Was der Kapitalismus tatsächlich ist und als was er vom Durchschnittsmenschen angesehen wird

7.6.2013 – von Ludwig von Mises.

Ludwig von Mises

Das Entstehen der Volkswirtschaftslehre als neuer Zweig der Wissenschaft war eines der wichtigsten Ereignisse in der Geschichte der Menschheit. Indem sie den Weg für das private kapitalistische Unternehmertum ebnete, verwandelte sie binnen weniger Generationen alle menschlichen Angelegenheiten auf eine radikalere Weise als es die vorhergehenden zehntausend Jahre vermocht hatten. Vom Tage ihrer Geburt an bis zu ihrem Tode ziehen die Bewohner eines kapitalistischen Landes in jeder Minute Vorteil aus den wunderbaren Errungenschaften des kapitalistischen Denkens und Handelns.

Die erstaunlichste Tatsache bei der beispiellosen Veränderung der Lebensbedingungen, die der Kapitalismus mit sich gebracht hat, ist, dass sie durch eine nur geringe Anzahl von Autoren und eine kaum größere Reihe von Staatsmännern, die sich deren Lehre angeeignet hatten, bewirkt wurde. Nicht nur den trägen Massen, sondern auch den Geschäftsleuten, die durch ihre Tätigkeit die laissez faire-Prinzipien wirksam gemacht haben, gelang es nicht, zu erfassen, wie diese Prinzipien arbeiten. Ja sogar als der Liberalismus seinen Höhepunkt erreichte, begriffen nur wenige Menschen, wie die Marktwirtschaft wirklich funktioniert. Die westliche Zivilisation adoptierte den Kapitalismus auf die Empfehlung einer kleinen Elite hin.

In den ersten Jahrzehnten des neunzehnten Jahrhunderts gab es viele Menschen, die ihre eigene Unkenntnis dieser Probleme als einen ernsten Mangel ansahen und darum bemüht waren, dem abzuhelfen. In den Jahren zwischen Waterloo und Sebastopol gab es keine Bücher in Großbritannien, die eifriger gelesen wurden als volkswirtschaftliche Abhandlungen. Doch ließ diese Mode bald nach. Das Thema war dem gewöhnlichen Leser nicht mundgerecht. Die Volkswirtschaftslehre unterscheidet sich so sehr von den Naturwissenschaften und der Technologie einerseits und von der Geschichte und der Rechtskunde andererseits, dass sie dem Anfänger fremd und reizlos erscheint. Die Besonderheit ihrer Forschungsmethode wird von denen, deren wissenschaftliche Arbeit sich in Laboratorien oder in Archiven und Bibliotheken vollzieht, mit Misstrauen betrachtet. Die Besonderheit ihrer Methode erscheint den beschränkten Fanatikern des Positivismus unsinnig. Die Leser möchten in einem volkswirtschaftlichen Lehrbuch genau die Lehre finden, die in ihre vorgefasste Auffassung dessen, was Volkswirtschaftslehre sein sollte, hineinpasst – nämlich eine Disziplin, die der logischen Struktur der Physik und der Biologie entspricht. Die Leser sind verwirrt und geben es auf, sich ernsthaft mit Problemen zu befassen, deren Analyse eine ungewohnte geistige Anstrengung erfordert.

Das Resultat dieser Unwissenheit ist, dass man alle Verbesserungen der wirtschaftlichen Bedingungen dem Fortschritt der Naturwissenschaften und der Technologie zuschreibt. Es wird angenommen, dass im Laufe der Menschheitsgeschichte eine automatische Tendenz zum progressiven Fortschritt der experimentellen Naturwissenschaften und deren Anwendung auf die Lösung technologischer Probleme herrscht. Diese Tendenz sei unwiderstehlich, sie liege im Wesen des menschlichen Schicksals und übe ihre Wirkung ungeachtet der politischen und wirtschaftlichen Organisation der Gesellschaft aus. Der Mensch ist der Meinung, dass der beispiellose technologische Fortschritt der letzten zweihundert Jahre durch die Wirtschaftspolitik dieser Zeit weder bedingt war noch gefördert wurde. Er sei nicht die Errungenschaft des klassischen Liberalismus, des freien Handels, des Laissez-faire oder des Kapitalismus. Er werde deshalb unter jedem System der wirtschaftlichen Organisation der Gesellschaft vor sich gehen.

Die Lehre von Marx fand deshalb Beifall, weil sie diese populäre Interpretation der Geschehnisse einfach adoptierte und in einen pseudo-philosophischen Schleier hüllte, wodurch sie sowohl den Hegelianischen Spiritualismus wie auch den groben Materialismus befriedigte. In dem Schema von Marx sind „die materiellen produktiven Kräfte“ ein übermenschliches Wesen, das weder vom Willen noch vom Tun des Menschen abhängt. Sie gehen ihren eigenen Weg, der ihnen durch unerforschliche und unabänderliche Gesetze einer höheren Macht vorgeschrieben ist. Sie verändern sich auf geheimnisvolle Weise und zwingen die Menschheit, ihre sozialen Organisationen diesen Veränderungen anzupassen; denn die materiellen produktiven Kräfte suchen nur eines zu vermeiden: die Fesselung durch die soziale Organisation der Menschheit. Den wesentlichen Inhalt der Geschichte bildet der Kampf der materiellen produktiven Kräfte um die Befreiung von den sozialen Ketten, durch die sie gefesselt sind.

Es gab einmal eine Zeit, lehrt Marx, in der die materiellen produktiven Kräfte in der Form des Handwerks verkörpert waren, und zu dieser Zeit ordneten sie die menschlichen Angelegenheiten nach dem feudalen Muster. Als in späteren Zeiten die unergründlichen Gesetze, die die Entwicklung der materiellen produktiven Kräfte bestimmen, das Handwerk durch die Maschine ersetzten, musste der Feudalismus dem Kapitalismus weichen. Seitdem, so lehrt Marx weiter, haben sich die materiellen produktiven Kräfte weiterentwickelt, und ihre gegenwärtige Form verlangt notwendigerweise die Ersetzung des Kapitalismus durch den Sozialismus. Diejenigen, die versuchen, die sozialistische Revolution aufzuhalten, geben sich nach Marx einer hoffnungslosen Aufgabe hin. Es sei unmöglich, gegen den Strom des geschichtlichen Fortschritts anzukämpfen.

Die Ideen der sogenannten Linksparteien unterscheiden sich voneinander in vielfacher Hinsicht. In einem Punkt stimmen sie aber überein. Sie alle betrachten die progressive materielle Verbesserung als einen selbständigen Vorgang. Amerikanische Gewerkschaftsmitglieder nehmen ihren Lebensstandard als etwas Selbstverständliches hin. Das Schicksal hat es bestimmt, dass der Arbeiter die Annehmlichkeiten genießen soll, die selbst den wohlhabendsten Leuten früherer Generationen versagt waren und die Nichtamerikanern noch immer versagt sind. Es fällt ihnen nicht ein, dass der „grobe Individualismus“ der großen Geschäftsunternehmen vielleicht eine gewisse Rolle in der Entstehung der sogenannten „amerikanischen Lebensweise“ gespielt hat. In ihren Augen repräsentiert das „Management“ die ungerechten Ansprüche der „Ausbeuter“, die beabsichtigen, sie ihres Geburtsrechts zu berauben. Es gibt ihrer Ansicht nach im Laufe der geschichtlichen Evolution eine ununterdrückbare Tendenz zu einer fortwährenden Zunahme der „Produktivität“ ihrer Arbeit. Es ist augenscheinlich, dass die Früchte dieser Verbesserung von Rechts wegen ausschließlich ihnen zukommen. Es ist ihr Verdienst, dass – im Zeitalter des Kapitalismus – die industrielle Produktion pro Kopf des Arbeiters ständig steigt.

In Wirklichkeit ist es aber so, dass die Zunahme der Produktivität der Arbeit der Anwendung besserer Werkzeuge und Maschinen zuzuschreiben ist. In einer modernen Fabrik produzieren hundert Arbeiter in einer gegebenen Zeiteinheit ein Vielfaches von dem, was hundert Arbeiter in den Werkstätten der vorkapitalistischen Handwerker zu erzeugen pflegten. Diese Verbesserung ist nicht durch die bessere Fertigkeit, Eignung oder andere Qualifikationen des individuellen Arbeiters bedingt. (Es ist Tatsache, dass die Geschicklichkeit der mittelalter-lichen Handwerker diejenige vieler Kategorien der gegenwärtigen Fabrikarbeiter weit übertraf.) Diese Entwicklung ist der Anwendung von leistungsfähigeren Werkzeugen und Maschinen zuzuschreiben, deren Herstellung nur durch die Ansammlung und Investierung von mehr Kapital möglich war.

Die Begriffe Kapitalismus, Kapital und Kapitalisten haben durch die Bedeutung, die Marx ihnen gegeben hat, einen verächtlichen Charakter erhalten und werden auch heutzutage noch von den meisten Menschen – und auch in der offiziellen Propaganda der amerikanischen Regierung – in diesem Sinne gebraucht. Und doch weisen diese Worte auf den Hauptfaktor hin, durch den die unglaublichen Leistungen der vergangenen zweihundert Jahre erzielt werden konnten: die beispiellose Verbesserung des durchschnittlichen Lebensstandards für eine ständig wachsende Bevölkerung. Was die modernen industriellen Bedingungen der kapitalistischen Länder von denjenigen der vorkapitalistischen Zeitalter sowie von denjenigen, die gegenwärtig in den sogenannten unterentwickelten Ländern herrschen, unterscheidet, ist die Höhe des verfügbaren Kapitals. Keine technische Verbesserung kann durchgeführt werden, wenn das hierfür erforderliche Kapital nicht vorher durch Sparen angesammelt worden ist.

Sparen, das heißt Kapitalansammlung, ist das Element, welches Stufe um Stufe die lästige Nahrungssuche der wilden Höhlenbewohner in moderne industrielle Produktionsmethoden verwandelt hat. Die Schrittmacher dieser Evolution waren die Ideen, durch die das institutionelle System geschaffen wurde, innerhalb dessen die Kapitalansammlung durch das Prinzip des Privateigentums an den Produktionsmitteln gesichert wurde. Jeder Schritt vorwärts auf dem Weg zum Wohlstand ist die Folge des Sparens. Die genialsten technischen Erfindungen sind praktisch wertlos, wenn die für ihre Nutzbarmachung notwendigen Kapitalgüter nicht vorher durch Sparen angesammelt worden sind.

Die Unternehmer benutzen die durch die Sparer verfügbar gemachten Kapitalgüter zur wirtschaftlichen Befriedigung der wichtigsten der noch nicht befriedigten Bedürfnisse der Verbraucher. Zusammen mit den Technikern, die die Produktionsmethoden zu verbessern suchen, spielen sie neben den Sparern eine aktive Rolle im Lauf der Ereignisse, die mit dem Sammelnamen „wirtschaftlicher Fortschritt“ bezeichnet zu werden pflegen. Der Rest der Menschheit zieht Gewinne aus den Tätigkeiten dieser drei Pioniergruppen. Ganz gleich, welchen Dingen und Aufgaben sie sich widmen, sie sind nur die Nutznießer dieses Fortschritts, zu dessen Entstehung sie selbst nichts beigetragen haben.

Ein charakteristisches Merkmal der Marktwirtschaft ist die Tatsache, dass sie den größten Teil der Verbesserungen, die den Bemühungen der drei fortschrittlichen Gruppen zuzuschreiben sind – derjenigen, die sparen; derjenigen, die die Kapitalgüter investieren; und derjenigen, die neue Methoden für die Anwendung der Kapitalgüter ausarbeiten –, der nichtfortschrittlichen Majorität der Menschheit zugute kommen lässt. Kapitalansammlung, die das Wachstum der Bevölkerung übersteigt, hebt einerseits die Grenzproduktivität der Arbeit und verbilligt andererseits die Produkte. Durch den Prozess der Marktwirtschaft erhält der gewöhnliche Mensch die Möglichkeit, die Früchte der Errungenschaften anderer Völker zu genießen. Er zwingt die drei fortschrittlichen Gruppen, der nicht fortschrittlichen Majorität in der bestmöglichen Weise zu dienen.

Es steht jedermann frei, den Reihen der drei fortschrittlichen Gruppen einer kapitalistischen Gesellschaft beizutreten, da es sich hierbei nicht um geschlossene Kasten handelt. Ihre Mitgliedschaft ist kein Privileg, das dem Individuum durch eine höhere Autorität verliehen wird, oder das man von seinen Vorfahren erbt. Diese Gruppen sind keine Klubs, und die herrschende Partei hat keine Macht, irgendeinen Neuling fernzuhalten. Was notwendig ist, um ein Kapitalist, ein Unternehmer oder ein Erfinder neuer technischer Methoden zu werden, sind Intelligenz und Willenskraft. Der Erbe eines reichen Mannes genießt einen gewissen Vorteil, da er unter günstigeren Bedingungen anfängt als andere. Aber seine Aufgabe im Wettstreit des Marktes ist nicht einfacher, sondern oft mühsamer und weniger lohnend als diejenige eines unbemittelten Anfängers. Er hat seine Erbschaft umzugestalten, um sie den Veränderungen der Marktbedingungen anzupassen. Somit waren zum Beispiel die Probleme, denen in den letzten Jahrzehnten der Erbe eines Eisenbahnmagnaten gegenüberstand, zweifellos verwickelter als diejenigen, denen ein Mann begegnete, der aus dem Nichts ein Lastwagen- oder Luftverkehrsunternehmen aufzubauen suchte.

Die populäre Philosophie des kleinen Mannes entstellt alle diese Tatsachen in der beklagenswertesten Weise. Nach John Doe sind alle neuen Industrien, die ihn mit den Annehmlichkeiten versorgen, die seinem Vater unbekannt waren, durch irgendeinen mysteriösen Vorgang – genannt Fortschritt – ins Leben gerufen worden. Kapitalanhäufung, Unternehmergeist und technischer Scharfsinn haben absolut nichts zu dem von selbst entstandenen Wohlstand beigetragen. Wenn das, was John Doe als das Ansteigen der Produktivität der Arbeit betrachtet, irgendeinem Menschen zugeschrieben werden muss, dann ist es der Mann am Fließband. Unglücklicherweise ist es nur so, dass in dieser sündhaften Welt der eine Mensch den anderen ausbeutet. Die Geschäftsleute schöpfen den Rahm ab und lassen, wie das kommunistische Manifest darlegt, dem wirklichen Schöpfer all dieser guten Dinge, das heißt dem Arbeiter, nichts übrig als das, was „er absolut zu seinem Lebensunterhalt und für die Fortpflanzung seines Geschlechts benötigt“. Folglich „sinkt der moderne Arbeiter tiefer und tiefer, anstatt mit dem industriellen Fortschritt zu steigen . . . Er wird zu einem Almosenempfänger, und der Pauperismus entwickelt sich schneller als die Bevölkerung und der Wohlstand“. Die Autoren dieser Beschreibung der kapitalistischen Industrie werden an den Universitäten als die größten Philosophen und Wohltäter der Menschheit gepriesen, und ihre Lehren werden von Millionen von Menschen mit ehrerbietiger Verehrung angenommen, obwohl die Häuser dieser gleichen Menschen mit Rundfunkgeräten und Fernsehapparaten, abgesehen von anderen Maschinen, ausgestattet sind.

Die schlimmsten Ausbeuter, sagen die Professoren, die „Arbeiter“-Führer und die Politiker, sind die großen Konzerne. Sie sehen nicht, dass das charakteristische Kennzeichen der Großindustrie in der Massenproduktion der für die Befriedigung der Bedürfnisse der Massen notwendigen Güter liegt. Unter dem Kapitalismus sind es die Arbeiter selbst, die direkt oder indirekt die Hauptkonsumenten all jener Dinge sind, die von den Fabriken erzeugt werden.

Zu Beginn des Kapitalismus dauerte es oft unendlich lange, bis die neuen Erfindungen den Massen zugänglich gemacht werden konnten. Gabriel Tarde hatte vollkommen recht, als er vor ungefähr sechzig Jahren darauf hinwies, dass eine industrielle Erfindung die Liebhaberei einer Minorität ist, bevor sie zu jedermanns Bedürfnis wird. Was zuerst als etwas Extravagantes angesehen wurde, entwickelt sich später zu einem Gebrauchsgegenstand für jedermann. Diese Behauptung war noch richtig in bezug auf die Popularisierung des Automobils. Inzwischen ist jedoch dieser Zeitabstand durch die Massenproduktion der Großbetriebe verkürzt und fast ausgeschaltet worden. Die durch moderne Erfindungen ins Leben gerufenen Produkte können nur mit den Methoden der Massenproduktion gewinnbringend produziert werden, weshalb sie für die Massen genau in dem Augenblick ihrer praktischen Einführung zugänglich werden. In den Vereinigten Staaten gab es zum Beispiel keinen merklichen Zeitraum, in welchem die Freude an solchen Erfindungen wie Fernsehapparaten, Nylonstrümpfen oder Konservennahrung für Babies nur einer Minorität der bemittelten Klassen zugänglich war. Es ist tatsächlich so, dass die Großunternehmen darauf hinarbeiten, die Gewohnheiten der Menschen, was ihren Verbrauch und ihr Vergnügen anbelangt, zu normieren.

Niemand leidet Not in der Marktwirtschaft, weil es einige reiche Leute gibt. Die Reichtümer der Reichen sind nicht die Ursache der Armut irgendeines Menschen.

Der Vorgang, der einige Leute reich macht, ist im Gegenteil die Folge des Vorganges, durch den die Bedürfnisbefriedigung vieler Leute verbessert wird. Den Unternehmern, Kapitalisten und Technikern geht es nur dann gut, wenn es ihnen gelingt, die Konsumenten in der bestmöglichen Weise zufriedenzustellen.

aus „Die Wurzeln des Antikapitalismus“ (1958), S. 43 – 52.

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