Demokratie als Waffe

7.3.2016 – Ein Interview mit dem Historiker Ralph Raico. [Zuerst erschienen mit dem Titel „Democracy Has Been Weaponized“ in der Ausgabe Januar/Februar 2016 von The Austrian]

*****

Für die Laissez-faire Anhänger unter uns scheint das liberale 19. Jahrhundert Schnee von gestern zu sein und Autoren wie Richard Cobden stehen sowieso weit abseits vom Mainstream. Jedoch glauben die Linken, dass sich der „Neoliberalismus“ (die Ideologie des Nachtwächterstaates) überall auf dem Vormarsch befindet. Können Sie für uns die Dinge ins rechte Licht rücken? Historisch betrachtet, wie ist es heute um den Liberalismus bestellt?

Ralph Raico

In der Tat ist Cobden weit ab vom Mainstream; leider. Er war der bedeutendste klassisch liberale (oder libertäre) Theoretiker internationaler Beziehungen, der jemals gelebt hat, und seine scharfsinnige Kritik hinsichtlich des seinerzeit größten Imperiums, Großbritannien, sind Eins zu Eins übertragbar auf das größte Imperium unserer Tage, die Vereinigten Staaten von Amerika.

Die Linken befinden sich ganz allgemein im Irrtum über unsere Philosophie. „Neoliberalismus“ ist in Wirklichkeit eine Mitte-Rechts-Perspektive, die kaum etwas mit dem tatsächlichen Liberalismus im historischen Sinne gemein hat. So genannte Neoliberale umfassen beispielswiese die Christdemokraten von Deutschland und Italien, sowie die Konservativen Großbritanniens. Die wahre Anti-staatliche Position wird lediglich von einer geringen Anzahl relativ kleiner Gruppen vertreten. Die meisten davon sind verbunden mit oder wurden gar inspiriert vom Mises Institut.

In Ihren Vorlesungen erwähnen Sie, dass es eigentlich die Liberalen waren, die zuerst die „Klassenanalyse“ entwickelten, welche später dann von Marx in sein Werk übernommen wurde. Was können wir heute daraus lernen?

Liberale Klassenanalyse entstand vor der Marxistischen Version und inspirierte diese tatsächlich, wie Marx und Engels freimütig zugaben. Sie entstand im Frankreich des frühen 19. Jahrhunderts mit der Industriellen Schule, zieht sich aber durch die gesamte Geschichte des Liberalismus und Libertarismus, von Cobden und John Bright, zu Herbert Spencer, dem großen Gustave de Molinari, den Amerikanern Albert Jay Nock und Frank Chodorov, bis hin zum heutigen Tage. Sie war zentral für die politische Anschauung von Murray Rothbard. Liberale Klassenanalyse besagt, dass Geschichte tatsächlich einen Kampf zweier Klassen darstellt.

Gemeint sind jedoch nicht die modernen Klassen der „Bourgeoisie“ und des „Proletariats“ von Marx, sondern eine Gruppe, die vom staatlichen Handeln profitiert und die andere, die darunter leidet. Staatliche Subventionen und Prohibitionen, vom Staat vergebene Verträge und Monopole, Zölle, die Zentralbank und ihre Währungsmanipulationen, Imperialismus, vor allem aber die Vorbereitung und Durchführung von Krieg (historisch betrachtet, das Kerngeschäft des Staates) dienen den Interessen einiger weniger und stehen den Interessen aller anderen diametral gegenüber.

Viele in Europa verspüren eine Kriegslust gegenüber Russland. Das, in Kombination mit wiederkehrenden Attacken von Ländern in Afrika und dem Nahen Osten, wirft die Frage auf: Wehen die Geister von Kolonialismus und Nationalismus nach wie vor durch Europa? Vielleicht in einer Art mutierter Form?

Massendemokratie führt, so wie ihre liberalen Gegner im 19. Jahrhundert voraussagten, zu einem Wettbewerb zwischen streitenden Kräften, motiviert von korruptem Selbstinteresse, sei es ideologischer oder finanzieller Natur. (Eine ausgezeichnete Analyse dieses Phänomens liefert im Übrigen mein Freund Hans-Hermann Hoppe in seinem Werk Demokratie: Der Gott, der keiner ist.)  Das Konzept von „Demokratie“ ist zu einer Waffe der US Regierung in ihrem globalen Machtkampf verkommen.

Russland ist ein exzellentes Beispiel. Wladimir Putin, mit all seinen Fehlern, hat die Anliegen von Frieden und Freiheit in mehreren Bereichen unterstützt. Lassen Sie uns nicht vergessen, dass er dem heroischen Whistleblower Edward Snowden Asyl gewährte. Würde es nach den USA und ihren europäischen Schoßhündchen gehen, wäre Snowden zu Folter verdammt gewesen und wäre womöglich aufgehängt in seiner Zelle gefunden worden. Putin hat sich erfolgreich den US-amerikanischen Destabilisierungsversuchen in seinem Land, unter dem Vorwand der Verbreitung von Demokratie, widersetzt und ist nach wie vor nicht bereit, sich deren Welthegemonie zu unterwerfen. Darüber hinaus hat er dieselben Versuche anderswo, wie in Syrien, blockiert (bis jetzt).

Der alte Kolonialismus ist heute nach wie vor am Werk, offensichtlich im Nahen Osten. Hier sind die europäischen Mächte aber nicht primär involviert, sondern lediglich der alleinige Möchtegern-Hegemon, die Vereinigten Staaten. Die überwiegende Mehrheit der Amerikaner interessiert sich kaum für Außenpolitik. Und sie haben auch kein Wissen hierüber. Deshalb liegt die Kontrolle, wieder einmal, in den Händen derer, die ein sehr spezifischen Interesse verfolgen und genau wissen, was sie wollen.

Die klassische Periode des Imperialismus erstreckte sich über die letzten Jahrzehnte des 19. Jahrhunderts bis 1914. Historiker haben seitdem die Rolle von spezifischen ökonomischen Akteuren in den Heimatländern, sowie die Rolle der treibenden Ideologie, im Grunde der der weißen Vorherrschaft, umfassend herausgearbeitet. Im heutigen Nahen Osten ist es ebenso klar, dass finanzielle Interessen, zum Beispiel der großen Ölproduzenten, und gewisse rassistische, ethnische Gruppen die Hauptrolle spielen. Die große Ironie dabei ist, dass der Kolonialismus im engeren Sinne – die Migration von Bevölkerungsruppen in fremde Länder – heute genau andersherum verläuft.

Wie uns die Schlagzeilen heute täglich beweisen, sind es die ehemals betroffenen Völker in Nord- und Sub-Sahara-Afrika sowie im Nahen Osten, große Massen von Schwarzen und Arabern, welche nach Europa migrieren, ja regelrecht eindringen. Es entsteht eine Situation wie im Heerlager der Heiligen, die, wenn nicht strengstens überwacht, im Tod des alten Kontinents, der Mutter moderner Zivilisation, resultieren wird.

Die Idee der „kleinen Politik“ hatte einst großen Einfluss auf die Liberalen, trotz der andauernden, heftigen Kritik von Seiten derer, die diese für zu nüchtern betrachteten. Es scheint aber, als ob sich die militaristische Rhetorik durchgesetzt hat, obwohl es seit 70 Jahren zu keinem Krieg zwischen den Großmächten gekommen ist. Besteht die Möglichkeit, dass die Wirtschaft solche Kriege verunmöglicht, obwohl wenige bereit wären, dem zuzustimmen?

Militaristische Rhetorik scheint tatsächlich die Überhand gewonnen zu haben. Viele Millionen, die Irak oder Afghanistan nicht auf der Landkarte finden würden, sind glühende Anhänger US-amerikanischer Aggression gegen diese unglücklichen Länder. Während es zu einem solchen extensiven Kriegstreiben in verschiedenen Gebieten weltweit kommt, ist es tatsächlich gelungen, Krieg zwischen den Großmächten, vor allem zwischen den USA und Russland, zu verhindern.

Allerdings ist für mich der einfache Grund ausschlaggebend, dass ein solcher Krieg zwischen zwei Nuklearmächten das Ende aller geordneter Gesellschaften bedeuten würde. Die herrschenden Eliten auf beiden Seiten haben das begriffen und haben dankenswerterweise Abstand davon genommen, die Welt in die Luft zu jagen. Was jedoch passiert, wenn Israel sich je dafür entscheiden würde, die Samson Option auszuüben, ist unklar, aber sehr beunruhigend.

Es ist vielleicht eine Ironie, dass das Erstarken des Liberalismus einher ging mit einer zunehmenden Idealisierung des Nationalstaates. Dies war die Zeit, als Politiker wie Bismarck erfolgreich die Staatsmacht konsolidieren konnten. Welche Trends in diesem Zusammenhang sehen Sie im Hier und Jetzt für das 21. Jahrhundert?

Die Liberalen mussten sich mit einer älteren Ordnung, die Elemente des Feudalismus sowie des Merkantilismus des 17. und 18. Jahrhunderts enthielt, auseinandersetzen. Um diese hinwegzufegen, hielten sie es für notwendig, einen starken Zentralstaat zu errichten, der in der Lage war, lokalen Widerstand zu überwinden. Das Gildensystem und die städtischen Handelsbestimmungen mussten zum Beispiel abgeschafft werden. Dies war der Fall in Deutschland, wo die Liberalen sich mit Bismarck in den 1870er Jahren verbündetet hatten und eigentlich seine wichtigsten Unterstützer gewesen sind. Als der Eiserne Kanzler sich schließlich gegen seine Verbündeten wandte, indem er im Jahr 1879 damit begann, protektionistische Maßnahmen einzuführen und in den 1880er Jahren dann den modernen Wohlfahrtsstaat, sträubten sich die meisten Liberalen nach wie vor, sich ihren grundlegenden Fehler einzugestehen. Dieser entsprang dem fehlenden Verständnis dafür, dass der eine große Feind der Freiheit und des allgemeinen Wohlstands in der modernen Zeit der zentralisierte, bürokratische Staat ist, der vom englischen Liberalen Thomas Macaulay bereits im Jahr 1830 als der „alles verschlingende Staat“ beschrieben wurde.

Ein Aspekt ihrer Verwirrung war, dass die meisten Liberalen Bismarck in seinem Kulturkampf unterstützten oder gegen die Katholische Kirche Stimmung machten. Sie konnten nicht begreifen, dass solche, größtenteils auf Freiwilligkeit beruhende Institutionen wie die Christlichen Kirchen mächtige Verbündete im Kampf für eine freie Gesellschaft hätten sein können.

Bezüglich meiner Ansichten über die Trends: Ich bin kein Optimist in der Art von Murray Rothbard und Lew Rockwell. Offen gesagt, tendiere ich mehr zu Robert Higgs‘ stoischem Pessimismus. Ich erachte die junge Generation größtenteils als von öffentlichen Schulen hirngewaschen und ansonsten widerstandslos. Die Medien, wann immer sie über Politik berichten, erweisen sich als eifrige Untertanen der politischen Mächte. Alles in allem scheint ein lächerlicher Konformismus auf der Tagesordnung zu stehen. Das Mises Institut kämpft zwar weiterhin den gerechten Kampf, aber gegen große Widrigkeiten. Es macht zwar einen sehr geschickten Gebrauch vom Internet, welches nach wie vor nicht gezähmt wurde, aber wie lange wird das noch so bleiben? Jedoch könnte meine teilweise trübe Beurteilung sich auch als komplett falsch erweisen. Wie Yogi Berra sagte: „Prognosen sind sehr schwierig, vor allem wenn sie sich auf die Zukunft beziehen.“

*****

Aus dem Englischen übersetzt von Mathias Nuding. Das Interview ist mit dem Titel „Democracy Has Been Weaponized“ in der Ausgabe Januar/Februar 2016 von The Austrian erschienen.

Diese Beiträge könnte Sie auch interessieren … von Philipp Bagus: Warum die „Austrians“ keine Neoliberalen sind (Teil 1) und Warum die „Austrians“ keine Neoliberalen sind (Teil 2)

————————————————————————————————————————————————————————

Ralph Raico ist emeritierter Professor für Europäische Geschichte am Buffalo State College und Senior Fellow des Mises Institute. Er ist Autor von The Place of Religion in the Liberal Philosophy of Constant, Tocqueville, and Lord Acton.

*****

Hinweis: Die Inhalte der Beiträge geben nicht notwendigerweise die Meinung des Ludwig von Mises Institut Deutschland wieder.

© Michael Rosskothen – Fotolia.com

Kontaktieren Sie uns

We're not around right now. But you can send us an email and we'll get back to you, asap.

Start typing and press Enter to search