Die Mär von der säkularen Stagnation

6.6.2016 – von Antony P. Mueller.

Antony P. Mueller

Seit einiger Zeit macht wieder das Gerede von der säkularen Stagnation die Runde. Damit wird eine These aufgewärmt, die bereits in den dreißiger Jahren des vorigen Jahrhunderts ausgebrütet wurde. Dass den Industrieländern eine anhaltende Phase von Null-Wachstum bevorstünde, diente bis in die fünfziger Jahre hinein als Vorwand, mehr Staat und im Sinne des Keynesianismus mehr aktive Nachfragepolitik zu befürworten. Angesichts des fulminanten Wirtschaftswachstums der Nachkriegszeit jedoch, wurde die These unhaltbar und verschwand so aus der Diskussion.

Allerdings kehrte das Schreckgespenst in den 70er Jahren wieder zurück, diesmal verkleidet als „Grenzen des Wachstums“. In den 80er Jahre wurde es dann still um den „Club of Rome“, obwohl die politischen Kinder und Kindeskinder der ökologischen Bewegung bis in die höchsten Regierungsämter gelangten. Es mag so nicht verwundern, dass es nun erneut dazu kommt, eine bevorstehende lange Periode der Wachstumsschwäche zu verkünden, nachdem sich weder die Vereinigten Staaten noch Europa vom Schock der Finanzkrise des Jahres 2008 merklich erholt haben.

In seiner neuen Form besagt das Konzept der säkularen Stagnation nicht nur, dass den Industrieländern eine lange Phase der Wachstumsschwäche bevorstünde, sondern dass die Periode von 1800-2000 eine Ausnahmeerscheinung, eine wirtschaftliche „Singularität“ darstelle. Man werde nach dieser einzigartigen Periode des wirtschaftlichen Wachstums während der industriellen Revolution wieder in den ökonomischen Stillstand zurückfallen, so wie es vorher schon seit Jahrtausenden der Fall war. Von nun an werde das Wirtschaftsleben wieder durch äußert geringe Einkommenszuwächse pro Kopf der Bevölkerung gekennzeichnet sein.

Es gibt Gruppen, die eine säkulare Stagnation herbeiwünschen. Ein so genanntes „Nullwachstum“ fordern viele jener, die der Auffassung sind, Wirtschaftswachstum bedrohe die Natur und man müsse diese retten. Andere Apokalyptiker gehen noch einen Schritt weiter und wünschen, dass es zu einer ewig andauernden Stagnation käme, die nicht nur das Wachstum der menschlichen Population reduzieren, sondern die Menschheit insgesamt verringern würde. Man könne dem Planeten letztlich nur helfen, so das Bekenntnis, wenn es zu einer drastischen Schrumpfung der Weltbevölkerung käme.

Die Stagnationsthese bezieht sich hauptsächlich auf die Industrieländer. Die Vertreter der These von der säkularen Stagnation vergessen dabei, dass auch während der vergangenen zweihundert Jahre zahlreiche Volkswirtschaften im ökonomischen Stillstand verharrten oder nur ein sehr geringes Wachstum vorweisen konnten. Das waren solche Länder, die den Kapitalismus als Triebfeder der industriellen Revolution zurückgewiesen haben. Sobald sich diese Länder, wie jüngst China, auf die freie Marktwirtschaft zubewegten, war es mit der Stagnation schnell vorbei. Sobald es zu mehr Kapitalismus in diesen Ländern kam, stieg das Pro-Kopf-Einkommen rasant an. Stagnation ist nicht Schicksal, sondern hängt davon ab, welches Wirtschaftssystem man wählt und welche Wirtschaftspolitik gepflegt wird.

Wenn heute für die so genannten Industrieländer Anzeichen der Stagnation auftauchen, so ist das nicht ein Zeichen einer generellen Umkehr der Wachstumsbedingungen, sondern ein Hinweis darauf, dass diese Länder – sprich Westeuropa, Nordamerika und Japan – sich schrittweise vom Kapitalismus entfernt haben. Die freie Marktwirtschaft wurde immer mehr durch den interventionistischen Wohlfahrtsstaat verdrängt. Eine hohe Abgabenbelastung und eine steigende Staatsverschuldung ist die Folge.

Das Erstaunliche dabei ist nicht, dass mit diesen Fehlentwicklungen eine wirtschaftliche Wachstumsschwäche verbunden ist. Das Wunder besteht darin, dass es überhaupt noch zu einem Wachstum in den letzten Dekaden gekommen ist. Das, was nun als „säkulare Stagnation“ angekündigt wird, ist nichts anderes als die Falle, in die sich die Industrieländer selbst hineinmanövriert haben.

Dies gilt auch für den Schutz der Natur. Auch hier dominiert pure Ideologie den Sachverstand. Im Namen des angeblich hehren Zieles des Umweltschutzes wird gegängelt und geregelt, was das Zeug hält. Als Folge kommt es zu dramatischen Fehlentwicklungen, wie es mit der so genannten „Energiewende“ schmerzhaft deutlich wird.

Desgleichen beherrschen auch viele Unsinnigkeiten die Konjunkturpolitik. Durch noch mehr Staatsausgaben, noch niedrigere Zinsen und andere Konjunkturspritzen wird die Volkswirtschaft keineswegs anhaltend belebt. Im Gegenteil wird so der Stagnation weiter der Weg bereitet. Eine falsche Wirtschaftspolitik ist schon so sehr zur Regel geworden, dass sie als selbstverständlich erscheint. Anstatt den Wohlfahrtsstaat zu beschneiden, greift man zur Staatsverschuldung. Um die Wirtschaft zu beleben, betreibt man Geldmengenexpansion und Niedrigzinspolitik. Diese Maßnahmen, die heute allenthalben in den Industrieländern ergriffen werden, stellen Scheinlösungen dar und werden diese Länder schließlich noch teuer zu stehen kommen.

Man verschließt sich ganz einfach der Tatsache, dass der Wohlfahrtsstaat reduziert werden muss, um wieder zu Wachstum zu kommen. Dabei ist es eine Grunderkenntnis, dass Sozialpolitik desto weniger nötig ist, je besser die Wirtschaft läuft. Viele Industrieländer befinden sich heute in dem Teufelskreis, dass der übertriebene Wohlfahrtsstaat die Wirtschaftsschwäche auslöst, und dass genau diese wirtschaftliche Stagnation zu einem weiteren Ausbau des Wohlfahrtsstaates führt. Die Folgen sind katastrophal.

In einer reifen Volkswirtschaft hängt das wirtschaftliche Einkommenswachstum ganz entscheidend von der Produktivität ab. Die Triebfeder der Produktivität ist die Innovation. Das Auftreten von wirtschaftlichen Stagnationserscheinungen deutet darauf hin, dass es an Innovation mangelt oder dass die Umsetzung von Innovation in wirtschaftlichen Fortschritt behindert ist. Dies ist offensichtlich der Fall. Es wäre ohne Zweifel zu der angekündigten „säkularen Stagnation“ in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg gekommen, wenn man den mit der Kriegswirtschaft verbundenen Interventionismus beibehalten hätte. Zur wirtschaftlichen Blüte kam es in der Nachkriegszeit in jenen Ländern, die sich der freien Marktwirtschaft am weitesten geöffnet haben.

Auch später war es dann so, dass zu Beginn der 80er Jahre des vorigen Jahrhunderts die Korrektur der Politik der gesamtwirtschaftlichen Nachfragesteuerung und des Sozialstaates das wirtschaftliche Wachstum nach der langen Stagnation der 70er Jahre wieder belebte. In den 70er Jahren hat man vergeblich versucht, die wirtschaftliche Krise mit mehr Staatsausgaben und einer Politik des billigen Geldes zu bekämpfen. Die Folge davon war die Stagflation. Anstatt Wirtschaftswachstum erntete man wirtschaftliche Stagnation zusammen mit Preisinflation.

Heute ist es nicht viel anders. Erneut hat man es unternommen, eine Krise massiv mit Staatsausgaben und Niedrigzinspolitik zu bekämpfen. Diese Politik macht aus der kleinen Krise eine große Krise. Anstatt die marktwirtschaftlichen Kräfte zur Heilung der Krise wirken zu lassen, hat man die privaten Anreize zur Korrektur der Fehlentwicklungen systematisch geschwächt und das Anreizsystem der Preise und Zinssätze verfälscht.

Der Weg aus der Krise besteht darin, die private Initiative zu stärken. Weniger Steuern und Abgaben und weniger Reglementierungen sind dazu die ersten Schritte. Darüber hinaus geht es auch um eine ideologische Debatte. Jene Stimmen sollten sich mehr Gehör verschaffen, die klarstellen, dass hohes Wirtschaftswachstum aufgrund von Innovation zustande kommt, und Innovation privaten Freiraum braucht.

Auch sollte endlich das Geschwätz von den „Grenzen des Wachstums“ entschiedener zurückgewiesen werden. Wirtschaftswachstum entsteht durch Innovation und Innovation, die sich am Markt durchsetzt, führt nicht zu mehr, sondern zu geringerem Ressourcenverbrauch. Wirtschaftswachstum steht nicht im Gegensatz zum Umweltschutz, sondern ermöglicht diesen. Die drohende „säkulare Stagnation“ ist ein Mythos, nicht anders als der von der Überbevölkerung oder den Grenzen des Wachstums, die damit in Zusammenhang gebracht werden. Gefährlich ist es, wenn diese Thesen dazu herhalten, um gegen die freie Marktwirtschaft zu opponieren.

Zum Schreckgespenst des zwangsweisen Endes des wirtschaftlichen Fortschritts gehört dabei die These von der „Überbevölkerung“. Diese Ansicht geht auf das „Bevölkerungsgesetz“ von Robert Malthus (1766-1834) aus dem Jahr 1798 zurück und ist scheinbar nicht totzukriegen, obwohl es seither von der Realität eindeutig widerlegt wurde. In die gleiche Kategorie von falschen Aussagen fällt die Behauptung, dass das wirtschaftliche Wachstum begrenzt sei. Tatsächlich kommt Wachstum durch technischem Fortschritt zustande und besteht nicht in einem „immer mehr“, sondern in einem „immer besser“. Wie sehr sich gerade bei den sich als besonders gut informiert dünkenden Konsumenten der Massenmedien falsche Vorstellungen über die wirtschaftliche und soziale Wirklichkeit der Welt festgesetzt haben, hat jüngst wieder Hans Rosling eindrucksvoll gezeigt.

Zur wirtschaftlichen Stagnation kommt es nicht aufgrund einer scheinbaren Überbevölkerung oder wegen der vermeintlichen Grenzen des Wachstums, sondern wegen einer falschen Wirtschaftspolitik. Die Ursache dafür, wenn sich der wirtschaftliche Fortschritt verlangsamt, besteht in zu viel Staatsaktivität, in zu hoher Steuer- und Abgabenbelastung, in zu vielen Reglementierungen und in den Irritationen, die von der Geldpolitik ausgehen. Hier ist Abhilfe zu schaffen.

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Dr. Antony P. Mueller (antonymueller@gmail.com) ist habilitierter Wirtschaftswissenschaftler der Universität Erlangen-Nürnberg und derzeit Professor der Volkswirtschaftslehre, insbesondere Makroökonomie, an der brasilianischen Bundesuniversität UFS (www.ufs.br), wo er am Zentrum für angewandte Wirtschaftsforschung und an deren Konjunkturbericht mitarbeitet und im Doktoratsprogramm für Wirtschaftssoziologie mitwirkt. Dr. Müller ist außerdem Mitglied des Ludwig von Mises Institut USA und des Mises Institut Brasilien und leitet das Webportal Continental Economics (www.continentaleconomics.com).

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