigen Theorie gelandet sind? Es muss ja einen besonderen Aha-Effekt gegeben haben, wenn Sie die Bücher richtiggehend „verschlungen“ haben …

Selbstverständlich! Es war die Tatsache, dass man um den Menschen herum ein Theoriegebäude errichtet hatte. Keine Schule stellt den Menschen so sehr in den Mittelpunkt wie die Österreicher. Das allein müsste schon Grund genug sein, sich damit näher zu befassen. Stattdessen füllen Mainstreamökonomen ihre Theorien mit makroökonomischen Globalgrößen oder gelangen mittels mathematischer Modelle zu Ergebnissen, die rein gar nichts mit der Realität zu tun haben. Menschliches Handeln ist unberechenbar! Oder wie Mises schrieb: es gibt nicht zu viele Variablen in Euren Gleichungen; es sind alles Variablen!

Die Österreichische Schule der Nationalökonomie nimmt in der Frage des Gesellschaftsaufbaus die passive Rolle eines Beobachters ein. Ihre Vertreter maßen sich nicht die Kompetenz an, die Werturteile der Menschen zu überprüfen, zu ändern oder gar berichtigen zu wollen. Das war mir von Anfang an sympathisch. Man muss leider feststellen, dass viele ökonomische und soziologische Denkrichtungen eher konstruieren als sondieren. Sie beobachten nicht, sondern wollen gestalten. Sie meinen, einen Irrtum in der menschlichen Natur gefunden zu haben der korrigiert werden müsse. Sie merken nicht, dass ihre (schlechte) Idee der Irrtum ist. Es macht in meinen Augen wenig Sinn, darüber zu reden, was sein sollte, als darüber zu sprechen, was ist.

Die Lehre vom menschlichen Handeln war also Ihr Aha-Effekt …

Genau, an diesem Punkt stoßen wir auch zum Kern der Wiener Schule vor. Die Lehre vom menschlichen Handeln bezeichnet Mises als Praxeologie. Ein passender Begriff wie ich finde, da hier bereits das Wort „Praxis“ (lat. für Tat oder Handlung) enthalten ist. Der entscheidende Punkt ist doch, zu erkennen, dass Menschen unter Knappheit ihr Dasein fristen. Daraus folgt wiederum ein Wahlakt, weil wir uns unter Zeitknappheit für das eine oder andere entscheiden müssen, um unsere Bedürfnisse bestmöglich zu erfüllen. Das dürfte eigentlich jedem klar sein. Für die Praxeologie ist die Einreihung der Wahlmöglichkeiten in eine Rangfolge grundsätzlich unwichtig, unser Thema ist vielmehr das Handeln im Rahmen dieser daraufhin getroffenen Wahlen. Also der äußere sichtbare Akt des Wertens. Diese Methode ist so richtig wie sie logisch ist.

Im Umkehrschluss können wir auch erklären, wie es zu Konflikten kommt. Nämlich immer dann, wenn Bedürfnisse nicht erfüllt werden dürfen, meist durch politische Prozesse, um etwa ein nicht näher definiertes „Allgemeinwohl“ durchzusetzen. Jeder nicht-natürliche Eingriff in das Ökosystem menschlicher Tauschakte ruft grundsätzlich Konflikte hervor, weil nur die Bedürfnisse einer Seite befriedigt werden. Es gibt einen Gewinner und einen Verlierer, während es am Markt bei jedem Vertragsschluss (sich vertragen!) immer nur Gewinner geben kann. Mises nannte diese Wirtschaftsform „stationäre Wirtschaft“, weil in ihr nur derjenige gewinnt, was ein anderer zuvor verloren hat. Das sind jedoch politisch stark überformte Gesellschaften, sie haben rein gar nichts mit einer freien Gesellschaft zu tun.

Da lobe ich mir doch das Leben-und-Leben-Lassen-Prinzip des Liberalismus.

Sie haben einen Verlag gegründet, indem Sie die Werke großer Freiheitsdenker neu auflegen. Eine eher persönliche Frage, wenn Sie erlauben … Mises waren aufgrund seiner Kompromisslosigkeit viele Türen verschlossen, vor allem hinsichtlich einer akademischen Karriere. Machen Sie sich darüber für sich selbst Gedanken? Oder ist man Ihnen in Ihrem Umfeld schon mit Unverständnis begegnet ist?

Die Gründung des Oeconimus-Verlages war aus der Not heraus geboren worden. Ich konnte einige liberale Klassiker überhaupt nicht finden und einige waren unbezahlbar teuer. Da die Werke nichts von ihrer Aktualität verloren haben, schienen mir Neuauflagen (vorerst im ebook-Format) angebracht. Zu meiner Überraschung muss ich doch immer wieder feststellen, wie alt die liberalen Ideen sind. Im Prinzip ist alles gesagt worden, nur Politiker und Sozialisten machen immer noch dieselben Fehler, mit denselben „Argumenten“ wie vor mehr als 150 Jahren.

Bisher hatte ich keine Nachteile durch meine libertären Ansichten. Ich bin auch nicht jemand, der mit diesen Ideen hausieren geht. Unverständnis begegnet mir manchmal schon, aber auch die Einsicht, dass die Selbstregulierungsfähigkeiten der Menschen doch unterschätzt werden. Es ist schwer einen Menschen von seinen über Jahrzehnte verfestigten Ideen abzubringen. Mit vernünftigen Argumenten kann man den Umsturz im Kopf anstoßen, den restlichen Weg muss der zu Überzeugende selbst gehen.

Welche Rolle spielen hier Ihrer Einschätzungen nach „Abhängigkeiten“ von Einkommensströmen in irgendeiner Form? Dass der Anstoß zum Umsturz im Kopf zwar funktioniert, die Menschen aber aus ihrer Rolle nicht herauskommen …

Es ist selbstverständlich schwierig, jemanden etwas verständlich zu machen, wenn sein Einkommen davon abhängt, es nicht zu verstehen. Ein Beamter z.B., der nun einem echten Job nachgehen möchte, verliert seine Pensionsansprüche. Das ist ein großes Druckmittel, ganz klar. Aber wir reden hier von einer Minderheit, die sich in diesem Dilemma befindet. Von Politikern, von allen Beamten und Staatsangestellten – zusammen „nur“ ca. 4 Millionen – und von Unternehmen, die gute Geschäfte mit tatkräftiger Unterstützung staatlicher Interventionen machen. Das sind nicht wirklich viele Abhängige. Der Bevölkerungsmehrheit kann der Staat ja keine Vorteile verkaufen, da sich die Vorteile und Nachteile wieder aufheben würden. Alle, die vom Staat gefüttert werden wollen, müssten eigentlich dafür sorgen, dass sie eine Minderheit bleiben. Mises hat durch das Modell der Interventionsspirale gezeigt, dass dies auf Dauer nicht so bleibt. Das Wuchern staatlicher Bürokratie ist systemimmanent, ähnlich dem einer Krebszelle.

Das ist natürlich richtig. Der Staat kann nur den einen nehmen und den anderen geben. Er schafft nichts. Auf wen setzen Sie Ihre Hoffnung?

Es gibt eine große Gruppe von Menschen, die definitiv nicht vom Staat profitieren kann. Das sind Menschen im Alter von 0 bis 24 Jahren. Wir reden hier von fast 20 Millionen Menschen! Sie haben die Aufgabe, die Schulden abzutragen, die Politikergenerationen vor Ihnen angehäuft haben. Kein guter Start ins Leben. Sie sehen im Staat das, was er wirklich ist; ein chronischer Versager und eine Heuschrecke. Er kann den jungen Menschen keine attraktiven Angebote machen, außer Sicherheit auf Kosten anderer Menschen, zu Deutsch: Planstellen in Behörden und politische Ämter etc. Völlig unattraktiv!

Kreativität, Querdenkertum, Agilität, das sind alles Charakterzüge, die sehr modern sind und hochgeschätzt werden. Man sehe sich nur die vielen Youtuber an, die Millionen junger Menschen erreichen. Oder die Macher des Bitcoins, dem trojanischen Pferd der Österreichischen Schule. Mit dem Internet und der Blockchain-Technologie haben sich bereits gute Ideen durchgesetzt und sie gebären permanent neue. Wir sind auf einem guten Weg, den passiven Widerstand zu kultivieren.

Vielen Dank, Herr Ladwig.

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Das Interview wurde im Juni 2016 per e-mail geführt. Die Fragen stellte Andreas Marquart.

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Michael Ladwig ist Finanzbuchhalter, Controller und »Misesianer«. Er ist 1978 im größten Freiluftgefängnis der Welt – der Deutschen Demokratischen Republik geboren. Nach dem Abitur, Wehrdienst, BWL-Studium und Familiengründung, hat er sich bereits seit dem Crashjahr 2008 mit den Ursachen großer Verwerfungen im Finanzsystem beschäftigt. Er ist Gründer des Oeconimus-Verlages. Für sein Ludwig von Mises Lexikon hat er fast fünf Jahre intensiv die Werke von Mises studiert.

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